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Modernes, digitales Content-Unternehmen

Das Hauptprogramm des ZDF mag für viele immer noch ein „Kukident-Image“ haben. Doch ZDF-Intendant Markus Schächter hat dem bisherigen „Einkanalsender“ eine Digitalstrategie verordnet, die auch als Jungbrunnen erfolgreich sein soll. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen erhält in letzter Zeit zudem verstärkt Rückendeckung durch die Politik. MEDIEN BULLETIN sprach mit dem ZDF-Intendanten über die digitale Zukunft des Mainzer Senders, die ARD/ZDF-Finanzierungsreform und die aktuellen Wettbewerbsbedingungen im deutschen TV-Markt.

Die Ministerpräsidenten haben am 9. Juni beschlossen, ab 2013 die Rundfunkgebühr durch eine Haushaltsgebühr zu ersetzen. Damit soll die Rundfunkfinanzierung nach einer Grundidee des Staatsrechtlers Paul Kirchhof reformiert werden.
Die FAZ beispielsweise mäkelte schon im Vorfeld der Entscheidung, das sei „Freibier für alle Öffentlich-Rechtlichen“. Während alle anderen in den harten Zeiten der Wirtschaftskrise sparen müssten, lebten ARD und ZDF weiterhin in paradiesischen Verhältnissen, zumal auch das von vielen geforderte Werbeverbot für ARD/ZDF vorerst nicht realisiert wird. Bleibt das ZDF eine sparfreie Zone?
Das ZDF hat erhebliche Sparanstrengungen hinter sich – denn die paradiesischen Zustände, von denen Sie sprechen, gibt es so nicht. Das ZDF hatte in den 90er Jahren dramatische Einnahmeverluste bei der Werbung aufgrund der neuen Konkurrenz durch die kommerziellen TV-Sender. Der Anteil der Werbeeinnahmen am Budget hat sich von damals 40 auf heute knapp sechs Prozent reduziert.

Hinzu kam, dass in den letzten Gebührenperioden die Anhebung der Rundfunkgebühren immer unterhalb der normalen Inflationsrate lag. Und das in einer Branche, in der Preissteigerungen, etwa im Rechte- oder Technikbereich, oft bei fünf bis sechs Prozent liegen. Auch der Ausbau unserer Digitalkanäle ist ohne zusätzliche Gebühren erfolgt. Jeden Euro, den wir dort investieren, müssen wir an anderer Stelle einsparen. Ich jammere darüber nicht, aber mich ärgern die realitätsfremden und böswilligen Attacken, die Sie in Ihrer Frage zitieren.

Große Sport-Events wie die aktuelle Fußball WM gehören zu den attraktivsten Inhalten des Fernsehens. Sie haben aber auch einen so hohen Lizenz-Preis, den sich offensichtlich nur ARD und ZDF leisten können? Private Sender beklagen, dass ARD/ZDF selbst ungenutzte Sport-Lizenzen dem Markt vorenthalten …
Die Preise, die heute für herausragende Sportveranstaltungen aufgerufen werden, sind erst durch die Kommerzialisierung des Sports und durch den Wettbewerb kommerzieller Anbieter in die Höhe getrieben worden.
Die TV-Rechte der aktuellen Fußballweltmeisterschaft verteilen sich im übrigen bereits auf ARD, ZDF, Sky und RTL. Viele andere Top-Wettbewerbe, etwa Formel 1, Champions- oder Euro-League sind schon lange nicht mehr bei ARD und ZDF. Und nicht genutzte Senderechte an Sportereignissen bieten wir regelmäßig und meist ergebnislos Dritten zur Sublizensierung an.

Thema ZDF-Digitalstrategie. Sie sind im letzten November in New York mit dem internationalen Emmy Directorate Award ausgezeichnet worden. Die Jury würdigte damit insbesondere Ihr herausragendes Management in Bezug auf eine weitsichtige Digitalstrategie für das ZDF. Können Sie diese bitte beschreiben?
Wir haben die Digitalisierungsstrategie des ZDF vor gut acht Jahren begonnen und seitdem kontinuierlich angepasst und weiterentwickelt. Auf dem eingeschlagenen Weg haben wir viel erreicht. Die ZDF-Mediathek ist ein beispielhaftes Videoportal, das wir kontinuierlich optimieren.
Wir bauen unsere Digitalkanäle aus und haben im vergangenen Jahr mit dem Start von ZDFneo eine vielbeachtete neue Marke etabliert. Der ZDFtheaterkanal wird zu einem modernen Kultursender umgebaut, der im kommenden Jahr an den Start geht. Wir senden seit Februar in HD. Das ZDF ist nicht mehr der alte Einkanal-Sender, sondern ein modernes, digitales Content-Unternehmen.

Auf welchen ZDF-Sendern wird in HDTV gesendet und inwieweit sind die Produktionsprozesse und das Programmvermögen bereits auf HDTV umgestellt?
Das Hauptprogramm wird seit den Olympischen Winterspielen in Vancouver parallel in HD-Qualität ausgestrahlt. Weitere Angebote werden in den nächsten Jahren folgen. Es wird noch einige Zeit dauern, bis der komplette Produktionsbetrieb umgestellt ist. Auch kommen viele Programmzulieferungen von außen noch im alten SD-Format. Deshalb können wir derzeit nur einen Teil unseres Programms in nativem HD ausstrahlen: die meisten fiktionalen Programme, viele Dokumentationen und Sportübertragungen. Die anderen Programmbereiche werden in den nächsten Jahren schrittweise umgestellt.

Kaum ist HDTV Betriebsrealität ist 3D auch für TV in aller Munde. Gibt es beim ZDF Pläne dafür?
3D ist derzeit vor allem ein Marketingthema der Unterhaltungselektronik-Branche. Die Technologie ist inzwischen ausgereift, aber noch immer abhängig vom Einsatz sogenannter Shutterbrillen. Damit sieht man vielleicht einen Kinofilm, aber kein Fernsehprogramm. Außerdem sind 3D-Produktionen noch Mangelware.
In den nächsten Jahren wird 3D erst einmal im Kino und im Home Cinema Einzug halten. Ich gehe zwar davon aus, dass in Zukunft auch im TV-Bereich 3D-Technologie eingesetzt werden wird. Der erste und nächstliegende Schritt ist aber zunächst die Einführung der HD-Technologie, die ihrerseits Voraussetzung jeder 3D-Anwendung ist. Wir beobachten die Entwicklung und werden uns sicher an Pilotprojekten beteiligen. Weitere Planungen gibt es aber nicht.

Die Programmqualität vom digitalen Spartensender ZDFneo, mit dem Sie vor allem jugendliche Zuschauer für das ZDF gewinnen wollen, ist bei Start von Kritikern hoch gelobt worden. Doch der Marktanteil ist mit 0,2 Prozent noch eher marginal. Woran liegt es?
Noch ist die Reichweite aufgrund des schwachen Digitalisierungsgrades in unserem Land begrenzt. Nur etwas mehr als 40 Prozent der Haushalte können die Digitalkanäle technisch empfangen. Die Einführung von HD, die anstehende Abschaltung der analogen Satellitenausstrahlung und die Entwicklung der Empfangsgeräte wird aber die Digitalisierung beflügeln. Mit ZDFneo haben wir eine hervorragende Plattform für Angebote, die gezielt jüngere Menschen ansprechen. Mit der bisherigen Entwicklung bin ich sehr zufrieden. Der Marktanteil wurde in den ersten Monaten verdoppelt. Wir brauchen Zeit, aber wir sind auf dem richtigen Weg.

Wie der von Ihnen schon erwähnte Theaterkanal soll auch der Infokanal im Sinne einer digitalen ZDF-Senderfamilie umgebaut werden. Was ist konkret zu welchen Zeitpunkten geplant?
Der ZDFinfokanal befindet sich in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess. Von der alten Schleifenprogrammierung sind wir schon lange abgekehrt. Er ist kein Nachrichtenkanal, sondern ein Informationsangebot, das neben Aktualität auch vielfältige Hintergrundinformationen, zum Teil auch in eigens produzierten Formaten – wie etwa „Wirtschaftswunder“ - anbietet.

Welche Akzeptanz mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten hat die von Experten viel gerühmte ZDF-Mediathek mittlerweile in welcher Zielgruppe erreicht?
Unsere Mediathek ist eine Erfolgsstory. Wir erreichen mit den Video on Demand -Angeboten ganz andere Publikumsschichten. Vor allem jüngere Menschen nutzen Medien heute mit Vorliebe zeitsouverän.
Viele werden etwa über soziale Netzwerke mit bestimmten sie interessierenden Inhalten auf unseren Seiten verlinkt. Neben Nachrichten und Serien sind vor allem Kabarett und Comedy sowie Dokumentationen stark nachgefragte Angebote der Mediathek.

Wie haben sich die Drei-Stufen-Tests bislang auf das Online-Angebot vom ZDF ausgewirkt. Und: Werden diese recht bürokratischen Überprüfungen bleiben oder ist eine einfachere Lösung in Sicht?
Die Drei-Stufen-Tests für die bestehenden Telemedienangebote stehen kurz vor ihrem Abschluss. Sie werden im Ergebnis dazu führen, dass viele Angebote, die früher dauerhaft in der Mediathek verfügbar und abrufbar waren, künftig nur noch innerhalb begrenzter Fristen bereitgestellt werden dürfen. In Vorbereitung auf die anstehenden Restriktionen haben wir bereits mehr als 110.000 Online-Seiten aus dem Angebot des ZDF entfernen müssen. Für Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich für länger zurückliegende Sendungen oder Informationen interessieren, dürfen wir diese dann leider nicht mehr anbieten. Die Frage, wie sich das Drei-Stufen-Verfahren nach den Erfahrungen der ersten Durchgänge künftig entwickeln wird, kann nur von den zuständigen Gremien beantwortet werden. Der bisherige Eindruck ist in der Tat, dass Aufwand und Kosten erheblich sind.

Die Präsentation des neuen virtuellen Nachrichtenstudios ist vielfach – auch intern – auf Kritik gestoßen. Was bleibt, wo wird optimiert?
Wir setzen Möglichkeiten der virtuellen Grafikdarstellung im neuen Studio gezielt ein, um komplizierte Zusammenhänge aus dem aktuellen Nachrichtengeschehen verständlich und nachvollziehbar aufzubereiten. Die Medienforschung hat in mehreren Untersuchungen herausgefunden, dass unser Publikum gerade diese grafischen Erklärmodelle im neuen Studio besonders schätzt. Im Detail müssen wir noch das eine oder andere verbessern. Zurzeit werden die Vorspänne von „heute“ und „heute journal“ überarbeitet.

Sie haben auf den letzten Mainzer Fernsehtagen im März festgestellt, „dass im Web und durch das Web eine schleichende Tendenz zu Para- oder Pseudojournalismus ihre Chance findet“. Vor diesem Hintergrund haben Sie in Richtung Zeitungsverleger gefordert, dass Qualitätsmedien im Internet an einem Strang ziehen sollten. Können Sie bitte konkret erläutern, wie das gehandhabt werden könnte?
Es war ein Gesprächsangebot, das ich in dieser Form nicht zum ersten Mal gemacht habe. Ich muss allerdings feststellen, dass sich die Zahl der Verleger, die darauf eingehen, in überschaubaren Grenzen hält. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, dass die Bestandssicherung eines professionellen und hochwertigen Journalismus in unserem Land eine gemeinsame Aufgabe aller verantwortungsbewussten Medien ist und bleibt.

Ihr offensichtliches Ziel ist es, den publizistischen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in die digitale Zukunft zu transferieren und seine gesellschaftspolitische Bedeutung zu erhalten. Gibt es aus Ihrer Sicht spezielle medienpolitische oder andere Hindernisse, die das Ziel torpedieren könnten?
Ich bin fest davon überzeugt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch in der digitalen Welt eine wichtige Rolle spielen wird. Vielleicht sogar eine größere als bisher. Viele Länder dieser Welt beneiden uns um unsere Medienlandschaft, denn ein von der Gesellschaft getragenes Rundfunksystem bietet ein unabhängiges und hochwertiges Angebot, das unter marktwirtschaftlichen Voraussetzungen in der Breite und Vielfalt nicht entstehen würde. Das zeigt ein Blick in die Länder, die keinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben.
Erika Butzek
(MB 07/10)



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