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„Letzte Hoffnung Zwegat“

Die rund um Alfred Biolek und Friedrich Küppersbusch in 1996 gegründete Kölner Produktionsfirma probono Fernsehproduktion GmbH definiert sich über politisch-kulturelle Themen und hat für RTL das aktuelle Erfolgsformat „Raus aus den Schulden“ auf die Beine gestellt.

Formatentwickler und Senior Producer Alexander Simon und Barbara Breidenbach, Executive Producer, erläutern im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN, wie das neue Coaching-Format entstand, und warum es sogar gesellschaftspolitisch relevant ist.

Handelt es sich bei „Raus aus den Schulden“ um eine originäre probono-Entwicklung oder ein Lizenz-Format?
Alexander Simon: RTL kam vor rund drei Jahren auf uns zu und zeigte uns ein holländisches Format – mit der Frage, ob wir daraus etwas machen könnten, was für den deutschen Markt kompatibel ist, und ob das Thema in Deutschland überhaupt umsetzbar ist. Es handelte sich um eine halbstündige Sendung, bei der zwar das Thema Schulden im Mittelpunkt stand, die aber mit unserem heutigen Format nur wenig zu tun hatte. Da gab es weder einen authentischen Schuldnerberater noch große Spannung oder gar den Versuch, sich dem Thema Schulden auch journalistisch zu nähern.

Sie hatten also nur das Thema „Schulden“ – wie ging das dann weiter?
AS: Wir haben zunächst überlegt, wie man möglichst breite Zuschauerkreise für das Thema interessieren kann und wie die Schuldenproblematik erzählt werden soll. Wir sind schnell darauf gekommen, dass wir keinen Moderator, sondern einen echten Schuldnerberater brauchen, vor allem aus Gründen der Glaubwürdigkeit. Die Suche nach einem gleichzeitig erfahrenen und fernsehtauglichen Schuldnerberater hat dann längere Zeit gedauert, weil der Berufsstand der Schuldnerberater nicht unbedingt die Öffentlichkeit sucht. Schließlich entschieden wir uns für Peter Zwegat, weil wir nicht nur von seiner Kompetenz, sondern auch von seiner menschlichen Art überzeugt waren. Ein wichtiger Grund war auch, dass er ein staatlich anerkannter Schuldnerberater und Leiter einer gemeinnützigen Beratungsstelle ist. Der wichtigste Unterschied zwischen einer solchen Beratungsstelle und beispielsweise einem Anwalt, der Schuldnerberatung macht, ist, dass jedermann zu einer solchen Stelle hingehen und sich kostenlos beraten lassen kann. Das ist erstens seriös und zweitens nicht ganz unwichtig, wenn man völlig pleite ist…

Jetzt hatten Sie den Schuldnerberater – dann brauchten sie aber noch die Leute, die sich im Fernsehen beraten lassen und als schuldenbelastet outen. Wie sind Sie da vorgegangen im Cast?
AS: Schulden sind ein Tabu-Thema in Deutschland. Eher reden die Leute über ihre Krankheiten oder sexuellen Vorlieben als über Geld – schon gar nicht über das Geld, das sie nicht haben. Inserieren nützte deshalb damals wenig. Bei der ersten Suche haben wir also noch Hilfe von einer Casting-Agentur in Anspruch nehmen müssen. Und trotzdem hat es relativ lange gedauert, bis wir unsere allererste Familie fanden, die wirklich geeignet war. Mit ihr und Peter Zwegat haben wir am Ende einer komplizierten, fast zweijährigen Entwicklung einen sendefähigen Piloten produziert. Dann aber brachen die Dämme und nach der Ausstrahlung bekamen wir regen Zulauf von Menschen, die finanziell ums nackte Überleben kämpfen.

Da mussten Sie die Familien nicht mehr suchen, sondern konnten aussuchen?
AS: Ja, sehr viele Menschen kamen auf uns zu und sahen Peter Zwegat als ihre letzte Hoffnung.

Wie setzen sich Fernsehpublikum und TV-Willige bei „Raus aus den Schulden“ heute – in der zweiten Staffel – zusammen, ist das Interesse in allen gesellschaftlichen Schichten gleich groß?
Barbara Breidenbach: Wir erhalten Zuschriften aus allen Schichten. Bei eher renommierten Kreisen wie Ärzten und Anwälten besteht natürlich eine größere Hemmschwelle in die größere Öffentlichkeit – ins Fernsehen – zu gehen, so dass man alle Nachbarn und Kollegen in die eigenen Finanzen einweihen würde. Da ist das noch ein größeres Tabu. Unter den Zuschauern zieht sich das Interesse durch alle Schichten, weil das Problem eben auch alle Schichten betrifft.

Es gibt in Deutschland 3,5 Millionen überschuldete Haushalte, die schon so weit in den Schulden stecken, dass sie auf normalem Wege da nicht mehr rauskommen, weil die Einnahmen und das vorhandene Vermögen nicht mehr reichen, um die Kredite zu bedienen. Natürlich gibt es noch viel mehr Leute, die Schulden haben. Man sagt, dass jeder zweite irgendwelche Schulden hat, zum Beispiel einen Kredit für ein Auto oder ein Haus. In der Regel gelingt es, die Schulden abzustottern, aber es gibt eine große Angst, es nicht zu schaffen. Allein die 3,5 Millionen Menschen, die in einer echten Schuldenfalle stecken, sind schon sehr viele, so dass es auch ein Thema für viele ist.

Nach welchen Kriterien wählen Sie denn unter den willigen Familien aus?
BB: Es ist ein sehr schwieriger Auswahlprozess. Zum einen gibt es immer Fälle, die etwas zweifelhaft sind. Zum anderen schreiben uns viele Hunderte, aber wir können in einer Staffel jeweils nur 15 Familien betreuen. Helfen würden wir am liebsten jedem. Das ist aber nicht möglich. Jeder, der uns schreibt, erhält aber eine Antwort samt konkreter Informationen hinsichtlich der Schuldnerberatung. Unsere Auswahl unter den Familien orientiert sich dann daran, eine bestimmte Bandbreite abbilden zu können: in der Art der Verschuldung oder in der Situation, in der sich die Verschuldeten befinden, etwa eine Alleinerziehende mit Kind, ein sehr junges Paar oder eine Familie, bei der gleich mehrere Generationen von der Schuldensituation betroffen sind.

War die Serie von Anfang an für die Prime-Time vorgesehen?
AS: Bei der Entwicklung war das lange Zeit noch unklar, aber schon der Pilot lief in der Prime-Time.

Was macht eigentlich „Raus aus den Schulden“ so Prime-Time fähig, vom Titel her klingt es ja eher wie eine Nachmittagssendung? Voyeurismus?
AS: Das Format steht und fällt mit der Person Peter Zwegat – das ist keine Frage. Er kommt beim Publikum gut an. Darüber hinaus versuchen wir immer, spannende Geschichten zu erzählen. Die Schuldenproblematik ist der Kern. Aber ebenso wichtig ist es, dass auch die Menschen, deren Schuldengeschichte wir erzählen, interessant sind. Jeder Dreh ist ein neues Experiment, weil wir vorher nie wissen, wie die Protagonisten mit Peter Zwegat in Interaktion treten, was er unternehmen wird oder erreichen kann. Wir wissen vorher nicht, wie sich die Geschichte entwickeln wird. Zum Thema Voyeurismus: Persönlich finde ich es nicht nur legitim, sondern auch notwendig, Einblicke in verschiedene Milieus zu geben. Eine Sozialreportage in der ARD oder beim ZDF funktioniert durch denselben Mechanismus: Wir Zuschauer nehmen am fremden Leben teil.

Es findet also wie bei „Raus aus den Schulden“ ein gewisser Voyeurismus statt. Die Protagonisten öffnen ihre Privatsphären, die sie normalerweise abschotten. Einblicke zu geben und für Menschen und Umstände Verständnis zu schaffen, kann ich im Fernsehen ja nur, wenn ich davon erzähle und es auch im Bild zeige. Dass der Voyeurismus allein den Erfolg von „Raus aus den Schulden“ erklärt, glaube ich aber nicht. Da gibt es verschiedenste Faktoren.
Allein das Thema Finanzen ist interessant, wie schnell man in eine Überschuldung hineinrutscht, was erdrückende Schulden bedeuten können und wie man da wieder rauskommen kann. Hinzu kommt: Peter Zwegat erfüllt ein Bedürfnis des Zuschauers, weil er jemand ist, der sich kümmert und so ein bisschen die Lücke schließt, die der Staat für viele Menschen gefühlt hinterlässt. Seit Hartz IV heißt es ja immer wieder‚ der Staat kümmere sich nicht mehr. Insofern verkörpert Peter Zwegat auch ein wenig den guten alten Sozialstaat: Jemand, der kommt, jemand, an den man sich wenden kann, jemand, der was macht…

Und das ist dann auch gerade am Abend etwas Positives, Optimistisches – statt Eskapismus nun Help-TV?
AS: Das wäre viel zu kurz gegriffen. Wir haben sehr unterschiedliche Geschichten, teilweise mit rührenden Aspekten, wie sich Menschen trotz ihrer Schulden nicht unterkriegen lassen. Manchmal auch traurige Geschichten wie beispielsweise die von einer allein erziehenden Mutter mit einem krebskranken Kind, die von den Ärzten und dem Sozialdienst im Stich gelassen wurde und angesichts ihrer Schulden völlig handlungsunfähig war. Wir erzählen emotional. Das ist wichtig. Andernfalls würden die Geschichten nicht beim Zuschauer ankommen. Wichtig ist auch, dass wir dem Zuschauer die Möglichkeit geben, sich mit den Protagonisten identifizieren zu können. Es gibt keine vorgeschriebene Richtung in der Weise, dass die Geschichten durch Leichtigkeit unterhaltsam sein müssen. Auch das Drama kann durch seine Spannung unterhaltsam sein.

Existenzielle Probleme
Neben „Raus aus den Schulden“ laufen bei RTL auch noch andere Real People-Formate, die man vielleicht unter dem Rubrum Volks-TV subsumieren könnte, etwa „Super Nanny“ oder „Bauer sucht Frau“. Ist es auch ein Erfolgsgeheimnis, dass im Gegensatz zu früheren Reality-Formaten, wo Freaks und Exoten auftraten, jetzt das ganz normale Volk in Szene gesetzt wird?
AS: Dass bei uns völlig normale Menschen im Mittelpunkt stehen, macht sicher einen Teil des Erfolgs aus. Aber ich würde unser Format ungern mit Formaten wie „Bauer sucht Frau“ vergleichen wollen. Es handelt sich um ganz unterschiedliche Herangehensweisen und Erzählweisen. Bei „Bauer sucht Frau“ geht es eher um „Luxusprobleme“, darum, ob jemand eine Frau bekommt oder nicht. Bei einem so genannten „Coaching-Format“, das sehr dokumentarisch aufgebaut ist wie „Raus aus den Schulden“ liegt ein existenzielles Problem zugrunde.
BB: Der Unterschied ist, dass unser Format ein recherchiertes Format mit einem Informationswert ist, einem gewissen Aufklärungswert. Leute können daraus etwas mitnehmen für ihr Leben. Und sie können anschauen, welche Probleme andere Menschen haben, egal ob sie skurril, amüsant oder traurig sind.

Die Leute wollen sich heute wohl gerne im Fernsehen selber sehen wie im Internet nach dem Motto „Broadcast yourself“?
BB: Nach unserer Erfahrung melden sich weniger Leute, die ins Fernsehen wollen, sondern diejenigen, die ein ernsthaftes Problem haben und eher nur deshalb im Fernsehen bereit sind aufzutreten, weil sie sich davon versprechen, dass ihr Problem auf diese Weise schneller gelöst wird. Die Stellen bei der staatlichen Schuldnerberatung sind so unterbesetzt, dass es Wartezeiten bis zu einem Jahr gibt. Viel zu lang für Leute, bei denen es hart auf hart geht und der Gerichtsvollzieher schon vor der Türe steht. Da wird die Fernsehkamera in Kauf genommen, um schneller einen Gesprächstermin bei der Bank zu kriegen. Der Beweggrund ist, einen Ausweg aus dem Problem zu finden, und es geht weniger darum, die berühmten „15 Minutes of Fame“ zu erhalten. Das Format verlangt den Leuten ja auch was ab. Peter Zwegat kommt nicht als Nikolaus und stellt den Leuten das, was sie sich wünschen, vor die Tür. Vielmehr verlangt er von den Leuten auch viel, zum Beispiel drastische Einsparungen, auch da, wo es ihnen weh tut, und harte Schritte vorzunehmen, um aus der Schuldenfalle rauszukommen. Die Leute müssen mitarbeiten und einiges dazu beitragen, und wer einfach nur mal nett im Fernsehen sein möchte, ist dazu gar nicht bereit.

Ein Erfolgsgeheimnis von „Raus aus den Schulden“ ist dann wohl auch, dass Sie mit großer Seriosität und sozialem Engagement rangehen?
BB: Ja doch, auf jeden Fall. Peter Zwegat tut das eh, er ist mit vollem Herzen dabei und ist im besten Sinn ein Überzeugungstäter – ihm geht es um was, und er will das im Fernsehen einer breiteren Öffentlichkeit näher bringen. Genau darum geht es uns auch.

Inwieweit inspiriert der Erfolg von „Raus aus den Schulden“ denn die Produktionsfirma probono, daraus heraus ein neues Produkt zu entwickeln?
AS: Wir entwickeln immer neu. Man kann von „Raus aus den Schulden“ wie bei anderen Formaten nicht zwingend ableiten, dass man nur diese und jene Bestandteile, die den Erfolg ausmachen, einfach nimmt, neu zusammensetzt und damit den nächsten Erfolg produziert. Leider. Sonst wäre es einfach für uns Produzenten. Aber der Erfolg ist für uns ein Beleg, dass ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema in der Prime-Time funktioniert. Wir sind eine Firma, die sich sehr über politische und im weitesten Sinne kulturelle Themen definiert. Mit dem Thema Schulden zur umkämpftesten Sendezeit Erfolg zu haben, ist für uns auf jeden Fall Bestätigung, dass man in der Prime-Time nicht unbedingt nur reine Unterhaltung senden muss, sondern dem Zuschauer auch mal etwas zumuten kann.
Erika Butzek (MB 12/07)





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