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Multidimensional Flagge zeigen

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Multidimensional Flagge zeigen

Robert Skuppin, Senderchef des renommierten Berliner radioeins vom rbb, möchte das erfolgreiche Hörfunk-Magazin „Der schöne Morgen“ mit einer parallelen Ausstrahlung im regionalen Fernsehen und Livestreams ergänzen und so eine innovative „multimediale Morning-Show“ kreieren: Live auf Basis smarter Produktionstechnologie. Aber klappt das auch? Will der rbb das?

„Bloss nicht langweilen“. Die öffentlich-rechtlichen Programme in Berlin-Brandenburg sollen mutiger, frecher und kantiger werden und dabei mit relevanten Inhalten auftrumpfen. Das hat rbb-Intendantin Patricia Schlesinger als Losung herausgegeben. Als sie kurz nach ihrem Amtsantritt im Juli 2016 gefragt wurde, ob es beim rbb bereits ein innovatives Programm ganz nach ihren Vorstellungen gibt, hob sie nicht etwas Sichtbares, sondern etwas Hörbares hervor: Auf radioeins, so wusste Schlesinger, würden alle anderen ARD-Anstalten „neidvoll“ blicken. Warum?

radioeins ist ein „Metropolen-Sender“, der konsequent alle Vorteile zu nutzen versucht, die Berlin sowohl in seiner Funktion als Bundes- wie als Kulturhauptstadt besitzt, erklärt radioeins-Chef Robert Skuppin. In keiner anderen Stadt Deutschlands seien so viele Politiker unterwegs. Nirgendwo sonst haben so viele Kreative ihren Wohnsitz. Ob Filmschaffende, Musiker, Literaten, Publizisten, Journalisten, Wissenschaftler oder Influencer und Experten verschiedener Branchen, sie alle sind direkt vor Ort oder werden als aktuelle Gäste der Region vor das Mikrophon geholt. Das klappt gut. Denn viele von ihnen gehören mittlerweile selber zu den radioeins-Hörern. Die Radiowelle hat sich auch weit über die Hauptstadtregion „einen hohen Bekanntheitsgrad und einen Vertrauensvorschuss erarbeitet“, betont Skuppin nicht ohne Stolz. Und dieses Kapital wolle radioeins auch im linearen Fernsehen nutzen.

Zwar nimmt radioeins Musik als Programmelement akribisch wichtig. Im Unterschied zu anderen Radiowellen wird radioeins aber speziell in der Radio-Prime-Time, in der von 5 bis 10 Uhr das Magazin „Der Schöne Morgen“ läuft, von den Hörern nicht primär wegen der Musikfarbe, sondern wegen seiner Moderatoren, Kommentatoren und seiner ernsthaften, aber lockeren Beschäftigung mit verschiedensten Themen von Regional- und Bundespolitik über Kultur bis Lifestyle eingeschaltet, weiß Skuppin. Wofür das Sender-Motto „Nur für Erwachsene“ stehe. Eine Haltung, die den Kern der Marke radioeins ausmache, und die er als zweistündiges Zeitfenster von 7 bis 9 Uhr im Regional-TV vom rbb sichtbar machen möchte – einschließlich des Infotainments und der teils satirischen Unterhaltung, die bei radioeins mit zum Programmkonzept gehört. Bislang werden in dem avisierten Time Slot vom rbb, wie es üblich unter den Dritten der ARD ist, Wiederholungen von Serien aus dem Programm des Ersten gezeigt. Diese Wiederholungen sind Lückenfüller, ohne nennenswerte Quoten und Akzeptanz. Warum also nicht besser mit der multimedialen Morning-Show ein originär vom rbb gestaltetes informatives und unterhaltsames Regionalprogramm zeigen, zumal ein Großteil der redaktionellen inhaltlichen Leistung von radioeins schon vorgelegt ist? „Speziell am Morgen ist gerade die regionale Information auch mit Überschneidungen in das Nationale wichtig“, argumentiert Skuppin. Serviceorientiert stellt er sich vor, dass die Menschen in der Region „nach individuellen Bedürfnissen und Mediennutzungsverhalten entscheiden können, welche medialen Kanäle sie nutzen“, ob Radio oder TV. Sein Ziel sei, „möglichst alle medialen Kanäle zu bespielen. Das ist entscheidend“, meint er. Er geht davon aus, auf diese Weise die Stammklientel der Marke „radioeins“ erweitern zu können. Wer dann beispielsweise von den radioeins-Usern zuhause den „Schönen Morgen“ als TV erlebe, könne wenn er mit dem Auto los zur Arbeit müsse, die Berichterstattung weiter mobil im Auto verfolgen. 

Zudem soll die audiovisuelle multimediale Morning-Show auch eine andere traditionelle Grundidee der Radiowelle transportieren: das „Live-Erlebnis“. Und das hat Skuppin in jüngerer Vergangenheit auch unabhängig von Radio, TV und Video-Livestreams mehr und mehr als Events ausgebaut und die Radiowelle so auch immer sichtbarer gemacht. radioeins lädt nicht nur ein zur „schönen Party“, zu Parkfesten, zu speziellen Musik-Events, sondern veranstaltet auch beispielsweise Lesungen mit internationalen Literaten, bei denen das Publikum Schlange steht. Zum 20. Senderjubiläum hat Skuppin den Live-Event-Charakter für mehrere Monate auf die Spitze getrieben und etliche Formate live vor Publikum von der rbb-Dach-Lounge in der Masurenallee in Berlin anstatt aus dem angestammten Studio in Potsdam-Babelsberg gesendet. Auch das war ein großer Publikumserfolg. Gleichzeitig wurden bei dieser Gelegenheit verstärkt Video-Livestreams realisiert. Wobei eine Woche lang die avisierte multimediale Morning-Show im Fokus stand, um eine potentielle Bildgestaltung auch für TV auszuprobieren. Gretchenfrage: Wie lässt sich ein Radio-Live-Magazin in das Bildmedium Fernsehen übersetzen? Hierzu haben die Streams von der „Schönen-Morgen“-Show in der Dachlounge des rbb Skuppin zu einigen Erkenntnissen geführt.

Einerseits sei klar geworden, „dass wir inhaltlich, mit den Themen die wir morgens im Radio haben, auch im Fernsehen punkten können. Das könnte funktionieren“. Ebenso positiv hätte der Versuch ergeben, dass bestimmte dramaturgische Probleme einer Parallel-Ausstrahlung in Radio und TV gelöst werden können. Zum Beispiel, was man im TV zeigt, wenn im Radio Musik läuft. Auch seine Befürchtung, so Skuppin, dass der zusätzliche TV-Auftritt der Qualität im Radio schaden könnte, sei nicht eingetreten. Im Gegenteil: Auch im Radio sei es besser, wenn ein Gast nicht telefonisch, sondern live anwesend sei. Andererseits: Was man auf Anhieb nicht geschafft habe, sei, „solche Bilder zu produzieren, die man im Fernsehen gut findet“. Es seien dann doch Bilder entstanden im Sinne von „bebildertem Hörfunk“ und nicht solche Bilder, mit der man die avisierte multimediale Dimension verwirklicht hätte. „Das ist unser Hauptproblem“, räumt Skuppin ein: „Wie finden wir eine Bildgestaltung, die ohne die übliche Inszenierung wie beispielsweise beim klassischen Frühstücksfernsehen auskommt und die zur Marke radioeins passt?“ Durchaus hat Skuppin einige Vorstellungen dazu nach dem Muster von BBC oder einer belgischen Show. Man könnte eine Art Werkstatt-Atmosphäre als Kulisse für ein neues multimedial verwendbares Studio schaffen, mit der man die „Spontanität vom Radio“ ins TV mitnehmen könnte. Man könnte eine Küche als Kulisse bauen, wohnlich oder im Gastro-Stil. Man müsste überlegen, ob man die Gäste zu einem Frühstück mit Croissants und Orangensaft lädt, und ob die Kulisse mit oder ohne Publikum angelegt sein soll. Fragen über Fragen bis hin zur optimalen Beleuchtung, die ungewohnt für einen Hörfunk-Mann wie Skuppin sind, weil im Radio doch die Bilder im Kopf und nicht auf einem Bildschirm entstehen. Und dann kommt noch die spezielle TV-Technik hinzu. Da setzt Skuppin ganz klar auf smarte Produktionstechnologien. Denn sicher ist: Nur wenn das Experiment so preiswert wie möglich ist, wird Intendantin Schlesinger grünes Licht für die parallele Nutzung des regionalen rbb-TV-Kanals geben. Zwar ist Schlesinger innovationsorientiert, aber sie sei auch ein Sparkommissar, wie der Spiegel sie kürzlich im Vergleich zu anderen ARD-Intendanten lobte. 

Also, davon geht Skuppin aus, müsste seine TV-Morning-Show ohne großen Technikpark realisiert werden. Kein Ü-Wagen, kein aufwändiges Kamera-Equipment, nur kleine Kameras wie HD-fähige Smartphones, kleine Mischpulte und dennoch prima Bild und prima Ton. So ungefähr stellt es sich Skuppin vor. Aber ist das auch realistisch? Eine Frage, die sich Skuppin selber stellt. Er weiß: „Die alte Medienwelt hat Probleme mit der neuen Welt. Da streiten sich Philosophien miteinander“. Manche der TV-Versierten sagten, wie Skuppin erzählt, „man könne es ja mal ausprobieren“. Aber viele meinen, so eine Vorstellung könne nur jemand haben, der keine Ahnung von TV habe. Es gebe nur wenige Anwendungen, für die ein Smartphone in Frage käme. Und, es wird ihm gesagt: „Die große Show wirst du nie mit dem Smartphone machen können. Niemals!“ Woraus Skuppin folgert: „Wir brauchen Leute, die mit dem Bild umgehen können, die aber nicht philosophisch in einer Welt gefangen sind, die Innovationen verweigert und sagt: Vergiss es mal. Es geht nur so wie es immer war“.

Seine Idee, davon ist Skuppin überzeugt, habe „viele innovative Ansätze“. Genau das aber mache das Projekt komplex. Skuppin fasst zwei wesentliche Aspekte zusammen. Erstens: „Wir brauchen Innovation im Technikbereich, weil wir anders produzieren müssen als das rbb Fernsehen im Augenblick produziert. Das ist klar. Das ist ein technologisch-innovativer Ansatz, der dringend notwendig ist. Zweiter Punkt ist, dass dies nicht reicht. Wir brauchen jenseits der smarten Produktion als technologische Innovation trotzdem eine Bildgestaltung, die innovativ ist. Eine Bild-Idee, die mit dem Format zu tun hat“. 

Aber bleibt nicht trotz aller in der Vergangenheit viel beschworener Medienkonvergenz jedes Medium in seiner Machart und Nutzung autonom, das Radio, das Fernsehen, das zusätzliche Online-Streaming und auch die Zeitung? Warum braucht radioeins noch ein Spielbein im visuellen Bereich? Das habe mit dem Wandel der Medienlandschaft zu tun, antwortet Skuppin: „Die Medienlandschaft hat sich atomisiert“. Im Audiobereich gibt es neben Hörfunk mittlerweile auch die Webradios, Online-Streams, spezielle Dienste wie Spotify und neuerdings – angetrieben von Amazon Audible – auch wieder Podcasts. Im visuellen Bereich sind neben TV und Kino neue Online-Dienste wie Netflix und Amazon Prime getreten. Ganz abgesehen davon, dass sich die medialen Einzelangebote auch aus dem Print-Bereich heraus mannigfach vervielfältigen. Und mobil, wie der Digitalverband Bitkom kürzlich meldete, stehen sechs Millionen Apps zur Verfügung, die man heute auch zu den Medien zählt. In Folge des medialen Überangebots hat sich eine Unübersichtlichkeit und Zersplitterung ergeben. Vor diesem Hintergrund hält es Skuppin für sinnvoll, mit einer Marke wie radioeins „multidimensional Flagge“ zu zeigen, „um über verschiedene Ausspielkanäle die Positionierung unserer Themen von Live-Veranstaltungen, über Hörfunk, Fernsehen, Podcast bis zu Livestream zu bündeln und an die individuellen Bedürfnisse der Mediennutzung anzupassen“. Warum aber will Skuppin unbedingt auch ins lineare Fernsehen rein, würde nicht ein Video-Livestream völlig reichen? Livestreams wenden sich auch heute noch primär an Nerds und die Nutzungsquoten erreichen weder die Reichweiten-Kraft von Radio noch von TV, weiß Skuppin. Selbst die Streams der Tagesschau kommen nicht einmal annäherungsweise an die Quoten des klassischen TV heran. 

Wer viele Ideen mit großer Netzwerk-Power durchsetzt, was Skuppin allein für den Hörfunk realisiert hat, braucht auch mal eine Erholungspause. Also nimmt Skuppin ab Mai ein halbjähriges Sabbatical wahr. Bis dahin bereitet er kleine Aufgaben-Pakete für sein Team vor, auch hinsichtlich der smarten TV-Idee, die eigentlich nicht zu seinem und dem Aufgabenbereich seines Radio-Teams gehören. Er will dem rbb eine Konzipierung vorlegen, aufgrund dessen eine Entscheidung gefällt werden kann. Dafür oder dagegen? Wenn ja, mit welchem Budget und mit welchem Mitarbeiterstab? Will man das TV-Experiment, das vom Radio angestoßen wird, wagen? Ob es klappt und erfolgreich wird, weiß man nicht. Wie immer im Leben ist man erst hinterher klüger.                                                          

Erika Butzek

MB 1/2018

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