Mebucom / News / Business / Intransparenz im Produzentenmarkt

News: Business

Intransparenz im Produzentenmarkt

Lange war es ruhig. Neuerdings gibt es wieder einen Hick Hack unter Film- und TV-Produzenten. Weil es aber keine Transparenz im Produzentenmarkt gibt, bleiben die Positionen undurchsichtig. Sicher ist nur: Es geht um Geld, um die Verteilung von Aufträgen seitens der Sender, der Verteilung von Fördergeldern und Zwischenfinanzierungskrediten.

Seit März 2008 gibt es die „Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen“ (Produzentenallianz), die sich mit zirka 210 Mitgliedern als maßgeblicher Verband versteht. Ziel bei Gründung der Produzentenallianz war es, alle deutschen TV- und Film-Produzenten unter einem Dach zu vertreten, ob groß oder klein, konzernabhängig oder unabhängig. Auch hat man von „Animation“ bis „Werbung“ alle audiovisuellen Produktionsspielarten versammelt. Doch jetzt gibt es plötzlich gegen die Produzentenallianz eine Gegenbewegung von verschiedenen anderen Verbänden, die sich als die eigentlich „unabhängigen“ Produzenten verstehen. Sie fürchten um ihre künftige Existenz, weil die mittlerweile politisch mächtige Produzentenallianz von Interessen der ARD/ZDF-Tochterunternehmen sowie von Medienkonzern-Töchtern dominiert werde, zumal wenn es um die Verteilung der Fördergelder gehe.

Am 29. Februar dieses Jahres gaben deshalb der "Verband Deutscher Filmproduzenten e.V.“, der „film & fernseh produzentenverband nrw e.v.“ und der „VFFVmedia e.V.“ bekannt, eine „föderative Kooperation“ für unabhängige deutsche Produzenten gebildet zu haben. Sie werde künftig die Interessen von über 70 unabhängigen Film- und Fernsehproduzenten gegenüber Politik und Öffentlichkeit vertreten. Darüber hinaus will man sich erweitern: Die Kooperation stehe allen unabhängigen Produktionsfirmen offen, auch außerhalb der Produktionszentren München, Berlin und Köln.

Damit, so heißt es in einer Mitteilung, „gibt es neben der Produzentenallianz eine weitere maßgebliche Interessenvertretung der deutschen TV- und Filmproduktionswirtschaft“. Man wolle jetzt seinen Einfluss in wichtigen Gremien geltend machen. Dazu gehörten „Sitze in der FFA, der SPIO, dem Rundfunkrat des WDR, der Medienkommission der Landesanstalt für Medien NRW, dem internationalen Produzentenverband FIAPF, den Verwertungsgesellschaften AGICOA und VGF sowie in der German Films und der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung“.

Was ist nun aber genau unter „unabhängigen Produzenten“ zu verstehen? Dazu erklärt Arno Ortmair, Chef der Münchner Produktionsfirma Film-Line Productions Filmproduktions GmbH und Vorstandvorsitzender der Verbands Deutsche Filmproduzenten gegenüber MEDIEN BULLETIN: Es handele sich um diejenigen, die „keine Töchter, oder Anteilsgesellschaften von öffentlich-rechtlichen oder privaten Fernsehsendern oder Medienkonglomeraten wie Bertelsmann, Constantin etc. sind oder von diesen beeinflusst oder gesteuert werden“. Zum Beispiel gehören zu Bertelmann die Produktionsfirmen der UFA, zur ARD die Bavaria und Studio Hamburg und ihre vielen Töchter, zum ZDF unter anderen Network Movie.

Drei Ziele
Die Unabhängigen Fernseh- und Kinoproduzenten, so Ortmair, hätten aktuell das Problem, durch öffentlich-rechtliche Sendertöchter und Großkonzerne „mehr und mehr vom Markt verdrängt“ zu werden. Außerdem sehe man sich „durch die sich verschlechternden Geschäfts- und Zahlungsbedingungen der Sender und der restriktiven Kreditvergabe der Banken, in der Existenz bedroht“.
Deshalb verfolge die neue Verbandskooperation Unabhängiger Produzenten vorrangig drei Ziele. Im Fernsehbereich gehe es darum, „dass wieder mehr Aufträge an unabhängige Produzenten vergeben werden, und die Geschäftsbedingungen für kleine und mittelständische Unternehmen wieder verbessert werden“. Zweitens gehe es für unabhängige Kinoproduzenten darum, „dass die für sie vorgesehenen, überlebenswichtigen Fördermittel nicht von Großkonzernen und Sendertöchtern abgesaugt werden“. Hier steht ein aktueller Streit zwischen der Produzentenallianz und der neuen Kooperation rund um die Novellierung des Filmfördergesetzes (FFG) im Mittelpunkt. Da hat sich die Produzentenallianz mit drei anderen mächtigen Verbänden (BVV, HDF und VDF) zusammen getan, um bei der Filmförderungsanstalt (FFA) durchzusetzen zu versuchen, dass die Referenzförderung im Vergleich zur Produktionsförderung gestärkt wird.

Das gefällt den Unabhängigen nicht. Sie vermuten, es gehe der „Vierergruppe“ darum, dass die Fördergelder der FFA dann künftig nach dem Motto „mehr Geld für weniger Filme“ verteilt werden sollen: eine Förderung, die weniger künstlerisch innovativen, sondern „berechenbaren Quotenbringern“ zu Gute komme. Denn mit „Referenzmitteln“ werden im Gegensatz zur Produktionsförderung nur die an der Kinokasse erfolgreichen Filme belohnt.
Drittens, so Ortmair, gehe es den Unabhängigen „um eine günstigere und bessere Zwischenfinanzierungskreditvergabe der Banken, um bessere Verleihbedingungen und Erlösbeteiligungen an der Kinoauswertung“.
Gleichzeitig betont Ortmair aber auch, dass man nicht gegen die Sender, sondern mit ihnen kommunizieren wolle: „Wir müssen ein Umdenken bei den Sendern erreichen“. Um eine kreative Vielfalt in der Produzentenlandschaft sicher zu stellen, gebe es Lösungen, so ist er überzeugt, „die für beide Seiten einen Gewinn bringen“. Ebenso gebe es prinzipiell viele gemeinsame Ziele mit der Produzentenallianz. „Wir haben einst die Entstehung der Allianz mit getragen und mitinitiiert“, sagt er. Dies habe „aufgrund ihrer Größe eine wichtige Funktion in Bezug auf die Wahrnehmung der Branche seitens der Politik“. Gemeinsame allgemeine Interessen sieht er bei den Themen „Urheberrecht, Internet, Tarifverträge und europäische Förderrichtlinie“. Da, so Ortmair, „ziehen wir am gleichen Strang“. Doch wegen der „dominierenden Präsenz der Sendertöchter und Großunternehmen in der Allianz“ sei zu erkennen, dass wichtige Themen gegenüber den Sendern oder Verleihern „nicht mit dem Nachdruck behandelt werden, wie es unserer Ansicht nach notwendig wäre“.

Marktanalyse
Nun haben die Unabhängigen vor ihrer Initiative eine „Marktanalyse“ gemacht, mit zwei zentralen Feststellungen. Die eine bezieht sich auf den jüngsten Bericht der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF), wonach es 186 Tochter- und Enkelunternehmen von ARD und ZDF mit einem jährlichen Umsatz deutlich über eine Milliarde Euro gibt. Diese Tochterfirmen, so hat man analysiert, würden in verschiedensten Marktsegmenten wie Produktion und Dienstleistung den Wettbewerb verzerren. Zweite Analyse der Unabhängigen ist, dass die Fernsehtöchter zunehmend den Markt für die unabhängigen Produzenten verschließen. Sie beherrschten ihn „bereits zu über 50 Prozent“.
Wo kommen denn nun aber diese Zahlen her?
Eine Nachfrage bei der KEF ergibt, dass sie in ihrem jüngsten Bericht ermittelt habe, dass „Ende 2010 insgesamt 146 Beteiligungen von ARD/ZDF bestanden, bei denen der Anteil einer Anstalt oder mehrerer Anstalten zusammen zum Jahresende 2009 mindestens 50 Prozent betragen hat“. Weiter heißt es: In der Darstellung „wird nicht differenziert nach der Art der Beteiligungen, zum Beispiel nach Produktionsgesellschaften oder Werbetöchtern“. Und: „Eine weitergehende Differenzierung und Separierung der Produktionsgesellschaften über die Darstellung im Bericht hinaus anhand der vorliegenden Daten, die sich überwiegend auf Ende 2009 beziehen, ist leider nicht möglich“.

Im Klartext: Der KEF ist offensichtlich unbekannt, wie viele Produktionstöchter ARD/ZDF haben und an welcher Art von Dienstleistungen sie mit Töchtern oder Beteiligungen im Einzelnen aktiv sind. Die KEF verweist auf ARD und ZDF als mögliche Quellen. Auch die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) könne „möglicherweise über Einzelheiten“ verfügen.
Das tut sie aber nicht. Im Gegenteil. Just zum letzten Produzententag der Allianz am 6. Februar referierte die KEK-Vorsitzende Prof. Dr. Insa Sjurts, dass zwar schon seit einiger Zeit erkannt worden sei, wie wichtig eine Transparenz in Bezug auf die Programmzulieferung an Sender sei. Aber bislang habe man weder Wege für die Umsetzung, noch für die Durchsetzung gefunden.

Sjurts stellte klipp und klar fest, dass der Gesamtmarkt der TV- und Filmproduktion „intransparent“ sei. Der Markt sei durch „ein hohes Maß an vertikaler Verflechtung“ gekennzeichnet. Zwar gebe es für die Sender in Form eine Publizitätspflicht eine rechtliche Vorgabe, anzugeben, von wem sie welche Programme produzieren lassen bzw. beziehen. Doch werde dieser Pflicht „zum Teil überhaupt nicht oder verspätet und unvollständig“ nachgekommen. Weil die Unvollständigkeit einer vorgelegten Programmbezugsquellen-Liste ungeahndet bleibe, gebe es keine Transparenz.
Sogar die deutsche Sektion der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International forderte die Rundfunksender unlängst auf, ihre Auftragsvergaben nach außen offener und kenntlicher zu machen. Aber bislang ist nichts passiert. Deshalb kann man eigentlich auch nicht genau wissen, ob tatsächlich 50 Prozent des Marktes von Produktionstöchtern der Sender beherrscht werden. Es ist eher ein von den Unabhängigen geschätzter und gefühlter Erfahrungswert, der allerdings natürlich auch stimmen kann.

Allein die Transparenz im Produktionsmarkt könne der Gefahr des Missbrauchs vorbeugen, wurde in der Diskussion nach Sjurts Impulsreferat auf dem Produzententag festgestellt. Ebenso, dass die Transparenz wichtig sei, um nachzuvollziehen, wohin die Gebührengelder von ARD/ZDF fließen. Während es in anderen Ländern diese Transparenz gebe, diskutiere man hierzulande ohne konkrete Zahlen.
Erika Butzek
(MB 05/12)

Zurück