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Mit neuen Miniserien auf nach Amerika

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Mit neuen Miniserien auf nach Amerika

Das TV-und Film-Produktionsunternehmens UFA, eine Tochter der RTL Group/FremantleMedia, hat seine Organisation gestrafft und will künftig alle Einzelaktivitäten unter der Dachmarke UFA vermarkten. Damit entfällt auch das Label „teamWorx“, das seit 2001 regelmäßig insbesondere mit großen TV-Events Furore machte, in Qualität und Quote. Der bisherige teamWorx-Chef und Erfolgsproduzent Nico Hofmann ist nun als Vorsitzender der Geschäftsführung der neuen Unit „UFA Fiction“ für alle höherwertigen fiktionalen TV- und Film-Produktionen verantwortlich – von Reihe & Serie über TV-Movies bis zu Events und Kinofilme. MEDIEN BULLETIN sprach ihm über seine neuen Ziele vor dem Hintergrund der Digitalisierung und der zunehmenden Globalisierung des TV-Marktes.

Herr Hofmann, Ihr ZDF-Event-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“, hat nicht nur in Deutschland für großes Aufsehen gesorgt, sondern wurde von Jan Mojtos Weltvertrieb Beta Film bis in die USA verkauft und hat beispielsweise schon im schwedischen und polnischen Fernsehen ein großes Publikum gefunden. Ist der internationale Erfolg zufällig oder geplant?

Zufällig ist der Erfolg sicher nicht. Für „Unsere Mütter, unsere Väter“ war von Anfang an eine sehr moderne Herangehensweise geplant. Wir wollten mit einer heftigen und naturalistischen Erzählweise eine ganz eigene Kraft entwickeln. In Bezug auf Ästhetik, Erzählrhythmus und die Kameraführung von David Slama hat es eine lange Diskussion mit Regisseur Philip Kadelbach gegeben. Jan Mojto war sich bereits nach Besichtigung der ersten Rohschnitte sehr sicher, dass der Event sich gut im internationalen Markt verkaufen wird. Was sehr positiv hinzukommt sind die hohen Einschaltquoten mit Marktanteilen von über 25 Prozent, die der Film, überall wo er schon in Europa gezeigt wurde, erreichte. Für ein Kaufprodukt ist das extrem hoch und ein tolles Resultat für ein deutsches Programm.

Ist der Weltvertrieb für Ihre Event-Produktionen wichtiger geworden und Ihre Zusammenarbeit mit Beta Film entscheidend?

Für mich war die Zusammenarbeit mit Jan Mojto schon immer extrem wichtig. Jan hat auch sehr früh in diesen Event-Bereich investiert, von der ersten Stunde an. Und der Bereich wird für uns immer wichtiger. Wir haben aufgrund des Erfolgs sehr viele Anfragen aus dem Ausland bekommen, von Amerikanern und Engländern, die mit uns koproduzieren wollen. Die Qualität der Arbeit von Deutschland heraus macht sich jetzt in unserem Bekanntheitsgrad weit über die Grenzen Deutschlands bemerkbar, wie der große internationale Response zeigt. Deshalb bleiben solche Projekte wesentlicher Bestandteil unseres Portfolios. Wir werden versuchen, zwei oder dreimal im Jahr die Projekte so zu drehen, dass sie stark auf den internationalen Markt fokussieren und eventuell auch in Englisch gedreht werden.

In der Vergangenheit gab es aber auch große Schwierigkeiten mit der Finanzierung von fiktionalen Event-Produktionen, so dass man von einem Zuschussgeschäft für Produzenten sprach. Hat sich das geändert?

Bei uns war die Event-Produktion noch nie ein Zuschussgeschäft. Wir haben noch nie produziert, ohne den uns zustehenden Gewinn und die Handlungskosten zu erwirtschaften. Wir machen auch weder Preis-Dumping im Markt, noch bieten wir Event-Produktionen billiger an als wir sie produzieren können. Wir würden auch niemals ein Event machen, nur um ein Event in unserem Portfolio zu haben. Das wäre völlig widersinnig, zumal wir sehr viele Events produziert haben und produzieren werden. Ein Event-Programm muss sich ganz klar auch durch die internationale Vertriebsfähigkeit rechnen. Jan Mojto würde auch niemals investieren, wenn das Geld nicht wieder in Form eines klaren Gewinns zurückkäme.

Ihr Chef Wolf Bauer hat teamWorx in der neuen Unit „UFA Fiction“ mit anderen UFA-Fiction-Labels zusammengeführt. Wird sich dabei die Relevanz und Ausformung der von Ihnen produzierten Events verändern?

Wir betreiben die Ufa-Fiction jetzt als Portfolio von den drei Firmen teamWorx, Phoenix und UFA Fernsehproduktion, die jetzt gleichberechtigt sind. Wir, Markus Brunnemann, Joachim Kosack und ich, haben eine sehr gute Aufgabenverteilung miteinander gefunden. Es läuft hervorragend. Und auch in der neu geschaffenen Unit werden die Events eine wichtige Rolle spielen. Allerdings möchten wir in Zukunft von den Zwei- oder Dreiteilern im Event-Bereich wegkommen und uns mehr auf die Produktion von historischen Miniserien konzentrieren. Man kann einen Achtteiler mittlerweile besser auf dem Weltmarkt verkaufen als einen Zwei- oder Dreiteiler. Trotz des internationalen Erfolgs von „Unsere Mütter, unsere Väter“ wäre der Weltvertrieb noch besser gelaufen, wenn wir die Produktion als Achtteiler konzipiert hätten. Deshalb denken wir über eine Konfiguration nach, wie wir aus der Biographie „Hitlers erster Krieg“ des renommierten Historikers Thomas Weber einen Vierteiler mit jeweils 120 Minuten machen können, den wir dann aufteilen in acht mal 60 Minuten für den Weltmarkt. Bei historischen Events stellt sich heute zunehmend die Frage, welcher Stoff und welches Konzept sich für eine solche Länge eignen. Da geht die Diskussion hin.

Sie selber haben vor einem Jahr in einem Interview die neue Fiction-Fusion unterm UFA-Dach mit der Frage verbunden: Wie verändert sich die Senderlandschaft im digitalen Geschäft und wie reagiert man als Produzent darauf? Was ist denn Ihre aktuelle Antwort?

Zuschauer haben in der veränderten Senderlandschaft eine riesige Auswahl an Programmen. Man kann in dieser Situation nur punkten, wenn man nicht den Mittelweg geht, sondern durch Relevanz auffällt. Es geht darum, eine Debatte unter den Zuschauern zu ermöglichen, die immer dann mitgehen, wenn sie in der Erzählweise auch eine neue Wahrhaftigkeit entdecken. In genau diese Richtung haben wir unsere letzten Erfolgsformate, wie beispielsweise „Der Turm“, ausgelegt. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist die digitale Verwertung. Ich bin überzeugt, dass die Möglichkeit, Programme jederzeit überall zu empfangen – etwa über Mediatheken – weiter zunehmen wird und auch von den Usern geschätzt werden wird. Wir Produzenten müssen uns deshalb gerade im Bereich der Miniserien um eine entsprechende Konfiguration der Programme bemühen…

Was meinen Sie damit konkret?

Die amerikanischen Online-Plattform Netflix hat beispielsweise mit House of Cards angefangen, komplette Serien ins Netz zu stellen, so dass sich die User alle Folgen auf einmal downloaden und hintereinander ansehen können. Was viele auch tun. Daran kann man ein komplett verändertes Sehverhalten erkennen, auf das wir und der gesamte Markt reagieren müssen.

Ist das nicht auch problematisch? Wer eine TV-Festplattenspeicherung in Deutschland hat, kann es ja auch hierzulande schon machen: eine viele Millionen teure, lang entwickelte Serie mal schnell wegkonsumieren – aber dann muss man auch wieder schnell Neues produzieren?

Ich sehe diese Entwicklung positiv. Die digitalen Veränderungen und Neuerungen hinsichtlich der Vertriebswege werden für Produzenten die Chance eröffnen, eine größere Palette an Programmen produzieren zu können. Wie in Amerika werden wir mit einer Online-Plattform wie Netflix oder einem Pay-TV-Anbieter wie Sky über eigengebaute Programme reden, die teils auch englischsprachig, aus Europa heraus gedreht werden und einen Berlin-Bezug aufweisen. Wir werden erleben, dass sich Online-Plattformen und Mediatheken auch in Deutschland immer mehr ausbreiten werden. Produzenten werden mit einer ganz neuen Vertriebslandschaft konfrontiert werden.

Bei Ihnen stehen historische Stoffe mit Berlin-Bezug im Mittelpunkt?

Wir fokussieren sehr stark auf den Themenbereich „Stunde null Berlin“, also vor und nach 1945. Das ist ein riesiges Themenfeld, in dem wir uns bewegen, weil sich auch die Amerikaner darin bewegen, was mit der damaligen Besatzung zu tun hat. Da geht es auch um Themenfelder wie „driven away by war“, die auch Relevanz für Amerikaner haben. Ich suche vorrangig nach Stoffen, die in beiden Ländern, Deutschland und Amerika, organisch spielen können.

Speziell im deutschen Feuilleton gelten die neuen HBO- oder Netflix-Serien wie beispielsweise „Homeland“ oder neue Serien aus dem skandinavischen Raum wie „Borgen“ als großes Vorbild. Auch für Sie?

Ich finde diese Serien gut, aber ich muss nicht unbedingt nach Skandinavien schauen. Wir haben mit unseren Produktionen auch weltweit herausragende Kritiken gekriegt. Da muss ich mich nicht hinten anstellen. Potentielle internationale Koproduzenten kommen jetzt auf mich zu, weil sie wegen der guten Qualität zusammen mit uns arbeiten wollen. Und ob „Homeland“ oder „Borgen“, das ist ja genau die Marschlinie, die ich selber verfolge. Wie gesagt: Wahrhaftigkeit mit radikalem Erzählansatz, der den Zuschauern auch mehr Komplexität zumutet, eine Realität, die an klassisches Hollywood angelegt ist und nicht an trutschiges deutsches Fernsehspiel von vor zehn Jahren. Die Dinge verändern sich massiv. In ein paar Jahren wird es auch in Deutschland immer mehr Programmanbieter wie Netflix im Online-Bereich geben, deren Angebote man sich problemlos für eine Abonnement-Gebühr aus der Mediathek herunterladen kann. Das kann man hierzulande auch schon bei Apple machen, und das wird zunehmen. Speziell dafür werden einige neue Programme entstehen.

Wo kommt dann das viele Geld für die neuen Qualitätsprogramme her – vom Benutzer, oder?

Man sieht in Amerika, mit welchen Summen schon heute hantiert wird. Es geht da um Serien-Produktionskosten mit Budgets von über 100 Millionen Dollar. YouTube hat begonnen mit eigenen Studiobetrieben in Burbank zu produzieren. Amazon produziert. Der ganze Online-Bereich fängt plötzlich an zu produzieren, und da steckt überall viel Geld drin. Diejenigen werden das Rennen machen, die die größten Abonnentenzahlen haben, und die, die das Spiel von Anfang an in die richtige Richtung treiben. Netflix ist jetzt schon bei der vierten komplett eigenproduzierten Serie angekommen und durch die Weiterverbreitung dieses seriellen Angebots in der ganzen Welt rechnet sich das auch.

Welche Zielgruppe wird mit solchen Angeboten angesprochen? Leute mit viel Geld, mit guter Bildung oder mit einer besonderen Liebe zum Film?

Der gesamte Markt differenziert sich zurzeit aus. Es bleibt auch das ältere Publikum, das sich nach wie vor an den tradierten Programmen festhält, was sich in der Demoskopie der Programme widerspiegelt. Wenn man aber Event anbietet, hat man immer auch eine große bildungsstarke Schichtung. Die Zuschauerzusammensetzung bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ war so, dass – um es aus Sicht der Werbung zu sagen – alle Wunschkandidaten drin waren: Bildung, sehr gut verdienende Familien, gleichzeitig auch sehr junge User aber auch hin bis zu 50 und 60-Jährigen, die sich quasi als Cineasten jetzt im Fernsehbereich tummeln und sich auch für neue amerikanische oder skandinavische Serien begeistern. Und die müssen wir natürlich behalten oder zurück erobern. Was man auch kann.

Ihre Vertriebsvision ist auf neue Online-Plattformen gerichtet, die in den USA schon erfolgreich sind, aber in Deutschland noch eher in den Startlöchern stecken. Welche Rolle spielen denn aktuell die großen privaten Sender für Sie als Auftraggeber, die im Vergleich zu früher nicht mehr so viel in fiktionale Qualitätsprogramme investieren?

Das sehe ich gegenteilig. Ich führe zurzeit extrem positive Gespräche mit RTL, und wir haben für Sat.1 die Christian Wulff Affäre in Arbeit, nachdem wir bereits „Der Minister“ (Komödie mit Anlehnung an Karl-Theodor zu Guttenberg, d. Red.) gemacht haben. Ich sehe keinen Qualitätsverfall. Vielmehr geht es darum, dass sich der Markt aufmischen wird, und die großen tradierten Sender sowohl untereinander aber auch – siehe Amerika – mit den neuen Anbietern konkurrieren müssen. Dann stellt sich die Frage, welches Programm passt am besten wohin?

Lange Jahre war der Kinofilm in Sachen Production Value selbst gegenüber fiktionalen TV-Qualitätsproduktionen überlegen, wegen der großen Sorgfalt im Gesamtaufwand wie beispielsweise in der Ausstattung. Gilt das noch in digitalen Zeiten?

Beim Gesamtaufwand gibt es keinen großen Unterschied mehr zwischen Kinofilm und fiktionalen TV-Produktionen. Es sind dieselben oder ähnliche Kameras, die eingesetzt werden. Wegen der großen Bildschärfe in der digitalen Produktion, die alles sichtbar macht, kommt man um eine sorgfältige Ausstattung gar nicht mehr herum. Ich habe „Unsere Mütter, unsere Väter“ mehrfach auch über den großen Screen gesehen und keinen Unterschied entdecken können. Bei unseren TV-Produktionen wird genauso präzise und sorgfältig gearbeitet wie bei Kinoproduktionen wie beispielsweise „Jesus liebt mich“ oder „Der Medicus“.

Großer internationaler Erfolg für „Unsere Mütter, unsere Väter“ bis rein nach Amerika. Aber kann die deutsche Filmproduktion mittel – und langfristig mit Hollywood mitziehen?

Unter anderem habe ich – wie erwähnt – Anfragen von amerikanischen Networks, die Interesse an Kooperationen mit uns haben. Es gibt einen enormen Bedarf für neue Filmproduktionen. Die Welt wächst auch hinsichtlich der Filmproduktion enger zusammen – und das macht bei vielen Stoffen auch Sinn. Nach meiner Beobachtung wird es zum einen in Europa ein stärkeres Zusammenwachsen geben. Wir werden mehr europäische Koproduktionen kriegen. Und auch mit Amerika kann es eine engere Zusammenarbeit geben. Es sind international organische Stoffe gefragt, die zu mehreren Ländern passen.

Ist die vor einem Jahr von Wolf Bauer angekündigte Umstrukturierung der UFA jetzt eigentlich abgeschlossen?

Die Umstrukturierung ist abgeschlossen. Wolf Bauer wird alle Ergebnisse im Einzelnen publik machen.

Seit der Ankündigung haben ja einige profilierte Produzentenpersönlichkeiten nicht nur die UFA, sondern auch die Tochterfirma teamWorx verlassen …

Dass Sacha Schwingel, der aus seinem Studium heraus zu teamWorx kam, jetzt zur Degeto geht, verstehe ich gut, weil er nach 15 Jahren gerne etwas anderes machen will. Und auch mit Ariane Krampe ist die freundschaftliche Verbindung in voller Energie erhalten geblieben. Sie wünscht sich aber eine kleinere Einheit, in der sie arbeitet, und hat Michael Souvenier („Das Wunder von Lengede“; „Contergan“) gefunden – das ist auch eine sehr schöne Verbindung. Wer dem für mich familiären teamWorx-Feeling nachtrauert, mag weniger zufrieden mit der jetzt größeren Struktur sein.

An unserem Portfolio und unserer Qualität hat sich aber nichts geändert, ganz im Gegenteil: Gerade das Miteinander aller Talente der UFA Fiction macht den exzellenten Marktauftritt aus.
Erika Butzek
(MB 09/13)

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