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TV-Bilder von der „Weltregie“

Vom 6. bis 8. Juni trafen sich die Regierungschefs der mächtigsten Industrienationen zum vierten Mal in Deutschland – diesmal in Heiligendamm – um über Welt-, Wirtschafts- und Klimapolitik zu diskutieren, und wieder war Deutschland für einige Tage in den Mittelpunkt des Weltinteresses gerückt. Die Erstellung des „Weltbildes“ unter der Federführung des NDR war eine Gemeinschaftsleistung der ARD, des ZDF, von DW/Phoenix, n-tv und N24. Was auch immer auf der Konferenz, im Rahmenprogramm oder bei Protestaktionen passierte, wurde von mehr als 90 Kameras, elf Ü-Wagen und 14 SNGs aufgenommen und live in die ganze Welt übertragen.

Journalistenteams von fast 200 Fernsehsendern aus über 50 Ländern waren vor Ort. Sie waren rund um die Uhr auf Bilder vom Eintreffen der Tagungsteilnehmer, von der Konferenz und von den Aktionen der G8-Gipfel-Gegner angewiesen, da auf unserem Planeten immer irgendwo gerade die Hauptnachrichten laufen. Um diese hohen Anforderungen zu erfüllen, hatten der NDR und das ZDF direkt nach dem G8-Gipfel in St. Petersburg im letzten Jahr Planungsteams ins Leben gerufen, die zusammen mit dem Bundespresseamt, dem Bundesaußenministerium, der Polizei, der von der Bundesregierung beauftragten Eventagentur TrendEvent (www.pool.de), der Telekom und den Gemeinden Heiligendamm und Kühlungsborn in vielen Sitzungen und Ortsbegehungen ein umfangreiches und detailliertes Konzept zur fernsehtechnischen Übertragung erstellt und realisiert haben.
Eine besondere Herausforderung war die Anbindung des Tagungs- und Konferenz-Ortes Heiligendamm mit dem Pressezentrum und der „Weltregie“ im sechs Kilometer entfernten Kühlungsborn. Um die Übertragung der Fernsehsignale zwischen Heiligendamm und Kühlungsborn sicherzustellen, wurden von T-Systems Media&Broadcast zwei redundante, sieben Kilometer lange Glasfaserleitungen mit einer Kapazität von 43 TV-Kanälen zwischen Heiligendamm und Kühlungsborn verlegt. Außerdem stellte auch der tägliche Transport der Journalisten, Kamerafrauen und -männer und der fernsehtechnischen Spezialisten von Kühlungsborn nach Heiligendamm mit der Molli-Bahn, mit Bussen und teilweise mit Hubschraubern die Planungsteams vor nicht unerhebliche logistische Probleme – denn bei jedem Transport musste der zwölf Kilometer lange Sicherheitszaun mit all seinen notwendigen Sicherheitskontrollen passiert werden.

Berichterstattung mit vier Ü-Wagen
Neben dem Bahnhof in Heiligendamm war von TrenEvent das Pressebriefingcenter aufgebaut worden, in dem acht Pressekonferenzräume unterschiedlicher Größe integriert waren. Auf dem gleichen Gelände waren auch die Ü-Wagen (je einer vom ZDF, Nowotny TV, Park Studios – für Cine+ TV – und Studio Berlin-Adlershof) stationiert, die die Signale aus den Konferenzsälen, von den verschiedenen „Familienfotos“, den Spaziergängen, von den StandUp-Positionen und aus den Pressekonferenzen aufnahmen und nach Kühlungsborn in die Weltregie übertrugen. Dabei wurden die PK-Räume je nach Größe mit drei bis sieben Kameras bestückt. In der PK 1 wurde in sechs Sprachen übersetzt und in den PKs 2 bis 8 wurde die jeweilige Landessprache ins Englische übersetzt.
Alle Pressekonferenzen wurden außerdem auf EVS HardDisk-Rekorder aufgezeichnet und nach Timecode geclipt. Die Verkabelung der PKs war einfach im Vergleich zur Anbindung der Kamerasignale aus den Konferenzräumen im Hotel Kempinski, von den Spaziergängen und den StandUps: Hier mussten fast 15 Kilometer Triaxkabel bereits Wochen vorher unter den vorgeschriebenen Sicherheitsaspekten verlegt werden. Um während der drei Konferenztage in Heiligendamm die notwendige, über die Möglichkeiten einer Festverkabelung hinausgehende Flexibilität zu gewährleisten, wurde auch ein Funknetz für zwei drahtlose Handkameras aufgebaut. Jede Kamerafrau beziehungsweise jeder Kameramann, die oder der in der Roten und Blauen Zone zur Bedienung einer Kamera eingeteilt war, wurde von einem Sicherheitsbeamten begleitet. Die Signale von den vier Ü-Wagen wurden dann von T-Systems Media&Broadcast übernommen und über die redundante Glasfaserstrecke nach Kühlungsborn übertragen. Aber selbst diese Leitung hatte ein Back-Up: neben den Ü-Wagen war ein SNG-Fahrzeug stationiert, das das Signal beim Zusammenbruch der Glasfaserübertragung auch über eine Satellitenstrecke hätte absetzen können.

„Weltregie“ und Medienzentrum
Mehr als 5.000 Journalisten und fernsehtechnische Mitarbeiter wurden am 5. Juni in Kühlungsborn bei der Eröffnung des Pressezentrums vom Ministerpräsidenten des Landes Mecklenburg-Vorpommern begrüßt. Auf einer verfügbaren Fläche von 7.800 Quadratmetern konnten die Journalisten an großzügigen Arbeitsplätzen mit Telefon- und Internet-Anschluss ihre Berichte zeitnah in ihre Heimatländer absetzen und in den von der EBU eingerichteten Editing-Kabinen haben 53 Fernsehsender ihr Material unter Einbindung des von der „Weltregie“ bereitgestellten und über zwei „World Feeds“ kontinuierlich distribuierten Bildmaterials für ihre Zuschauer zusammengestellt oder das Live-Signal direkt übernommen.
Die „Weltregie“ war aus den Komponenten der beim ZDF stationierten MPE (Mobile-Produktions-Einheit) in einer Gemeinschaftsleistung von NDR und ZDF aufgebaut worden. Sie bestand aus zwei Regien (für das Weltbild 1+2), die die Signale von den Außenpositionen in Rostock-Laage (Ankunft der Gipfelteilnehmer), Gut Hohen-Lukow (Abendessen am 6. Juni), aus Reddelich und Kröpelin (Anti-G8-Camps), Kontrollpunkt Rennbahn (Einfahrt der Mitarbeiter der G8-Regierungschefs), sowie vom J8-Gipfel in Wismar und vom Rock-Konzert der Anti-G8-Gruppen in Rostock, der EBU und den am „Berliner Modell“ beteiligten deutschen Sendern (ARD, ZDF, RTL, SAT.1, DW/Phoenix) bereitstellten. Hier lief auch die redundante Glasfaserleitung aus Heiligendamm mit den Signalen von den Arbeitssitzungen und Pressekonferenzen auf. Und auch hier wurden die Signale wieder auf EVS HardDisk-Rekordern aufgezeichnet. Die Verteilung aller ankommenden und abgehenden Signale wurde mit einer 256 × 256 Videokreuzschiene von Quartz geleistet.

NDR Bühne und Tagesthemen Studio
Am Rande des internationalen Medienzentrums in Kühlungsborn hatte der NDR eine TV-Bühne aufgebaut. Von dort erfolgte die Berichterstattung für Das Erste, die weiteren ARD-Programme und das NDR Fernsehen. Der NDR Ü1 war für die Abwicklung dieser Sendungen zuständig. Im NDR Ü2 wurden die externen Schalten zur „Weltregie“, zu den StandUps in Heiligendamm, sowie die Überspielungen nach Hamburg betreut. Auch das Überspielen und Kopieren von MAZ zu MAZ war hier möglich. Das Produktionsbüro, alle Redaktionsräume, Sichtplätze und Besprechungsräume befanden sich im ARD Media Center, das in unmittelbarer Nähe der NDR/ARD Produktionsstätten lag. Die Sichtplätze der Redakteure wurden hier erstmals mit der neuen EVS Browsingsoftware mit den zehn Schnittplätzen in den von AMF, Betamobil, EB-Team, ProVi und TV-Unit angemieteten Schnittmobilen vernetzt. Das Herz dieser innovativen Lösung war im EVS-Container auf dem Ü-Wagen Compound installiert. Über einen HUB waren fünf EVS HardDisk-Rekorder (mit einer Speicherkapazität von zusammen 160 Stunden) mit zwei EVS 4-Kanal-XT²-Servern (Speicherkapazität je 152 Stunden) verbunden. Darüber lag die Browsingsoftware, an die alle Avid Non-Linear-Editoren und die Sichtplätze in der Redaktion angeschlossen waren. Damit hatten die Redakteure die Möglichkeit, aus dem Originalclip Sub-Clips zu identifizieren und bereits auf dem PC einen Rohschnitt zu kompilieren. Dieser Rohschnitt diente als Vorlage für den High-Res-Edit in den Schnittmobilen und verkürzte die Schnittzeiten damit erheblich. Das im Server gespeicherte aktuelle Material diente auch dazu, die Beiträge „Der Gipfel von Heiligendamm“ im ARD-Nachtmagazin und die aktuelle Reportage „Großmächte und Zaungäste“ zu erstellen.
Die Tagesthemen wurden vom 6. bis 8. Juni ebenfalls live aus Kühlungsborn übertragen. Und auch in der Halbzeit des Fußballspiels Deutschland – Slowakei moderierte Anne Will aus dem Studio, das im obersten Stockwerk des Hotels Morano aufgebaut war. Ein Fünf-Kamera Ü-Wagen mit SNG von Prokam war für die Übertragungen verantwortlich. Eine Kamera mit 110-fach-Optik auf dem Dach des Morano lieferte verschieden Beauty-Shots für die Übertragungen.

Das „Gläserne Studio“
Bevor die fernsehtechnische Infrastruktur auf einer Brache parallel zur Strandpromenade in Kühlungsborn aufgebaut werden konnte, musste EON für das ZDF eine EVU Starkstromzuführung mit 20kV verlegen, die eine Spitzenentnahme von 630kVA zuließ. Als Backup wurde eine mobile Stromerzeugung mit 2x 400kVA Twin-Packs und eigenem Tankwagen angemietet, die im Parallelbetrieb lief und im Notfall unterbrechungsfrei die Stromversorgung für den gesamten Compound und das Studio übernehmen konnte. Neben den zwei ZDF Ü-Wagen MP1 und MP2 waren auch erste Komponenten des MPS (Modulares Produktions-System) im Einsatz, das sich bereits bei der Wahlberichterstattung aus Bremen bewährt hatte. Hier in Kühlungsborn war im Schalt-Container die Leitungsabwicklung positioniert, die die Koordination der Zuspielungen von den zwei Signalen aus der Weltregie, der Signale von den Pressekonferenzen, der Signale von den SNGs und der Zuspielungen von und nach Mainz sicherstellte. Im Edit-Container wurden die eingehenden Signale auf den EVSen aufgezeichnet und den damit vernetzten Schnittmobilen von Dekabo, nobeo und ZDF zur Weiterbearbeitung auf den neun Avid-Schnittcomputern zugeteilt.
Der MP1 war die Regie für das „Gläserne Studio“ am Bootshafen. Hier wurden die Live-Zuspielungen für die ZDF Sendungen Morgenmagazin, Mittagsmagazin und für die Heute Nachrichten sowie die Produktion der 3SAT „Kulturzeit“ abgewickelt. Aufgrund der sehr engen räumlichen Gegebenheiten im Studio war die Lichtregie mit dem Grand Ma-Lichtstellpult erstmals auch in einen Container auf dem Compound ausgelagert worden.
Die Intercom zwischen allen Gewerken wurde über eine Delec 144 × 144 Matrix und eine Riedel Artist 128 × 128 Matrix abgewickelt. Dabei war die Delec Matrix für die Kommunikation auf dem Compound und die Riedel Matrix für die Kommunikation mit den Sprechstellen in Heiligendamm, der Weltregie in Kühlungsborn und den SNGs zuständig.

„Deine Stimme gegen Armut“
Am Rande des G8-Gipfels übertrug TVN im Auftrag des WDR mit zwölf Kameras das Rock-Konzert „Deine Stimme gegen Armut“. Auf zwei Bühnen erklärten 16 Bands den 80.000 Zuschauern mit großem Erfolg ihre Sicht der Welt. Wie in Heiligendamm und in Kühlungsborn lieferte auch hier die Fernseh- und Tontechnik hervorragende Bilder und Töne, die im Kontrast zu der eingezäunten Konferenz-Atmosphäre in Heiligendamm und der gewalttätigen Anti-G8 Demonstration am 1. Juni in Rostock standen. Da sechsstündige Live-Konzert wurde vom WDR und von TVN zusammen mit „RemoteRecording“ überzeugend in Szene gesetzt.

Fazit
Die fernsehtechnische Berichterstattung vom G8-Gipfel und rund um den G8-Gipfel war ein Erfolg für das von NDR und ZDF erstellte technische Konzept. Den aus aller Welt angereisten Journalisten wurden exzellente Bilder aus Heiligendamm, Rostock, Gut Hohen-Luckow, Wismar und Reddelich angeboten. Und auch den Heimatredaktionen von ARD und ZDF standen alle Möglichkeiten einer umfassenden und schnellen Berichterstattung zur Verfügung.
Reinhard Penzel (MB 07/07)





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