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„Lasst uns eine Soap machen!“

4.000 Folgen GZSZ Die Daily-Soap „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ stammt noch aus einer experimentierfreudigen Fernsehzeit, in der man ein neues Programm einfach mal ausprobierte. Dafür, dass GZSZ ein langjähriger Marktführer unter den täglichen Serien des deutschen Fernsehens ist, sorgt Grundy UFA-Produzent Rainer Wemcken, der seit 2001 Geschäftführer der Grundy UFA ist.

MEDIEN BULLETIN sprach mit Wemcken über das Erfolgsgeheimnis von GZSZ in den letzten 16 Jahren, über die spezielle industrielle Produktionsweise und über die Funktion, die das Telenovela-Format im sich wandelnden deutschen Fernsehmarkt haben könnte.

Glückwunsch zur 4.000sten Folge von GZSZ!
Danke!

Vor 16 Jahren ging die Daily-Soap GZSZ mit sehr miesen Quoten bei RTL auf Sendung, und es gab damals lange Zeit keine Hoffnung, dass es jemals besser werden würde. Würde GZSZ heute mit einem so schlechten Anfangsergebnis starten, wäre die Serie wohl blitzschnell vom Schirm…?
Wir können die damalige Situation im Fernsehmarkt nicht in die heutige Zeit transferieren. Auch der Sender RTL war damals noch recht neu. Der treibende Faktor war, dass Helmut Thoma gesagt hatte: „Lass uns eine Soap machen!“ Und es gab noch eine Goldgräberstimmung. Dabei war klar, dass wir mit GZSZ ganz neue Wege gehen wollten und nicht die, die von den öffentlich-rechtlichen Sendern vorgegeben waren. Wir wollten die Zuschauer mit besonderen Ideen überraschen, die aber in der Produktion nur wenig Geld kosten…

Doch damals waren die privaten Sender aber noch nicht so konsequent auf eine höchstmögliche Rendite fixiert?
Die Rendite stand nicht so stark im öffentlichen Vordergrund wie heute. Die privaten Sender mussten viel experimentieren, um ihre Stellung im Markt zu finden. Geld verdienen wollten auch damals alle. RTL war aber noch nicht so fest zementiert als Marktführer. Und Marktführer zu bleiben, ist etwas anderes, als von unten nach oben heraufzukommen, – wovon zum Beispiel auch Bayern München ein Lied singen könnte.

RTLs Marktführerschaft in der jungen Zielgruppe basiert ja größtenteils auf der fast ununterbrochenen Marktführerschaft von GZSZ in der Access-Prime-Time, dem Tor zur Prime-Time. Was ist das Erfolgsgeheimnis dieser langjährigen Marktführerschaft von GZSZ?
Niemals Stillstand: Wir versuchen immer wieder, die Serie noch besser zu machen. Wir sind wie ein Innovationslabor und untersuchen laufend: Wo kann man verbessern, aktualisieren, wie kann man näher am Puls der Zeit sein, wie kann man technisch besser werden, wie kann man die Kulissen und Sets optimieren…?

Was hat sich im Verlaufe der Zeit grundsätzlich an GZSZ verändert?
Die Erzählweise hat sich in den letzten 16 Jahren dramatisch verändert, sie ist viel schneller geworden. Gleichzeitig werden die Geschichten mit größeren emotionalen Höhen und Tiefen erzählt. Aber auch die Zuschauer haben ihre Rezeption geändert, sie sind heute viel anspruchsvoller und wissen mehr. Man kann ihnen nicht einfach nur schöne Geschichten erzählen, sondern sie müssen einen höheren Wahrheitsgehalt haben, näher am Leben dran sein.

Die aktuelle Hauptprotagonistin bei GZSZ hat das Problem, ob sie mit Pornobildern oder Dealen ihr Geld verdienen soll…
Es ist eines der Themen der Zeit: Die Protagonistin hat ein Drogenproblem und reißt ihre Kollegen da mit rein: Es wird böse enden! Möglicherweise hätten wir es früher nicht so drastisch vorgeführt, wie wir es heute tun. Heute zeigen wir zum Beispiel, wie gekokst wird, wie sich die Sucht entwickelt, und wie das Mädel dabei zugrunde geht…

Dazu werden Protagonisten in der GZSZ-Gesellschaft wie die junge Polizistin gezeigt, die eine kritische Distanz, aber auch Verhaltensprobleme in der Situation haben…?
Absolut! Wir lassen den Zuschauer nie alleine mit dem, was da passiert. Wir spiegeln die anderen Sichtweisen in den anderen Charakteren wider, so dass gezeigt wird, wie man mit dem Drogenproblem in seiner Umgebung, im Familien- oder Freundeskreis umgehen sollte.

Entspricht die härtere Sichtweise auf Probleme dem Puls der Zeit, an dem GZSZ nahe dran sein will? Oder waren die Probleme der Jugend früher weniger hart?
Ich bezweifle, dass die Themen früher für Jugendliche weniger hart waren, aber wir sagen und zeigen heute klarer, was Sache ist und bauen, wie erwähnt, emotional höhere Fallebenen auf.

Drogen beispielsweise waren ja speziell bei Jugendlichen schon immer ein Thema…
Genau.

Gibt es besonders große Wendepunkte in der Historie von GZSZ in der Optimierung, zum Beispiel durch Hinzunahme von Marktforschung oder durch Kulissenänderungen?
Das gibt es alles immer wieder. Vor zwei Jahren haben wir in der Kulisse eine zweite Straße eröffnet mit einem Außenset, so dass GZSZ eine feste Heimat im Außendreh erhalten hat…

Welche Intention steckte dahinter?
Fast alle Änderungen werden zunächst inhaltlich getrieben. Hier ging es darum, dem Zuschauer das Gefühl zu geben, immer zu wissen, wo er ist. Gleichzeitig gewinnen wir durch diese Außendrehkulisse mehr Zeit für die Produktion, weil wir zum Dreh nicht mehr in die Stadt fahren müssen, sondern gleich hinter dem Studio hier in Potsdam-Babelsberg drehen und obendrein eine bessere Qualität herstellen können.

Es handelt sich also um eine Rationalisierungsmaßnahme mit Qualitätsverbesserung on-Top?
Ja.

Am 24. Juni 2002 erreichte GZSZ mit 7,07 Millionen Zuschauern seine höchste Quote. Mittlerweile schalten im Schnitt 4 Millionen Zuschauer ein. Gucken die restlichen drei Millionen jetzt GZSZ auf dem von der UFA und RTL betriebenen Spartenkanal „Passion“ oder im Internet? Wo sind die hin?
Das kann Ihnen niemand so genau sagen. Ich weiß, dass wir weniger Zuschauer als damals haben. Aber wir haben auch heute gute Quoten mit Marktanteilen von 24 oder 25 Prozent in der Zielgruppe…

Das sind dann die rund vier Millionen Zuschauer…?
Richtig. Damals, bei dem von Ihnen genannten Quoten-Höhepunkt, hatten wir einen Marktanteil um die 38 Prozent. Ende der 90er Jahre hatten wir eine Phase mit Marktanteilen von 30 Prozent und mehr mit rund 5,5 Millionen Zuschauern.

Weniger Jugendliche vorm Fernseher
Die Zuschauerzahl beim Fernsehen ist insgesamt nicht kleiner geworden – oder doch bei den Jugendlichen?
Bei den Jugendlichen ist die Zuschauermenge kleiner geworden. Entscheidender ist, dass der Fernsehmarkt mittlerweile stark fragmentiert hat. Zuschauer schalten nicht mehr allein die großen fünf Sender ein. Und jeder weitere Sender, der auf den Markt kommt, knabbert ein bisschen mehr von den Zuschaueranteilen der Großen ab. Ein Zuschauer kann heute bis zu 400 Kanäle empfangen, und auch wenn er nur manchmal einen davon einschaltet, wird der Marktanteil in der Summe kleiner.

Hinzu kommt: Sie haben sich selbst in jüngerer Vergangenheit mit der Telenovela „Verliebt in Berlin“ (VIB) auf Sat.1 selbst Konkurrenz gemacht und dabei die Quoten von GZSZ auf RTL im Vergleich heruntergezogen – pikant, da die Ufa und Grundy UFA zur RTL-Gruppe gehören…
Ob wir die Quoten wirklich heruntergezogen haben, bezweifle ich, weil die beiden täglichen Serien ja nicht genau – außer in den letzten fünf Minuten – gegeneinander gelaufen sind. Aber wir haben dem Zeitkontingent des Zuschauers, das nicht unendlich ist, wieder etwas abgeknapst. Dem Zuschauer standen in der Laufzeit von „Verliebt in Berlin“ insgesamt zirka zehn tägliche Serien zur Verfügung – vorher waren es vier. Das ist der Unterschied!

Seitens der UFA als Markttreiber für die in Deutschland neue Form der Telenovela wurde damals behauptet, dass man dafür sorgen werde, dass man GZSZ bei RTL als Nukleus für die erfolgreiche Etablierung der fiktionalen industriellen Produktionsweise von Grundy UFA niemals beschädigen wolle…
Das ist doch klar, dass wir GZSZ nie beschädigen wollen. Und trotzdem haben wir mit „Verliebt in Berlin“ ein gutes Produkt gemacht. Das war die bislang erfolgreichste Telenovela in Deutschland. Natürlich tun wir alles dafür, jede unserer Sendungen zu schützen. Gleichzeitig machen wir jedes neue Produkt so gut wie möglich. Das ist das Grundprinzip eines jeden erfolgreichen Produzenten!

Haben Sie denn aus dem Wettbewerbsverhältnis von VIB auf Sat.1 und GZSZ auf RTL gelernt, so ein konkurrierendes Angebot speziell für den wichtigen Türöffner-Sendeplatz zur Prime-Time nicht zu wiederholen, zumindest nicht in ein und derselben Zielgruppe?
Nein. Wir arbeiten für alle Sender und wir werden es auch weiterhin tun. Das ist unser Geschäft, – aber natürlich werden wir zusehen, dass unsere Soaps und Telenovelas nicht gegeneinander laufen. Das ist immer schon unser Bestreben gewesen. Und im Falle von VIB und GZSZ ist es unglücklicherweise drei Minuten übereinander gelaufen. Wir können keinem Sender vorschreiben, wann er was zu senden hat. Das ist Senderpolitik, und das können wir nicht beeinflussen.

Sehen Sie noch einen Unterschied zwischen den zwei industriell gefertigten Formaten Telenovela und Soap?
Ja. Zumindest ist die klassische Telenovela – und so war VIB auch angelegt –eine endliche Geschichte. Sie hat kein Ensemble, wie GZSZ, sondern zwei, drei Protagonisten im Mittelpunkt.

Haben denn die Sender überhaupt noch Interesse an Telenovelas? Bei der ARD hat man ja „Sturm der Liebe“ und „Rote Rosen“ – von Bavaria und Studio Hamburg produziert – längst zu einem endlosen Label wie GZSZ ausgebaut. Und beim ZDF ist die von Ihrer Grundy UFA produzierte Telenovela „Bianca –Wege zum Glück“ in „Wege zum Glück“ ausgeufert. Offenbar haben die Sender, – wohl auch wegen des Quoteneinbruchs bei Sat.1, nachdem VIB ausgelaufen war – Angst vor der endlichen Form der klassischen Telenovela.
Klar verliert ein Sender ungern eine Serie, die gut läuft. Und man muss in der Tat auch viel in die Promotion investieren, wenn man ein neues Produkt in den Markt bringt. Es ist ein Risikofaktor. Ich behaupte aber, dass sich die Situation auch wieder verändern wird…

Sie haben kürzlich empfohlen, dass jeder Sender zwei Telenovelas vertragen könnte. Wie kommen Sie darauf, das wäre doch ziemlich langweilig?
Es gibt heute im Bereich der Telenovela viel modernere Stoffe, als die, die bei uns gezeigt werden. VIB beispielsweise war eine sehr moderne Telenovela. Und in Lateinamerika, wo es keine TV-Movies, wenige Kinofilme, keine Fernsehspiele und keine klassischen Serien wie bei uns gibt, besteht das fiktionale Fernsehprogramm so gut wie nur aus Telenovelas. Das heißt: Es werden auch die Probleme, die es im jeweiligen Land gibt, relativ aktuell aufgenommen und auf dem Sender dargestellt. Insofern haben die Telenovelas dort auch eine ganz andere Bedeutung als hierzulande.

Aber Deutschland ist doch nicht vergleichbar mit dem armen Lateinamerika – oder doch schon?
Hätten Sie vor Jahren gedacht, dass deutsche Zuschauer plötzlich wieder US-amerikanische Serien sehen wollen? Ich bin der Meinung, es gibt genügend Sendeplätze für moderne Telenovelas. Für mich ist eine Telenovela wie ein Buch, das ich lese: Da kann ich einsteigen, aussteigen oder solange dabei bleiben, bis ich es durchgelesen habe. Und dann mache ich es zu und halte Ausschau nach dem nächsten Buch.

Dagegen spricht aber von Senderseite auch – wie Sie selbst erwähnten -, dass eine Telenovela, die zur unendlichen Soap mutiert, preiswerter ist: von den Kulissen bis zum Fakt, dass man keine Promotion für die Einführung eines neuen Produkts machen muss. Warum sollten sich die Sender auf das Risiko der endlichen Telenovela einlassen und das Format neu beleben?
So könnten die Sender mehr und unterschiedlichere Themen bringen. Sie könnten immer wieder neue Impulse setzen…

Wollen die Zuschauer das?
Ich bin überzeugt, dass die Zuschauer immer wieder neue Impulse suchen.

Wie kommen Sie zu dieser Überzeugung? Aufgrund von Marktforschungsergebnissen?
Auch bei der Marktforschung kommt immer wieder heraus, dass die Zuschauer sagen, „jetzt sollten die endlich mal zusammenfinden“. Daran orientieren wir uns auch bei der ZDF-Telenovela „Wege zum Glück“ und erzählen eine Geschichte zu Ende. Wir setzen dann unter demselben Dach immer wieder eine neue Geschichte ein, die in der gleichen Umgebung spielt. Das ist beim ZDF am Nachmittag auch sehr gelungen. Und es ist auch bei der ARD nachmittags mit „Sturm der Liebe“ und „Rote Rosen“ gelungen. Aber es gibt Sendeplätze, beispielsweise in der Access-Prime-Time, da könnte man endliche Geschichten erzählen. Und dann wieder eine neue…

Dagegen spricht die Angst der Sender, mit etwas Neuem zu scheitern!
Aber vielleicht würde es funktionieren und umso erfolgreicher werden.

Hätten Sie – die Grundy UFA – denn ein Rezept, wie es funktionieren könnte?
Nein. Das Rezept gibt es nicht. Es ist aber auch kein gutes Rezept, Gerichtsshow-Serien, Talk-Serien oder Koch-Shows, die ihre Halbwertzeiten schon überschritten haben, weiter zu führen. Auch da wäre es vermutlich besser zu sagen, „wir haben zwei Jahre Erfolg damit gehabt, jetzt probieren wir etwas Neues“.

Stichwort: industrielle fiktionale Produktion. Die hat zurzeit, zumal durch den Erfolg bei RTL, große Konkurrenz durch industriell gefertigte Doku-Formate bekommen, die auch preiswerter als Telenovelas oder Soaps sind?
Richtig.

Sie bleiben bei Grundy UFA aber der fiktionalen industriellen Produktion treu?
Die fiktionale industrielle Produktion ist unser Handwerk. Wir experimentieren zwar gerade in unserem Haus, die fiktionale Produktion auch einmal mit Doku-Elementen anzureichern und bieten es den Sendern an. Grundsätzlich verstehen wir uns aber als Fiction-Produzent.

Höhere Risiken als Lizenz-Produzent
Was kann denn Grundy UFA in der fiktionalen industriellen Produktion heute immer noch besser als die Konkurrenz? Mittlerweile traut sich vermutlich doch schon jeder mittelgroße Produzent die industrielle Fiction-Serie zu?
Ich kenne keinen mittelgroßen Produzenten, der eine täglich fiktionale Serie auf die Beine gestellt hätte. Das erfordert ein gewisses Finanzvolumen mit einem Risikopotenzial aus Sender- wie Produzentenseite. Wir müssen auch immer wieder vorinvestieren, ohne Unterstützung seitens eines Senders. Der Unterschied zwischen uns und kleinen Produzenten ist, dass wir uns nicht als Auftragsproduzent betrachten, sondern als einen selbständigen Produzenten, der dem Sender die Lizenz für das Produkt verkauft. Wir sind ein Lizenz-Produzent. Deswegen gehen wir auch höhere Risiken ein, die sich kleinere Produzenten nicht leisten könnten. Aber Sie haben Recht: Inzwischen haben wir Konkurrenz von den Töchtern der öffentlich-rechtlichen Sender. Von ihnen unterscheiden uns aber immer noch eine längere Erfahrung und die Tatsache, dass wir uns ausschließlich auf die industrielle fiktionale Produktion spezialisiert haben.

Interessant, dass Sie sich als „Lizenz-Produzent“ bezeichnen, weil Produzenten in Deutschland doch zurzeit stärker dafür kämpfen wollen, mehr Rechte an ihren Produktionen für die Mahrfachvermarktung zumal über die vielfältigen Vertriebswege in der digitalen Welt zu behalten.
Wir haben Lizenzen, wie zum Beispiel die australische Lizenz „Restless Years“ als Mutterformat für GZSZ weiterlizensiert. Bei unseren neueren Produktionen, bei denen wir den Stoff selbst entwickelt haben, nähern wir uns vertraglich der Auftragsproduktion. Dem Grundsatz nach verstehen wir uns aber nicht als Auftrags-, sondern als Lizenz-Produzent.

Weil Sie als Produzent sehr viel vorinvestieren, bevor Sie Rendite einfahren können?
Wir gehen Schritte, die viele Produzenten nicht gehen würden. Wenn ein Produkt von uns schlecht läuft, dann reden wir mit dem Sender und gehen möglicherweise noch einmal ins Risiko, indem wir Eigenmittel investieren und sehen zu, dass die Sendung optimiert wird, um dann gemeinsam mit dem Sender auch wieder Geld zu verdienen.

Brot- und Butter-Geschäft oder Event
Wie entwickelt sich die fiktionale industrielle Produktion in Zukunft weiter? Beim Boom der Telenovelas ging man noch davon aus, dass sie auch verstärkt in der Prime-Time am Abend täglich oder zumindest, wie es bei „Hinter Gittern“ schon einmal war, als Weekly einziehen würde.
Ich kann mir durchaus vorstellen, für die Prime-Time mehr Weeklys zu produzieren. Ich weiß: Heute will kein Sender eine Weekly, zumindest nicht in der Form von „Hinter Gittern“ mit 45 Folgen. Wir reden über maximal 32 Folgen. Ich vertrete schon seit vielen Jahren die Ansicht, dass sich die Produktionslandschaft – analog zum richtigen Leben, wo die die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden – entwickeln wird: Es wird auf der einen Seite immer mehr Sendungen für den täglichen Gebrauch geben, die das Brot und Butter-Geschäft ausmachen, genau das, was wir als Grundy UFA anbieten. Auf der anderen Seite wird es weiterhin die Events geben. Der Sender braucht beides. Alles, was zwischendrin ist, wird zumindest bei den privaten Sendern immer weniger nachgefragt.

Die Innovationskraft der industriell gefertigten Fiction stecke in der neuen Technik und den neuen Möglichkeiten der Postproduktion: Was meinen Sie damit genau?
Wir sind heute industrieller geworden als es früher der Fall war. Der ganze Workflow ist für uns – im Gegensatz zu anderen Produktionsarten – ganz entscheidend. Und der Workflow verbessert sich kontinuierlich: wie im Studio aufgezeichnet wird, in welchem Zustand die Aufzeichnungen in die Postproduktion gehen, und wie sie dort weiter bearbeitet werden. Dabei hat sich der Look einer industriell gefertigten Serie im Vergleich zu vor fünf Jahren – und erst recht im Vergleich zu 15 Jahren – völlig geändert. Wir bei Grundy UFA lernen permanent aus dem, was wir hier tun. Und weil wir Spezialisten für die serielle fiktionale Produktion sind, reflektieren wir Tag für Tag die Art des Workflows, um unsere Arbeitsweise noch weiter zu verbessern und so neue Maßstäbe setzen zu können. Zum Beispiel bauen wir demnächst im Studio von GZSZ eine zweite Ebene ein. Ein Soap-Studio, bei dem man auf zwei Ebenen spielen kann, gibt es meines Wissens bislang in Europa nicht…

Das bringt vermutlich nichts für den Zuschauer, aber rationalisiert die Arbeitsweise noch mehr?
Sicher, die zweite Ebene wird den Workflow verbessern. Hinzu kommen die heutigen Möglichkeiten der Postproduktion-Technik mit ihren enormen Qualitätsverbesserungen für die Bildqualität. Früher hatte man sich eine solche Bildqualität nur in Produktionen leisten können, die einen fünfmal so hohen Minutenpreis haben.

Hat Grundy UFA als Spezialist für die industrielle Produktion heute mehr Schwierigkeiten, Aufträge von Sendern außerhalb der RTL-Gruppe zu bekommen, da es ja zurzeit – zumindest nach Ansicht einiger Produzenten – die Sender eher dazu neigen, Aufträge an ihre Produktionstöchter zu vergeben?
Uns ist noch nie ein Auftrag geschenkt geworden. Ich habe weder von den öffentlich-rechtlichen Sendern, noch von ihrer privaten Konkurrenz den Eindruck, dass sie Aufträge vergeben, obwohl sie von der Leistung nicht überzeugt sind. Aufträge werden nach Finanzierungs- und Qualitätsmaßstäben vergeben und nicht danach, unter welchem Dach man sitzt. Alles andere wäre unsinnig. Wenn Sie unsere Floprate betrachten – also wie viele Flops bei neuen Produktionen entstehen -, dann steht die UFA im Vergleich zu anderen Produktionshäusern am besten da, und das gilt erst recht für die Grundy UFA. In den letzten zwei Jahren konnte sich trotz einiger Versuche etwa bei Sat.1, ProSieben, ORF und auch bei RTL kein tägliches Programm im deutschen Fernsehen etablieren, mit einer Ausnahme: die von uns entwickelte und produzierte Daily-Soap „Alles was zählt“. Es gibt also viele Gründe, mit uns zusammenarbeiten. Selbstverständlich gibt es auch gute Gründe, mit der Bavaria oder Studio Hamburg zusammenzuarbeiten. Wenn man aber über industrielle Produktion nachdenkt, dann muss es schon sehr schwerwiegende Argumente geben, wenn man nicht mit uns zusammenarbeiten will.

Erste Sendung mit eigenem Print-Magazin
GZSZ gilt seit langem als Paradebeispiel für ein TV-Produkt, das sich über verschiedenste neue Vertriebswege vermarkten lässt, macht das der Sender RTL oder Grundy UFA?
Das machen wir mit Partnern oder mit dem Sender, und es gibt mit der GZSZ GmbH auch eine gemeinsame Firma mit RTL. GZSZ war die erste Sendung, die mit einem eigenen Print-Magazin auf den Markt gekommen ist. Wir waren die ersten, die im großen Umfang Musik und Merchandising gemacht haben. Das gibt es noch, aber auch dieses Geschäft ist zurückgegangen. Früher haben wir für unsere Compilations immer gleich eine goldene Schallplatte bekommen, wir waren und sind neben der „Bravo“ im Jugendsektor immer noch die erfolgreichsten Herausgeber eines Jugendmagazins. Aber auch die Auflage von der Bravo ist mittlerweile drastisch runtergegangen von einmal 1,2 Millionen Exemplaren auf rund 500.000. Heute sind andere Plattformen in den Vordergrund gerückt. Man kann GZSZ über Vodafone aufs Handy abrufen. Bei RTL.now kann man sich die Folgen anschauen. Wir haben manchmal Spin-offs, wo Geschichten im Internet anerzählt werden und dann in die Serie eingesponnen werden. Wir machen da sehr viel.

Durch solche Diversifikationsaktivitäten wird GZSZ dann auch umso mehr zu einer Cash-Cow…?
Nein, die Diversifikationsgeschäfte sind nicht unbedingt die Cash-Cow. Man macht es heute, um auch in Zukunft dort vertreten zu sein, wo die Zuschauer sind, die sich mehr über neue digitale Plattformen bedienen. Da möchte man sie womöglich wieder abholen, um sie zur Serie im klassischen Fernsehen zurückzuführen. Aber jede tägliche Serie kann eine Cash-Cow sein, wenn man es anständig macht. Es ist nicht mehr so, dass man Unmengen damit verdient. Die Zeiten sind vorbei. Auch Formel 1 ist nicht mehr die Cash-Cow. Reichweiten und Werbeumsätze haben sich verändert, mit täglich 25 Prozent Marktanteil ist GZSZ aber sicherlich für den Sender noch ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Zukunft: Was wünschen Sie sich – für GZSZ, für Grundy UFA…?
Ich wünsche mir, dass wir immer die Besten bleiben vor allem mit GZSZ, dass wir immer gute Einfälle haben und dass wir schöne Geschichten erzählen können, um unser Publikum immer gut zu unterhalten. Und ich wünsche mir, dass wir weiterhin die größten Stars hervorbringen, was uns in den letzten Jahren prima gelungen ist. Und natürlich möchten wir in Zukunft auch über die 360 Grad-Auswertung unserer Produkte weiterhin erfolgreich sein, um unser Publikum überall zu erreichen. Schließlich wünsche ich mir, dass wir in vier Jahren die 5.000ste Sendung und 20 Jahre GZSZ feiern.
Erika Butzek (MB 06/08)


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