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Mehr Unterhaltung mit Haltung

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Mehr Unterhaltung mit Haltung

Oliver Fuchs hat vor über einem Jahr kein leichtes Amt angetreten. Der Unterhaltungschef des ZDF wurde geholt, um dem öffentlich-rechtlichen Sender neue Impulse zu verleihen. Im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN zieht Fuchs ein erstes Resümee seiner Arbeit und spricht über seine Pläne.

Die Quoten werden schwächer, die Kritik wächst – Wie lange ist „Wetten dass?“ in dieser Form noch überlebensfähig?

Es existiert in der Tat eine oft reflexhafte Kritik der Medien an „Wetten, dass ..?“. Wir stehen deshalb vor der großen Aufgabe, die mediale Stimmung zu drehen. Es ist wichtig und richtig, dass wir den Spagat zwischen Alt und Jung besser hinbekommen. Wir müssen es schaffen, immer wieder überraschend zu sein und auch die Erwartungen jüngerer Zuschauer zu erfüllen.

Das heißt, Sie halten auch künftig an dieser Show fest?

Ich glaube an den Formatkern. Was Frank Elstner vor 32 Jahren entwickelt hat, war richtig und gut. Es lief ja auch schon in China, und derzeit verhandeln wir in Amerika mit neuen Partnern. Den Kern können Sie nicht verändern. Wenn man sich die Marktanteile anschaut, sind wir zufrieden. Es ist falsch, die absolute Zuschauerzahl als Gradmesser heranzuziehen. Wir sind immer noch die erfolgreichste Show im deutschen Fernsehen.

Damit allein kann man die Samstagabende nicht bestreiten…

Mein Ziel ist es, vermehrt auf eine „Eventisierung von Shows“ zu gehen: den Samstagabend mit einem bestimmten Thema oder Aufhänger noch einmal ein bisschen größer zu machen, so wie wir es mit „50 Jahre ZDF“ oder „Deutschlands größter Grillshow“ schon gemacht haben. Das wäre dann ein Teil künftiger Markenarbeit und gleichzeitig liegt just ein Problem darin, dass bei der Vielzahl kurzlebiger Showformate neben „Wetten, dass..?“ kaum Primetime-Marken ausdefiniert werden.

Ist es überhaupt noch zeitgemäß, den Samstagabend als „den“ wichtigen Fernsehabend zu sehen?

Absolut! Obwohl Fernsehen als Unterhaltungsmedium heute nicht alternativlos ist, sehe ich es als Aufgabe, den Zuschauern auch am Samstagabend ein verlässliches Showangebot zu bieten. Eine gute Primetime-Show muß live und unmittelbar sein, einzigartig moderiert, glamourös und Web kompatibel.

Insgesamt gilt das ZDF nicht gerade als innovativer Sender. Kann man solch ein Image überhaupt noch einmal ändern?

Ein großer nationaler Sender wie das ZDF muss Vorreiter sein und sollte sich nicht auf abgekupferte Formate verlassen, die anderswo schon erfolgreich gelaufen sind. Wir haben im letzten Jahr das Genre Kabarett und Comedy neu aufgeladen und wollen es demnächst mit der neuen „Anstalt“ mit Max Uthoff und Claus von Wagner, einem neuen Format mit Urban Priol und zwei Sitcoms im Sommer 2014 mit Cordula Stratmann und Michael Kessler ausbauen. Die Neuverpflichtung von Christan Rach bringt sicher auch neue Markenkraft mit. Er kann etwas bewegen, weil er seine Inhalte aus innerem Antrieb heraus kreiert und glaubwürdig ist.

Und damit glauben Sie, die Probleme beim ZDF lösen zu können?

Wir müssen insgesamt Innovationsimpulse setzen. Gerade im Bereich Infotainment oder Factual Entertainment wollen wir anspruchsvolle Themen verständlich transportieren. Es gilt aber auch weiterhin, Innovationsimpulse über ZDFneo zu gewinnen. So ist unter anderem Jan Böhmermann ein großartiger Kollege, Produzent und Künstler: Wenn das Format bei ZDFneo mal eine lange Strecke durchhält, auf der etwas aufgebaut werden kann, dann ist der Schritt ins Hauptprogramm ein möglicher.

Trotz all dieser Bemühungen bleibt das ZDF mit einem durchschnittlichen Zuschaueralter von über 60 Jahren der „Kukident-Sender“ wie es die Privat-TV-Konkurrenz hämisch formuliert…

Zunächst einmal geht es nicht darum, die Älteren auszuklammern. Das ist ein großes Missverständnis! Die demografischen Entwicklungen sind bekannt. Es geht uns darum, die Jungen nicht völlig zu verlieren. Wir wollen die „aktiv Familienorientierten“ erreichen, und wir wollen die Gesellschaft abbilden. Es wird Programme geben, die tendenziell eher älter aber auch solche die jünger sind. Die Jungen sind auch Beitragszahler und haben ein Recht auf Angebote von uns.

Welche Funktion kann ein öffentlich-rechtlicher Sender heute überhaupt noch beim Thema Unterhaltung erfüllen?

Auch die Unterhaltung ist ein klar definierter Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Die Quotendiskussion ist deshalb gerade in der Unterhaltung wichtig, da sie der einzige objektivierbare Faktor ist. Jedoch bleibt der Spagat zwischen „Heute Show“ und „Willkommen bei Carmen Nebel“ mit seinen inhaltlichen wie zielgruppenspezifisch Unterschieden erhalten.

Unterhaltung ist immer auch eine Definitionsfrage. Wir werden die unterhaltende Information nutzen, um das auszugleichen, was die klassische Show nicht mehr in der gewohnten Breite liefern kann, also mehr Unterhaltung mit Haltung.

Wilfried Urbe
(MB 12/13_01/14)

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