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Ziel: Akzeptanz der deutschen TV-Serie

Mehr denn je boomt die Krimiserie im deutschen Fernsehen. Zum Leidwesen deutscher Produzenten aber vor allem als Import aus den USA nach dem Muster „Crime Scene Investigation“, CSI. Doch jetzt hat Sat.1-Serien-Chef Joachim Kosack mit einem Pitch, an dem sich 34 deutsche Produzenten beteiligten, eine Krimoffensive gestartet. Darüber und über den Variantenreichtum des Genres „Krimiserie“ sprach MEDIEN BULLETIN mit Kosack, der vor seinem Amtsantritt bei Sat.1 zu den erfolgreichsten Produzenten in Deutschland gehörte, von der Soap GZSZ bis zu „Stauffenberg“.

Sind Sie selber ein Krimi-Fan?
Absolut. Gleichzeitig bin ich auch ein ganz großer Serien-Fan.

Den TV-Krimi-Boom haben Sie auf dem Krimifestival „Tatort Eifel“ damit begründet, dass der Krimi zur „Grundversorgung“ im Fernsehen gehöre, und er die Menschen schneller als andere Genres binde. Wie denn das?
Das Gewohnheitstier in uns ist beim Fernsehen ganz stark auf Serie, auf Beständigkeit, ausgerichtet: „Tag“, „Uhrzeit“, „Ort“ und wiederkehrende Hauptpersonen. Auch die Tageschau ist eine Art Serie, täglich um 20 Uhr.

Überhaupt ist serielles Zuschauen das, was Fernsehen ausmacht. Trotzdem ist es heute unter anderem aufgrund der riesigen Angebotsvielfalt viel schwieriger geworden, den Zuschauer auf einen festen Sendeplatz zu locken, eine Bindung herzustellen. Serien mit Fortsetzungscharakter, die ihre Zuschauer mehr oder weniger zwingen, Folge für Folge alles zu sehen, um auf dem Laufenden zu bleiben und die Handlung zu verstehen, funktionieren in der Prime-Time nicht mehr so gut. Dem gegenüber hat der Krimi im Format der Serie einen großen Vorteil: pro Folge eine abgeschlossene Fallstruktur. Man kann auch einmal eine Episode verpassen, ohne das Gefühl zu haben, nicht mehr folgen zu können. Ich kann Menschen mit einer Krimi-Serie einfach leichter binden…

Offenbar scheint sich das Krimi-Milieu unter dem Einfluss der erfolgreichen US-Serien in Deutschland zu verändern…? Wie bei den US-Vorbildern à la CSI und Navy CIS mutieren deutsche TV-Ermittler und Polizisten zunehmend zu Molekulargenetikern, Computerspezialisten oder Pathologen. Statt Ermittler, Täter, Opfer, Gut und Böse steht mehr und mehr die analytische, wissenschaftliche Spurensuche im Vordergrund. Ein längerfristiger Trend?
Auch in den nächsten Jahren werden wir ganz normale Ermittlerkrimis sehen. Allerdings wird auch in diesen Krimis die Spurensicherung und die analytische Spurensuche eine größere Rolle spielen als vor dem großen CSI-Boom. Hingegen wird der monothematische – rein forensische Krimi – irgendwann auslaufen, und es wird wieder mehr den allumfassenden Krimi geben, in dem es einen psychologisch denkenden Ermittler gibt, der auf die Motivsuche geht. Der Spurensicherer wird aber bleiben und eine Hauptrolle einnehmen. Genau dahin entwickeln sich übrigens auch die neueren CSI-Folgen, die zunehmend wieder in klassische Krimi-Milieus zurückführen.

Ist der aktuelle wissenschaftlich angehauchte Krimi – zum Beispiel R.I.S., den Sie noch als Produzent für Sat.1 entwickelten – eigentlich intelligenter geworden? Oder handelt es sich doch eher nur um vorübergehenden Schnickschnack, eine tolle Postproduktions-Optik zum Beispiel in Form von Flashbacks, die, weil sie mal bei CSI neu war, erst mal fasziniert hat?
Von allem etwas. Es wird schon ein Mehr an Information gegeben. Wir nennen es den „Galileo-Effekt“. Bei der ersten Staffel von „R.I.S.“ haben wir darauf geachtet, dass es immer auch Nebeninformationen zur Handlung gibt. Beispielsweise hatten wir in einer Folge eine Kamera, die durch die Kanalisation von Berlin geschossen werden kann. Diese Kamera wird tatsächlich von der realen Spurensicherung in Berlin benutzt. Dazu haben wir in der Szene dann nebenbei informiert, wie viele Kilometer Kanalisation es in Berlin gibt. Anderes Beispiel: Ich selbst habe mal aus einer Folge CSI Las Vegas gelernt, dass die Musik im Background der „Einarmigen Banditen“ grundsätzlich nur in C-Dur läuft, weil das nach wissenschaftlichen Erkenntnissen die Leute zum Spielen animiert (lacht).

Das hat also nichts mit mehr oder weniger „intelligent“ zu tun, sondern es ist ein Bekenntnis zu einem vielschichtigem Erzählen. Gerade beim beständigen Erzählen in Serie brauchen wir Folge für Folge auch überraschend neue Elemente, wechselhafte Gefühle, Spannung, Komik und auch Information. Der heutige Zuschauer lässt sich nicht mehr auf ein monothematisches Essay ein.

Also handelt es sich bei Krimi-Serien-Klassikern wie „Tatort“ (ARD) oder „Der Bulle von Tölz“ (Sat.1) doch nicht um Auslaufmodelle?
Das Genre Krimi ist zu vielseitig, als dass man sagen könnte, es kann nur dies oder das geben. Gerade für das breite Publikum, das wir bedienen wollen, sind unterschiedliche Welten wichtig. Ich bin stolz, dass wir auch unseren „Bullen von Tölz“ haben. Ein Dinosaurier! Er wird mit ganz eigenen Mitteln erzählt und ist etwas ganz besonderes. Er hat etwas, was es so in den ZDF-Krimis am Samstag oder in den ARD-Tatorten nicht gibt: Komik verknüpft mit extrem spannenden Fällen! Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern geht es häufig um eine andere Form der Krimi-Erzählung. Der Krimi wird zum Beispiel als Aufhänger benutzt, um ein gesellschaftspolitisches Thema zu bringen. Das hat der „Bulle“ so nie gemacht, und das machen wir auch nicht in unseren neuen Folgen von „R.I.S.“ und der neuen Krimi-Serie „Deadline“. Auch da setzen wir nicht auf klassisch öffentlich-rechtliche Krimi-Erzählweisen, bei denen der Ermittler oft auf die Seite des Täters springt und der Frage nachgeht, warum jemand zum Verbrecher wird. So ein Psychogramm steht bei uns nicht im Vordergrund. Wir wollen schlicht spannend und wendungsreich erzählen. Aber auch im „Tatort“ zeigt sich der Variantenreichtum in der möglichen Erzählweise von Krimis. Im NDR-Tatort mit Maria Furtwängler als Hauptkommissarin Charlotte Lindholm wird der Krimi über diese Hauptfigur extrem emotional auf die Reflexion über Verbrechen angepackt. Im „Tatort“ aus Münster mit Jan-Josef Liefers geht es extrem schräg und wissenschaftlich zu.

Was kann man lernen?
Ist der Eindruck richtig, dass bei der neuen Sat.1-Krimi-Serie „Deadline“ ein positiver Einfluss der US-Serien stattgefunden hat, insofern, als dass ihr ein sehr stark formatiertes Grundmuster zugrunde liegt: der Wettlauf mit der Zeit bei der Ermittlung?
Das ist ein positiver Einfluss. Ich bin wirklich kein US-Serienjunkie. Doch wir können davon lernen, müssen schauen, was wir davon übernehmen können. Denn es ist immer die zentrale Frage, welches Format genau wollen wir kreieren? Was sind die zehn Grundlagen eines Formats, die wir vom Sender aus einfordern wollen? Mit welchem Format in unserem Programmangebot werden wir unsere Zuschauer erreichen? Auch, wenn man sich selber als Seriengucker beobachtet, wann man einschaltet, stellt man fest, dass man immer dann begeistert ist, wenn man genau das geliefert bekommt, was man erwartet hat, und warum man die Serie eingeschaltet hat. Deshalb ist die Format-Definition ganz wesentlich. Allerdings muss man das Format – ohne die Beständigkeit zu verlieren – immer wieder neu entblättern, damit es nicht langweilig wird.

„R.I.S.“ war ja auch für den Deutschen Fernsehpreis in der Rubrik „Serie“. nominiert. Allerdings handelt es sich ja um eine deutsche Kopie einer italienischen Kopie von CSI – mit eingeflochtenem Lokalkolorit und Optiken und Locations, die typisch für das Land und die Gesellschaft Deutschland sind. Wird das Krimi-Format auf diese Weise globalisiert? Auch vor dem Hintergrund gefragt, dass die ProSiebenSat.1-Gruppe auf paneuropäischer Ebene Synergien in Bezug auf Programmentwicklung und Verwertung angekündigt hat.
Mit „R.I.S.“ versuchen wir, visuelle Standards in Deutschland durchzusetzen, hinsichtlich der Kameratechnik, hinsichtlich eines sehr klaren Farbkonzepts. Trotzdem lebt „R.I.S.“ zuvorderst von einer Format-Kerndefiniton für das Land. „R.I.S.“ Frankreich, Italien und Deutschland sind drei extrem unterschiedliche Serien…

Wo liegen die Unterschiede?
Erzählweise und Look sind völlig anders. Außerdem geht man zum Beispiel in Italien ganz anders mit dem Thema Polizisten um, die zu 50 Prozent in Uniform rumlaufen – was wir hier nicht machen könnten. Die französische Version ist erstaunlicherweise wesentlich kühler – in der Farbe und auch im Punkt Empathie mit den Opfern und den Tätern. Die Empathie ist vielmehr auf die Ermittler gerichtet. In Deutschland geht es mehr um den Fall, und wir sind wesentlich emotionaler in allen Richtungen…

Und trotzdem hat alles bei „R.I.S.“ ein internationales oder europäisches Grundmuster?
Ja, es hat alles ein Grundmuster. Anders als beim Drama habe ich beim Krimi auch nichts dagegen, zum Beispiel italienische Bücher zu adaptieren. Da stecken beispielsweise wissenschaftliche Recherchen drin, die man synergetisch auch benutzen kann. Krimis sind immer archetypische, universelle Geschichten. Und deshalb kann man einen Teil der Bücher übernehmen. Etwa auch Krimiwendepunkte. Das schafft durchaus konzeptionelle und buchtechnische Synergien. Die Umsetzung dagegen ist auf das jeweilige Land mit seinen regionalen Bezügen gemünzt.

Wie viele Sendeplätze hat Sat.1 mittelfristig für neue Krimi-Serien?
Ab Mitte November habe ich zwei Sendeplätze, die mit „Deadline“ und „R.I.S.“ bestückt werden. Da unsere Serie Navy CIS am Donnerstag 21:15 Uhr gegen CSI [RTL, Anm. d. Red.] gut aufgestellt ist, auch in der Wiederholung, werden wir „Deadline“ um 20:15 Uhr und danach Navy CIS und um 22:15 Uhr „R.I.S.“ bringen. Unsere Sendeplatzanalysen haben gezeigt, dass wir in dem Zeitraum am späteren Abend zwischen 22:15 Uhr und 23 Uhr immer noch eine sehr hohe Akzeptanz gerade auch bei Frauen – unserem Zielpublikum – haben. Deshalb werden wir, wie ich es nenne, eine Sandwich-Programmierung mit unseren Krimi-Eigenproduktionen verfolgen. Ab Februar kommt dann „GSG 9“ wieder. Für die Zeit 2008/09 arbeiten wir bereits jetzt an vielen Projekten, weil wir davon ausgehen, dass sich der US-Boom langsam wieder beruhigt, und wir mit „R.I.S.“, „Deadline“ und „GSG 9“ eine neue Akzeptanz für die deutsche Serie zurückgewinnen können.

Noch mehr Krimiprojekte
Sie haben einen Sat.1-Krimi-Serien-Pitch gemacht und 19 Produktionsfirmen dazu eingeladen. 15 weitere Produktionsfirmen haben sich daran eigeninitiativ beteiligt, so dass – so die Sat.1-Pressemitteilung – insgesamt 83 Stoffe zur Auswahl standen, von denen schlussendlich fünf in die nähere Betrachtung zur Stoffentwicklung gekommen sind. Programmoffensive oder Panik unter den Produktionsfirmen, um jeden Preis einen Auftrag zu erhalten? Denn offenbar stehen ja noch gar keine Sendeplätze für neue Krimi-Serien zur Verfügung?
Allein für die genannten zwei Sendeplätze brauche ich mindestens vier Serien im Jahr. Mehr als 13 Folgen können wir für eine Staffel nicht produzieren. Das heißt: Pro Saison von Herbst bis Frühjahr brauche ich vier Krimserien. Im Moment habe ich drei. Deshalb brauche ich weitere Krimiprojekte. In der Vergangenheit hatte man zu lange gebraucht, um mit etwas Neuem zu kommen. Im Augenblick bilden die amerikanischen Serien einen Hype. Aber wir wissen auch: Wellen flachen wieder ab. Wir müssen für die Zeit nach dem US-Hype aufgestellt sein.

Aber so lange die eingekaufte US-Lizenzware das bringt, was sich der Sender an Rendite wünscht, gibt es nur marginale Chancen für neue innovative deutsche Krimi-Eigenproduktionen? Ja! Oder…?
Nein. Da müssen ja auch noch andere Aspekte berücksichtigt werden: Die deutsche Serie, die deutsche Eigenproduktion ist sowohl für den Werbemarkt als auch für die Rechteverwertung der Sender ganz wichtig. Unser Krimi-Serien-Pitch ist erst einmal eine Entwicklungsoffensive. Als ich hier bei Sat.1 im April antrat und sondierte, „was ist da?“, habe ich tolle Serien-Stoffe vorgefunden: Anwalt-, Krankenhaus-, Familienserien, und da entwickeln wir zurzeit weiter. Mit unserem Krimi-Serien-Pitch wollten wir ein Signal in die Branche setzen: „Liebe Kollegen, im Bereich Krimi haben wir viel zu wenig!“: Vor allem für unsere Backup-Programmierung. Denn bis ich zwei gute Krimis habe, muss ich mindestens an fünf Stoffen arbeiten.
Erika Butzek (MB 11/07)




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