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„Kein Algorithmus kann den gesunden Menschenverstand ersetzen“

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„Kein Algorithmus kann den gesunden Menschenverstand ersetzen“

Gunter Dueck plädiert in seinem Buch „Flachsinn. Ich habe Hirn, ich will hier raus“ für mehr Verantwortung und Verstand beim Surfen im Netz – Quatsch und Hirn-Quickies sind tabu.

Fake News, Hate Speech, Streamings von Intimitäten und Delikten sind im Internet omnipräsent. Mit dem Entwurf eines Netzwerkdurchsetzungsgesetzes versucht Justizminister Heiko Maas, Social Media, Messenger-Apps und Datenspeicherdienste auf Kurs zu bringen. Bis das Gesetz greift, bleibt das Buhlen um Aufmerksamkeit höchstes Gut. Sensationen statt Fakten, Emotionen versus Recherchen, Subjektivität toppt das Streben um Objektivität. Der Ex-Mathematikprofessor und ehemalige IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck (66) konstatiert einen Zustand des Flachsinns im Netz, der Flachsinnige erzeuge. Im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN enttarnt der Autor und Netzaktivist die meisten Inhalte im World Wide Web als Info-Surrogate, plädiert für mehr Nachhaltigkeit und Verve von Intellektuellen im Netz und beschreibt die technischen Schwierigkeiten, Falsch- und Hetzmeldungen automatisch zu lokalisieren und zu löschen. 

Herr Dueck, ein dauer-twitternder US-Präsident, ein Ryan-Gosling-Schwindel bei der „Goldenen Kamera“, Fake News bei den Social Media – in welchen digitalen Zeiten leben wir eigentlich? 

Es bildet sich gerade eine neue Aufmerksamkeitsökonomie. Wer Aufmerksamkeit an sich bekommt, egal welche, ist schon irgendwie auf der Gewinnerseite, weil das Ernste und Wichtige im Rummel blass bleibt. Das Relevante ist erstaunt und noch nicht widerstandsbereit. Fake News verbreiten sich dagegen rasant und machen durch die neben ihnen eingeblendete Werbung reich. Das Strafrecht sollte solchen Haien den Profit wegnehmen. 


Ohne Nutzer kein Profit. Worin besteht die Attraktivität des Flachsinns für die Rezipienten? 

Die Nutzer schauen ja nur kurz auf die Newsticker und Banner und klicken schnell weiter, es ist Zeitvertreib in der Straßenbahn. Aber sie haben dadurch „Views“ auf Werbung erzeugt und dem Flachsinnverbreiter oder Klickschinder Geld gebracht. 

 

In Ihrem Buch „Flachsinn. Ich habe Hirn, ich will hier raus“ beschreiben Sie den Wandel der Kommunikationsstrategien. Wie haben sich diese konkret verändert? 

Am schlagendsten sehen Sie das an den Überschriften, die wollen eben den Klick darauf einheimsen. Auf meinem Handy habe ich zum Beispiel die Nachrichten des Tages. Focus Online klingt meistens so: „Was für ein Spiel! Bayern...“ Das ist die erste Zeile, die ich auf dem Smartphone sehe. Ich bin jetzt „angekickt“ und muss zu Focus wechseln. Die SZ schickt mir ebenfalls eine Eilnachricht, die mag heißen: Bayern-Frankfurt 3:0. Mehr muss ich nicht wissen, ich klicke nicht weiter. In dem einen Fall wollen Sie verführen, im anderen informieren. Und das Verführen nimmt eben dramatisch zu. 

 

Haben die verführenden Netznachrichten den klassischen Medien den Rang abgelaufen?

Die klassischen Medien haben gelacht und verschlafen. Man hat das Internet lange nicht ernst genommen. Der Handel fragt sich nun auch, wie man mit Amazon umgeht und die Autoindustrie, wie sie gegen Google besteht... Das Neue läuft nicht den Rang ab, es wächst prächtig unter Lachen und Verschlafen. 

 

Stehen die klassischen Medien Rundfunk, Zeitung und Zeitschrift vor dem Aus, weil die meisten „Fast News“ bevorzugen?

Alles steht vor Veränderungen. Die jungen Leute sehen sich heute lieber Videos an, Lesen ist langweilig, lange Texte werden nur unwillig aufgenommen. Das stellt die Printmedien vor ein Problem... und Videos sind teuer! Und wenn heute etwas Sensationelles passiert, ist eben nicht BILD zuerst da, sondern schon vor dem Eintreffen von BILD kann man hundert YouTube-Amateurvideos sehen. Immer ist ein Amateur mit dem Smartphone da... kann die Presse da gegenhalten?

 

Wie werden Online-Nutzer konkret von Meldungen gecatcht beziehungsweise getäuscht? 

Tja, jetzt ist eine gewisse Medienbildung gefragt, das alles auseinanderzuhalten. Man wird durch die Vielfalt getäuscht. Schlimm? Aber früher wurden wir durch die Einheitspresse „informiert“, war das besser? Man musste und muss doch immer noch ein bisschen selbst nachdenken. 

 

Problematisch wird es, wenn man im Netz auf Fake News trifft? Woran erkennt man sie?

Man muss einiges vom normalen Weltenlauf verstehen, wie sich Dinge entwickeln und wie Entscheidungen da oben getroffen werden. Die Leute, die sich zum Beispiel Verschwörungstheorien hingeben, lassen solche Kenntnisse vermissen oder lassen sie beiseite. Erst einmal Plausibilitätscheck! Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat einen Plausibilitätscheck bei Hasskommentaren und Falschmeldungen angekündigt. 

 

Sind solche unerwünschten Informationen technisch problemlos identifizierbar und löschbar? 

Versetzen Sie sich in die Lage eines Facebook-Programmierers, der einen Algorithmus entwerfen soll, alle Hetzmeldungen automatisch zu löschen. Wie entscheiden Sie das als Programmierer? Zucken Sie bitte nicht mit den Achseln, denken Sie mal 10 Minuten nach. Dann lesen Sie das Böhmermann-Werk zum Thema Erdogan durch und fragen sich, wie Ihr Algorithmus damit umgeht. Erkennt der jetzt sofort, ob das Kunst ist, wie es heute wohl mehrheitlich nach langen polaren Diskussionen definiert worden ist? Für mein Gefühl ist dieses Gedicht auch deshalb „Kunst“, weil wir mehrheitlich Erdogan nicht mögen. Wenn man so etwas für einen deutschen Nicht-AfD-Politiker getextet hätte, wäre es wohl nicht Kunst. Kann Ihr Algorithmus so feinsinnig sein? Versteht Ihr Algorithmus Ironie? Ich will sagen: Algorithmen, die sauber entscheiden, gibt es nicht. Die können Sie auch von Zuckerberg nicht verlangen. Man kann vielleicht 95 Prozent offensichtliche Hetze und das meiste Nackte leicht löschen, aber es ist unseriös, sich nun bei jeder Fehlentscheidung eines Algorithmus über denselben aufzuregen. Das aber geschieht in den Medien. „Hetze nicht erkannt!“ oder „Kunstwerk als Hetze gelöscht!“ Solche Empörung würdigt die Problematik nicht oder sie will eben wieder Klicks durch Empörung einsammeln. 

 

Netz-Infos bezeichnen Sie als „Hirn-Quickies“ – wie verändern solche um Aufmerksamkeit haschenden Halb-Wahrheiten unsere Bildung, Kommunikationsformen und menschlichen Werte?

Die Leute, die etwas Wichtiges zu sagen haben, müssen eben doch auf diese neuen Kleinkunstformen eingehen und ihre Inhalte interessanter vorstellen. Sie können nicht mehr sagen: „Das ist wichtig, da spielt die Kommunikationsform keine Rolle.“ Die ewigen Werte müssen sich eben von selbst anbieten – und bitte nicht mehr wie Kröten, die man nun eben zu schlucken hat, weil gewisse Autoritäten es nun einmal so wollen. 

 

Gibt es eine Schere zwischen aufgeklärten, medienkritischen Nutzern und Menschen, die blind in die Netzfalle tappen? 

Das ist zu allen Zeiten so gewesen. Man wird an der Haustür beschwatzt, wird am Telefon zu einer Versicherung oder einem Olivenöl überredet, bekommt bei Preisausschreibungen ein Abo aufgedrückt, hat plötzlich eine Münzsammlung, Zinnbecherabos oder Klingeltöne... Unkritische Leute haben ihre Erfahrungen zu allen Zeiten gemacht, sie aber nicht in die Welt posaunen können wie heute per Internet. Die Schere war immer da, nun sieht man sie besser. 

 

 Sie plädieren für den Aufbruch in ein Culture Valley – was genau muss sich im Netz ändern?

Das Wichtige und Ernsthafte sollte einen Platz im Netz haben. In der realen Welt haben wir Monumente, Museen, Bibliotheken, Sehenswürdigkeiten. Diese „Bildungsinhalte“ sollten ins Internet, ich würde gerne das gesamte Kulturgut im Netz abbilden wollen. 

 

 Neben kulturellen Inhalten – wie wichtig sind heute Online-Medien, um Missstände und Verbrechen publik zu machen? 

Man kann heute alles publik machen, aber auch „alternative Fakten“ erfinden oder Propaganda machen. Im Netz sind die Guten und die Bösen – und wir müssen immer mühsamer entscheiden, wer nun Wolf mit Kreide an den Pfoten ist. Das heutige Publizieren aller Missstände und Verbrechen verfälscht ja auch. Wir fühlen uns schlecht oder bedroht, weil nun zu wenig Gutes berichtet wird. Gutes erzeugt kaum Werbeklicks und Sensationen, daher würde ich eher sagen, das Gute wird zu sehr überdeckt. 

 

 Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat Sie als „netzpolitischen Karl Marx“ bezeichnet. Wie sehen Sie sich?

Sehen Sie? Das war ein wahrscheinlich bewusst krass gehaltener Online-Titel im Stile eines Hirn-Quickies, der eben Klicks erzeugen soll. Und Sie nehmen den jetzt zum ernsthaften Anlass einer Frage! Tja. Reingefallen, oder? 

 

 1:0 für Sie. Wie könnte eine Revolution der Netz-Inhalte konkret aussehen, dass dort statt Flachsinn der Tiefsinn Einzug hält? 

Der Tiefsinn muss gegenhalten, wahrscheinlich in Form neuer Intellektueller, die als Meinungsführer akzeptiert werden. Heute lassen wir uns die Welt von Teenie-YouTube-Stars oder von Fernsehköchen erklären. Warum sind die noch am vertrauenswürdigsten? Ich fürchte, ich muss gleich ein bisschen weinen, dass die Geisteswissenschaftler insgesamt von einer Netzphobie befallen sein zu scheinen und eben nicht mehr wie früher als Intellektuelle den Diskurs anführen. Sie hocken still im Feuilleton – schade. Raus! Raus!

 

Gunter Duecks Buch „Flachsinn. Ich habe Hirn, ich will hier raus“ ist im Campus Verlag erschienen (ISBN 978-3-593-50517-6, 262 Seiten, 24,95 Euro).

Wolfgang Scheidt

MB 2/2017

© Jörn Wolter

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