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Vom Urknall zu 3D

MEDIEN BULLETIN feiert 30-jähriges Jubiläum. Grund genug, einmal zurück zu schauen, welche Themen in den zurückliegenden drei Jahrzehnten wichtig waren – Auch mit Blick auf die Zukunft.

MEDIEN BULLETIN hat das private Fernsehen in Deutschland von Beginn an begleitet. Das Magazin war noch vor Sat.1 und RTL am Start. 1981 hatte das Bundesverfassungsgericht in seinem damals 3. Rundfunkurteil erstmals grünes Licht für die Einführung des privaten Rundfunks und Fernsehens in Deutschland gegeben. Damit wurde das Fundament für die bis heute gültige „duale Rundfunkordnung“ gelegt. Dem Prinzip des so genannten „Binnenpluralismus“, das für ARD/ZDF galt und gilt, wurde die Möglichkeit eines „Außenpluralismus“ an die Seite gestellt. So sollte die „Meinungsvielfalt“ in den elektronischen Massenmedien der BRD sichergestellt werden.

Während dies im Programm der öffentlich-rechtlichen Sender vermittelt über ihre Rundfunkräte binnenpluralistisch gewährleistet sein müsse, war die Einführung des privaten Rundfunks seitens des Bundesverfassungsgerichts mit der Auflage verbunden, eine außenpluralistische Struktur für Meinungsvielfalt zu schaffen. Dafür müssten entsprechende Aufsichtsgremien sorgen. Somit war das Jahr 1981 auch der Nukleus für die heutigen Landesmedienanstalten. Der Haken an der Sache war: Damals wurde nicht nur Radio, sondern auch Fernsehen ausschließlich über Antennenfrequenzen ausgestrahlt, und die, die damals dafür geeignet waren, waren alle von den öffentlich-rechtlichen Sendern belegt.

Die Einführung des privaten Rundfunks war mit komplexen Fragestellungen und Rahmenbedingungen rund um Politik, Technik und Wirtschaft verbunden. Es begann ein langer ideologischer Krieg. Wie es damals unter Intellektuellen in der gemütlichen Bundesrepublik üblich war, waren Redakteure und Journalisten auch beim Fernsehen eher romantisch „links“ orientiert. So fühlten sich die „Rechten“, vertreten durch die CDU, vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen überhaupt nicht gut vertreten und fertigten Strichlisten über die ihnen gegönnte Redezeit an, mit denen sie es beweisen wollten. Die SPD, also die damaligen „Linken“, waren mit dem Fernsehprogramm voll zufrieden und zeichneten für privates Fernsehen einen kapitalistischen Teufel an die Wand, der das Volk mit seichter Unterhaltung verblöden werde.

Schließlich gelang es der CDU, vier so genannte Kabelpilotprojekte durchzusetzen, mit denen angeblich die Wirkung des privaten Fernsehens wie die technischen Rahmenbedingungen „erprobt“ werden sollte. Wobei die CDU, die ja weiland auch für das „Wirtschaftswunder“ stand, eben auch wirtschaftlich neue Prozesse ankurbeln wollte.
Im zuerst gestarteten Ludwigshafener Pilotprojekt, an dem nur wenige Hunderte TV-Haushalte hingen, ging am 1. Januar 1984 Sat.1 auf Sendung, mit einer Rede vom heutigen VPRT-Präsidenten Jürgen Doetz. Die Geburtsstunde von Sat.1 wurde fortan von ihm und anderen Beteiligten als ein „Urknall“ bezeichnet. Hinter dem Projekt standen vor allem der Filmhändler Leo Kirch und die Mehrzahl der deutschen Zeitungsverleger, wie zum Beispiel Axel Springer, und jede Menge einflussreicher CDU-Politiker.

Einen Tag später, am 2. Januar 1984, ging RTLplus on air, über eine Antennenfrequenz im Großherzogtum Luxemburg, die immerhin – wenn auch in schlechter Qualität - eine technische Reichweite von 1,4 Millionen TV-Haushalten hatte und das Saarland und Teile von Rheinland-Pfalz erreichte. Damit wurde eine Art Piraten-Fernsehsender für Deutschland realisiert, deren Direktor Helmut Thoma war, und hinter dem als Gesellschafter Bertelsmann, die Compagnie Luxemborgeoise de Télédiffusion S.A., UFA Film- und Fernseh GmbH, WAZ, Burda Verlag, FAZ sowie treuhänderisch die Deutsche Bank stand.

Auch wenn sich bis heute eine Menge diffuser Entwicklungen dazwischen ereignet hat, und es viele Gesellschafterwechsel gab: Der neue private Fernsehmarkt war bereits damals – wir sind noch in der alten Bundesrepublik Deutschland – von zwei Gruppen rund um Sat.1 und RTL bestimmt. In der damaligen DDR gab es ja nur reines Staatsfernsehen.

Dass privates Fernsehen erst einmal nur erprobt werden sollte, war natürlich nicht ernst gemeint. Es war jetzt eingeführt und man brauchte eine technische Infrastruktur dafür. Also ließ der damalige Postminister Christian Schwarz-Schilling (CDU) auf Staatskosten – einmalig in Europa übrigens – überall teure Kabel „verbuddeln“. Auch heute noch hängen die meisten deutschen Fernsehhaushalte am Kabel, das mittlerweile im Besitz von Investoren ist, die sich ungern zur Digitalisierung drängen lassen, wenn im Gegenzug dafür, nicht neue Geschäfte locken. Das hat zu einem gewissen Digitalisierungsstau in Deutschland geführt.

Weil dann doch noch freie Antennenfrequenzen gefunden – und Kabel- und Satellitenfernsehen immer beliebter wurden, wuchsen Sat.1 und RTL zur echten Konkurrenz für ARD/ZDF heran. Von der einmal gewonnenen technischen Reichweite wollten sie nichts mehr abgeben. Deshalb haben sie die Entwicklung von D2 MAC, aus der damals schon HDTV entstehen sollte (erstmals auf der IFA 1987 präsentiert), verhindert – schließlich auch zusammen mit ARD/ZDF. Hinterher war man übrigens froh darüber, weil die Sache noch auf analogen Füßen stand und die Röhren-Fernsehgeräte so schwer hätten sein müssen, dass sie vermutlich in schlichten Mietwohnungen mitunter durch die Decke gebrochen wären.

Am 1. Januar 1989 ließ Leo Kirch mit PRO 7 einen zweiten TV-Sender für sein Geschäftsfeld privates Fernsehen vom Stapel. Wenige Monate danach, im November 1989, fiel in Berlin die Mauer. Im wiedervereinten Deutschland formierten sich auf dem Gebiet der Ex-DDR neue öffentlich-rechtliche Sender, und Deutschland wuchs mit dem schon großen Privatfernsehen zum größten Fernsehmarkt in Europa heran.

Es stellte sich heraus, dass sogar im so genannten „Tal der Ahnungslosen“ in der Ex-DDR rund um Dresden schon jede Menge Satellitenschüssel vorhanden waren, womit man nicht nur ARD/ZDF, sondern auch besonders gerne das Privatfernsehen von RTL und Sat.1 empfing. Überall in die Ex-DDR hinein waren die Antennenfrequenzen von ARD/ZDF nicht durchgedrungen.
Zwischen 1991 und 1995 schossen jede Menge neuer privater TV-Sender wie Pilze aus dem Boden: der Pay-TV-Sender Premiere, der Kabelkanal, n-tv Nachrichtenfernsehen, das Deutsche Sportfernsehen, VOX und RTL 2, beispielsweise. Dabei wurde das Duopol der Senderfamilien RTL- und ProSiebenSat.1 ausgebaut.

Die TV- und Filmproduktionswirtschaft im nun wieder großen Deutschland blühte mit den vielen neuen Aufträgen seitens der privaten TV-Sender auf. Auf die Entwicklung, dass sich vor allem jüngere Zuschauer vom privaten Fernsehen begeistern ließen, reagierten ARD/ZDF wenn überhaupt eher schwerfällig und zu spät. Immerhin wurde aber schnell auf die Bedürfnisse der Zuschauer in der Ex-DDR eingegangen.
Die Fernsehgeräte wurden flacher und schöner. Die Guckröhre 4:3 sollte von 16:9 mit PALplus abgelöst werden, analog. Die Zeit wurde aber reif für digitales Fernsehen, zumal die Unterhaltungselektronikindustrie von der IT-Industrie bedroht wurde.

„Jeder soll von jedem Ort aus zu jeder beliebigen Zeit jede Information erhalten und weiter geben können“, hatte der US-Vizepräsident Al Gore kurz nach Amtseinführung seines Chefs Bill Clinton 1993 verkündet. Sowohl Microsoft wie Apple haben ja in den USA ihr Zuhause. In der ganzen Welt war plötzlich von „Datenautobahnen“ und vom Umbruch der Industrie- in eine Informationsgesellschaft die Rede. Der Schlüssel dafür war und ist die Informations- und Kommunikationstechnologie. In den USA wurden riesige Projekte aus der Taufe gehoben, um Rundfunk-, IT- und Telekommunikationstechnik zu verbinden. Der „Telecomputer“ war in aller Munde.
1995 begann man in Deutschland die Entwicklung von Digital Video Broadcasting, DVB, zu intensivieren. Aber erst 1999 legte man einen Abschlussbericht für die Digitalisierung von Kabel, Satellit und Terrestrik wie auch die Multimedia Home Platform (MHP) vor. MHP sollte digitales, interaktives Fersehen möglich machen.

In der Zwischenzeit war einiges passiert. Neue Broadcast-Technologien wurden plötzlich gerne auf der IT-Messe CeBIT in Hannover präsentiert, die zudem mit CeBIT Home eine neue Messe für den Unterhaltungselektronikmarkt aufgezogen hatte. Sie ist längst wieder eingestellt worden, wohingegen die IFA nun jedes Jahr anstatt im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindet.

Der damalige Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt hatte 1998 verkündet, das analoge Fernsehen werde 2010 abgeschaltet. Das erschien für die Technologie-Industrie ein Angebot zu sein, als ob sie nun die Gelddruckmaschinen selber anschmeißen könnten. Denn für dieses politische Vorhaben war ja ihrerseits das Angebot von neuen Geräten für die digitale Produktion wie auch für neue digitale Empfangsgeräte notwendig. Man hatte Millionen-über-Millionen-Umsätze vor Augen. So schnell, wie erhofft, florierte das Geschäft dann doch nicht.

Dabei war bereits etwas ganz Neues auf den Medienmarkt gekommen, das mit dem am Europäischen Kernforschungszentrum CERN in der Schweiz entwickelten Ding namens „Hyperlink“ zu tun hatte und in der Werbung auf eine Unterhaltungssache umgemünzt wurde: Man konnte plötzlich im Internet, das aus der US-Militärforschung für Informationstechnologie stammte, im „Cyberspace surfen“. Es begann in der Werbung ein Jugendwahn, der damit verbunden war, dass, wer nicht interaktiv mit Medien umgehen kann, ganz klar zum alten Eisen gehört. Der Werbedruck war riesengroß. Jeder, der hipp sein wollte, besorgte sich einen Cyberspace-Anschluss, zumal dies auch für die lieben Kinder wichtig war, um up to date zu sein.

Es entstand die New Economy an der Börse und die Entwicklungen überschlugen sich. Das Geld, im Aktienmarkt, war scheinbar in Strömen vorhanden. Der Werbemarkt schien förmlich zu platzen. Weil die New Economy ohne Unterbrechung in allen klassischen Medien Werbung betrieb, um auf sich aufmerksam zu machen. Und im Frühling 2000 platzte die ganze Sache dann tatsächlich, weil sie sich als eine „Blase“, eine Marketing-Blase ohne Realwirtschaft, entpuppte.

Kirch-Pleite

2001 geht DVB-T in Berlin erstmals in den Regelbetrieb. Im selben Jahr gibt Leo Kirch, der ein Großteil seiner Unternehmenseinnahmen in sein Lieblingsprojekt Pay-TV steckte, und dieses Geschäft gerne mit seiner „D-Box“ monopolisiert hätte, seinen Widerstand gegen MHP auf. Damit ging der so genannte Set-Top-Boxen-Krieg zu Ende. Ein Jahr später, 2002, ist die Kirch-Gruppe pleite.
Die Insolvenzmasse von Kirchs ProSiebenSat.1 AG wird 2003 von einer Investorengruppe rund um Hollywood-Mann Haim Saban übernommen und 2007 an KKR/Permira mit Milliarden-Gewinn verkauft, die der Gruppe einen horrenden Schuldenberg auflädt.

Den geplanten Verkauf an Springer hatte das Kartellamt im Januar 2006 untersagt. So wird privates Fernsehen in Deutschland zunehmend zu einer Investoren-Angelegenheit, manche nannten es „Heuschreckenfernsehen“. ProSiebenSat.1 hat eine europäische Sendergruppe gebildet, die aber der mittlerweile riesigen RTL Group nicht das Wasser reicht. Aus Helmut Thomas Tutti-Frutti-Sender ist längst eine erfolgreiche RTL Group mit vielen Sendern in Europa samt einem weltweit agierenden Produktionsunternehmen avanciert. Sie ist an der Londoner Börse notiert, wobei seit 2005 Bertelsmann 90,4 Prozent der Anteile besitzt, 0,7 Prozent gemeinsam von der RTL Group und CLT-UFA als eigene Anteile gehalten werden und nur 9,6 Prozent im Streubesitz sind. Hauptsitz der Gruppe ist nach wie vor Luxemburg.

HDTV-Regelbetrieb

Während das private Fernsehen auch in Deutschland immer unter kommerziellen Gesichtspunkten gemanagt wird, wartet HDTV, jetzt in digitaler Form, auf seinen großen Auftritt. Dazu wird 2005 erstmals das Logo „HD ready“ vorgestellt, an dem europäische Konsumenten erkennen können, ob ihr Fernsehgerät auch tatsächlich HDTV präsentieren kann, wenn es über einen digitalen Anschluss und die geeignete Set-Top-Box verfügt. Danach wird weiter über den richtigen Standard für HDTV gestritten. Dennoch haben ARD und ZDF anlässlich der Olympischen Winterspiele in diesem Jahr den HDTV-Regelbetrieb gestartet. Und die technologische Entwicklung geht natürlich weiter: Im letzten August wurde auf der IFA das Zeitalter des dreidimensionalen Fernsehens, 3D, ausgerufen.
Dazwischen hatte es allerlei medienpolitische Diskussionen um die digitale Zukunft gegeben, die noch längst nicht abgeschlossen sind. Es wurde die These aufgestellt, TV werde vom Internet als Leitmedium abgelöst.
Ganz großes Thema war und ist die „Medienkonvergenz“, und wie sie im Markt abgebildet wird.

Über das Internet sind wie in der Pionierzeit des privaten Fernsehens auch wieder Zeitungsverleger in den elektronischen Medienmarkt eingetreten, die teils um neue Geschäftsmodelle im Internet ringen oder wie Springer bereits gute Geschäfte mit Internetportalen wie der Jobbörse Stepstone oder im Bereich der Affiliate- Vermarktung, zum Beispiel über Digital Window, prima Geschäfte machen.
Das ZDF will die neuen Möglichkeiten der digitalen Welt nun nutzen, um sich aus der Einkanalgefangenschaft zu befreien, wie man verkündete.

Im globalen wie nationalen Mediengeschäft treten neue Player auf von Google über Telekommunikationsunternehmen bis zu kleineren Web-TV-Anbietern.
Der Privatfernsehen-Pionier Jürgen Doetz bleibt aktiv und fordert als VPRT-Präsident wie schon vor 30 Jahren neue Regulierungsstrukturen. Neuerdings, weil ja „Endgeräte und Netze zunehmend miteinander verschmelzen“ und deswegen „die alte Trennung der Zuständigkeiten (für Medien) zwischen Bund und Ländern sich nicht länger aufrechterhalten lasse. Die Landesmedienanstalten haben indessen ihre alte Macht eingebüßt. Ihre Vielfaltskontrolle ist in der Multimediawelt obsolet geworden und kann höchstens nur noch regionale Marktausschnitte betreffen. Sie wollen sich jetzt um „Medienkompetenz“ kümmern.

Derweil kommen immer mehr raffinierte Smartphones auf den Markt, in denen das Internet und damit auch TV- und Videoangebote mobil verfügbar sind. Gleichzeitig ist das Internet zu einem neuen Übertragungsweg für auch Hochaufgelöstes Fernsehen und 3D im Wohnzimmer geworden. Dabei entstehen überall neue Hybrid-Modelle, repräsentiert durch hybride Fernsehgeräte wie durch neuartige Informations- und Unterhaltungsangebote.

Viele Gretchenfragen stehen aktuell im Raum: Mit welchen Geschäftsmodellen soll was in der digitalen Welt finanziert werden? Wie viel sind Konsumenten bereit für welche neuen Angebote zu zahlen? Wie soll in der digitalen Welt die gesellschaftliche Verantwortung der Medien sichergestellt werden?
Wobei man bei all den vielen neuen Entwicklungen auch das Radio nicht vergessen sollte, das als schneller Alltagsbegleiter am Morgen und im Auto wie zwischendurch am Tage und insbesondere bei jungen Menschen nachweisbar eine große Rolle spielt. Radio wurde in den vergangenen Jahren als „Nebenbeimedium“ abgestempelt, wie ja auch später das Fernsehen. Doch der Radio-Marktführer ARD hat längst wieder angefangen, seine vielen Radiostationen in die strategischen Interessen zu integrieren.

Mit Radio lassen sich prima, flexibel und kostengünstig ganz spezielle Bedürfnisse von Zielgruppen bedienen – und das lässt sich im Internet mit zusätzlichen Videos verbinden. Ob im Fernseh- oder Radiobereich: Mehr als vor 30 Jahren kommt es darauf an, Produktionstechnologien optimal einzusetzen: konsumentengerecht, effizient und mit Blick auf die lange Verwertungskette, die die digitale Multimediawelt heute bietet.
Erika Butzek
(MB 12/10_01/2011)

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