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Schizophrene Ausgangslage

Nach langem Stillstand blüht neuerdings die fiktionale Eigenproduktion bei SAT.1 wieder auf, sogar in HD-Qualität. Verantwortlich dafür ist Joachim Kosack, der als Senior Vice President German Fiction seit Juni 2008 alle fiktionalen deutschen Eigenproduktionen der ProSiebenSAT.1 TV Deutschland GmbH betreut – und seit April 2011 auch Vize-Chef von SAT.1 ist. MEDIEN BULLETIN versuchte im Gespräch mit ihm, den neuen Erfolg zu ergründen.

Zur Erinnerung: Der Erfolg der Marke SAT.1 war jahrelang mit der besonderen Emotion ihrer fiktionalen Eigenproduktionen verbunden, die das Profil des Senders prägten. Als SAT.1 noch zum Imperium vom ehemaligen Filmhändler Leo Kirch gehörte, wurde weniger auf Kosten denn auf Production Value geachtet.

So hatte SAT.1 viele beliebte, quotenstarke fiktionale Serien im Programm wie etwa „Wolffs Revier“, „Kommissar Rex“, „Der Bergdoktor“, „Edel & Starck“ oder auch Reihen mit 90-Minütern wie „Der Bulle von Tölz“. Größtenteils funktionierten die Serien ebenso prima im Auslandsverkauf. Auch die Erfindung des fiktionalen TV-Events war mit „Der Tunnel“ (produziert von Teamworx), der 2001 auf dem Schirm kam, dem Sender SAT.1 zu verdanken, der sich damals mit seinem Claim „powerd by Emotion“ zuvorderst an eine jüngere weibliche Zielgruppe wandte. Dann wurden wegen der vergleichsweise hohen Kosten viele fiktionale Serien, auch wenn sie ihren Erfolgzenit noch gar nicht überschritten hatten, von den wechselnden Eignern der ProSiebenSAT.1-Gruppe mehr und mehr aus dem Programm gestrichen.

Erst von den Finanzinvestoren rund um Haim Saban, dann von KKR/Permira. Folge: Das Fernsehpublikum wandte sich immer mehr von SAT.1 ab, vor allem nachdem die in der Haim Saban-Ära aufgelegte, sehr erfolgreiche tägliche Telenovela „Verliebt in Berlin“, die in der wichtigen Access Prime als Türöffer zur Prime-Time lief, im Herbst 2007 ausgelaufen war. Als Höhepunkt der Dramaturgie hatte sich ja das hässliche Entlein, Landpomeranze Lisa Plenske, gespielt von Alexandra Neldel, in einen schönen Schwan verwandelt. Danach war SAT.1 für sein ehemaliges Publikum zunehmend uninteressant geworden und der damalige SAT.1-Chef Roger Schawinski zog es vor, den Sender vorzeitig zu verlassen. Allein mit dem teueren Fußball Highlight Champions League gelang es SAT.1 danach, wieder höhere Einschaltquoten zu erzielen, womit die einstige Erfolgsmarke „Ran“ wieder aufgelegt wurde.

Doch seit letztem Jahr zieht SAT.1 nun wieder mit fiktionalen Programmen viele Zuschauer an. Das TV-Event „Die Wanderhure“, die Alexandra Neldel zurück ins SAT.1-Programm brachte, guckten sich fast zehn Millionen Zuschauer an. Es war 2010 der erfolgreichste Fernsehfilm im deutschen TV. Gleichzeitig sammelten die zwei neuen Serien „Danni Lowinski“ und „Der letzte Bulle“, die bis zur Sommerpause montags im Doppelpack in der Prime-Time ausgestrahlt wurden, immer mehr Zuschauer ein: mit Marktanteilen, die weit über den SAT.1-Durchschnitt von 10,5 Prozent lagen. Ebenso reüssieren neuerdings wieder viele deutsche TV-Movies mit beachtlichen Quoten, die am Dienstagabend unter dem legendären Lable „Der große SAT.1-Film“ gezeigt werden, zum Beispiel „Marco W. – 247 Tage im türkischen Gefängnis“, „Allein unter Müttern“ oder „Achtung Arzt!“. Worauf ist der neue Erfolg zurück zu führen?

Programmversprechen halten

Auf Knopfdruck konnte natürlich auch ein erwiesener Fiction-Profi wie Joachim Kosack kein Wunder für SAT.1 erbringen. Ob sich eine TV-Serie, ein Event oder ein Movie nach langer Vorbereitung wie erhofft am Tag seiner Ausstrahlung zu einem Quotenhit entwickelt, ist unter anderem davon abhängig, dass der Zuschauer weiß, was ihm der Sender über einen speziellen Sendeplatz anbieten will, und dass er dem Angebot und dem Sender vertraut. Jedenfalls gerieten auch die ersten neuen TV-Serien wie die vielfach von Kritikern gelobte Arztserie „Dr. Molly“ zum Flop, die Joachim Kosack ab 2007 in seiner damaligen Funktion als SAT.1-Abteilungsleiter Serie und Soap noch am Standort Berlin entwickeln ließ. Zuvor hatte sich das Fernsehpublikum allerdings ohnehin schon von SAT.1 verabschiedet und schaute sich viel lieber US-Fiction wie „CSI“ und „Dr. House“ bei RTL an.
Um Erfolg haben zu können, das analysiert Kosack heute, sei es vor allem wichtig, dass ein Sender sein „Programmversprechen gegenüber dem Publikum“ einhalte. Es gehe darum, der „Erwartungshaltung“, die das Publikum gegenüber dem fiktionalen Programm von SAT.1 aufgebaut habe, auch zu entsprechen. Kosack blieb trotz seiner ersten Flops geduldig bei SAT.1 am Ball, wo er dann zum SAT.1 Fiction-Chef aufstieg, bevor ihn ProSiebenSAT.1-Vorstand Andreas Bartel, der Kosack „für einen meiner allerbesten im Team“ hält, im Juni 2008 zum Chef aller deutschen Eigenproduktionen des Konzerns machte. Das war ein Jahr bevor SAT.1 Mitte 2009 von Berlin nach München umzog und dabei jede Menge der angestellten kreativen Mitarbeiter aus dem fiktionalen Bereich verlor.
Als eine Begründung, warum SAT.1 in der jüngeren Vergangenheit zunehmend für Fernsehzuschauer unattraktiv geworden war, hat Bartl kürzlich eingeräumt: „Uns fehlt bei SAT.1 hin und wieder die Konstanz“. Genau für die soll Kosack sorgen, zumal Bartl mittlerweile auch weiß, dass eigenproduzierte fiktionale Programme „das Herzstück von SAT.1“ bilden.

Natürlich war Kosacks Berufskarriere schon vor seinem Einstieg in die ProsiebenSAT.1-Gruppe viel mehr von Erfolg, denn von Flops gekrönt. Letztere scheint er ohnehin nicht als Niederlage, sondern als Erkenntnisschritt und Aufmunterung zu betrachten, neue Projekte noch besser zu machen. Kurz vor seinem Amtsantritt bei SAT.1 hatte Kosack viel Respekt samt Ruhm und Ehre in der Fernsehlandschaft und sogar bei intellektuellen Programmkritikern für die TV-Events „Stauffenberg“ (ARD) und den Mehrteiler „Die Flucht“ (ARD) erworben, die er als Produzent der UFA-Tochter Teamworx verantwortet hatte. Was damals etwas überraschend war, weil Kosack noch kurz zuvor zusammen mit Teamworx-Chef Nico Hofmann bei RTL mit der industriell gefertigten Serie „Verschollen“ einen Flop gelandet hatte. Mit „Verschollen“ war Kosack übrigens sogar als HDTV-Pionier tätig geworden. Leider sah man dieser Serie trotz oder wegen des damals noch unausgereiften Umgangs mit der HD-Technologie an, dass es vor allem darum ging, sie möglichst preiswert herzustellen. In Indonesien geboren, in Wuppertal aufgewachsen war der Pastorensohn Kosack über Theater und Kabarett, wo er lange als Regisseur und als Schauspieler unterwegs war, zunächst als Storyliner bei der RTL-Soap GZSZ gelandet. TV begann ihn offensichtlich mehr als Theater zu faszinieren und Kosack wurde bei der UFA Producer für die industriell gefertigte RTL-Weekly „Hinter Gittern“. Vom Thema und von seiner Machart war „Hinter Gittern“ eine Innovation in der deutschen TV-Landschaft und war jahrelang Quotengarant für RTL. Auch beispielsweise für die allererste Telenovela „Bianca“ im deutschen Fernsehen war Kosack mitverantwortlich gewesen, die dem ZDF neues jüngeres Publikum beschert hatte.

In seiner jetzigen Position bei ProSiebenSAT.1 stehen Kosack aber nicht nur sein persönliches Dramaturgie-Know How und sein großes Portfolio an Produktionserfahrungen in ganz unterschiedlichen fiktionalen Genres zur Verfügung. Vielmehr hat Kosack noch einen viel größeren Trumpf in der Hand. Er ist Herr über das größte Fiction-Budget, das dem privaten Fernsehen in Deutschland zur Verfügung steht.

Wie er am Ende im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN erklärt: Das habe etwas mit der Struktur des ProSiebenSAT.1-Konzerns in Deutschland zu tun. Es ist eine Art Klein-Degeto-Reich, wie es von der ARD installiert wurde, um die Eigenproduktionen der vielen einzelnen Sender, die zur ARD-Flotte gehören, sinnvoll für das erste Programm steuern zu können. Während die RTL-Fiction-Chefin Barbara Thielen nur eine relativ kleine Abteilung unterhält, ist bei Kosack die gesamte fiktionale Produktion von den Dailys über Serien bis zu TV-Movies – einschließlich Reihen und Events – auch in Bezug auf das Budget alles unter einem einzigen Dach vereint. Hinzu kommen auch die fiktionalen Eigenproduktionen für den Sender ProSieben. So kann Kosack ganz anders, viel gezielter mit dem vorhandenen Budget jonglieren. Und das kann er offensichtlich auch gut, weil er schon als Produzent gelernt hat, sowohl mit kleinen wie mit großen Budgets für unterschiedliche Projekte und Sendeplätze umzugehen.

Deutsch oder Amerikanisch?

Aber der Reihe nach. Um welche Produktionen geht es? Zum Beispiel „Danni Lowinski“ (gespielt von Annette Frier), die Geschichte einer ungewöhnlichen Rechtsanwältin, die in der Kölner Einkaufspassage ihren Mandanten, die zu den sozial Schwächeren zählen, für einen Euro pro Minute mit Rat und Tat zur Seite steht. Oder: „Der letzte Bulle“ – die Seriengeschichte über den junge Cop Mick Brisgau (Henning Baum), der nach einem Dauerkoma 20 Jahre später erwacht ist und seine Kripokollegen für Weicheier mit seltsamen Internetanschluss hält. Was genau ist das Erfolgsrezept für diese beiden Serien? Kosack: „Wir glauben, uns ist mit den beiden Figuren etwas besonderes gelungen. Es sind Figuren, die aus ihrer Eigenständigkeit heraus als Vorbilder und Helden funktionieren. Beide haben eine klare eigene Lebensphilosophie, mit der sie auch anecken“. „Aber“, so Kosack, „sie übernehmen in ihrem Anecken Verantwortung für ihr Tun und ich glaube, das gefällt gerade den Deutschen gut“. Wichtig sei, dass die Serien „einen sehr großen Unterhaltungswert durch eine große Vielzahl von Emotionen erzeugen“. Es werde „ermittelt, aber es wird auch gelacht, und es geht auch um gesellschaftlich relevante Themen“. Last but not least, so Kosack, handele es sich bei den Serien nicht um ein Me-too-Angebot mit der Wirkung beim Zuschauer nach dem Motto „ach, das haben wir schon mal gesehen“. Ganz im Gegenteil. Es handele sich um eigenständige SAT.1-Serien. Sie seien deutsch und enthielten eine „klare regionale Standort-Definition – einmal Köln und einmal Essen“.

Um den Erfolg mit deutschen Serien am Montag kontinuierlich etablieren zu können, reichen aber diese zwei Serien nicht aus. Also hat Kosack zwei weitere Serien im Entwicklungstopf. Noch sei „nichts entschieden“, sagt er. Die Serienentwicklungen benötigen „einen Vorlauf von rund 18 Monaten“. Auch die Entwicklung von „Danni Lowinski“ und der „Der letzte Bulle“ hat lange gedauert, was den Serien vor allem „sehr stark in Bezug auf den Cast und die Entwicklung der Bücher“ zugute kam. Produziert werden die Serien zwar in HD-Qualität, aber eher preiswert industriell. Man habe „auf Komparsen und Außendrehs verzichtet“, weil die Serien mehr von ihrem „Dialogwitz und der Relevanz der Fälle leben“. Dabei habe man ganz bewusst „visuell Einschränkungen“ in Kauf genommen, räumt Kosack ein. Interessanterweise wurde aber, wie Kosack berichtet, von den Zuschauern, die in der Marktforschung befragt worden waren, keine ablehnende, sondern eine positive Wahrnehmung zur Machart der Serien zurück gespielt. Ihr Urteil. „Endlich macht SAT.1 wieder Serien, die so gut sind, wie die der Amerikaner“. Das hat Kosack überrascht: „Obwohl wir vorher jahrelang Produktionen gemacht haben, in die wir viel Geld gesteckt haben, um den 35mm-Kinolook hinzukriegen, fanden die Leute das damals me-too und doof und deutsch und hässlich, und „Danni Lowinski“ und den „Der letzte Bulle“ fanden sie plötzlich amerikanisch!“ Die Frage, „wie eine Produktion konsumiert und rezipiert wird, bleibt immer wieder spannend“, sagt Kosack.

Zimmermädchen und Millionär

Neben den Serien gibt Kosack pro Jahr 20 TV-Movies in Auftrag. Wer sich einige von ihnen angeschaut hat, weiß, dass es sich um jeweils unique Produkte – mal Komödie, mal Thriller, mal relevantes Gesellschaftsthema – handelt. Der Production Value ist Kosack durchaus bei jedem einzelnen Movie wichtig, zumal immer Zweit- und Mehrverwertungen im SAT.1-Programm am Mittwochabend „mitgedacht“ werden. Als Paradebeispiel dafür nennt Kosack den Film „Das Zimmermädchen und der Millionär“, der schon in die sechste Ausstrahlung bei SAT.1 gehe. Das Movie werde im Hause „liebevoll unser Pretty Woman“ genannt. Doch auch bei den Movies, wie bei den drei fiktionalen Events im Jahr, prüft Kosack zusammen mit der Redaktion, dem Produzenten und der hauseigenen Herstellungsleitung immer ganz genau, „welcher Inhalt braucht welches Budget, und an welchen Stellen im Projekt sind welche Ausgaben wirklich wichtig?“ Es gehe ihm darum, „mit dem Geld strategisch etwas genauer umzugehen.“ Als er seine jetzige Position als Chef der deutschen Fiction in der ProSiebenSAT.1-Gruppe übernommen habe, sei „noch jeder Film mit der gleichen Summe“ ausgestattet worden. „Wenn wir das nicht geändert hätten, könnten wir uns heute nicht mehr 20 TV-Movie-Erstausstrahlungen im Jahr leisten“, erklärt Kosack.
Zum Beispiel „Achtung Arzt!“, eine witzige Filmkomödie, die das Thema Fasching mit dem Leben von Ärzten und Patienten im Krankenhaus verknüpft.

Dieser Film, so Kosack, sei „für eine wesentlich geringere Summe entstanden als normal, ohne dass der Produzent oder die Schauspieler daran gelitten“ hätten. Der Hebel dafür sei gewesen, dass man von Anfang an überlegt habe, in welchem Umfeld man eine Komödie ansiedeln könnte, so dass „allein dadurch Situationskomik“ erreicht werden könne, und der Zuschauer deshalb erst gar nicht in die Erwartungshaltung gerate, dass „auch noch riesige Autofahrten oder andere teure Kulissen wie bei Außendrehs“ aufgefahren werden müssten. So habe man als Novum eine Komödie im Krankenhaus angesiedelt, was der Zuschauer ja normalerweise gar nicht erwarte: „Das Geld, das ich auf diese Weise in Absprache mit dem Produzenten eingespart habe, konnte ich in einem anderen Projekt, in dem es sinnvoll war, verwenden“, sagt Kosack und betont gleichzeitig: „Was wir aber nicht machen, ist, dem Produzenten zu sagen, wir wollen von Dir dasselbe Programm wie vor vier Jahren und dafür kriegst Du nur noch die Hälfte des Budgets“.

Zweites Beispiel: „Die Wanderhure“. Da habe man schon „ein gutes Budget“ gehabt. Doch der Anspruch an den Production Value sei bei Weitem nicht so groß gewesen wie bei dem ZDF-Event „Dresden“, „wo man eine ganze Stadt zerstören musste“. Tatsächlich: Obwohl „Die Wanderhure“ im Mittelalter spielt, standen nur manchmal einige Symbole dafür in den Kulissen im visuellen Vordergrund. Mal die Holzräder der mittelalterlichen Kutsche, mal hereingetragene Fackeln und natürlich waren die Locations so ausgewählt, dass es Gemäuer aus dem Mittelalter – oder auch mal wild wachsender Natur – zu sehen gab. Im dramaturgischen Vordergrund aber stand nur eine, die neue Alexandra Neldel als „Wanderhure“, die um ihre verletzte Ehre und ihre wirkliche Liebe kämpfte. Ganz klar wurden mit diesem Event alle einstigen Fans von der Telenovela „Verliebt in Berlin“ zurück zu SAT.1 geholt und sie hatten dann sicher das Gefühl, dass der wechselhafte Sender, der sein Profil und seine Glaubwürdigkeit verloren hatte, doch einmal wieder ein Programmversprechen eingelöst hat.

Es geht um Emotionen. Die sollen so beschaffen sein, wie Kosack seinen Chef Bartl zitiert, dass die ganze Familie vor dem Bildschirm involviert werden kann. Ist SAT.1 also wieder „powered by Emotion“? „Ja“, lacht Kosack. Denn natürlich wird das gesamte TV-Geschäft – ob bei SAT.1, RTL, ARD oder ZDF – hauptsächlich von Emotionen geprägt. Was sogar vielfach auch für Informations- und Nachrichtensendungen gilt. Noch wichtiger für einen immer noch großen Vollprogrammsender wie SAT.1 ist allerdings eine Konstanz im Programmangebot, die vor allem durch immer wiederkehrende Gesichter und Programme erreicht werden kann, die irgendwie charakteristisch und glaubwürdig für das Profil des Senders sind. Da haben sich die deutschen Zuschauer doch als sehr sensibel erwiesen. Bartl, der mal als ProSieben-Chef in München der ärgste Feind für den weiland in Berlin angesiedelten Sender SAT.1 war, hat das längst erkannt. Viel von dem, was einmal war, wurde und wird wieder zurück zu SAT.1 transportiert. wie zum Beispiel „Johannes B. Kerner“ oder die Wochenschau mit Ingolf Lück. Nicht alles funktioniert auf Anhieb mit dem Widerhall großer Quoten. Das wird wohl Harald Schmidt egal sein, der im Herbst zu seinem einstigen „Kuschelsender“ zurückkehrt, wo er nie besonders hohe Quoten, aber ein irres Image in der intellektuellen Szene errang.

Neuauflage von „Wolffs Revier“

Alles hängt zusammen. Je höher die Akzeptanz des Gesamtprogramms bei SAT.1, um so höher die Chance, dass einzelne Angebote auf Gefallen bei einem großen Publikum stoßen. So hat Kosack als Fiction-Chef gelernt, was er wohl auch als neuer Vize-Chef von SAT.1 beherzigen wird: Die Beziehung zu den SAT.1-Zuschauern ist immer auch von einer gewissen „schizophrenen Ausgangslage“ geprägt, die er wiederum auch bei seinen Entscheidungen einbinden muss: Einerseits würden Zuschauer erwarten, durchaus nach beliebten „Erfolgsmustern“ bedient zu werden. Andererseits würden sie sich abwenden, wenn sie nichts Neues oder Überraschendes an den Geschichten entdecken könnten.
Um gegenüber RTL aufholen zu können, ist ein Erfolg am Vorabend, dem Türöffner in die Prime-Time, besonders wichtig, wo der Sender einst mit „Verliebt in Berlin“ fast RTL überholt hätte.

Kosack nennt als ehrgeiziges Ziel, „Zuschauer auf SAT.1 mit der Soap-Strecke vor 19.00 Uhr wochentags genauso zu begeistern, wie es schon mit den TV-Movies und –Events in der Prime-Time gelingt“. Das wäre notwenig, um in Zukunft zu verhindern, dass die Zuschauer rüber zu RTL wechseln, wo sie auf die Soaps „Unter uns“ und „GZSZ“ treffen. Von diesem Ziel ist er aber doch noch weit entfernt. Zwar holen die Telenovelas „Hand aufs Herz“ und „Anna und die Liebe“ bislang keine für SAT.1 besonders schlechten Quoten. Mitunter lagen sie sogar über dem Senderdurchschnitt. Aber die Situation schwankt. Kosack weist aber darauf hin, dass aktuell die Quotenkurve der zwei Dailys nach oben zeige. Schwankungen von bis zu fünf Prozent Unterschied im laufenden Jahr gäbe es auch bei GZSZ, weiß er.

Zurzeit läuft bei allen großen Sendern die Vorbereitung für die Programme der kommenden TV-Saison nach der Sommerpause, wozu allerlei Drehstarts für fiktionale Programme laufen oder sogar bereits in Postproduktion sind. Sicher ist: Bei SAT.1 wird es den Versuch einer Neuauflage von der Krimi-Serie „Wolffs Revier“ geben. Ein spannendes fiktionale Event ist unter dem Arbeitstitel „Am Ende die Hoffnung“ in Arbeit. Da wird es um ein Kriegs-U-Boot, um eine Liebesgeschichte, Spionage und den Kampf gegen das Hitler-Regime gehen. Mal sehen, welche neuartige Überraschung Kosack dabei eingeplant hat. Es wird einige TV-Movies aus dem Genre Komödie geben und mit „Hannah Mangold“, gespielt von Anja Kling, wird es einen Krimi-Pilotfllm geben, aus dem, wenn er Erfolg hat, eine Reihe werden soll. Unter vielen anderem.
In Sachen HD-Produktion ist von Kosack zu erfahren: „Wir stellen peu a peu alles darauf um“. Tatsächlich muss mittlerweile jeder Produzent, so die Pressestelle des Unternehmens, bei ProSiebenSAT.1 Fiction in HD-Qualität abliefern. Auf welche Weise es produziert worden ist, muss wohl jeder Produzent selber verantworten.

So wird beispielsweise von der in Potsdam-Babelsberg angesiedelten Produktionsfirma Producers at Work, die für SAT.1 die zwei wichtigen Telenovelas produziert, „Anna und die Liebe“ nach wie vor in SD produziert, da die Umstellung einer laufenden Serie ohne größere Produktionspausen, sehr schwierig ist. „Hand aufs Herz“ hingegen wird auf XD CAM HD 422 produziert, was prima funktioniere. An Producers at Work hat übrigens die ProSiebenSAT.1-Gruppe Gesellschafteranteile. Grundy Ufa, die für RTL die Access Prime mit „Unter Uns“ und GZSZ gestaltet, gehört bekanntlich mit zur RTL Group. Da findet nach wie vor ein Wettbewerb unter mehr oder weniger sendereigenen Produktionsfirmen statt.
Zurzeit scheint das fiktionale Programm von SAT.1 erst einmal wieder in gute Form zu kommen. Was daraus aber wird, wenn wie kolportiert, demnächst wieder einmal ein Eigner-Wechsel vorgenommen wird, steht nur in den Sternen.
Erika Butzek
(MB 06/11)



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