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Telkos machen TV

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Telkos machen TV

Es ist sicher eine der spannendsten Nachrichten des Jahres für die deutsche Medienbranche: Vor kurzem kündigte auf dem Medienforum NRW Niek Jan Van Damme, Vorstandsmitglied der Deutschen Telekom, an, nicht nur wie bisher Sportinhalte zu produzieren und auf den eigenen Plattformen ausstrahlen zu lassen, sondern auch zukünftig in fiktionale Filme und Serien zu investieren. Insgesamt will der Konzern einen dreistelligen Millionen Eurobetrag für die Produktion eigener Bewegtbildinhalte investieren. Damit liegt der Bonner Gigant im Trend.

Erst Ende letzten Jahres übernahm die US-Gesellschaft AT&T für 78 Milliarden Euro einen der größten Medienkonzerne der Welt: Time Warner. Der Internet- und Kabelbetreiber Comcast hatte bereits zuvor NBC Universal komplett übernommen. Und im Frühjahr konnte die British Telecom den englischen Sender Sky beim Wettbewerb um die Übertragung der Champions League erneut überbieten.

Geld dafür ist bei den Telekommunikationsunternehmen mehr als ausreichend vorhanden. Allein die Deutsche Telekom verzeichnet für das Jahr 2016 einen Umsatz von 73 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Alle Privatsender in Deutschland zusammengenommen bringen es auf Einnahmen von etwas über vier Milliarden Euro. Fragt man bei der Deutschen Telekom an, wie denn die Programmoffensive aussehen könnte und für wann sie geplant ist, üben sich die Pressesprecher in äußerster Zurückhaltung. „Über das Thema Inhalte auch über Sport hinaus wird bei uns nachgedacht, aber es gibt keine konkreten Pläne“, heißt es dann beispielsweise. Dabei sind Gespräche zwischen den Bonnern und Fiction-Produzenten bereits in Gang oder in Vorbereitung. Warum also so vorsichtig? Sollten die Telekommunikationsanbieter tatsächlich stärker als Inhalteanbieter auftreten, wären sie für das klassische Fernsehen eine weitaus größere Bedrohung als Netflix, Amazon und Co. Denn sie sind nicht nur wirtschaftliche Giganten mit gut gefüllten Kassen, sondern sie verfügen über direkte Beziehungen zu ihren einzelnen Kunden, können deren Konsumgewohnheiten besser erkennen als etwa RTL, wo Redakteure mittlerweile in ausgewählten Haushalten für eine Weile zu Gast sein müssen, um die „Zielgruppe“ besser kennenzulernen. Und sie sind Gatekeeper, wenn es darum geht, dass Angebote überhaupt bei den Zuschauern ankommen. Plattformanbieter wie die Telekom könnten theoretisch den Zugang und die Auffindbarkeit von TV-Sendern erschweren oder sogar verhindern.

„Das ist aus unserer Sicht kein telekommunikationsspezifisches Thema, denn das Verhältnis zwischen Plattformen und Inhalteanbietern muss man sich generell gut anschauen“, urteilt Claus Grewenig, Bereichsleiter Medienpolitik bei der RTL Gruppe, „genau darüber wird ja aktuell auch diskutiert: Über den Zugang beziehungsweise die Auffindbarkeit von Angeboten in der digitalen Welt. Da, wo der Plattformanbieter die Auffindbarkeit in der Hand hat, muss es klare Regeln geben. Umso mehr gilt das, wenn der Plattformanbieter dann auch eigene Inhalte oder Dienste präsentiert, wie zuletzt das Google-Verfahren auf EU-Ebene gezeigt hat.“

Eine ähnliche Position formuliert auch der Generaldirektor des ORF, Alexander Wrabetz: „Im Online-Bereich darf es keine Benachteiligung Öffentlich-rechtlicher geben. Wir müssen unsere Programme dort anbieten dürfen, wo das Publikum sie nachfragt. Besonderes Augenmerk ist bei der Personalunion von Kommunikationsdienstleister mit Inhalteproduzent und -anbieter darauf zu legen, dass es zu keiner Diskriminierung von anderen Inhalteanbietern kommt, insbesondere nicht des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, es braucht also klare Must Carry- und Must be found-Regelungen.“ Was Deutschland angeht, sieht Grewenig die Staatskanzleien und Länderparlamente in der Pflicht, damit entsprechende Regelungen in den Rundfunkstaatsvertrag umgesetzt werden können: „Zurzeit konzentriert sich die Plattformregulierung nur auf die Netze, konkret auf den physischen Zugang zum Netz. Aber der Nutzer kann heute gar nicht mehr unterscheiden, von welcher Quelle die Inhalte stammen, die er sich auf seinem Bildschirm anschaut. Daher muss der Blick auf netzunabhängige Plattformen geweitet werden.“

Überrascht war man in Köln von der Ankündigung der Deutschen Telekom allerdings nicht. „Denn eigener Content ist hochattraktiv. Willkommen im Club. Genau deshalb investieren wir seit Jahren verstärkt in Eigenproduktionen und können den Schritt gut nachvollziehen“ so Grewenig, „natürlich bedeutet das noch mehr Wettbewerb, aber bei der Deutschen Telekom zeichnete sich das ja schon länger mit den Sportübertragungen ab, die auf der TV-Plattform Entertain gezeigt werden. Dem Wettbewerb stellen wir uns.“ Nachdenklich macht auch, dass so viele Informationen über sie die Verbraucher in einem Konzern gesammelt werden: Neben Handy, Festnetz, Internet käme dann auch noch der Konsum von Filmen, Serien oder Dokumentationen dazu. Und speziell bei der Deutschen Telekom taucht schließlich noch die Frage auf, ob ein Telekommunikationsunternehmen mit staatlichen Wurzeln überhaupt Programmanbieter sein darf, zumal Bund und die stattliche Bank KFW immer noch beteiligt sind, der Staat aber kein Programmveranstalter sein darf.

„Wir sind kein Programmveranstalter, sondern haben nur die Medienrechte“, antwortet der Telekom-Sprecher Malte Reinhardt, „die Lizenzen vergeben wir an andere Unternehmen.“ Das geschah auch bei Fußballbundesliga Rechten, die die die Telekom für die Jahre 2009 bis 2013 für die Übertragung via Online erworben hatte. Das Produktionsunternehmen Constantin wurde als Programmveranstalter beauftragt und die Spiele wurden auf dem Telekom TV- Angebot Entertain ausgestrahlt.

 

Staatsbeteiligung im Rundfunk

„Zur Frage der Staatsbeteiligung im Rundfunk gibt es klare Regeln, deren Einhaltung die Medienaufsicht überprüft“, kommentiert Grewenig den Hinweis, „staatliche Unternehmen können nicht ohne Weiteres eine Sendelizenz erhalten.“ Die staatlichen Kontrollorgane jedenfalls sind zurückhaltend, wenn es um die deutsche Telekom geht. So will sich etwa die Landesmedienanstalt NRW zum dem gesamten Komplex zurzeit nicht äußern.

Bleibt die Frage, warum Telekommunikationskonzerne sich nicht mehr nur auf die Bereitstellung von Übertragungswegen beschränken wollen, sondern auch Sport, Filme und Serie offerieren möchten?

Ein Grund könnten die neuen LTE -Mobilfunknetze sein, die hohe Übertragungsraten ermöglichen und die Kabelleitungen der klassischen Telekommunikationskonzerne überflüssig machen könnten. Zum anderen hat sich gezeigt, dass die Konsumenten mehr denn je nach attraktiven Inhalten wie Sport oder Serien verlangen und dafür auch bezahlen. Das klassische Fernsehsendermodell, mit festgefügter Programmstruktur, das zurzeit sowieso schon wackelt, könnte durch weitere Wettbewerber vollends zum Auslaufmodell werden. In der Branche wird bereits darüber spekuliert, ob nicht große Telekommunikationskonzerne mittelfristig Sendergruppen wie RTL übernehmen werden. Geld dafür hätten sie.

Für die Film- und Fernsehproduzenten jedenfalls ist die Situation ideal. „Das Geschäft für alle Marktteilnehmer belebt sich, insbesondere aber für das hochqualifizierte TV und Film Personal in Deutschland – besonders positiv ist zu verfolgen, dass lokaler Content entwickelt wird und es international erfolgreich ‚schaffen‘ kann beschreibt etwa der Geschäftsführer der Kölner MMC-Studios Philip Borbély die Lage, „somit ein Paradies für die Kreativen, die noch mehr Möglichkeiten erhalten.“ Er mutmaßt: „Welcher Dienst/Plattform überleben wird ist nicht abzusehen, die Attraktivität der Inhalte wird wesentlich entscheidend sein. Die neuen Player aber kommen in das Spiel, die eigentlich andere Kernfelder haben, eben eine Telekom, ein Amazon oder Apple TV, aber auch Samsung und Co., aber hilft das nicht gerade dem enormen wirtschaftlichen Erfolg anspruchsvoller Serien?“ Diese Einschätzung kann der Chef von Warner TV Deutschland René Jamm nur bestätigen: „Es ist eine gute Zeit für Produzenten, wir stehen in Kontakt mit allen Anbietern, die eigene Inhalte zeigen möchten, und sie werden immer mehr.“ 

Wilfried Urbe

MB 3/2017

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