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Schrittweise zum HD-Workflow

Neue Power für den Medienstandort Berlin: Der Studiodienstleister Berliner Union-Film investiert in diesem Jahr zehn Millionen Euro, um sich als Full Service- Mediendienstleister für die digitale TV- und Filmproduktion neu zu profilieren. Auch wenn das meiste Geld in den Immobilienneubau fließt, will Geschäftsführer Helge Jürgens mit seinem Modernisierungskonzept vor allem einen effektiven digitalen Workflow für die zukunftssichere industrielle Produktionsweise erreichen.

Hintergrund: In den vergangenen Jahrzehnten florierte das Geschäft der Berliner Union-Film auch ohne riesige Investitionen und gezieltes Marketing. Das hatte historisch-politische Gründe. So geht die Existenz des Studiogeländes in Berlin-Tempelhof wie die des Studiogeländes im brandenburgischen Potsdam-Babelsberg auf die einstigen Aktivitäten der legendären ufa zurück. Während aber das Studiogelände Babelsberg zunächst unter die Fittiche des DDR-Staatsbetriebs DEFA geriet, übernahm in West-Berlin die Immobilienfirma Becker & Kries nach dem Mauerbau die einstige Ufa-Immobilie. Sie gründete die Berliner Union-Film, ohne selber in die Produktion einzusteigen.

Schnell gewann das Berliner Familienunternehmen in den Zeiten, als West-Berlin noch eine BRD-Insel mitten in der DDR war, den damaligen Sender Freies Berlin und vor allem das ZDF als Kunden. So entstanden alle Berliner ZDF-Produktionen auf dem Berliner Union-Film-Gelände, etwa „Dalli, Dalli“, „ZDF Hitparade“ oder „Kennzeichen D“. Daneben bediente die Berliner Union-Film mitunter ebenso große Spielfilmproduktionen, etwa Walt Disneys „Emil und die Detektive“ oder auch „Der Zauberberg“, womit das Immobilienunternehmen jede Menge Know-how in Bezug auf Film- und TV-Produktion generierte.
Zwar gehört das ZDF auch heute noch zu den treuen Berliner Union-Film-Kunden, zum Beispiel mit den aktuellen Studioproduktionen „Unsere Besten“ (Show), „Blond am Freitag“ (Comedy), „Nachtstudio“ (Talk) und „Ein Herz für Kinder“ (Show). Da das ZDF aber längst in Berlin-Mitte über eigene repräsentative Studiokapazitäten verfügt, könnte die Berliner Union-Film nicht mehr allein vom ZDF ausgelastet werden. Mit der Sitcom „Alle lieben Jimmy“, produziert von der Bavaria Film (Askania), gelang es ihr zwar schon, unter anderem auch RTL in die Studios zu locken. Hauptschwerpunkt in der Auslastung des Berliner Union-Film-Leistungsangebots sei zurzeit aber der „komplette Außendreh“, der mit dem Equipment-Verleih verbunden ist, sagt Geschäftsführer Helge Jürgens, der nach 13-jähriger Tätigkeit als Herstellungsleiter und stellvertretender Bereichsleiter bei Endemol Deutschland in Köln am 1. Februar letzten Jahres die Berliner Union-Film-Geschäftsführung übernahm: „Wir haben 60 LKWs und betreuen 15 TV-Serien parallel.“ Weitere Schwergewichte seien der Dekorationsbau zum Beispiel für die Sat.1-Telenovela „Verliebt in Berlin“ und die neue Sat.1-Prime-Time-Serie „R.I.S.“ sowie das traditionelle Geschäft der Postproduktion, einschließlich Tonendbearbeitung und Synchronisation.

Nun aber will Jürgens die Berliner Union-Film auf Expansionskurs bringen und perspektivisch in der ersten Liga der deutschen Studiobetriebe mitspielen – „für frischen Wind sorgen“ wie Mitgeschäftsführer Christian Kube lobt, der gleichzeitig auch Geschäftsführer der Berliner Union-Film-Muttergesellschaft Becker & Kries ist. Was die Berliner Union-Film von allen anderen großen TV- und Filmstudios wie zum Beispiel Bavaria, Studio Hamburg, Studio Berlin oder Studio Babelsberg unterscheidet: Das Kapital stammt nicht primär aus Rundfunkgebühren oder Subventionen. Vielmehr hat die Berliner Union-Film mit Becker & Kries ein solventes Immobilien- und Investmentunternehmen im Rücken, das auch internationale Geschäfte betreibt. Um so erfreulicher für den Medienstandort Berlin, dass sich Becker & Kries-Geschäftsführer Kube, der zugleich auch Vorstand der Becker & Kries Familienstiftung ist, von Jürgens’ Modernisierungskonzept überzeugen ließ, dass sich ein Investitionsprogramm in Höhe von zehn Millionen Euro lohnt, um „den Aufschwung am Medienstandort“ für die dynamische Weiterentwicklung der Berliner Union-Film zu nutzen.

„Wachstumspotenzial in Berlin“
Dazu wurde ein Konzept entwickelt, das sich gleichzeitig an den Interessen des Immobilien- und Investmentunternehmens Becker & Kries wie am künftig neuen Bedarf der digitalen Film- und TV-Produktion orientiert. Zuvor hatte Jürgens eine detaillierte Marktanalyse durchgeführt, die ein „signifikantes Wachstumspotenzial für TV- und Kinoproduktionen in Berlin“ identifizierte und „einen zunehmenden Bedarf an Produktion mit digitalen Workflow von der Kamera bis zur Postproduktion an einem Studiostandort“.

Das von Jürgens entwickelte Modernisierungskonzept basiert auf mehreren Säulen, die im Ergebnis zu flexiblen Mediendienstleistungen führen sollen. Unabhängig vom bereits abgeflauten Telenovela-Boom hat Jürgens grundsätzlich den Trend zur „Renaissance des Atelierbetriebs“ bei seiner Bedarfsanalyse ausgemacht, die er höchstpersönlich und via Fragekatalog bei den wichtigsten großen Sendern und Produzenten und ihren „Key-Positions“ – von Geschäftsführern über Programmdirektoren bis zu den Herstellungsleitern – durchgeführt hatte. Also fließt ein großer Teil des Investments in den Aufbau eines neuen modernen Studios mit einer Großfläche von zirka 2.000 Quadratmetern.
Egal, ob das spezifische Soap-Format Telenovela, das im Großraum Berlin in Adaption von Südamerika für Deutschland neu erfunden wurde, in Zukunft weiter brumme oder nicht. Sicher sei, davon ist Jürgens überzeugt, dass die industrielle Serien-Fiction-Produktionsweise, die mehr oder weniger an ein Studio, eine zentrale Location mit Dekorationsbau, gebunden ist, in Zukunft maßgebend sei. Denn „letztendlich“, so Jürgens, hätte man – Sender, Produzenten und technische Dienstleister – von der Telenovela-Fiction-Produktionsweise gelernt, dass man damit die nötigen „Deckungsbeiträge“ erreichen könne. Will heißen: „Die Studioproduktion in Verbindung mit einem optimalen digitalisierten Workflow von Dreh bis Postproduktion ermöglicht einen kalkulierbaren Fiction-Produktions-Minutenpreis, der die Refinanzierung durch Zuschauerreichweiten und Werbung erst möglich macht.“

Man könne 45 Minuten oder zehn Minuten am Tag produzieren, je nachdem, welchen Production Value man für welchen Sendeplatz anstrebe. Als Beispiel nennt Jürgens die von der Union-Film produzierte Sat.1-Prime-Time-Serie „Unter den Linden“. Auch wenn die Serie in der Prime-Time nicht bei den Zuschauern reüssierte, habe man damit „einen hohen Production Value in Bezug auf Cast und Dekorationsbau – dem Look – erzielen können, weil auf der anderen Seite bei der industriellen Studioproduktion Kosten eingespart werden konnten“.
Laut Jürgens war bei der Serie „Unter den Linden“ der hohe Production Value in Ausstattung und Cast nur deshalb möglich, weil bis zu zehn Minuten am Tag im Studio gedreht wurden – mit zwei digitalen Kameras und entsprechenden Objektiven, um Filmlook zu erzeugen. Jürgens: „Mit der technischen Innovation, einer strengen Disposition und der Studioproduktion, die wetterunabhängig macht und Auf- und Abbauzeiten erheblich reduziert, gelingt es, die Kosten zu senken, um auch wieder mehr Geld in den Production Value zu investieren.“ Die industrielle Produktionsweise, so Jürgens weiter, müsse ja „nicht immer so radikal sein wie bei der Telenovela“. Sie sei aber in jedem Fall ein Instrument, „um die Kosten im Minutenpreis zu senken“.

Das neue große Studio, dessen Bau im April beginnt und im September abgeschlossen sein soll, sieht Jürgens aber keinesfalls nur als ein Leistungsangebot für ganz oder teils industriell gefertigte Fiction-Produktionen. Es soll natürlich genauso gut für die Produktion von großen Shows, für Entertainment-Produktionen aus Berlin geeignet sein. Dabei fließen rund 7,5 Millionen Euro nicht nur in den Neubau des Großstudios, sondern ebenso in den Bau eines neuen Logistikcenters für das Außendrehequipment. Allein auf das Studioproduktionsgeschäft will sich die Berliner Union-Film eben nicht verlassen. „Man darf nicht auf einen Trend oder eine spezifische Produktion planen“, sagt Jürgens: „Was wir brauchen, ist eine lange Investition auf zehn oder mehr Jahre.“
Auch wenn der Bedarfstrend in Richtung „zurück ins Studio“ gehe, strebe man im Investitionsprogramm eine „Mischung aus Bedarf und Technologie“ an. So werde schon aktuell eine zweite digitale Regie in Betrieb genommen. Auch die Postproduktion soll ausgebaut und auf Server-Technik umgestellt werden, mit dem Ziel „für fiktionale Produktionen mehr Kapazitäten für den Off- und Online-Schnitt sowie Synergien für die Ton- und Synchronarbeit zur Verfügung“ stellen zu können. Zudem, so Jürgens, werde auch in eine neue Studiolichttechnik investiert, „die eine höhere Flexibilität für das geplante multifunktionale Gesamtkonzept“ erlaube.

Kompletter Service rund um HD
Dabei ist sich Jürgens sicher, dass bei der TV- und Filmproduktion in Zukunft nichts mehr ohne HD-Workflow laufe: „An HD wird man nicht vorbeikommen. In den nächsten vier bis fünf Jahren werden auch die Sendezentren auf HD umstellen – das hat unter anderem mit dem internationalem Vertrieb zu tun.“ Ergänzend zu dem exzellenten Know-how im klassischen 16mm-Bereich, will sich Jürgens externes Know-how auf das Gelände holen, um somit auch zu allen HD-Fragen kompetente Beratung als Service anbieten zu können. Zumal es beim HD-Workflow gar nicht mehr um Postproduktionsfragen ginge, sondern die Weichenstellungen für die Art der Produktion und ihrem Workflow bereits auf Drehbuchbasis erfolgen müssten.

Daher wird derzeit die Kooperation mit einem High-End-Postproduktionsdienstleister vorbereitet, dessen Kompetenzen in den Bereichen Editing, Compositing, 2D-Graphics, 2D/3D-Animation, Visual-Effects, Screendesign, DVD-Authoring und im Supervising für alle Arbeitsgebiete liegen.
Zusätzlich wird die Union-Film direkt oder in einer Kooperation zukünftig auch HDTV-Kameras anbieten. So könne dann am Standort Berlin-Tempelhof „von der Aufnahme am Außenset oder im Studio bis zur Endbearbeitung ein durchgehender HD-Workflow angeboten werden, wie er heute nur an wenigen Standorten für den Kunden so serviceorientiert“ angeboten werden würde.
Damit strebt Jürgens an, „sowohl die Produzenten, die erst auf 16mm arbeiten und danach in die digitale Welt übergehen, als auch die, die sich für den Dreh mit digitalen Kameras entscheiden, weil sie mehr Minuten am Tag drehen wollen mit einem kompletten HD-Workflow inklusive Computergraphics“ zu bedienen. „Den Ton“, so fügt Jürgens hinzu, „machen wir sowieso.“ Die technologische Entwicklung hat laut Jürgens in der jüngeren Vergangenheit „so viele große Schritte hintereinander gemacht, dass viele Kunden nicht genau über die diversen Möglichkeiten informiert sein können“. Daher gäbe es den großen Beratungsbedarf in Bezug auf Budget- und Realisierungsweise bereits vor Produktionsbeginn. Zum Beispiel: „Was soll konventionell gebaut werden, was wird wie animiert“, um den angestrebten Look im vorhandenen Budgetrahmen zu realisieren?

Später sollen weitere Dienstleister aus der TV-Produktionsbranche hinzukommen. Die Kunden sollten bei der Berliner Union-Film möglichst „jeden Service direkt vor Ort erhalten können“, betont Jürgens. Zu diesem Angebot zählen bereits Büroräume, die Produzenten mieten können. Im Rahmen der Neubauten kommen ein neues Zuschauerfoyer und neue Räumlichkeiten für Garderoben und Kostüme hinzu.

Netzwerke am Standort bilden
„Wir haben am Standort Berlin keine Überkapazität an Studios wie in Köln“, gibt sich Jürgens überzeugt. Da aber die Dienstleister in Berlin weiter auf der Stadt verteilt seien als in Köln oder München, wo sie sich zum einen in Unterföhring, zum anderen auf dem Bavaria-Gelände tummelten, sei im Raum Berlin-Brandenburg ein Netzwerk sinnvoll, wie man es mit dem production.net aufgezogen habe. Dabei verstünden sich die Studiobetriebe und die technischen Dienstleister natürlich auch als Konkurrenten. Aber, so Jürgens, „zusammen hängen wir alle an einem Tropf“. Weil es eben am Standort Berlin „kein zentrales großes Medienzentrum gibt“, dadurch speziell der Bereich der Dienstleistungen im Bereich Postproduktion etwas unübersichtlich sei, sei es „extrem wichtig“, sich im Netzwerk gegenseitig zu unterstützen. Man könne „am Standort Berlin nur gewinnen, wenn man eine Infrastruktur bietet, die es wie in Köln und München erlaubt, dass man alle Produktionsfacilitäten, die man braucht, auch sofort findet“.
Dass nun am Standort München durch den Verkauf der ProSiebenSat.1 Media AG an KKR und Pemira ein neuer europäischer Fernsehkonzern entsteht, macht Jürgens nicht bange. Die Hauptverwaltung der ProSiebenSat.1 AG sei ja schon immer in München gewesen, und „die Verwaltung hat wenig mit dem Produktionsalltag zu tun“, meint Jürgens: „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Sat.1 jetzt nach München übersiedelt.“ Sowieso bleibt Jürgens ganz eng mit der Tradition der Berliner Union-Film verbunden und ist mächtig stolz darauf, dass sich Dieter Thomas Heck gewünscht hat, dass die Galaveranstaltung anlässlich seines 70-jährigen Geburtstages vom ZDF da produziert wird, wo seine TV-Karriere begann: auf dem Berliner Union-Film-Gelände zur Einweihung des neuen großen Studios.
Erika Butzek (MB 02/07)

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