Mebucom / News / Business / Mehr Talent für Infotainment

News: Business

Mehr Talent für Infotainment

Die ProSiebenSat.1-Gruppe will sparen und sich von ihrem News-Sender N24 trennen. N24-Geschäftsführer Dr. Torsten Rossmann und Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust haben Kauf-interesse signalsiert. Vor diesem Hintergrund lud der N24-Redaktionsausschuss am 22. Februar zur Podiumsdiskussion „Nachrichten in Gefahr – welches Fernsehen braucht die Demokratie?“ in die Bayerische Landesvertretung nach Berlin ein.

Um es vorweg zu nehmen: Natürlich wurde die große Frage, welches Fernsehen die Demokratie braucht, nicht beantwortet. Selbstredend war auch keiner der anwesenden Diskutanten in der Lage zu beantworten, wie man die Qualität von Nachrichten und Informationen bemisst. Dabei war die Podiumsdiskussion medienpolitisch prominent besetzt: mit Christian Wulff, Ministerpräsident Niedersachsen (CDU), dem inoffiziellen bayerischen Medienminister und Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, Siegfried Schneider.

Mit Thomas Langheinrich, Vorsitzender der Landesmedienanstalten, die die Kontrolle über das Privatfernsehen ausüben sollen, mit VPRT-Präsident Jürgen Doetz, der seit Jahrzehnten Lobbying für den Privatfunk macht und last but not least dem Newcomer und studiertem Psychologen Thomas Ebeling, dem CEO ProSiebenSat.1 Media AG, der nachdem er ein Jahr lang in seinem Amt waltet, sich immer öfter mit eigenwilligen Thesen und Forderungen in das Rampenlicht der medienwirtschaftlichen und politischen Diskussion begibt.
Und damit hat Ebeling immerhin eins erreicht: Politiker lassen sich mit ihm auf einen Kuhhandel ein, was sie an Anreizen bieten müssten, damit Nachrichten in der ProSiebenSat.1-Senderfamilie erhalten bleiben. Was erstaunlich ist, weil im geltenden Rundfunkstaatsvertrag festgeschrieben ist, dass die großen TV-Vollprogrammsender, zu denen ProSieben, Sat.1 und Kabel 1 heute noch zählen, Nachrichten senden müssen. Doch Ebeling hat spitz gekriegt: alles reine Definitionssache.

Zunächst hielt Dieter Kronzucker, Sonderkorrespondent N24, eine kurze Keynote. Er berichtete von seinen früheren publizistischen Erfahrungen bei den Öffentlich-Rechtlichen und stellte fest, dass bei den Privaten, im Gegensatz zu den Öffentlich-Rechtlichen, nie die Gepflogenheit des politischen Proporzes in der Nachrichtengestaltung galt. Das Internet, so Kronzucker, habe heute zu einer Verunsicherung in Bezug auf Glaubwürdigkeit der Nachrichtenquellen geführt. So seien „Analysen wichtiger als Nachrichten“ geworden. Kronzucker stellte die Frage in den Raum: „Wie viele Nachrichten braucht der Mensch?“
Damit war Kronzucker ziemlich nahe an der These von ProSiebenSat.1-Konzernchef Ebeling dran: „Nachrichten sind vielleicht für das Image bei Politikern wichtig, aber nicht unbedingt bei allen Zuschauern“.
Während Kronzucker aber für eine notwendige publizistische Tiefe der Information plädierte, stellte Ebeling im Laufe der Diskussion trocken fest: „Wir haben mehr Talent für Infotainment“.

Da ARD/ZDF ohnehin „einen großen Teil des Bedürfnis an Nachrichten“ bedienten und sich der wissbegierige moderne Mensch, die von ihm gewünschten News aus anderen Quellen wie Internet und Zeitung besorge, regte Ebeling an, private TV-Sender von der Last der teuren Nachrichtenproduktion zu befreien. Stattdessen ließen sich neue attraktive Informationsformate kreieren, für die sich speziell jüngere Menschen interessierten. Auch hiermit könne erreicht werden, dass „sich Menschen mit der Gesellschaft identifizieren“.
Als Beispiel nannte Eberling den Talk von Stefan Raab zur Bundestagswahl und das ProSieben-Wissenschaftsmagazin „Galileo“, das unter anderem Fragen wie zum Beispiel „Wie entstehen Stöckelschuhe?“ durchaus mit Tiefgang und unterhaltsam behandelt.

Gleichzeitig betonte Ebeling, man wolle in der Senderfamilie keinesfalls in Zukunft auf Nachrichten verzichten. Nur müssten die in Zukunft „round about zwei Drittel weniger“ als bisher kosten. Man müsse in den Nachrichten „nicht immer Bewegtbilder“ zeigen, sagte er. Es würde auch „ein Foto reichen“. Als eine N24-Mitarbeiterin aus dem Publikum sich wegen dieser Aussage empörte, erläuterte ihr Ebeling, dass dies mitunter auch Praxis bei den Nachrichten von ARD/ZDF sei.
Hintergrund: Finanzierungsbasis von N24 ist bislang – wie auch bei n-tv der RTL-Gruppe – eine Querfinanzierung. Das heißt: Der Konzern bezahlt seinem Sender N24 pro Jahr 65 Millionen Euro für die Format-Nachrichten, mit denen dieser als hauseigene Nachrichtenagentur und Produzent ProSieben, Sat.1 und Kabel 1 beliefert. Durch Werbung auf seinem Kanal generiert N24 rund 27 Millionen Euro Einnahmen im Jahr. Also Gretchenfrage: Auf wie viel will Ebeling die Kosten für Nachrichten drosseln, indem er beabsichtigt sie um zwei Drittel zu kürzen: auf rund 25 Millionen Euro oder gar auf nur gut 13 Millionen Euro, da ja den Nachrichtenkosten auch die Werbeeinnahmen in Höhe von 27 Millionen Euro gegenüber stehen?

Das machte die Diskussion deutlich. Wie man Verlust oder Gewinn von N24 errechnet, hängt nicht vom Rechner, sondern vom jeweiligen Interessensstandpunkt ab. Ihm sei die ganze Diskussion um Zahlen „zu rational“, sagte der niedersächsische Ministerpräsident Wulff (CDU). Er habe ein „Problem mit Finanzinvestoren“, die Fernsehen machen. Man könne bei ihnen „kein gesellschaftspolitisches Anliegen erzwingen“. Und es sei davon auszugehen, dass geldwertes politisches Entgegenkommen nicht in das Programm fließen werde, sondern damit „die Rendite aufgestockt“ werde.

Gesellschaftspolitische Verantwortung

Bevor Wulff in der Schlussrunde der Diskussion Ebeling doch noch ein Entgegenkommen signalisierte, stellte er grundsätzlich fest: „Für Vollprogramme braucht man Nachrichten“. Im anderen Fall würden sie zu „Verkaufskanälen oder Spartenprogrammen“ mutieren. Er pochte auf eine „gesellschaftspolitische Verantwortung“. Er betonte, dass er „die wachsende Spaltung in der Gesellschaft, die komplexe Welt verstehen zu wollen“, für „besorgniserregend“ hält: „Viele tauchen ab in die virtuelle Welt“. Die Jungen würden kaum mehr „Tagesschau“ und „Heute“ gucken. Fernsehen, so betonte Wulff, müsse aber auch in Zukunft „in erster Linie Kultur- und nicht Wirtschaftsgut bleiben“.

Die „Fragmentierung“ der Gesellschaft bestätigte Ebeling flugs. Doch zog er einen anderen Schluss daraus: „Jeder sucht sich seine Information, wo er sie kriegt“.
Ebeling bekräftige in der von der N24-Moderatorin Christiane Jörges geleiteten Podiumsdiskussion: „N24 ist ein Zuschussgeschäft“ und einen Fortbestand von N24 in seiner bisherigen Form werde es „nicht geben“. Die Werbezeitenvermarkter des Hauses hätten festgestellt, dass „Kunden schwer zu überzeugen sind, auf N24 zu werben“. Die von N24 bislang erwirtschafteten Werbeeinnahmen ließen sich mit neuen Informations-Formaten auf die anderen Sender des Hauses „umschichten“.
Zwar hatten die Landesmedienanstalten vor wenigen Wochen gedroht, die Bestimmungen im Rundfunkstaatsvertrag dahingehend zu verschärfen, dass Vollprogrammsender nicht nur die Pflicht für die Ausstrahlung von Nachrichten haben, sondern diese auch selber produzieren müssten. Doch demgegenüber gab sich ihr Vorsitzender Thomas Langheinrich in der Diskussion relativ zahm: „Wir müssen Thomas Ebeling dankbar sein“, sagte er, ohne ironischen Unterton. Damit sei eine Debatte angestoßen worden, bei der es „nicht nur um Nachrichten“ gehe, sondern darum, „wie das duale System in Zukunft“ ausgestaltet werden solle. Es müsse geprüft werden, ob „rechtliche Regelungen noch ausreichend“ seien, um den erwünschten „Mehrwert“ zu erzielen. Entweder müsse der Rundfunkstaatsvertrag eine „klare Definition“ vorgeben, was Private bringen müssen“ oder man müsse jenseits davon „andere Regulierungen finden. Langheinrich bot Ebeling an, im Gegenzug für einen Nachrichtenerhalt dafür zu sorgen, dass die Sender ganz vorn in den EPG platziert würden: Das könne die „Belohnung“ sein, „für die, die Nachrichten bringen“. Die Landesmedienanstalten hätten bereits mit dieser Diskussion begonnen.

Auch Wulff hatte schließlich eine Idee, wie man der ProSiebenSat.1-Gruppe helfen kann, die übrigens ihren Gewinn in 2009 trotz Wirtschaftskrise steigern konnte. Als Unterstützung für die Privaten kann er sich vorstellen, dass diese von der technischen Infrastruktur von ARD/ZDF für Nachrichten partizipieren könnten. Wulff nannte als Beispiel, dass die anlässlich des Erdbebens in Haiti von den Öffentlich-Rechtlichen aufgebaute Sendeinfrastruktur von den Privaten mitgenutzt werden könne.

Dagegen hat der ehemalige Pharma-Manager Ebeling ganz andere Wünsche an die Politik. So regt er an, die „Drittsendeverpflichtung“ (von der unter anderem Alexander Kluges DCTP samt Spiegel TV profitiert) und die Verpflichtung Regionalprogramme zu senden, zu lockern wie auch die „Werbeverbote rund um Nachrichten“ und die Einschränkungen bei Werbung für „pharmazeutische Produkte“. „Außer über Pharmaprodukte kann man über alles sprechen“, erwiderte Wulff.
Währendessen hatte sich der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, Siegfried Schneider (CSU) in der Diskussion sehr zurückgehalten. Er hatte allerdings angedeutet, dass er sich eine neue Definition von Nachrichten in Richtung „Vernetzung mit Information“ vorstellen könne. Auf die Frage, warum sich RTL zu den Kosten von querfinanzerten Nachrichten in Höhe von über 60 Millionen bekennt, hatte Doetz geantwortet: „RTL war immer Teil eines Verlagshauses“. Er wies zu dem darauf hin, dass es in digitalen Zeiten nicht mehr wie einst in den Pionierzeiten des privaten Rundfunks möglich sei, dass Medienpolitiker für die Vergabe von Frequenzen von privaten TV-Sendern eine programmliche Gegenleistung erhalten könnten.

N24-Chef Thorsten Rossmann und Stefan Aust, die das Interesse an ein Management-Buyout von N24 bekundet haben, folgten der Diskussion aufmerksam. Sie erfuhren von Ebeling, dass es noch weitere Kaufinteressenten für N24 gebe. Das müsse aber alles noch sortiert und geprüft werden. Mit einer Entscheidung im laufenden Quartal sei nicht zu rechnen. Solange dürfen die rund 240 N24-Mitarbeiter weiter um ihren Arbeitsplatz zittern.
„Wer definiert Qualität – die Macher oder die Nutzer? sagte Ebeling zum guten Schluss und stellte fest: „Eine gute Nachrichtenproduktion kann man mit weniger Geld machen“.
Erika Butzek
(MB 03/10)

Zurück