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Technische Dienstleistung für einen aufstrebenden Sportmarkt

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Technische Dienstleistung für einen aufstrebenden Sportmarkt

China baut seine Sportligen massiv auf und investiert in eine Entwicklung, die sie auf internationales Niveau bringen soll. Damit einher geht auch ein Ausbau nationaler und internationaler Sportübertragungen. Ein lukrativer Markt, auf dem die Firma China TV Services (CTVS) von Gernot Kuntze seit 2006 aktiv ist und viele Erfahrungen sammeln konnte.

Angefangen hatte es während der Weltausstellung in Hannover. Gernot Kuntze arbeitete für ein Reporterteam des chinesischen Senders CCTV als Verbindungsmann. Die Chinesen gingen davon aus, er sei ihr Aufpasser. So waren sie es aus ihrer Heimat gewohnt. Mittlerweile dürfen sich Journalisten im Großteil Chinas jedoch ohne Begleiter bewegen. Die so entstandene Verbindung führte zu einer Einladung von CCTV beim Sender 10, dem Bildungsfernsehen, anzufangen. „Man brauchte damals einen Ausländer, der eine andere Sicht auf die Dinge mitbrachte“, erinnert sich Gernot Kuntze.

Chinesischkenntnisse waren nicht erforderlich und auch heute kommt Kuntze mit einem sehr reduzierten Wortschatz aus. Im Geschäft verlässt er sich dabei auf seinen Partner Wang Xu, der in Deutschland studiert hat. Nach seiner Zeit bei CCTV 10 sollte Kuntze eigentlich als Dienstleister für CCTV in Europa tätig werden, doch es kam anders. Schuld war gewissermaßen die ARD. Für das Morgenmagazin wurde Kuntze gebeten einen SNG zu organisieren. Aus heutiger Sicht die Keimzelle der Tätigkeiten von CTVS als technischer Dienstleister. Darauf folgten technische Dienstleistungen für Journalisten von ARD, ZDF und etwas später auch für den ORF. Das war zu Beginn nicht mehr als ein EB-Team mit einer SX-Kamera.

2006 eröffnete er in Beijing ein Studio für den ORF. Von dort werden noch heute Dokumentationen, Reportagen und Berichte produziert sowie Übersetzungen für ausländische Rundfunkanstalten angefertigt. Als 2008 in Beijing die Olympischen Sommerspiele stattfanden, musste die technische Dienstleistung kräftig hochgefahren werden, um den Bedarf zu decken, was zur Gründung von CTVS führte, die heute rund 30 fest angestellte Mitarbeiter hat. Von der EBU erhielt er den Auftrag sich um die technische Dienstleistung für die Sportredaktion zu kümmern. Es entstanden mobile und stationäre Schnittplätze. Durch die Olympischen Spiele erhielt CTVS als erste Firma in China die Erlaubnis ein SNG zu betreiben. SNGs werden in China vom Staat betrieben. Auf jedem fährt ein Techniker mit, der die Übertragung überwacht. Braucht man einen SNG, muss das vorher schriftlich angemeldet und abgesegnet werden. Auch die Überführung muss beachtet werden, da LKW in Chinas Metropolen nicht an jedem Tag fahren dürfen.

Nach dem Olympia-Boom dauerte es Monate bis die ersten Anfragen für Sportübertragungen für Basketball und Motorsport bei CTVS eingingen. 2009/10 begann Kuntzes Firma dann mit dem Hostbroadcasting. 2010 war CTVS Hostbroadcaster des Länderspiels Deutschland-China in Schanghai für die ARD. Im gleichen Jahr übertrug CTVS – aus der gleichen Stadt, für den gleichen Sender – das DTM-Rennen. Ein großer Auftraggeber ist der Motorsport, dessen Saison von März bis November geht. „Dann ist jede Woche irgendwo ein Autorennen und da wir exklusiv verschiedene Rennserien betreuen, sind wir in ganz Asien unterwegs“, sagt Kuntze. Dazu gehören etwa die Übertragung der Rennen der Serien Asian LeMans, Audi R8 LMS Cup und Formula Masters.

Partnersender von CTVS sind die Sender Fox Sports und Star Sports, die beide für ganz Asien produzieren. Beide Kanäle gehören zu Fox International Channels und für beide produziert CTVS jeweils ein Motorsportmagazin. „In China gibt es rund 3.000 Kanäle. Da gibt es genügend Ü-Wagen, um deren Ansprüche und Bedarf abzudecken“, sagt Gernot Kuntze. „Aber Firmen wie Infront und Sport 5 haben da ganz andere Ansprüche.“

Ein treuer chinesischer Kunde ist der IPTV-Anbieter LETV. Für ihn produziert CTVS unilaterial Sportübertragungen wie etwa das Autorennen in der chinesischen Sonderwirtschaftszone Macao oder den Macao Worldcup. LETV ist nicht nur im Medienbereich tätig. Es produziert auch Fahrräder, Handys und Fernseher und integriert in seine Geräte – soweit möglich – die LETV-App in einer Art vor, dass sie zwangsläufig genutzt wird. „LETV hat sich mittlerweile ein große Reichweite aufgebaut“, sagt Kuntze. Der große Ansporn für einen Streaminganbieter zu arbeiten ist, dass die User ihre Kommentare direkt unter den Live-Stream schreiben können. „Dieses Real-Time-Feedback, führt natürlich dazu, dass wir den Job besonders gut machen“, so Kuntze.

In den Städten ist die erforderliche Bandbreite für LETV vorhanden. Mobil ist die Bandbreite über UMTS oder 4G sogar so gut, dass sie für eine Übertragung mit dem Live-Rucksack genutzt werden kann. Um eine bestmögliche Sendestabilität zu haben, werden Sportübertragungen in China jedoch über Satellit übertragen.

Im Bereich der Live-Produktion spielt Geld in China erst einmal keine Rolle. Davon ist genug vorhanden. Selbst Sender, die noch in SD ausstrahlen, haben einen HD-Ü-Wagen. Allerdings ist das Setup der Ü-Wagen immer gleich: die neueste Technik, eine EVS, acht Kameras, die für eine kleine Show- oder Sport-Übertragung ausreichen, ein externes Video-Steckfeld, im Zweifel nur einen Interkom-Anschluss und einen spartanischen Router. Auch lässt sich der Ü-Wagen nicht erweitern. Allerdings verfügt CTVS über mehrere Flightcase-Regien, mit bis zu 24 Kameras. Zum Einsatz kommen sie in der Regel bei den Motorsportübertragungen. „Es ist nicht so, dass die Sender auf die Hersteller zugehen und sich individuelle, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Ü-Wagen bauen lassen“, merkt Kuntze an. Am stärksten im Ü-Wagen-Bau ist Sony mit seinen Kameras und Bildmischern vertreten. CTVS selbst benutzt Sony-Kameras, Snell&Wilcox-Bildmischer, Harris Platinum-Kreuzschienen für bis zu 188 Punkten sowie einem MVS-8000X SD-/HD-Videomischer von Sony. In Planung ist der Bau eines neuen Ü-Wagens mit zwei Regien, der gleichzeitig für das Weltbild als auch eine unilaterale Produktion eingesetzt werden kann. Das wäre dann der erste Ü-Wagen dieser Art in China. Zur weiteren technischen Ausstattung von CTVS gehören etwa die ARRI Amira, Sony F55, Sony PDW 700, Canon C500 und eine 5D.

Die Sprachbarriere ist in China schon ein gewisses Problem. „Wenn ein chinesischer Techniker ein wenig Englisch spricht, ist das schon viel“, weiß Kuntze. Zwar gibt es viele Ausländer und auch Europäer, die Chinesisch oder genügend Chinesisch sprechen, um mit den Technikern zu kommunizieren, da aber Leute gesucht werden, reicht das alles nicht.

In China wird nicht viel unilateral produziert. „Jeder nimmt das gleiche Signal“, erzählt Kuntze. Wenn gleichzeitig unilaterale Feeds notwendig sind, wird das parallel mit einem komplett eigenen Ü-Wagen und eigener Infrastruktur produziert. Ein Austausch oder eine gegenseitige Unterstützung ist nicht möglich, weil die Kommunikation nicht zustande käme, vor allem aber auch nicht, weil chinesische Sender ihren eigenen Stil verfolgen. „Wenn eine unilaterale Produktion für eine internationale Übertragung gemacht werden müsste, ist es sehr mühselig, weil sie sich nicht auf die Wünsche des Kunden einstellen würden“, sagt der CTVS-Chef, begründet dies mit der herrschenden politischen Linie und nennt ein Beispiel: als ein chinesischer Sender für NBC als Hostbroadcaster tätig wurde, hatte NBC so viele eigene Kameras als Ergänzung dazu gebaut, dass sie mit denen die Übertragung letztendlich alleine gemacht haben. Alleine die ISO-Feeds von festen Positionen wurden übernommen. Live-Übertragungen ins Ausland sind mit einem gewissen Risiko behaftet. Die Behörden treibt die Angst um, es könnte etwas gesendet werden, was dem Image der Volksrepublik schadet oder Dissidenten könnten sie missbrauchen indem sie Plakate hochhalten. Manchmal lassen sich die Behörden aber darauf ein Übertragungen mit Verzögerung zu gestatten. Kommt es dabei zu einem Schwarzbild, war das im Zweifel immer ein technischer Fehler.

China ist eine sportbegeisterte Nation. Olympische Spiele stehen allgemein hoch im Kurs, Basketball ist die beliebteste Sportart und gerade bei den jungen Chinesen sehr populär. Fußball holt mit großer Geschwindigkeit auf. Zwar spielt China noch nicht auf internationalem Niveau, doch ist die nationale Liga beliebt genug, so dass Public Viewing hier zu einer festen Größe geworden ist. Tischtennis ist ebenfalls ein beliebter Sport und der Marathon-Lauf ist up-and-coming. Und die Winterspiele in Peking 2022 dienen nicht nur dazu die Sportnation China zu feiern, sondern auch den Wintersport zu promoten.

Parallel dazu entwickelt sich Rechtehandel und Vermarktung. Wanda ist eines von vielen Konglomeraten, das im Westen shoppen geht und LETV hat dem staatlichen CCTV die Übertragungsrechte für die Champions League, die Bundesliga und den Motorsport abgeluchst. „Sportübertragungen werden konkurrenzfähiger“, sagt Kuntze. „Und der Mehrbedarf an Übertragungen führt dazu, dass die Sender händeringend Personal dafür suchen.“ Das Problem ist hier die Ausbildung. Sie ist auf das Standardmodell des chinesischen Fernsehens ausgerichtet und mit den modernen Anforderungen nicht kompatibel. Dies dürfte jedoch nur vorübergehend für Irritationen sorgen, da China ein Land ist, das den festen Willen besitzt alles, was es anpackt auf internationales Niveau zu heben und sich in dem Prozess zwar von Ausländern helfen zu lassen, dies jedoch mit dem Ziel am letztendlich von dieser Hilfe unabhängig zu werden.

Thomas Steiger

MB 2/2016

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