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„Revolutionen sehe ich nicht“

HDTV, ZDF-Mediathek & Mobile-TV ZDF-Produktionsdirektor Dr. Andreas Bereczky nimmt im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN zur für Januar 2010 geplanten Umstellung von SD auf HD Stellung und erklärt, welche Relevanz HD aktuell im Vergleich mit anderen Baustellen im Digitalisierungsprozess hat.

Haben Sie von Ihrem jüngsten Japan-Aufenthalt neueste Erkenntnisse zu HD mitgebracht?
Es gibt den Trend, dass sich die Preise für HD-Geräte an die Preise der SD-Geräte annähern, so dass wir in zwei, drei Jahren keinen großen Preisunterschied mehr haben werden. Die meisten Geräte sind auch schon SD/HD-umschaltbar…
Das heißt, dass sich die Kostenfrage bei der Umstellung auf HDTV entspannt?
Diese Preisentwicklung beobachten wir schon seit langem – in wenigen Jahren sind wir so weit.

Welche Rolle nimmt die Umstellung von SD auf HD bei Ihnen im Konzert mit anderen Aktivitäten auf dem Digitalisierungsfeld ein?
Im Moment hat HD noch keine aktuelle Relevanz, weil wir vor Ende 2009 nicht in HD ausstrahlen werden. Den HDTV-Regelbetrieb wollen wir zur Winterolympiade im Januar 2010 starten. Wir bereiten uns vor, indem wir zunächst Produktionen, die langfristig verwertbar sind, in HD-Qualität produzieren. Im Augenblick haben andere Aufgaben eine höhere Priorität.

Welche?
Wir erweitern unsere Online-Angebote. Unsere ZDF-Mediathek im Internet wird auf neue Füße gestellt. Wir wollen dort stärker Video-On-Demand verwirklichen, indem der Zuschauer die Möglichkeit erhält, sich verpasste Sendungen im Internet nach der Sendung einige Tage lang anzuschauen.

Die neue Krimi-Serie „KDD – Kriminaldauerdienst“ haben Sie ja sogar in der ZDF-Mediathek im Netz ein Tag eher als über die herkömmlichen Übertragungswege ausgestrahlt…
Wir haben verschiedene Versuche gemacht.

Die EU hat aber doch noch kein grünes Licht für größere Online-Aktivitäten der öffentlich-rechtlichen Sender gegeben…
Unsere Einschätzung ist, dass das Online-Engagement nicht beschränkt werden sollte und nicht beschränkt wird. Denn im Internet entsteht ein neuer Verbreitungsweg, vergleichbar mit dem Kabel. Es wird schwer vertretbar sein, warum man im Kabel das öffentlich-rechtliche Programm durchleiten muss, und es über einen neuen Verbreitungsweg wie zum Beispiel im Internet nicht darf. Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gilt die Technologieneutralität. Das Internet wird zunehmend auch als Fernsehkabel benutzt, so dass das ZDF auch da die Möglichkeit haben muss, verbreitet werden zu können.

Und Sie gehen von einem hohen Zuschauerpotenzial im Internet aus?
Wir haben in Deutschland immerhin über zehn Millionen Breitbandanschlüsse mit steigender Tendenz, so dass eine Menge Zuschauer über das Internet Fernsehen in guter Qualität nutzen werden.

Gerade im Sportbereich wird zumal bei großen Events auch vom ZDF schon heute in HD produziert, aber es wird für die rund 2,5 Millionen HD-Empfangsgeräte in Deutschland nicht mit dem HD-Signal ausgestrahlt…
Große Sportereignisse werden in der Regel vom so genannten Host Broadcaster produziert, oft in HD. Das ZDF produziert seit wenigen Jahren eigene Produktionen auch in HD. Wir wollen für die HD-Zeit vorbereitet sein. Deshalb müssen wir heute schon in HD zu produzieren. Diese Vorbereitung wird in der breiten Öffentlichkeit aber nicht so an die große Glocke gehängt.

Investitionsplan
Nach jüngeren Presseberichten will das ZDF offenbar die HDTV-Aktivitäten als ein Argument für höhere Rundfunkgebühren ab 2009 einbringen. Dabei haben Sie offenbar die Rechnung aufgemacht, dass das ZDF ab 2009 innerhalb von den darauf folgenden fünf Jahren 80 Millionen, also pro Jahr 16 Millionen Euro, für die Umstellung von HDTV zunächst im Simulcast braucht?
Wir haben in der Öffentlichkeit nie Zahlen genannt. Die kommunizieren wir nicht in der Öffentlichkeit, sondern wir informieren unsere Gremien. Unsere Hochrechnung auf eine Gebührenperiode ergab, dass bei einer Umstellung von SD auf HD Investitionen bis zu einer dreistelligen Millionenhöhe auf vier Jahre verteilt notwendig sind. Das beinhaltet nicht nur technische Investitionen, sondern auch die Verbreitungs- und programmbezogene Kosten. Es ist eine Schätzung, die wir nicht mit einer Gebührendebatte verbunden haben. Wir haben gesagt, das ist ein so großes Projekt, dass wir es den Gremien vorstellen müssen. Dazu sind wir verpflichtet. Also habe ich – wie es in allen anderen Unternehmen üblich ist, wenn größere Investitionen anstehen – eine entsprechende mittelfristige Investitionsplanung für den Sender aufgestellt. Diesen Plan haben wir den verschiedenen Gremien auch schon vorgestellt.

Eine „dreistellige Millionenzahl“ – also knapp 100 Millionen Euro?
Es kann schon in Richtung einer solchen Größenordnung gehen. Wie gesagt, Zahlen nennen wir nur intern.

Das Junktim „HD und Forderung zur Gebührenerhöhung“ war falsch verstanden worden?
Natürlich! Der Zusammenhang ist nicht von uns geknüpft worden. In jedem Wirtschaftsunternehmen muss man seinen Gremien geplante höhere Investitionen vorab vorstellen.

Sie haben ein HDTV-Stufenkonzept für das ZDF entwickelt…
In der ersten Stufe muss der Sender in der Lage sein HD-Produktionen überhaupt auszustrahlen. Die komplette Senderabwicklung muss dafür vorbereitet sein. Wir müssen die technischen Komponenten und Geräte anschaffen, um die Signale in HD-Format auszustrahlen.

In Bezug auf den Standard bleibt das ZDF bei der EBU-Empfehlung 720p/50?
Wir favorisieren diesen Standard und werden entsprechend codieren.

Hat es in Bezug auf das HDTV-Stufenkonzept irgendeine Relevanz, dass das ZDF erst einmal alle Programme in 16:9 ausstrahlen will?
Es gibt insofern einen Zusammenhang, weil alle HD-Produktionen das Bildformat 16:9 habe. Wir werden die heute noch im SD-Format produzierten Sendungen Schritt für Schritt von 4:3 auf 16:9 umstellen. Das wird man in diesem Jahr beobachten können. Für die 16:9-Umstellung haben wir uns bereits in den letzten zehn Jahren gut vorbereitet. Zusätzliche Investitionen waren nicht notwendig.

Dass Sie jetzt den HDTV-Regelbetrieb für das Jahr 2010 ins Visier genommen haben – womit man vor zwei Jahren gar nicht so gerechnet hätte -, hängt es auch damit zusammen, dass mittlerweile die DVD mit hoher Bild- und Tonqualität für viele Zuschauer eine Alternative zum Fernsehen geworden ist?
Die größeren Bildschirme, die immer mehr in die Haushalte kommen, bieten eine höhere Anzahl von Bildpunkten, so dass eine erheblich bessere Bildqualität bei den Zuschauern zur Gewohnheit wird. Ein analoges Signal sieht auf großen Bildschirmen überhaupt nicht gut aus. Ein digitales Signal sieht besser aus, aber es bringt doch noch nicht die HD-Qualität. Deshalb werden wir ab 2010 in HD ausstrahlen müssen, damit auf größeren Bildschirmen die Qualität des Bildes noch besser wird. Wir gehen davon aus, dass dies ein evolutionärer, langsamer Prozess sein wird.

HD in der Prime-Time
Wie muss man sich den HDTV-Regelbetrieb ab 2010 vorstellen?
Wir müssen alle Programme, die nicht im HD-Format vorliegen, in dieser Codierung konvertieren, so dass die HD-Set-Top-Boxen sie auch empfangen können. Es wird ab 2010 nicht möglich sein, in voller Breite und 24 Stunden HD-Sendungen auszustrahlen, sondern es wird sich vielfach um umcodierte SD-Signale handeln. Wahrscheinlich wird man zu Beginn nur in der Prime-Time und bei Sportveranstaltungen in HD-Qualität senden können.

HD ist der ganz große Sprung auf eine viel bessere Bildqualität im Fernsehen. Werden Sie die Signale über alle Übertragungswege ausstrahlen: Kabel, Satellit, Internet…?
Wir werden HD über Satellit ausstrahlen, vielleicht auch über Kabel – falls es möglich sein wird.

Wie ist Ihr Planungsstand bei Mobile-TV? Spielt es noch eine Rolle, ob über DVB-H oder DMB ausgestrahlt wird? Oder geht es vielmehr darum, wie die Kapazitäten beziehungsweise die Frequenzen für Mobile-TV verteilt werden, wie viel davon der öffentlich-rechtliche Rundfunk bekommt – und für welche Inhalte eigentlich?
Meiner Ansicht nach ist die Diskussion um DVB-H und DMB rein akademisch. Die Zuschauer interessieren sich nicht für Übertragungstechnologien. Es geht um Technologien, die auch auf Kleinstgeräten Fernsehen übertragen können. Es gab auch schon in der Vergangenheit verschiedene Mobilfunkstandards. Die Älteren können sich vielleicht noch daran erinnern, dass man mit Telefongeräten vor zehn, fünfzehn Jahren in dem einen Netz telefonieren konnte, in dem anderen nicht. Später gab es Geräte, die beide Netze nutzen konnten. Deshalb ist die Diskussion um DVB-H/DMB ein Schattenboxen. Weil es nicht genügend Frequenzen gibt, geht es jetzt darum, wer wie viel davon zugewiesen bekommt. Unsere Position ist, dass es hier um Rundfunkfrequenzen geht. Und der öffentlich-rechtliche wie auch der private Rundfunk hier als erstes berücksichtigt werden sollten. Es handelt es sich nicht um für die Telekommunikation vorgesehene Frequenzen.

Also muss man jetzt abwarten, welche politischen Weichen für die Verteilung der Frequenzen gestellt werden, die für Mobile-TV in Frage kommen?
Für die Vergabe von Medieninhalten in diesem Bereich sind die Landesmedienanstalten verantwortlich. Dort wird man entscheiden. Wir betonen immer wieder: Es geht hier nicht um Aufteilung von Frequenzen, sondern darum, welche Inhalte übertragen werden sollen.

Und welche Inhalte sollen es nach den Wünschen vom ZDF sein?
Wir sind schon seit zehn Monaten mit unserem Hauptprogramm auf der Plattform des ersten kommerziellen Fernsehens für Mobile-TV in der Bundesrepublik auf Sendung, auf der Plattform MFD, Mobiles Fernsehen Deutschland. Wir beabsichtigen prinzipiell, unser Hauptprogramm auf allen neuen digitalen Plattformen auszustrahlen, um als öffentlich-rechtlicher Sender sichtbar zu sein.

Sehen Sie, wie es teilweise bei der Diskussion im letzten Jahr schien, mit Mobile-TV eine Revolution auf uns zukommen?
Revolutionen sehe ich nicht. Auch die Digitalisierung der Fernsehlandschaft ist nicht revolutionär, es handelt sich um evolutionäre Prozesse.

Keine neuen Inhalte, sondern „nur“ neue Übertragungswege?
Für uns sind das alles neue Übertragungswege.

Erika Butzek (MB 04/07)




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