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In erster Linie eine große Show

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In erster Linie eine große Show

Wie hat sich der Live-Sportjournalismus unter den neuen Rahmenbedingungen – etwa zunehmende Relevanz des Online-Bereichs und neue Global Player im Sportrechtemarkt – verändert? Welche neuen Qualifikationen werden gebraucht? Welche Rolle spielen neben den TV-Live-Übertragungen die Streaming-Angebote? Darüber sprach MEDIEN BULLETIN mit Prof. Dr. Jana Wiske von der Hochschule Ansbach, die Expertin für Sportkommunikation ist.

Sie haben BWL mit den Schwerpunkten Marketing, Politik und Kommunikationswissenschaft studiert. Danach waren Sie nach einem Volontariat rund 15 Jahre Redakteurin bei kicker-Sportmagazin. Kürzlich kam Ihre Dissertation „Die Elite“ als Medienfachbuch über die Bedeutung der Live-Berichterstattung im deutschen Spitzensport im Herbert von Halem Verlag auf den Markt – und plötzlich sind Sie Professorin … 

(lacht) Dass es so schnell gehen würde, habe ich auch nicht erwartet. Allerdings hatte ich bereits während meiner Redakteurstätigkeit bei kicker-Sportmagazin schon einen Plan B vor Augen, um flexibel zu bleiben. Als Sportjournalistin lag mein Schwerpunkt im Printbereich – und der befindet sich seit Jahren in der Krise. Ich habe deshalb schon frühzeitig bei einigen Corporate-Publishing-Produkten von Vereinen und Verbänden mitgewirkt, mich im PR-Bereich weiterentwickelt und war bereits seit einigen Jahren immer mal wieder als Lehrbeauftragte beschäftigt.

 

Sie beziehen bei Ihrer Definition der neuen Relevanz von Live-Sportjournalismus neben dem TV- und Online-Bereich, Radio und sportjournalistischen Agenturen auch die Printmedien ein. Wie denn das? Gedruckt kann man nicht live berichten!

Heute werden auch im Print-Bereich crossmediale Fähigkeiten vorausgesetzt. Print bedient gleichzeitig Online. Das heißt: Auch Print-Journalisten müssen live arbeiten können und in Echtzeit Informationen an die Konsumenten liefern. Sie sollten verschiedene Kanäle bedienen können: Live-Ticker, Twitter oder auch mal ein Filmchen drehen oder ein Bild schießen. Sie müssen nicht nur verschiedene multimediale Medientechniken beherrschen, sondern sich auch in den verschiedenen Formen des journalistischen Ausdruckes auskennen, die charakteristisch für die verschiedenen Medien sind. Kurz und knackig und schnell im Online-Bereich. Oder sich etwas mehr Zeit nehmen bei Recherchen, die in die Tiefe gehen und für Print-Medien gedacht sind. Entsprechend hat sich die Ausbildung von Sportjournalisten an den Hochschulen verändert. Man kann sich als Student nicht mehr auf ein einzelnes Medium spezialisieren.

 

Nach dem Ergebnis Ihrer empirischen Studie repräsentieren die Live-Sportjournalisten aus dem TV- und Online-Bereich heute die Elite im Sportjournalismus. Können Sie das bitte erläutern?

Verkürzt dargestellt: TV-Live-Sportjournalisten stehen an erster Stelle der Elite wegen ihrer großen Reichweite, der Schnelligkeit des Mediums und insbesondere der steigenden Wichtigkeit der TV-Live-Berichterstattung für die Konsumenten, die ihnen – vielleicht neben dem „Tatort“ – häufig eine Art letztes großes Gemeinschaftserlebnis bietet, etwa bei internationalen Fußballturnieren oder Olympia. Es gibt heute im Fernsehen keinen anderen Themenbereich, der entsprechend hohe Quoten wie ein Live-Sportereignis aufweist. Gleichzeitig ist aber auch die Reichweite von Online im Sportjournalismus enorm gestiegen und dabei auch der Anteil an Live-Journalismus. Wobei die Handy-Nutzung, mit der man zum Beispiel auf den Live-Ticker zu einer Sportveranstaltung rund um die Uhr von beliebigen Orten aus zugreifen kann, eine zunehmende Wichtigkeit in der Gesellschaft hat. Beide Gruppen nehmen heute eine herausragende Position im Sportjournalismus ein, verfügen über einen höheren Bildungsabschluss und beurteilen auch ihre künftige Relevanz als Live-Protagonisten positiv. Während der Live-Journalist im Fernsehen primär die Unterhalter-Rolle einnimmt, und es um Spontanität geht, zählt bei Online in der Regel nur die nackte Berichterstattung. Durch die crossmediale Technik vermischt sich das allerdings auch. TV beteiligt das Publikum durch Fragen per Twitter, die der Experte im Sportstudio live beantworten muss. Bei TV-Live-Sendungen versucht man alle Kanäle mit ins Boot zu holen, so dass Nutzer Gelegenheit haben, mitreden zu können. Bei Großveranstaltungen wie Olympia gehört dann das Streaming zum Standard. Der Nutzer hat somit die Möglichkeit, genau die Sportarten auszuwählen, die ihn besonders interessieren …

 

Unabhängig von TV kann man heute tagtäglich jede Menge Live-Sportveranstaltungen als Live-Streams abrufen. Wer bietet was, wie ist der neue Markt aufgestellt?

Der Markt rund um die Sportrechte ist mittlerweile sehr undurchsichtig. Man weiß zum Teil gar nicht, wer da was darf und nicht darf. Mir sind dazu keine aktuellen wissenschaftlichen Erhebungen bekannt. Fakt ist, dass Medien im crossmedialen Zeitalter heute anders als früher an den Nutzer herangehen müssen. Dieser hat einen größeren Freiraum zu entscheiden, auf welche Sportart er Lust hat. Der Fan ist näher dran am Geschehen und kann viel mehr individuelle Entscheidungen treffen. Um erfolgreich bei möglichst vielen Zielgruppen zu sein, müssen Medien heute ein individuell zugeschnittenes Angebot auf verschiedene Typen von Fans und verschiedene Wünsche der Mediennutzer offerieren. 

 

Wird die herrschende Macht von König Fußball in Deutschland im crossmedialen Zeitalter durch neue Chancen für andere Sportarten relativiert? 

Ich habe zwar 15 Jahre bei einem Fußballfachmagazin gearbeitet, fühle mich aber auch sehr vielen anderen Sportarten verbunden. Dennoch befürchte ich, König Fußball wird König Fußball in Deutschland bleiben. Das zeigen die Zuschauerzahlen eindeutig. Deshalb kann man den Fußball auch nicht  von dem hohen Ross hinunter holen. Dennoch gibt es eine Chance für die anderen Sportarten, sich neu zu positionieren. Beispiel Wintersport. Gerade hier existieren spezialisierte Angebote als Streaming – beispielsweise für die Fans von Bob-Sport, die dieses Live-Angebot früher nicht hatten. Zwar haben andere Sportarten dank Online und Streaming die Möglichkeit, sich mehr in den Vordergrund zu schieben. Aber dass der Fußball entmachtet wird, glaube ich nicht. 

Wofür braucht man den Live-Sportjournalisten beim Streaming, den kann man künftig sicher durch algorithmische Systeme ersetzen?

Die technischen Entwicklungen kenne ich nicht im Detail. Aber der Sportfan legt auch heute noch Wert auf eine menschliche Einordnung eines Fouls, einer gelben Karte, eines Elfmeters. Er braucht jemanden, der so ähnlich wie er selber tickt oder am Stammtisch agieren würde. Und deshalb, davon bin ich überzeugt, kann Live-Sportjournalismus auch nur von einem Menschen und nicht von Robotern gemacht werden. Hinzu kommt: Als Streaming live verfügbar sind vorwiegend die Randsportarten und weniger die populären Sportarten. Bei Fußball können in Deutschland 80 Millionen Menschen mitreden, weil jeder weiß, was Abseits ist. Beim Turmspringen hingegen braucht man einen Experten, der die jeweilige Leistung einschätzen kann. Ohne es untersucht zu haben, würde ich behaupten, dass die größeren Experten unter den Sportjournalisten heute eher Online beim Streaming zu finden sind. Spezialisierte Live-Sportjournalisten werden begehrter, weil es ohne sie nicht mehr geht, zumal gerade junge Menschen mit dem Live-Journalismus im Online-Bereich aufwachsen. 

 

Ob im TV oder Online, auch in Deutschland sind eine Reihe von neuen globalen Playern im Sportrechtemarkt unterwegs, die versuchen, nationale Rechte neuartig zu vermarkten und dabei insbesondere das bisherige Monopol von ARD/ ZDF im Spitzensport angreifen. Wie beurteilen Sie die Lage und weitere Entwicklung?

Es geht – wie immer – ums Geld und um Profit. Und heute hat der Sport in unserer Gesellschaft und den Medien eine sehr große Macht. Wenn man sich umsieht, was zurzeit auf unserem Erdball los ist, dann bietet der Sport vergleichsweise immer noch eine Insel der Glückseligkeit. Studien haben nachgewiesen, dass die Attraktivität des Sports daher rührt, dass er Menschen ein Gemeinschaftserlebnis bietet. Sport ist relativ leichte Kost. Man versteht die Regeln, es gibt Spannung und man fiebert mit. Die Gesellschaft lechzt danach. Das wissen auch diejenigen, die im Sportrechte-Markt handeln und treiben die Preise in die Höhe. 

Es wird für ARD/ZDF immer schwieriger bei diesen Preisen 

mitzugehen, obwohl sie als gebührenfinanzierte Sender dazu verpflichtet sind. Da wird sich die Politik möglicherweise etwas einfallen lassen müssen. Nach meiner Einschätzung wird sich der Markt in irgendeiner Form selbst regulieren. Sicher ist, dass die Ware Sport in der Vergangenheit immer mehr an Wert gewonnen hat, so dass es sich zunehmend auch für globale Player rechnerisch lohnt, in nationalen Märkten mitzumischen. Die Monopolstellung, die die Öffentlich-Rechtlichen noch vor zwanzig, dreißig Jahren hatten, wurde bereits von Bezahlsendern ausgehöhlt und die Kommerzialisierung des Sports wird immer mehr auf die Spitze getrieben. 

 

Und der Konsument ist heute auch bereit, zu zahlen.

Genau. Vor zwanzig Jahren wäre in Deutschland nur wenigen in den Sinn gekommen, 40 Euro an einen Bezahlsender wie Sky zu zahlen, um ein paar Fußballspiele zu sehen. Die gab es hier zum Teil noch auf dem freien Markt – im Unterschied zu England. Die Ware Sport wird immer exklusiver, allen voran der Fußball. Die Lage wird sich noch verschärfen. Dass wir im freien Fernsehen exklusive Ereignisse kostenlos bekommen, wird immer seltener werden. 

Zuerst mussten TV-Sender für die Übertragung von Live-Sport die Rechte erwerben, dann das Radio. Ich gehe davon aus, dass auch die Printleute irgendwann für das Recht bezahlen müssen, dass sie ins Stadium gehen dürfen, um über ein Spiel zu berichten.

 

Noch ist TV für den Live-Sport das wichtigere Medium vor Online. Doch das Live-Streaming-Angebot im Netz wird immer vielfältiger und von einer unübersichtlichen Zahl an alten und neuen, nationalen und globalen Playern bestückt. Wird Online irgendwann TV aus dem Felde schlagen, zumal auch Facebook, zumindest in den USA, schon Milliarden-Pläne für Live-Sport hat?

Ja, wenn man sich das Konsumverhalten der jüngeren Generation anschaut, dann geht es in die Online-Richtung. Auch das ist eine Gefahr für die Öffentlich-Rechtlichen, die aufpassen müssen, dass sie den Generations-Anschluss nicht verpassen. 

Was bedeutet das alles für die Qualität des Sportjournalismus und insbesondere auch seine kritische Kommentar-Funktion? Entfällt letztere?

Das hängt auch davon ab, welche Erwartungen und Wünsche der Sportkonsument an den Sportjournalismus hat. Der möchte in erster Linie eine heile spannende Welt erleben und hat es gar nicht so gerne, wenn man den Fußball als sein liebstes Kind kritisiert und womöglich auch noch Machenschaften und Skandale aufdeckt, die sich im Hintergrund abspielen. Studien belegen, dass der Rezipient dies alles gar nicht wissen will. Wenn man die Sportmedien-Landschaft genauer unter die Lupe nimmt, stellt man schnell fest, dass es nur ganz wenige Formate gibt, die die Hintergründe kritisch durchleuchten wie beispielsweise das WDR-Format Sport Inside, das aber erst spät am Sonntagabend ausgestrahlt wird. Hinzu kommt: Ein Sportjournalist wie Hajo Seppelt, der über Jahre die Dopingproblematik in Russland aufgedeckt hat, was sehr lobenswert ist, lebt gefährlich. Bei Sport im Fernsehen geht es in erster Linie um eine große Show. Die Leute wollen vielleicht wissen, wer in einem Wettkampf gut oder schlecht ist. Aber damit, dass mitunter eine ganze Sportart wie etwa der Radsport mit verbotenen Mitteln flächendeckend arbeitet, damit möchte sich der Sportfan nur ungern beschäftigen.     

Erika Butzek

MB 1/2018

© Prof. Dr. Jana Wiske

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