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Maximale Flexibilität und Skalierbarkeit

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Maximale Flexibilität und Skalierbarkeit

PLAZAMEDIA hat an seinem Standort in Ismaning bei München ein komplett IP-basiertes Sendezentrum mit frei skalierbarer, zukunftssicherer Infrastruktur aufgebaut. Zum Start der neuen Fußball-Bundesliga-Saison wurde es in Betrieb genommen. Das neue Sendezentrum wurde von PLAZAMEDIA geplant und von Systemintegrator SonoVTS realisiert. Technische Kernkomponenten stammen von Nevion und Lawo.

IP-basierte Infrastrukturen liegen in der Broadcast-Produktion klar im Trend. Dabei gibt es hier noch einige Fallstricke. Und auch Standardisierungsfragen gilt es noch zu klären. Viele Unternehmen halten sich deshalb noch mit Investitionen zurück. Nicht so PLAZAMEDIA. Der Produktionsdienstleister aus Ismaning betrachtet IP schon jetzt als perfekte Basis für ein flexibles, beliebig skalierbares und kundenspezifisch orientiertes Sendezentrum. In der ersten Jahreshälfte 2018 wurde es realisiert.

„Der Zeitpunkt ist für uns genau richtig. Die IP-Technologie betrachten wir als große Chance. Wir haben jetzt die Gelegenheit umzubauen und die nutzen wir. Das neue Sendezentrum ist der erste Schritt zur Erneuerung der PLAZAMEDIA“, betont PLAZAMEDIA-Geschäftsführer Jens Friedrichs. Schritt zwei sei dann die Einführung eines neuen Media Asset Management (MAM) Systems. Daran arbeite man aber noch. Mit einer ganz neuen Technologie sei man nun in der Lage, die eigenen Bedürfnisse mit Blick auf ein starkes digitales Produktportfolio zu erfüllen und den derzeitigen und zukünftigen Kunden eine Vielfalt an Services für einen sehr wettbewerbsfähigen Preis anzubieten. Das neue Sendezentrum eröffne auch die Möglichkeit, den Kundenkreis über die klassischen Broadcast-Kunden hinaus durch neue Produktangebote zu erweitern. „Wir waren bislang stark auf das Broadcast-Segment mit Schwerpunkt Sport ausgerichtet. Jetzt werden wir auch Firmen adressieren, die im weitesten Sinne mit Content umgehen, die Bedarf an Content-Erzeugung, -Veredelung und -Speicherung haben. Wir wollen die zentrale Stelle für das Content Handling auch außerhalb des Broadcast- und TV-Sektors sein“, betont Friedrichs.

Das Thema IP ist für PLAZAMEDIA indes nicht ganz neu. Bei der Remote-Produktion der Sport.1-Sendung „Doppelpass“ konnte man bereits erste gute Erfahrungen mit IP-basierten Workflows machen. Hierbei war insbesondere Jürgen Konrad von PLAZAMEDIA der Ideengeber (siehe MEDIEN BULLETIN 1/2017). Beim neuen IP-basierenden Sendezentrum entwickelte er neben dem flexiblen Workflow auch das innovative technische Konzept. Als Projektleiter zeichnete hier jedoch Martin Späth verantwortlich. Er war 22 Jahre lang bei den MMC Studios als Technischer Leiter und Prokurist tätig bevor er sich vor vier Jahren als Technikberater selbstständig machte. Späth verfügt über reichlich Erfahrung auf Seiten der technischen Planung als auch auf Seiten der Produktion. „Wir hatten großes Glück mit Martin Späth einen ausgewiesenen Experten gewinnen zu können. Gemeinsam mit unserem internen Team, allen voran Jürgen Konrad, hat er es geschafft, etwas Hochmodernes zu designen und mit dem Input und den Erfahrungen, die wir aus dem Markt gewinnen konnten, eine überzeugende Lösung zu schaffen“, betont Friedrichs.

Späth selbst räumt ein: „Mit Sicherheit ist das Thema IP an vielen Ecken noch in den Kinderschuhen. Aber wenn man so früh einsteigt, erhält man von den Herstellern auch einen ungeheuren Support. Denn die profitieren am Ende ja auch von den Erfahrungen, die wir sammeln. Deshalb ist für uns eine sehr enge Zusammenarbeit mit den Entwicklern der Hersteller wichtig.“

Auf Full-IP habe man beim Konzept des neuen Sendezentrums vor allem auch wegen der freien Skalierbarkeit gesetzt. „Bei Baseband kommt man schnell an Kapazitätsgrenzen und reiht dann eine Kreuzschiene an die andere. Wir lösen jetzt 17 Kreuzschienen im alten Sendezentrum mit einer IP-Lösung ab, die eigentlich endlos skalierbar und erweiterbar ist“, berichtet er. Die Menge der Signale übersteigt in diesem Projekt die Kapazitätsgrenzen klassischer Einzelkreuzschienen. Zählt man die Multiviewer hinzu, hätte sich die benötigte Flexibilität nur mit großem Aufwand in klassischer Technik abbilden lassen.Bei der Infrastruktur-Planung habe sich PLAZAMEDIA die Lösungen und Produkte aller großen Hersteller angesehen und festgestellt, dass sie alle Vor- aber auch Nachteile haben. „Mit einer Ein-Hersteller-Lösung hätten wir unsere geplanten Workflows nicht umsetzen können. Kein Hersteller bot alle Features, die wir benötigen. Wir wollen natürlich auch relativ viel Processing innerhalb der IP-Komponenten machen und spätestens hier wird es schwierig“, sagt Jürgen Konrad. Deshalb habe man mit Lawo und Nevion zwei Unternehmen ausgewählt, deren Produktlösungen eine gute Kombination darstellen. Bei Lawo sei die Processing-Plattform mit den C100 Core Processing-Modulen und ihren verschiedenen Software-Modulen für Streaming und Multiviewing von großem Interesse gewesen und bei  Nevion, neben der Virtuoso-Plattform, die Netzwerk-Steuerungs- und -Monitoringinstanz VideoIPath, mit Hilfe derer man jederzeit visualisieren kann, was gerade im Netzwerk passiert und wie stark es ausgelastet ist. „Wie beim Doppelpass wissen wir genau, wo die Daten unterwegs sind. Bei über 4.000 Streams ist das eine große Erleichterung“, freut sich Konrad.

„Wir haben mit beiden Herstellern gesprochen und sie zusammen gebracht. Dann haben wir im Februar 2018 ein dreiwöchiges Plugfest bei PLAZAMEDIA mit Nevion- und Lawo-Systemen und deren Entwicklungsingenieuren veranstaltet, festgestellt, dass die Systeme gut zusammen spielen und uns entschlossen mit den beiden Unternehmen den gemeinsamen Weg zu gehen“, erzählt Späth. Schon Anfang März schloss man mit Lawo und Nevion einen entsprechenden Vertrag. „Kleinere Firmen wie Lawo und Nevion haben extremes Interesse an innovativen Projekten und sind deshalb auch deutlich flexibler als große Konzerne“, meint Späth. Um die Installation der Technik in Ismaning kümmerte sich anschließend SonoVTS. „Das sind gute Planer und Ingenieure und haben hier einen guten Job gemacht“, lobt Späth.

Herzstück des 800 Quadratmeter großen Sendezentrums ist das VSM-Broadcast-Steuerungssystem von Lawo. Es ermöglicht es in einem voll redundanten System, Benutzeroberflächen und Bedienteile nahezu uneingeschränkt frei zu konfigurieren und so an die verschiedensten Anwendungsgebiete und Arbeitsabläufe von PLAZAMEDIA effizient anzupassen. Der IP-basierte Backbone bringt die Signale in Multifunktionsräume, in denen je nach Anforderung modulare Funktionen, zum Beispiel Live-Sendeabwicklung, Grafik und Vertonung, projektbezogen in einem Raum zusammengeführt werden. „Die ganze Intelligenz des Sendezentrums steckt im VSM Controller-System. Es wurde über mehrere Wochen hinweg so programmiert, dass wir alle Funktionalitäten, die mit den Multifunktionsräumen verknüpft sind, darüber bedienen können. Und die Nutzeroberflächen auf VSM-Ebene sind so gebaut, dass die Operator alle für sie nötigen Funktionen sehr einfach erreichen können“, erklärt Späth. In der Dimension sei der VSM-Einsatz bislang einzigartig. Selbst internationale IP-Projekte wie bei beIN SPORTS in Dubai hätten mit Blick auf die VSM-Funktionalitäten nicht ansatzweise die Größe wie bei PLAZAMEDIA. Das hätte auch der VSM-Programmierer beim PLAZAMEDIA-Projekt bestätigt.

 

Multifunktionsräume

Das neue Sendezentrum besteht verteilt auf zwei Stockwerke neben dem Hauptschaltraum und der eigentlichen Sendeabwicklung aus vier großen Multifunktionsräumen, die bei Bedarf auf sieben erweiterbar sind, sowie sechs kleineren Multifunktionsräumen, für die schon jetzt eine Erweiterungskapazität auf bis zu zehn vorgehalten wird. In jedem Raum steht eine Ruby-Radio-Konsole von Lawo als Mischpultoberfläche zur Verfügung, ansonsten gibt es dort nur Monitore, Computer-Tastaturen und -Mäuse. Die Ruby-Konsole kann dynamisch an die frei zuweisbare Core-Einheiten delegiert werden.

Der Operator kann sich am VSM-Bedienteil im Multifunktionsraum für eine Produktion anmelden und die nötigen Elemente dafür auswählen wie EVS-Server, Audiopult, Grafikmaschine und Automation. „Dann wacht der Raum quasi auf und man sieht auf den Multiviewern die Bilder, die man braucht. Und weil wir auch eine IP basierende KVM-Lösung von Blackbox haben, starten alle PC-Monitore und sind gleich mit den passenden Rechnern verbunden.Und das, in die Zukunft gedacht, auf dem ganzen Gelände. Der dynamische Zugriff auf benötigte Ressourcen erfolgt unter Beachtung der nötigen Sicherheit. Die Zuweisung der Ressourcen übernehmen die Kollegen im Schaltraum, die wissen welche Geräte verfügbar sind“, berichtet Konrad.

Der kleine Multifunktionsraum ist ein Ein-Mann-Arbeitsplatz, der große ist für fünf Personen ausgelegt. Hier ist dann Platz für den Toningenieur, EVS-Operator, Senderedakteur und Grafiker. Einzelne Multifunktionsräume lassen sich bei Bedarf auch miteinander verbinden. 40 IP-basierte, frei schaltbare Multiviewer sorgen für das Monitoring des neuen Sendezentrums. Drei zentrale Serverräume und die einzelnen Arbeitsplätze werden derzeit mit über 60 Kilometer Glasfaser- und Kupferkabel vernetzt. Im Ergebnis können dann alle Arbeitsschritte von der Sendeabwicklung über die Grafik bis hin zur Vertonung von jedem beliebigen Arbeitsplatz in einem der Multifunktionsräume abgewickelt werden. Die Mitarbeiter müssen dazu lediglich noch bei ihrer Anmeldung am Arbeitsplatz das von ihnen benötigte Aufgabenprofil wählen. Die Rüstzeiten zwischen den Produktionen reduzieren sich auf das Drücken der Tasten.

Das neue Sendezentrum von PLAZAMEDIA verfügt über 70 eingehende und 40 ausgehende Sendeleitungen, die jederzeit flexibel erweitert werden können. Mit ihrer Sendeautomation bietet PLAZAMEDIA ihren Kunden ein breites Spektrum von komplexen Live-Produktionen bis hin zu einfachen, Cloud-basierten Playouts. Hier vertraut PLAZAMEDIA weiterhin ihrem langjährigen Partner S.A.M., setzt aber auf eine moderne virtuelle Cisco Server- und NetApp Speicher-Infrastruktur mit einer effizienten Mischung von OnPremise und Cloud-Komponenten.

SAM wurde unlängst von Belden übernommen und mit Grass Valley fusioniert. Das führte anfangs übrigens auch bei der Wahl der Kreuzschiene für das neue PLAZAMEDIA-Sendezentrum zur Verunsicherung. Sowohl SAM als auch Grass Valley haben Kreuzschienen im Portfolio. Befürchtet wurde, dass ein System davon künftig nicht mehr weiter angeboten wird. „Es hat sich gelohnt, nicht nur die technischen Funktionen sondern auch die Historie und Strategie der Unternehmen bei der Wahl der Produkte mit einzubeziehen. So können wir entspannt in die Zukunft schauen“, sagt Späth.

 

OnPremise und Cloud-basierte Services

Das neue Sendezentrum von PLAZAMEDIA soll laut Friedrichs ein kundenorientiertes Produktions-, Workflow- und Media Asset Management von der Remote-Produktion bis zum Cloud- Archiv bieten. Hierzu hat man das Konzept auf einer Kombination aus „noch notwendigen“ OnPremise-Systemen und Cloud- basierten Services aufgebaut. Sie bilden zukünftig die Grundlage für Highlight-Produktionen während einer Live-Übertragung und die Verarbeitung sowie Verwaltung der damit verbundenen hohen Datenmengen auf dem PLAZAMEDIA-Campus. Gleichzeitig können die Kunden so jederzeit via Cloud auf ihre Produktions- und Archivdaten zugreifen.

Ein besonderes Augenmerk wird auf die bestmögliche Optimierung der Streamingqualität und -kapazitäten gelegt. Hierzu wird PLAZAMEDIA ihre Streaming- und OTT Delivery-Plattform komplett erneuern. Zukünftig soll sie noch mehr Event-Streams parallel verarbeiten, live vertonen und in einer optimierten Qualität live ausspielen können, die vom Nutzer als Broadcasts-Standard wahrgenommen wird. Ein Multi-CDN, wenn erforderlich mit DRM, soll für eine kostengünstige und qualitativ hochwertige Verteilung der Streams sorgen. „PLAZAMEDIA ermöglicht es ihren Kunden zudem durch die Bereitstellung der erforderlichen Metriken die Qualität dieser Streams aus Sicht ihrer Endkunden zu monitoren“, sagt Friedrichs.

Für eine maximale Ausfallsicherheit wurden sämtliche Komponenten und Infrastrukturen mehrfach redundant aufgebaut, von der Stromversorgung über die Klimaanlagen bis hin zur Datenanbindung und -verarbeitung. Die umfassend erneuerte Hardware des Sendezentrums ist zukunftsweisend UHD-ready und IP-basiert bereits auf die großen Datenmengen, die bei Produktion und -verwaltung zukünftiger Übertragungsstandards anfallen werden, ausgelegt. „Wir wollen nicht in eine Sackgasse geraten, egal, welche Standards da noch kommen“, erklärt Späth. Auch bei der Kreuzschienenwahl habe man großen Wert auf die UHD-Tauglichkeit aller Komponenten gelegt. „Der Backbone ist so ausgelegt, dass UHD nicht nur komprimiert sondern auch unkomrimiert übertragen werden kann. Das heißt, wenn wir eine UHD-Quelle angeliefert bekommen, könnten wir die durch die komplette Infrastruktur hindurch reichen, bearbeiten und intern wieder als UHD ausgeben und weiter streamen“, betont er. In Sachen Interkom setzt man bei PLAZAMEDIA übrigens weiter auf Clear-Com. „Das System ist hier komplett erneuert worden. Sowohl die Matrix als auch sämtliche Stationen sind jetzt auf dem neuesten Stand. Auch hier nutzen wir bereits die Vorteile von IP. Alle Sprechstellen sind über Netzwerk angebunden.“, berichtet Späth.

PLAZAMEDIA-Geschäftsführer Jens Friedrichs fasst zusammen: „Wir haben unser neues Sendezentrum auf maximale Flexibilität und Skalierbarkeit ausgelegt. Damit können wir zukünftig IP-basiert ein deutlich höheres Volumen an Projekten als bisher parallel, auch kurzfristig, und mit günstigeren Betriebskosten realisieren. Bei unserer Planung und der Umsetzung haben wir von Anfang an auf eine enge Zusammenarbeit unserer Spezialisten mit unseren Industriepartnern gesetzt. Das Ergebnis ist eine exklusive Systemlösung, die es so in keinem anderen Sendezentrum gibt.“ 

Eckhard Eckstein

MB 3/2018

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