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Nirgendwo Probleme

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Nirgendwo Probleme

Die Digitalisierung des Broadcastbereichs ist nahezu abgeschlossen. Was waren ihre wesentlichsten Etappen, die gravierendsten Veränderungen – neben Bild- und Tonverbesserung – mit welchen Auswirkungen auf Produktionsprozesse, Kosten und Arbeitsplätze? Und welche Technologien sind aktuell im Trend? MEDIEN BULLETIN sprach darüber mit ZDF-Produktionsdirektor Dr. Andreas Bereczky.

Digitalisierung als schickes Modewort wird gerne mit „Disruption“ verbunden. Gibt es auch im ZDF eine Disruption?

Ja, die liegt bei uns 15 Jahre zurück. Das war der Wechsel von analoger auf digitale TV-Produktion und -Verbreitung.

 

Der Wechsel war doch keine „Zerstörung“, wie es der BegriffDisruption suggeriert …?

Disruption bedeutet nicht unbedingt Zerstörung, sondern dass alles weiterläuft, aber anders als vorher. Die Folge für das ZDF, Ende der 90er- und Anfang der Nuller-Jahre war, dass wir das analoge Know-how der Mitarbeiter durch digitales Know-how ersetzen mussten, um die digitale Signalproduktion beherrschen zu können. Das war doch ein disruptiver Prozess.

 

Sie haben als Produktionsdirektor beim ZDF seit 2004 die Digitalisierung vorangetrieben. Gibt es in Ihrem Bereich heute mehr oder weniger Arbeitsplätze als damals?

Beim ZDF sind Arbeitsplätze abgebaut worden, aber nicht wegen digitaler Technologien, sondern weil die KEF entsprechende Vorgaben gemacht hat. Die Digitalisierung hat einerseits interne Arbeitsprozesse in der Produktion sehr stark verändert. Sie hat aber andererseits auch zu neuen Aufgaben und einem größeren Arbeitsaufwand geführt. Durch die Digitalisierung der Verbreitungswege haben wir heute zehn mal mehr Wettbewerbs-Programme als vor 20 Jahren. Alle wollen gesehen werden! Und mit der Digitalisierung kam auch das Internet als neuer Verbreitungsweg dazu.

 

Und es gibt neue Berufe?

Im Laufe der letzten 15 Jahre sind im Bereich der Fernsehproduktion aufgrund der Digitalisierung neue Berufsgruppen entstanden, aber auch die Notwendigkeit zusätzlich neue Fähigkeiten zu erwerben, die mit der Digitalisierung verbunden sind. Den klassischen Fernsehtechniker, den es früher gab, gibt es nicht mehr. Wir haben es durchweg mit computerbasierten Produktionsprozessen zu tun, für deren Beherrschung alle unsere Mitarbeiter entsprechendes Know-how benötigen. Von der Bildgestaltung bis zur Programmverbreitung.

 

Kommerzielle Medien und Politik fordern von den Öffentlich-Rechtlichen mehr Sparsamkeit …

Es geht vor allem um mehr Effizienz. Wir wollen mit den gleichen Ressourcen mehr produzieren und den Bürgern mehr attraktive Dienste zur Verfügung stellen. Das ZDF hat dies auch gut umgesetzt. Die Digitalkanäle sind erfolgreich etabliert worden und neue Online-Dienste wurden über das Internet dem Publikum angeboten. Diese Dienste waren in der analogen Zeit nicht vorhanden. Da wir in dieser Zeit kein Personal aufgebaut, sondern bei Aufrechterhaltung der Dienste seit 2010 sogar zurückgefahren haben, ist dies eine Effizienzsteigerung.

 

Mehr Effizienz wollen Sie derzeit offensichtlich auch durch den Einsatz IP-basierter Produktionstechnologien und den Einsatz von Cloud-Technologie erreichen?

IP-basierte Produktions- und Cloud-Technologien sind jetzt noch in der Anfangsphase und auch für uns noch neu. Die Digitalisierung in der Produktion war bislang nicht mit IP-Technologien verbunden. Wir führen einige Pilotprojekte durch. Zum Beispiel die Einführung der Microsoft-Office365 auf Cloud-Technologie. Wir haben auch eine Kooperation mit SAP, um unsere SAP-Systeme auf Cloud-Technologie von SAP zu setzen und auszulagern. Und es gibt erste Überlegungen, mittelfristig unser Archivmaterial in der Cloud zu sichern. Unsere Erwartung in den Pilotprojekten richtet sich aber nicht nur auf mehr Effizienz, sondern auch auf Vorteile hinsichtlich mehr Kollaboration der Mitarbeiter untereinander. Eine bessere Kommunikation untereinander und eine höhere Mobilität in Bezug auf die Arbeitsweise sind von Vorteil für das ZDF.

 

Digitalisierung im Medien- und speziell im TV-Bereich ist ein weites Feld hinsichtlich Produktion und Distribution. Aber was war und ist die gravierendste Veränderung durch Digitalisierung?

Das Internet, natürlich. Es steht im Mittelpunkt der Digitalisierung und hat sich ab den 90er Jahren in der Bevölkerung und den Medien immer weiterverbreitet. Mit den im Netz aufkommenden neuen Wettbewerbern, die nicht nur technologisch, sondern auch ökonomisch relevant sind, sind auch neue Geschäftsmodelle entstanden. Die Etablierung des Internets mit der Digitalisierung im Broadcastbereich hat den Wettbewerb durch neue Angebotsformen – Interaktivität, nonlineare Verbreitung – verändert. Wir haben beim ZDF darauf bereits 2006 mit der ersten Version unserer Mediathek reagiert.

 

Die vielfach gelobte und preisgekrönte ZDF-Mediathek als Vorreiter und Prototyp für die Verschmelzung von Broadcast und Internet – welche Relevanz hat sie heute?

Die Mediathek ist mittlerweile klassischer Bestandteil unserer täglichen Produktion. Alles, was wir senden – insofern die Rechte vorliegen – wird in die Mediathek eingestellt, teils sogar vor der linearen Ausstrahlung.

 

Via Mediathek im Internet kann man sämtliche ZDF-Programme auch als Livestreams empfangen. Im Internet sind längst – neben Telefonnetz und Funk – ehemals klassische Rundfunkwege wie Kabel, Satellit und Terrestrik eingebunden. Wofür braucht man noch lineare Broadcast-Technologie?

Physikalisch ist es so, dass man im Internet zwischen Sender und Empfänger jeweils eine Verbindung herstellen muss. Bei Satelliten und Kabelfernsehen ist dies nicht der Fall. Dort kann man von einer Quelle aus beliebig viele Empfänger erreichen. Deshalb ist die Verbreitung via Kabel, Satellit und Terrestrik für lineare Ausstrahlung der ökonomisch sinnvollere Weg. Wenn immer mehr Zuschauer aber kein lineares-, sondern Abruf-TV sehen wollen, dann geht das nur über das Internet. In absehbarer Zeit wird die eine Technologie die andere nicht ersetzen.

 

Große kommerzielle TV-Veranstalter nutzen Mediatheken via HbbTV gerne für Adressable-TV und personalisierte Werbung. Welche Rolle spielt HbbTV für das ZDF?

Wir dürfen laut Staatsvertrag keine Werbung im Internet ausspielen. Deshalb ist das Geschäftsmodell, persönliche Daten zu sammeln und dann zu vermarkten, für das ZDF kein Thema. HbbTV ist für das ZDF aber eine wichtige Technologie. Über den roten Knopf auf der Fernbedienung erreichen unsere Zuschauer unsere Mediathek. Bei Einführung von SmartTVsvor fünf, sechs Jahren wurde HbbTV von den Zuschauern noch kaum genutzt. Mittlerweile stellen wir fest, dass die Wachstumsrate bei der HbbTV-Nutzung im Vergleich zu anderen Online-Diensten des ZDF die höchste ist. Das Internet ist über SmartTVs im Wohnzimmer angekommen. Immer mehr Zuschauer nutzen über den roten Knopf auf der Fernbedienung die Mediathek des ZDF. Dort haben sie eine Auswahl unter rund 30.000 Videos! Es hat etwas länger gedauert, aber mittlerweile wächst die Nutzung von HbbTV als Tor zum umfassenden ZDF-Mediathek-Angebot rasant an. 

 

Und was gibt’s Neues zur ZDF-Mediathek?

Wir nutzen neue Technologien, um unsere Mediathek immer auf dem aktuellen technologischen Stand zu halten. Aktuell gibt es keine gravierenden Innovationssprünge mehr, aber viele kleine evolutionäre Schritte um die Mediathek herum. So wie sich die Erwartung und Nutzung der Konsumenten im Internetumfeld ändert, so bessern auch wir technologisch immer wieder mit neuen Informationen und Diensten nach.

 

Die Digitalisierung betrifft aber bei weitem nicht nur das Internet und das Produktionsequipment?

Es gibt eine externe Sicht der Dinge: Was verändert sich außerhalb des Senders durch die Digitalisierung? Dazu gehören, wie erwähnt, die digitalen Verbreitungswege, veränderte Angebote, mehr Wettbewerber und vor allem neue Geschäftsmodelle insbesondere durch das Internet.

Der andere Aspekt ist: Was passiert durch die Digitalisierung in den internen Produktionsprozessen? Heute produzieren wir nicht nur für die lineare Ausstrahlung Videos. Die Produktion der Videos für die Mediathek, via Live Streaming oder auf Abruf ist gleichwertiger Teil des Produktionsprozesses. Deshalb mussten in der Produktion andere Fähigkeiten und Kenntnisse erlernt und etabliert werden. Es gibt Produktionsmöglichkeiten auf Notebooks und Smartphones, andere Speichermöglichkeiten, die bandlose Produktion und natürlich auch eine andere Art der Archivierung: weg von analogen Bändern, hin zu digitalen Bändern und dann weg von den Bändern.

 

Die Digitalisierung hat im Fernsehbereich ganz klar zu einer enormen Bildqualitätsverbesserung geführt. Und schon ab 2022, so konnte man lesen, werde das ZDF neben HD- auch in den UHD-Regelbetrieb gehen. Stimmt’s?

Wir können erst dann in UHD ausstrahlen, wenn wir SD abgeschaltet haben. Eine dritte Ausstrahlungsart über Kabel und Satellit ist nicht zu finanzieren. Die Privaten haben eine gesetzliche Verpflichtung bis 2022 SD-Signal zu senden. Daraus haben manche gefolgert, dass das ZDF auch das Analogsignal auf dem Satellit abschaltet. Aber so habe ich das nicht gesagt.

Wir haben weder für die Abschaltung von SD, noch für einen Regelbetrieb von UHD einen Terminplan aufgestellt. Aber wir haben bereits jetzt einige UHD-Videos ins Internet gestellt. Die Produktionen von „Mythos Wolfskind“ über „Bergdoktor“ bis „Deutschland XXL“ können in UHD Qualität angeschaut werden. Innerhalb von nur sechs Monaten, von November 2017 bis Ende Juni, haben wir bereits über 500.000 Abrufe registriert. Gleichzeitig haben wir Kooperationen mit Astra und Eutelsat und mit den großen Kabelnetzbetreibern, die einen UHD-Demokanal zur Verfügung stellen. Wir lassen heute schon viel in UHD produzieren, um eine möglichst hohe Qualität in unserem Archiv einstellen zu können. Produktionen, die auch in zehn Jahren noch State of the Art sind, produzieren wir nach Möglichkeit

in bester Qualität. Und glücklicherweise können wir unseren Zuschauern diese Programme auch in UHD-Qualität bereits heute im Internet zum individuellen Abruf anbieten.

 

Mehr noch als auf UHD setzen Sie auf HDR?

Ja, denn die Qualitätsverbesserung des Bildes durch die

Kontraststeigerung von High Dynamic Range, HDR, ist im Gegensatz zu Ultra HD nicht nur auf großen Screens, sondern auch auf kleineren Displays für Zuschauer wahrnehmbar. Deswegen produzieren wir auch in Full-HD, also in 1080p/50 mit HDR und nicht nur in Ultra HD/HDR. Wir glauben, dass wir standardmäßig Full-HD/HDR im linearen Fernsehen ausspielen können. Man kann auch bei Full-HD-Signalen die Vorteile der Kontrasterweiterung durch HDR wunderbar sehen. Die modernen Fernsehgeräte bilden das auch ab.

Das ZDF setzt bei HDR, wie übrigens fast alle Rundfunkanbieter, dabei auf das abwärtskompatible HLG (Hybrid-Log-Gamma), so dass auch Besitzer älterer UHD-Geräte ohne HDR, ein gutes Bildsignal erhalten. Alle neueren UHD-Fernsehgeräte bilden in der Regel mehrere HDR-Varianten, unter anderem auch HLG ab.

 

Das als „grüne Hölle“ bekannte, 2009 gestartete, virtuelle ZDF-Nachrichtenstudio, wo als Erklärstück mal eine Raumfähre neben Moderator Claus Kleber landete, war dann doch wohl eher verspielt anstatt eine Verbesserung in der Informationsvermittlung?

Verspielte Sachen haben nichts mit Nachrichten zu tun, und das ist auch nicht das Ziel gewesen. Wir haben nach wie vor sehr viele Erklärstücke, die wir senden. Wir sind mit der virtuellen Technologie sehr zufrieden und halten daran weiter fest.

 

Mit welchen Ausbauplänen und Zielen?

Das Studio ist mittlerweile rund zehn Jahre alt. Allein aus technologischen Gründen werden wir in den nächsten Jahren einen weiteren Entwicklungsschritt machen müssen. Wir sind noch am Anfang mit vielen Ideen und Diskussionen.

 

Ist die Digitalisierung im Broadcastbereich abgeschlossen?

In der Produktion und Distribution gibt es nur noch die digitale Signalverarbeitung. Aber bei administrativen und sonstigen Prozessen gibt es noch Bereiche, die noch nicht voll digitalisiert sind. Man kann diese Frage nur beantworten, wenn man genau definiert, über welchen konkreten Bereich man spricht.

 

Sie bewerten die Digitalisierung durchweg positiv?

Ich sehe nirgendwo Probleme. Ich sehe aber Veränderungen im Markt, auf die das ZDF auch technologisch reagieren muss. Aber das sind keine Probleme, sondern Änderungen in der Produktionsweise. Beispielsweise sind auch die aktuellen IP- und Cloudtechnologien keine Probleme, sondern aufkommende Technologien, die man intelligent beherrschen und einsetzen muss.

Erika Butzek

MB 3/2018

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