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Letzte Chance

Noch in diesem Jahr soll eine Bedarfsanmeldung für bundesweite Multiplexe zum Betrieb von Digital Radio der Bundesnetzagentur zugeleitet werden. Damit sollen die Weichen für einen Neustart des digitalen Radios in der Version DAB plus bis Ende 2009 gestellt werden. So einfach scheint das aber nicht zu werden. Zwar beschwört man auf diversen Medien-Veranstaltungen gebetsmühlenhaft den gemeinsamen Willen, das digitale Radio nach mehreren gescheiterten Anläufen doch noch zur Erfolggeschichte zu machen, gleichzeitig werden aber auch schon wieder Einzelinteressen deutlich. Außerdem fehlen weiterhin schlüssige Digital Radio-Geschäftsmodelle für die Privatsender.

Obwohl Radioprogramme bereits seit knapp zehn Jahren über Digital-Audio-Broadcasting (DAB) in verschiedenen Bundesländern zu empfangen sind, hat sich der digitale Hörfunk am Markt bisher nicht etabliert. Das soll sich jetzt ändern. Falls die Rundfunkkommission der Länder am 17. Dezember dieses Jahres eine Bedarfsanmeldung für das benötigte Spektrum bei der Bundesnetzagentur einreicht, könnte sich die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) schon in einer ihrer ersten Sitzungen im neuen Jahr mit der Ausschreibung befassen. Das erklärte Gerd Bauer, Direktor der Landesmedienanstalt Saarland und Hörfunkbeauftragter der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM), auf einer Digital Radio-Veranstaltung der MEDIENTAGE MÜNCHEN 2008.
Auch auf anderen Veranstaltungen und Symposien zum Thema zeigte man sich zuversichtlich. „Der geplante Start von Digital Radio Plus ist bis Ende 2009 möglich“, erklärte zum Beispiel Harald Hammann, Rundfunkreferent in der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, auf einem von der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) im September in Berlin veranstalteten Digital Radio-Forum. Rundfunkveranstalter, Politik, Regulierungsbehörden und potenzielle Netzbetreiber bekundeten hier ihren Willen, die Rahmenbedingungen für den Neustart von Digital Radio rechtzeitig zu schaffen.
BLM-Präsident Wolf-Dieter Ring forderte hier, den derzeitigen Stillstand zu überwinden. Ein Planungs-, Kosten- und Marketingkonzept sei dringend erforderlich. Derzeit seien 79 DAB-Programme On-Air, darunter 54 private. Knapp eine halbe Million Endgeräte seien im Markt. Damit gäbe es etwa in einem Prozent der Haushalte ein DAB-Gerät. Aus seiner Sicht ist es untragbar, dass die Programmanbieter allein das finanzielle Risiko tragen. Auch Sendernetzbetreiber müssten hier stärker einbezogen werden. Damit war jedoch schon wieder der erste Pfeil aus dem Köcher gezogen worden.

In der Podiumsdiskussion lieferten sich die Beteiligten sogleich einen heftigen Schlagabtausch. Insbesondere die Deutsche Funkturm, eine Tochter der Deutschen Telekom, sah sich dabei Angriffen ausgesetzt. Für einen gewinnbringenden Wettbewerb müsse sie ihr Preissystem dringend überprüfen, verlangten die Teilnehmer der Podiumsdiskussion vom Vorsitzenden der Geschäftsführung, Rudolf Pospischil. Er zeigte wenig Entgegenkommen: Die Deutsche Funkturm biete mit ihren über 20.000 Funkstandorten allen ihre Dienste zu den gleichen Bedingungen an.
Nach Ansicht von Florian Fritsche, Geschäftsführer von Derutec, einem Gemeinschaftsunternehmen von RTL Radio DerutecDeutschland und REGIOCAST, sind die Deutsche Funkturm und der Plattformbetreiber Media Broadcast bisher eher als Verhinderer aufgetreten denn als Partner.

Hans Dieter Hillmoth, Geschäftsführer von Radio/Tele FFH, Digital 5, Vizepräsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien e. V. (VPRT) und Vorsitzender dessen Fachbereichsvorstandes Radio und Audiodienste, forderte ein konzilianteres Verhalten von der Deutschen Funkturm und mahnte an, gemeinsame Lösungen zu finden.
Der Geschäftsführer der Media Broadcast, Helmut Egenbauer, kündigte in Berlin eine Optimierung der Netzkosten an. Obwohl er sich nicht auf Preisdiskussionen einlassen wollte, wurde in seinen Ausführungen dennoch deutlich, dass die Kosten für die Verbreitung eines bundesweiten Digitalradioprogramms künftig im unteren einstelligen Millionenbereich liegen dürften. Er zeigte sich überzeugt, dass Radio seine eigene Plattform brauche. Das Internet spiele eine wichtige Rolle, sei aber nicht der Hauptverbreitungsweg, ebenso wenig wie DVB-T.
Dass es bei der erfolgreichen Einführung von Digital Radio primär auf die Einigkeit aller Akteure ankommt, zeigte Matthias Ramsauer, Vizedirektor der BAKOM, anhand des Schweizer Modells. Aufgrund einer Vereinbarung zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk sei der Netzbetrieb für den Digital-Radio-Plus-Standard (DABplus) auf die Beine gestellt worden. An der 2008 gegründeten und mit 620.000 Euro Startkapital ausgerüsteten SwissMediaCast halte die öffentlich-rechtliche SRG 17 Prozent, den Rest teilten sich 22 private Veranstalter. Die SRG trage das finanzielle Risiko.
Eckhard Eckstein (MB 12/08)

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