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Innovatives Ökosystem beim Sport

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Innovatives Ökosystem beim Sport

Die ProSiebenSat.1-Gruppe hat ihre Aktivitäten im Sportbusiness im letzten Jahr unter der Dachmarke 7Sports gebündelt. Damit streben die Münchner nach eigenen Angaben einen bislang in der Branche einzigartigen 360 Grad-Vermarktungsansatz an. Was steckt dahinter?

Lang ist es her, dass Sat.1 mit der Fußballbundesliga und dem damals innovativen TV-Format „ran“ Furore machte. Es war ein schönes, aber unrentables Unterfangen. Während RTL jüngst doch noch den Hut vor König Fußball und dem Quotenerfolg zog, den ARD und ZDF damit erreichen, und sich selber teure TV-Rechte an den Fußball-Nationalspielen besorgte, blieb der Chef von ProSiebenSat.1, Thomas Ebeling, cool. Die Top-TV-Rechte an UEFA Fußball Champions und Europa League ließ er auslaufen. Zu teuer, um damit ordentlich Profit zu machen. Die Suche nach einer alternativen Marketing-Position im Sportbusiness, nämlich mit möglichst wenig Investment jetzt und erst Recht in Zukunft prima Geschäfte zu machen, begann: im Online-Markt mit seinen neuen Vertriebs- und Vermarktungsmöglichkeiten auf Basis von recht preiswerten Sportrechten in Kooperation mit anderen – und insbesondere auch, was noch zu erklären ist, im Bereich der Spielervermarktung. Und man versucht auch, für sich exklusive neue Sportinhalte zu entdecken und zu profilieren.

In einem ersten Schritt war die ProSiebenSat.1 Sports GmbH 2015 in Berlin gegründet worden. Bereits ein Jahr später wurde ihr Sitz in die Medienallee in Unterföhring verlegt und damit direkt unterm Dach der ProSiebenSat.1-Holding vernetzt, dicht dran am Werbeplatzvermarkter SevenOne Media. Seitdem ist Zeljko Karajica, der seit 2012 in Geschäftsführerpositionen bei ProSiebenSat.1 beschäftigt ist, in der Holding für alles rund um Sport verantwortlich und gleichzeitig Geschäftsführer des achtköpfigen Führungs-Teams der noch jungen Dachmarke 7Sports. Wie seine Team-Kollegen verfügt der studierte Volkswirt und Politologe Karajica über jahrelange Erfahrungen und Kontakte im Sportbusiness. Die erwarb er beispielsweise bei Sport 1, wo er drei Jahre Geschäftsführer war, beim Aufbau des Bundesliga-Live-Senders LIGA total!, bei Plazamedia und bei Premiere (heute Sky).

Tatsächlich geht nun ProSiebenSat.1 im Vergleich zu den anderen großen TV-Sendergruppen in Deutschland einen ganz anderen Weg, um das Segment Sportbusiness im Konzern zu integrieren und in Zukunft möglichst profitabel zu machen, jenseits vom Erwerb von teuren Top-Rechten für Live-Übertragungen, deren Kosten immer weiter nach oben jagen. Dabei gehören zum Geschäftsfeld von 7Sports zurzeit sechs Unterfirmen. Das sind zum einen vier Online-Sportplattformen.

 

„ran“ im Internet redaktionell weiterentwickelt

So hat ProSiebenSat.1 die bekannte TV-Marke „ran“ im Internet konsequent redaktionell weiterentwickelt, die rund tausend Stunden kostenlose Live-Streams pro Jahr bietet sowie ein umfassendes Video-Angebot mit zahlreichen Clips. Amerikanischer Football (National Football League, NFL), Boxen und Tennis bilden bei ran.de einen Schwerpunkt und kommen von hier-aus mitunter auch in das TV-Programm der ProSiebenSat.1-Sendergruppe, zum Beispiel Football bei ProSiebenMaxx. Zudem bietet ran.de ein Fußball-Bundesliga Magazin und auch Fans von Thaiboxen, K1, Taekwondo, Judo oder Karate werden von ran.de bedient. An drei weiteren Sportplattformen hat ProSiebenSat.1 in den letzten zwei Jahren Beteiligungen erworben. Zweitens gehört durch die Übernahme der Mehrheit der Gesellschafteranteile an der DOSB New Media GmbH der digitale Sportsender Sportdeutschland.TV (www.sportdeutschland.tv) seit 2015 zum Portfolio. Man hofft, dass sich die Partnerschaft mit dem Deutschen Olympischen Sport Bund in Zukunft auszahlen wird, zumal man dadurch Zugriff auf rund 70 verschiedene olympische und nichtolympische Sportarten hat. Eine Verwertung im TV-Bereich fand bislang allerdings noch nicht statt.

Drittens gehört mit „90min“ ein globales Fußball-Netzwerk zu den Online-Sportportalen von 7Sports, woran man eine Minderheitsbeteiligung hält. Nach eigenen Angaben erreicht 90min mit User-Generated Content, also semiprofessionellen Inhalten mehr als 60 Millionen Nutzer weltweit. In diesem Fall sind es die Fußball-Fans in der Welt selber, auch in Deutschland, die die Spiele in den Stadien filmen und die Videos dann, ähnlich wie bei YouTube, der Plattform 90min zur Verfügung stellen. Das vierte Online-Portal heißt EverSport und ist im Wesentlichen eine Pay-Plattform. Dafür hat ProSiebenSat.1 eine Minderheitsbeteiligung an EverSport Media erworben, einer führenden digitalen Plattform für Live-Übertragung von internationalen professionellen Sportveranstaltungen. Das Unternehmen mit Büros im Silicon Valley und Los Angeles bietet derzeit auf EverSport.tv und über EverSport’s „SMART embeddable Videoplayer“ über 30 Sportarten als Live-Streams oder On-Demand-Videos an. Dazu gehören populäre Sport-Ligen und Veranstaltungen wie Serie A, La Liga, die Incheon Asian Games (die Olympischen Spiele der Asiatischen Länder), Glory World Series (Mixed Martial Arts) sowie US College Sports Pac-12 und Big-10. Karajica: „Damit erhalten wir die Möglichkeit, auch den Fans in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine breite Auswahl an Sportarten aus aller Welt anzubieten, darunter Football, US College Sport oder Kampf- und Action-Sportarten – und das via Internet, mobile Endgeräte und OTT“. 

Mit der Vielfalt an Sportarten, die ProSiebenSat.1 in der Online- und mobilen Sportberichterstattung anbieten kann, hofft Karajica 7Sports „als führende Sportplattform im deutschsprachigen Raum zu etablieren und ein innovatives Ökosystem im Sportsegment zu schaffen“. Und zum innovativen Ökosystem gehört dann insbesondere auch, sport-affine Werbetreibende bestmöglich mit optimalen Werbeplätzen im Netz zu bedienen. Eine Aufgabe von SevenOne Media. Je größer die „Fan-Base“ im Netz über die Vielzahl an Nischensportarten wird, umso besser lassen sich Werbeplätze vermarkten – und Geld generieren.

Doch weit lukrativer noch als die Vermarktung von Sport-Inhalten hat sich für 7Sports bislang die Spielervermarktung erwiesen. Dafür ist die neue Sport-Management-Agentur SAM Sports mit Sitz in München und Hamburg zuständig. Damit, so rühmt sich ProSiebenSat.1 in einem Pressetext selber, sei man „der erste Medienkonzern mit eigenem Player Management von der sportlichen Beratung bis zur Markenarbeit und Vermarktung“. Man arbeite zurzeit mit 30 Spielern und Trainern zusammen – darunter mit Boateng, Tah und Sebastian Rudy mit drei aktuellen Nationalspielern. Als Geschäftsführer von SAM Sports fungieren: Christian Nerlinger (ehemaliger Fußballprofi und Ex-Sportdirektor des FC Bayern München) und der langjährige Sportmarketing-Experte Sven Müller (u.a. Sportmanager SPORTFIVE; Management Klitschko-Brüder, Vermarktungsleitung 1. FC Nürnberg und Borussia Dortmund). Nerlinger und Müller unterstützen die Spieler mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung im Profifußball bei allen kurz-, mittel- und langfristigen Entscheidungen in der Sport- und Karriereplanung, sie werden zu „Marken“ aufgebaut. Strahlendes Beispiel für den bisherigen Erfolg ist Profi-Fußballer Jerome Boateng, der seine komplette Karriere-Planung mit der Sport-Management-Agentur SAM Sports steuert. 

Die Etablierung von Sam Sports ist auch Resultat einer bitteren Erfahrung, die nicht nur ProSiebenSat.1, sondern auch andere Sender gemacht haben. Obwohl sie über viel Geld für die Rechte zur Liveübertragung zahlen, wird es in jüngerer Vergangenheit immer schwieriger, einen Kontakt zu den Stars, den prominenten Spielern zu erhalten. „Selbst als wir die Rechte der UEFA Champions League hatten, waren wir nahezu ohne Zugang zu den Stars, die den Sport ausmachen“, erklärt Karajica. Im Gegensatz dazu sei ProSiebenSat.1 mit Schauspielern und Musikern, die im Programm eine wichtige Rolle spielen, auch „sehr nah dran“. Eine solche direkte Beziehung wolle man auch im Sport aufbauen. Schließlich lebt massenattraktiver Sport auch immer von seinen Stars. 

Last but not least gehört zum Vermarktungsportfolio von 7Sports auch die Mehrheitsbeteiligung an der Kölner Veranstaltungsagentur MMP, mit der ProSiebenSat.1/Starwatch Entertainment bereits seit mehr als sieben Jahren zusammen arbeitet. Ziel ist es, verstärkt in das Geschäft der Ausrichtung von Sport-Events einzusteigen, wie erstmalig bei der BMW-Open in München 2014. 

Natürlich sollen alle einzelnen Geschäftsbereiche von 7Sports miteinander vernetzt werden, um vorhandene Rechte bestmöglich zu verwerten und Synergien zu generieren. Jenseits davon pflegt Karajica aber auch den Entdeckergeist. Will heißen: Gerne würde man eine Sportart auftun, die, so wie es RTL vor Jahrzehnten mit Formel 1 gelang, sich langfristig als (fast) genauso attraktiv wie König Fußball erweist – und für die man selber zumindest die Deutschlandrechte besitzt. So hat sich 7Sports an der Drone Racing League beteiligt, die in den USA bereits einen sehr hohen Bekanntheitsgrad besitzt. Karajica: „Wir glauben an das Geschäftsmodell der Drone Racing League und daran, dass es eine Rennserie wie die Formel 1 oder Formel E werden kann. Wir fanden die Verbindung aus dem Boom-Thema eSport beziehungsweise Gaming und physischen Drohnen interessant“. Gleichzeitig sind die Drohnen-Rennen auch stark mit dem aktuellen Thema Virtuell Reality verbunden. Doch im letzten Jahr gelang es noch nicht, damit auf ProSiebenMaxx einen durchschlagenden Erfolg zu verbuchen. 2017 gibt es aber einen neuen Versuch.

Neu ins deutsche Fernsehprogramm bringt Karajica auch die Extremsportart „Big Wave Surfing“. Dabei steigt 7Sports auch erstmals in die TV-Produktion ein. Ein Produktionsteam begleitet den europäischen Big Wave Surfer Sebastian Steudtner auf seinem Weg, die größte Welle zu surfen und dabei einen neuen Weltrekord aufstellen zu versuchen. Dabei soll eine sechsteilige Lifestyle-Doku samt einer Reportage entstehen, atemberaubende Bilder von über 20 Meter hohen und 80km/h schnellen Wellen inbegriffen. Karajica erläutert: „Wir wollen eine weitere Action-Sportart in unserem Portfolio etablieren, die eine dynamische und globale Zielgruppe anspricht“. Damit sei das Ziel von 7Sports verbunden, sich „als Produzent für exklusive Sportereignisse auf dem globalen Markt zu positionieren“. 

Klar will 7Sports hoch hinaus. Man backt aber auch kleinere Brötchen und hat sich beispielsweise im Boxen das Rechtepaket mit Sauerland Event besorgt, von der Telekom eine Sublizenz zur Ausstrahlung von Basketball Eurocup auf ProSiebenMaxx und eine strategische Partnerschaft mit dem Live-Sportstreamingdienst DAZN eingegangen, um die Inhalte von ranfighting.de besser zu distribuieren. Und flink hatte sich 7Sports auch in Kooperation mit Springers Bild.de Berichterstattungsrechte für die Handball-WM besorgt. Ob das Businessmodell 7Sports erfolgreich ist, kann erst die Zukunft zeigen. Karajica sieht sich auf einem guten Weg. Es sei aber noch zu früh, um Zahlen zu nennen.

Erika Butzek

MB 1/2017

© Sebastian Steudtner

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