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Wer Innovationen will, muss mutig sein

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Wer Innovationen will, muss mutig sein

Die Sportcast GmbH zählt weltweit zu den größten TV-Produzenten von Livesport. Das Tochterunternehmen der DFL Deutsche Fußball Liga GmbH produziert und distribuiert seit Mai 2006 unter anderem das Worldfeed aller Spiele der Bundesliga und 2.Bundesliga. Dabei arbeitet Sportcast kontinuierlich an der Weiterentwicklung der Produktionsqualität und Produktionsvielfalt der angebotenen Inhalte für den deutschen und den internationalen Markt. MEDIEN BULLETIN sprach auf der SportsInnovation 2018 in Düsseldorf mit Geschäftsführer Alexander Günther über die damit verbundenen Herausforderungen und dieIntegration von Innovationen in die Live-Produktion.

Sportcast produziert die Fußball-Bundesliga für den globalen Markt. Lassen sich da individuelle Wünsche nationaler Rechtehalter überhaupt noch adäquat berücksichtigen?

Sportcast wurde von der DFL gegründet, um die Bundesliga selbst zu produzieren. Seit unserem Start im Jahr 2006 haben wir 8.500 Spiele produziert und dabei konsequent die gesamte Wertschöpfungskette in jeder Stufe erschlossen und aufgebaut. Ziel war, das bestehende Geschäftsmodell, nämlich den Rechteverkauf des Kernproduktes Basissignal, zu sichern und durch audiovisuelle Produktoptimierungen, zum Beispiel bei Grafik und Ton, auch eine individualisierte Rechtepaketierung

vornehmen zu können. Davon profitieren hierzulande unsere Lizenzpartner im Pay- wie auch im Free-TV.

Wir arbeiten intensiv daran, den Spagat zwischen der Produktion des nationalen Kernproduktes und einer global anerkannten Medienproduktion, die den Individualisierungsanforderungen der nationalen und internationalen Broadcaster beziehungsweise Medienpartner gerecht wird, zu schaffen. Dabei entstehen ganz neue Partnerschaften mit Lizenznehmern. Die von Sportcast und der DFL Digital Sports entwickelten Produkte, Services und Technologien sind wichtige Grundlage der von der DFL vermarkteten Rechte. Um die gesamte Wertschöpfungskette bedienen zu können haben wir unter anderem ein eigenes Glasfaser-Kontributionsnetz für die Bundesliga aufgebaut und in Köln eine zentrale Produktionsumgebung geschaffen. Das bietet beste Voraussetzungen dafür, um für den nationalen und internationalen Markt individualisierbare Produkte herzustellen. Wir haben die Möglichkeit, über den Einsatz von neuen Automations-, Robotik-, Advertising- und Big Data-Lösungen, eine neue Produktmischung zu generieren und damit kundenorientierter zu operieren. Wenn wir feststellen, dass sich im globalen Markt der Trend hin zur mobilen Nutzung von Inhalten verstärkt, dann müssen wir unser Feed gemeinsam mit unseren Medienpartnern mobilkonformer machen. Hier ist Innovation gefragt.

 

Welche Strategie verfolgen Sie dabei?

Wir sehen unsere Aufgabe darin, die Content- und Produktionsprozesse im Abgleich mit den Anforderungen der nationalen und internationalen Medienpartner zu entwickeln. Dabei profitieren wir von unseren Tochterunternehmen HD SAT Communication, LIVECAST TV Produktion und SPORTEC Solutions sowie von dem sehr guten Zusammenspiel mit unseren Kollegen von der DFL-Direktion Audiovisuelle Rechte. Gemeinsam schaffen wir die Zutaten für ein anspruchsvolles Medienevent, das die gesamte Wertschöpfung in der Auslieferung national und international bedient. Wir sind dabei, ganz neue Dialoge mit unseren Medienpartnern in der ganzen Welt zu führen. Es ist spannend, welche Produkte wir mit der Bundesliga International am Ende anbieten können. All das ist Teil unserer Innovationskultur. Und Veranstaltungen wie die SportsInnovation 2018 in Düsseldorf bieten uns beste Möglichkeiten das zu zeigen.

 

Neue Produktionstechnologien und -workflows beflügeln die Erwartungshaltung von Nutzern, Konsumenten und Lizenznehmern. Dabei ist ihr Einsatz nicht immer frei von Risiko. Sind Innovationen für Sie mehr Fluch oder Segen?

Wenn man es richtig macht, dann ist Innovation mehr Segen. Wer Innovationen will, muss mutig sein. Und ich betone gerne, dass in unserer DFL-Organisation Innovation ganz groß geschrieben wird. Und auch wir als Sportcast haben das Thema von Anfang an verfolgt. Die drei beständigen Säulen unseres Geschäftes sind Qualität, Innovation und Nachhaltigkeit, hierfür stehen wir seit unserer Gründung. In diesem Dreiklang schaffen wir auf der einen Seite 100 Prozent Qualität für das definierte Produkt, auf das sich der Zuschauer in Deutschland und in der Welt verlassen und freuen kann, auf der anderen Seite fördern und integrieren wir an der richtigen Stelle die Innovationen. Wir versuchen Innovationen sukzessive evolutionär spürbar zu machen. Trotzdem müssen wir in bestimmten Zielmärkten noch ein Stück mutiger sein und auch einmal was ganz Neues starten. Jetzt ist die Zeit dafür. Die strukturellen Voraussetzungen innerhalb der DFL-Gruppe sind geschaffen und die nötigen Technologien sind vorhanden.

 

Reicht das Produktionszentrum bei CBC noch eine Weile aus oder denkt man schon darüber nach, ein eigenes aufzubauen?

Im ersten Schritt war es für uns natürlich erst einmal wichtig, im Zuge des gesamten Flächen- und Qualitätswachstums die Wertschöpfungskette aufzubauen. Wir haben an einigen Stellen komplett eigengesteuerte Systeme, die wir selbst verantworten, zum Beispiel das Deutsche Fußball Archiv. Hier nutzen wir nur den Service eines Rechenzentrumsbetreibers. Alles andere ist in unserer Obhut. Wir verfolgen die Strategie, dass alle relevanten Assets, das Worldfeed, das Archiv und die Daten, in unsere Hand gehören. Was indes die technische Fertigungstiefe betrifft, so haben wir immer die Möglichkeit, etwas mit Partnern oder selbst zu machen. Die Frage, die sich seit Jahren stellt, ist, muss man eigentlich eine Infrastruktur aufbauen, die den Betrieb einer eigenen Contentplattform erlaubt. Wir reden dabei über eine Infrastruktur zur Content-Individualisierung. Neben Medienpartnerschaften für neue Contents müssen wir in der Produktion über Hybridmodelle nachdenken. Das wird spannend sein. Am Ende stellt sich die Frage, wie Produktionsworkflows aufgebaut werden, die Individualisierungen ermöglichen und dabei ähnlich funktionieren wie industrielle Fertigungsstraßen.

 

Hybridmodell heiß, das Sie nur die Kernprodukte selber machen und Dienstleister dazu holen, wenn Sie irgendwo kein eigenes Know-how oder keine eigene Infrastruktur aufbauen wollen?

Richtig. Außerdem wollen wir gemeinsam mit unseren Medienpartnern die Qualität des Produktes bis zum Endkunden sicherstellen. Manchmal ist allerdings die Eintrittsbarriere der neuen Medienpartner, was die mediale Umsetzung angeht, zu hoch. Dann müssen wir selbst stärker in die Fertigungstiefe gehen.

 

Auch bei den großen TV-Häusern wächst die Bereitschaft zu verstärkten Kooperationen mit Rechtehaltern.

Absolut. Auch deshalb spreche ich von Hybridmodell. Es ist unsere Pflicht, die Verantwortung dafür zu übernehmen, wie wir die Qualität der Produkte und Services im globalen Kontext sichern, die Individualisierung zulassen und ganz am Ende die Services anbieten können, die das Businessmodell sukzessive organisch mitwachsen lassen. Dabei muss der Fan, der Zuschauer, der Mensch im Mittelpunkt stehen.

 

Welche Strategie verfolgt Sportcast in Sachen 4K/UHD?

Solange wir unser Kernprodukt für den nationalen Markt in HD produzieren müssen, machen wir das. Die sukzessive Entwicklung hin zu UHD im deutschen Markt durch Sky Deutschland bedienen wir dazu mit einer Begegnung pro Spieltag. International ist die Nachfrage nach UHD noch nicht so groß. Aber dadurch, – und da sind wir wieder bei unserem Innovationsansatz, – dass wir uns kontinuierlich mit UHD/HDR, HD/HDR und mit allen neuen Qualitätsvarianten beschäftigen, steigt auch hier unsere Lernkurve. 4K/UHD ist ja nicht trivial und betrifft jede Stufe der Produktionskette. Mit wichtigen Themen wie Virtual Advertising, die auch auf der SportsInnovation-Veranstaltung vorgestellt wurden, kommen neue grafische Elemente dazu, die natürlich auch in den Produktionsketten mit UHD oder HDR Berücksichtigung finden müssen.

 

Welchen Stellenwert hat das Thema Bildqualität im Vergleich zu anderen Entwicklungen in der Sportproduktion wie etwa die Daten-Generierenung und -Auswertung für neue Services? Was sind die wichtigsten Entwicklungsszenarien in der Sportproduktion?

Wir werden konsequent den evolutionären Weg von SD zu HD zu 4K/UHD und zu 8K weiter beschreiten. Die Geschwindigkeit bestimmen der Markt und die Verlässlichkeit neuer Technologien. Auch die Audio-Entwicklung wollen wir weiter vorantreiben, um das Fußball-Erlebnis auf dem Fernseher im Wohnzimmer und  auch auf mobilen Endgeräten attraktiver zu machen.

Das Thema Datengenerierung wird für alle Medien immer wichtiger. Auch hier sind wir schon seit einigen Jahren aktiv und haben mit der Gründung der SPORTEC Solutions in 2016 im Zusammenspiel mit deltatre die Weichen dafür gestellt. In Kombination mit der Datenerfassung gewinnt auch die Grafik-Komponente an Relevanz. Damit können wir den Fußballfans weltweit spannende Mehrwerte bieten. Gemeinsam mit unseren Medienpartnern müssen wir dazu ihre Wünsche identifizieren. Das ist die eigentliche Herausforderung.

Für Sportcast spielt also die Fortentwickung der Audio/Video-Qualität eine ebenso wichtige Rolle wie die Datenerfassung und die damit verbundene Veredelung des Medienproduktes. Dazu kommt noch ein weiterer wichtiger Punkt über den alle sprechen, nämlich die globale Distribution auf Basis IP-basierter Technologien. Die Frage ist, ob sie bereits so zuverlässig und stabil funktioniert, wie wir es für das Fernsehen brauchen und es in unserer gegenwärtigen Produktionskette kennen. Auch mit diesem Thema beschäftigen wir uns intensiv und sind bemüht, mit unseren Medienpartnern entsprechende Distributionskonzepte zu entwickeln – bis hin zu OTT.

 

Welche Distributionsstrategie verfolgen Sie konkret?

Es gibt verschiedene Szenarien, die die Auslieferung betreffen. Auch hier setzen wir auf ein Hybridmodell mit einem One-to-All- bis hin zu einem One-to-One-Ansatz, von klassischem Broadcast via Kabel und Satellit bis Singlecast, wo wir dann auf IP-Wegen über das Internet und auf dedizierten Leitungen unterwegs sind. Auch in der Distribution sind Kooperationsmodelle, die sich im globalen Kontext ergeben, sehr wichtig. Das spürte man auch auf der SportsInnovation 2018 in Düsseldorf. Hier gab es einige Aussteller, die sich mehr auf die Auslieferung als auf die Veredelung von Content konzentrieren. Die differenzierte, zielgenaue Auslieferung von Audio, Video und Daten über IP-Netze, WiFi oder auch über OTT-Kanäle wird immer wichtiger.

 

Was sind die nächsten wichtigen technologischen Schritte?

Das eine ist die Weiterentwicklung von innovativen Kameraperspektiven. Bei der SportsInnovation wurden 14 Spezialkameras vorgestellt, sieben davon waren in der Fußball-Produktion noch nie im Einsatz. Ein Beispiel dafür ist die Eckfahnenkamera. Es wird spannend sein, auf welche neuen Perspektiven wir setzen können. Gleichzeitig werden wir weiter an der Soundqualität arbeiten, um das bestmögliche Fußballerlebnis im Stadion vor die Bildschirme zu transportieren.

 

Was steht da an?

Die Individualisierung des Sounderlebnisses allgemein. Es muss mehr für die mobile Nutzung optimiert werden. Alles was dem Fan gefällt muss idealerweise mobile verfügbar gemacht werden. Durch eine Vielzahl an gut positionierten Mikrofonen in den Stadien ermöglichen wir einen immersiven Ton.

 

Gibt es weitere Top-Themen auf der Sportcast-Agenda?

Wir verfolgen aktiv das Thema Virtual Advertising. Hier zielen wir auf die Individualisierung der Werbung mit virtuellen Überblendungen der LED-Banden in den Stadien im Worldfeed. Möglich wäre beispielsweise auch, Tracking-Daten von Spielern direkt auf einer LED-Bande zu zeigen, zum Beispiel die Laufgeschwindigkeit. So entsteht eine ganz neue Kette an Services.

 

Das Thema Fan-Engagement gewinnt bei Sportproduktionen an Relevanz. Gibt es hierfür neue Überlegungen in Ihrem Haus?

Wir verantworten ja das Kernprodukt. In den nächsten zwei bis drei Jahren wird das Thema der digital Services interessanter. Dabei spielt natürlich die Individualisierung neuer Datendienste, Daten die man auf den Endgeräten in Augmented Reality und in Echtzeit abbildet, vielleicht per Sprachsteuerung ein- und ausblendet, eine Rolle. Ob das dem Fan gefällt, gerade international, wird man dann sehen, aber es ist wichtig, diese Überlegungen zu forcieren und entsprechende Szenarien aufzustellen.

 

Wie weit weg sind wir tatsächlich von solchen Entwicklungen?

Rein technisch gesehen ist dies schon heute möglich, wie man auch auf der SportsInnovation 2018 sehen konnte. Das sind alles keine Zukunftsvisionen. Man muss es nur tun.

 

Sportcast setzt bei der Bundesliga-Produktion auf Partnerschaften mit Technologie- und Lösungsanbietern wie Dalet oder ChyronHego. Wie wählen Sie Ihre Partner aus?

Auch hierbei kommt unsere Innovationskultur deutlich zum Tragen. Das wurde auf der SportsInnovation 2018 sichtbar. Wir haben viele Partner. Das sind in der Regel solche, die kooperationsbereit sind und sich gegenüber neuen Entwicklungen und Trends öffnen. Und da wundert man sich manchmal, wie Wettbewerber zu Freunden der Innovation werden können. Nur so entsteht dann das Neue. Und wenn das dem Fan gefällt und für uns selbst funktioniert, dann integrieren wir es. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit ChyronHego und Lawo beim automatischen Audio-Mixing. Sie basiert auf einer Idee, die wir vor zwei Jahren geboren haben. Im Rahmen der SportsInnovation 2018 sind weitere Kooperationen zwischen verschiedenen Unternehmen entstanden. Beispielsweise die Zusammenarbeit des Grafik-Dienstleisters netventure mit dem Seilkamera-Anbieter Robycam und Vizrt zur Generierung von Augmented Reality-Elementen. Das gleiche gilt für die Zusammenarbeit unseres Tochterunternehmens SPORTEC Solutions mit KINEXON und Derbystar bei der Chip-im-Ball-Technik. Ich könnte viele weitere Kooperationen im Dienstleitungssegment zur SportsInnovation nennen. Es wird spannend sein, wie sich der Markt für solche neuen Services sortiert. Innovation funktioniert nur so, wenn jemand die Führung übernimmt und aus einer Idee über die Konzeption und dem Testing ein Produkt entstehen kann. In dieser Rolle versuchen wir uns, in die Zukunft hinein zu versetzen, um kontinuierlich innovative Ansätze zu verfolgen, neue kooperative Zusammenarbeiten entstehen zu lassen, aus denen dann möglicherweise neue Produkte und Services für den Bundesliga-Live-Betrieb entstehen. 

Eckhard Eckstein

MB 3/2018

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