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Alternative zu Kabel und Satellit

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Alternative zu Kabel und Satellit

Die Over-the-Top-TV-Verbreitung (OTT) ist auf dem Vormarsch. Die Frage ist: Sind Breitbandnetze heute schon eine echte Alternative zu den klassischen TV-Verbreitungswegen Kabel und Satellit? Sind diese Netze den technischen Anforderungen gewachsen, auch mit Blick auf reichweitenstarke, große Live-Events und 4k/UHD-Übertragungen? MEDIEN BULLETIN sprach mit Dienstleistern und Plattformbetreibern über ihre Erwartungen mit Blick auf TV-Übertragungslösungen für Geschäfts- und Endkunden.

Große Wellen schlug Ende Januar 2017 die Ankündigung von Sky, sein vollständiges Pay-TV-Angebot künftig via Internet zugänglich machen und damit für die Zuschauer erstmals eine Alternative zu den Verbreitungswegen Kabel, Satellit und IPTV zu schaffen. Der Streaming-Service soll 2018 in Großbritannien starten, gefolgt von Deutschland, Österreich und Italien (s. Infokasten). Die Aktienkurse der beiden Satellitenbetreiber SES und Eutelsat sanken daraufhin spürbar ab – und einige Marktbeobachter spekulierten, Sky könne damit den Ausstieg aus der TV-Verbreitung über die klassischen Übertragungswege vorbereiten. Immerhin könnte man sich so die teuren Transponderkosten der Satelliten sparen – ebenso wie den Ärger mit Kabelnetzbetreibern, die aus Kosten- oder Kapazitätsgründen nur einen Teil des Angebots einspeisen. Sky ist der erste große Plattformbetreiber in Europa, der eine Over-the-Top-TV-Verbreitung (OTT) seines gesamten Angebots ankündigt – und damit alle Augen der Branche auf sich richtet. 

 

Trend zu OTT und Mobile TV 

Holger Meinzer, Chief Commercial Officer B2B von MEDIA BROADCAST, sieht einen zunehmenden Trend zu OTT und mobiler TV-Nutzung – allerdings nicht auf Kosten der traditionellen Broadcast-Übertragungswege. „Der Löwenanteil des TV-Konsums findet weiterhin am klassischen Fernseher, dem 'Big Screen' statt“, sagte Meinzer. „Das Lagerfeuer brennt noch.“ Die steigende mobile Nutzung komme DVB-T2 entgegen, der einzigen Plattform, bei der die mobile Komponente systemimmanent sei. Media Broadcast betreibt bei DVB-T2 große Teile der terrestrischen DVB-T2-HD-Sendeinfrastruktur sowie die Privatsender-Plattform Freenet TV, die am 29. März 2017 mit rund 20 HD-Programmen in den Regelbetrieb geht. Der mobile Empfang soll über Smartphones, Tablets und Laptops mittels USB-Sticks möglich sein, die im März in den Handel kommen sollen. Von den 7,4 Millionen Haushalten, die laut Digitalisierungsbericht 2016 der Landesmedienanstalten über alle Endgeräte hinweg DVB-T nutzen, verwenden etwa die Hälfte mobile Endgeräte. Das belege bereits heute das starke Interesse am mobilen terrestrischen TV-Empfang, unterstrich Meinzer. 

Auch bei der Signalzuführung von TV-Programmen an Kopfstationen dominiert gerade bei der Vielzahl regionaler Netzbetreiber weiterhin der Satellit. Für Glasfaserzuführungen, einem klassischen B2B-Geschäft von Media Broadcast, betreibt der Technik-Dienstleister ein bundesweites Next Generation Network (NGN). Bei der Frage, ob der Satellit oder das NGN die geeignetere Lösung für eine TV-Signalzulieferung wäre, spielt nach Angaben Meinzers der geschäftliche Ansatz, ob der Anbieter mit seinen Inhalten auch Satelliten-Direktempfänger (DTH) ansprechen wolle, eine große Rolle. Via Satellit könnten sowohl Kabelnetzbetreiber und andere Weiterverbreitungspartner als auch Endkunden gleichermaßen versorgt werden. Die netzbasierte Zuführung hingegen richtet sich vorwiegend an größere Kabelnetzbetreiber.

 

Rundfunk- und IP-Welt verschmelzen

OTT-Anbieter profitieren zwar davon, dass die Signalzulieferungskosten über Content Delivery Networks (CDN) in den vergangenen Jahren stark gesunken sind, gleichzeitig stiegen aber die Anforderungen an die Bandbreiten, etwa durch Full HD und Ultra HD, gibt Meinzer zu bedenken. „Wir haben hier eine gegenläufige Entwicklung.“ Media Broadcast mischt im OTT-Markt über das hybride HbbTV-Angebot Freenet Connect mit, das bei DVB-T2 die Nachfolge der Multithek antritt. Da angesichts der hohen Nachfrage nach den rund 20 bei Freenet TV an Privatsender zu vergebenden Programmplätzen nicht alle Anbieter berücksichtigt werden können, bietet Media Broadcast über Freenet Connect die Möglichkeit, lineare Fernsehprogramme, aber auch Video-on-Demand-Dienste und andere Internet-Angebote über den IP-Weg auf die Bildschirme der DVB-T2-Haushalte zu bringen. Im TV-Bereich sollen so vor allem kleinere Sender, Spartenkanäle und Nischenprogramme auf den Fernseher kommen. Die via Freenet Connect gestreamten Programme erscheinen in der normalen TV-Senderliste - im besten Fall merkt der Zuschauer nicht, dass das Signal nicht vom Funkturm, sondern aus dem Internet stammt. Doch wo sind die Grenzen von OTT? 

Die höchsten Zuschauerzahlen im deutschen Fernsehen erreichen die Spiele der Fußball-Nationalmannschaft bei Welt- und Europameisterschaften. Wäre es etwa möglich, ein Fußball-WM-Endspiel als HD-Stream für die 35 Millionen Haushalte zu übertragen, die sich so eine Partie im Schnitt im Fernsehen ansehen würden? „Unsere Techniker haben das mal durchgerechnet“, sagte Meinzer. Demnach würden dabei eine laufende Datenrate von 200 Gbit/s anfallen. Das NGN von Media Broadcast würde dies bewältigen. Allerdings sind die Zuschauer nicht direkt daran angeschlossen. Der Flaschenhals liegt in den Datenleitungen der Internetprovider in den Straßenzügen sowie in den Haushalten selbst.

Dass OTT selbst in einem technologisch weit entwickelten Land die klassischen Rundfunknetze nicht ersetzt, veranschaulicht Meinzer anhand des Beispiels Singapur. Media Broadcast hat dort ein landesweites DVB-T2-Netz getestet, obwohl jeder Haushalt, wenn er möchte, einen 1-Gbit/s-Internetzugang erhalten kann. Ist dann DVB-T2 überhaupt noch nötig? Die klare Antwort der Medienbehörde in Singapur: Ja, denn wir wollen nicht, dass das Internet durch TV-Streaming verstopft wird. Als „one-to-many“-Broadcast-Übertragungsweg sei DVB-T2 einfach effizienter für die TV-Versorgung als IP-Streaming. „Nicht alles, was technisch machbar ist, ist eben auch wirtschaftlich sinnvoll“, so Meinzer.

 

Das Geschäfts-

modell entscheidet

„Es kommt darauf an“, antwortet Christoph Mühleib auf die Frage, ob er einem Kunden den Satelliten oder OTT als Verbreitungsweg empfehlen würde. Mühleib, der als Vice President Sales und Marketing des Satellitenbetreibers SES für die Vermarktung von Astra und der technischen Dienstleistungstochter MX1 in Deutschland, Österreich und der Schweiz zuständig ist, würde etwa einem werbefinanzierten TV-Anbieter, der auf hohe Reichweite angewiesen ist, nicht zu einem reinen OTT-Weg raten. „Das reicht zur Finanzierung nicht aus.“ Hier wäre der Satellit mit seiner großen DTH-Abdeckung die bessere Wahl. Kleinere Pay-TV-Anbieter könnten aus Kostengründen eher OTT favorisieren, allerdings sei zu bedenken, dass Breitbandzugänge nicht überall verfügbar seien, etwa bei Haushalten in ländlichen Gegenden. Der Anbieter müsse bei steigenden Nutzerzahlen zudem die CDN-Kosten im Auge behalten, weil diese pro Nutzer steigen, gibt Mühleib zu bedenken. Ab einer bestimmten Zahl der gleichzeitig auszuliefernden IP-Streams könnte der Satellit günstiger werden. Hier bleiben die Kosten gleich – egal, wie viele Haushalte versorgt werden. Diesen „Tipping Point“!, an dem das Pendel von OTT zum Satelliten umschlägt, müsse jeder Anbieter individuell ausrechnen, schätzt Mühleib.

Mit Blick auf die OTT-Ankündigung von Sky sagte Mühleib, dass dies Teil der Multiscreen-Strategie von Pay-TV-Veranstaltern sei, ihr Angebot auf weitere Plattformen auszudehnen, um neue Zielgruppen zu erschließen. Es gehe nicht darum, die Kunden dazu zu bewegen, vom Satelliten auf andere Infrastrukturen umzusteigen, sondern um eine Ergänzung des Portfolios, in dem der Satellit seine zentrale Rolle als effizienter, zuverlässiger und leistungsstarker TV-Verteilweg behalte.

Eine hybride Lösung, die einige Anbieter auf Astra (19,2° Ost) praktizieren, sind HbbTV-Signalisierungen, die dem Satellitenempfangsgerät zu erkennen geben, dass der angewählte Sender nicht via Satellit, sondern per Internet auf den Bildschirm gelangen soll. Vorteil für die Anbieter: Sie zahlen für das HbbTV-Datensignal nur einen Bruchteil der Kosten einer konventionellen Satellitenausstrahlung des Programms. Aber: Nicht jeder Haushalt ist technisch perfekt ausgestattet, nicht jeder SmartTV-Fernseher ans Internet angeschlossen, nicht überall reicht die Bandbreite für TV- oder HD-Streaming. Die entsprechenden Anbieter müssten also geringere Zuschauerreichweiten in Kauf nehmen, was sich wiederum auf die Werbeeinnahmen auswirken könnte.

 

Massen- versus Individualdienste

Für massenattraktive Programminhalte wie die Fußball-WM seien Broadcast-Netze unverändert die beste Wahl, ist sich Mühleib sicher. „Die sind für solche Events gemacht.“ Die Verlagerung zu IP-Streaming, wenn Broadcast-Netze zur Verfügung stehen, sei „unnötige Ressourcen-Verschwendung“. Bei Video-on-Demand-Diensten (VoD), die die Nutzer individuell versorgen, sei IP-Streaming hingegen sinnvoll. Mit der Tochter MX1 könne die SES Kunden eine Komplettlösung aus einer Hand anbieten: Playout, Multiformat-Encoding, Satellitenkapazität, IP-Streaming und VoD. Für On-Demand-Dienste seien die Inhalte ohnehin im Playout vorhanden. 

Auch bei der Signalzuführung zu Kopfstationen kommt es auf die individuellen Anforderungen des Kunden an. Wenn nur zwei oder drei Kopfstationen versorgt werden müssten, sei ein Glasfasernetz wahrscheinlich günstiger, bei mehr Kopfstellen vermutlich der Satellit, sagte Mühleib. Wenn DTH gewünscht sei, falle die Wahl sowieso auf den Satelliten. Ein Beispiel ist die von der SES betriebene HDTV-Plattform HD+, die über Astra sowohl Satelliten-Direktempfänger als auch Kabelkopfstationen versorgt.

Bei Ultra HD erwartet Mühleib eine positive Entwicklung. Im Handel gibt es fast nur noch UHD-Fernseher, die Nachfrage der Endkunden steigt: „Ultra HD wird kommen!“ Der Geschäftsführer von Astra Deutschland geht davon aus, dass auch die großen Sendergruppen entsprechende Angebote einführen werden. Vorreiter ist, wie oft bei neuen Standards, das Bezahlfernsehen: Sky Deutschland überträgt seit Oktober 2016 jede Woche ausgewählte Spiele der Fußball-Bundesliga und der UEFA Champions League in Ultra HD. Die beiden UHD-Kanäle werden über Astra für Direktempfänger ausgestrahlt und stehen auf diesem Weg auch zur Kabeleinspeisung zur Verfügung.

Ob er einem Anbieter zu den klassischen Verbreitungswegen oder OTT raten würde, hänge von der angesteuerten Zielgruppe ab, sagt Christian Heinkele, Geschäftsführer von Eviso Germany, dem Geschäftspartner der M7 Group in Deutschland. Mit einer reinen OTT/Multiscreen-Lösung seien derzeit maximal zehn Millionen der rund 40 Millionen deutschen Haushalte erreichbar, insbesondere ein technisch versiertes, gebildetes Publikum, das Anbieter wie Netflix oder Zattoo im Auge hätten. Der große Rest, so Heinkele, schaue aber weiterhin lineares Fernsehen über Kabel oder Satellit. Wer eine möglichst große Reichweite erzielen wolle, komme daher um die etablierten Transportwege nicht herum.

Das Unternehmen, das Plattformbetreiber mit TV-Paketen und Dienstleistungen versorgt, fährt bei der Signalzuführung eine zweigleisige Strategie: Kabelnetzbetreiber erhalten die Programme klassisch via Satellit, während Glasfasernetzbetreiber, die sich ohnehin bereits in einer vollständigen IP-Welt bewegen, über Glasfaserleitungen versorgt werden. Diese Anbieter wollen die Kunden, die oftmals bereits über Satelliten- oder Kabelfernsehen verfügen, mit interaktiven, IP-basierten Komfort-Funktionen wie Restart TV, Replay TV, VoD, Mediatheken sowie Multiscreen-Anbindung von Smartphones und Tablets für sich gewinnen, ihnen also ein „hochwertigeres Fernsehen“ anbieten, als sie es kennen, erklärte Heinkele.

 

OTT als Zusatzprodukt

Für Kabelnetzbetreiber bietet M7 eine OTT-basierte Multiscreen-Lösung an: Mit der TV-App können sich Kabelzuschauer die TV-Programme auf Smartphones und Tablets holen. Die Adaptive-Streaming-Funktion regelt den Datendurchsatz hoch und runter, je nach verfügbarer Bandbreite, um Aussetzer zu vermeiden. Ein Dutzend Netzbetreiber hat sich in Deutschland nach Angaben Heinkeles bereits für diese hybride Lösung entschieden, die die Broadcast- mit der IP-Welt verbindet. 

In sieben europäischen Ländern, in denen die M7 Group vertreten ist, geht das Unternehmen sogar einen Schritt weiter und bietet den Kunden eine Hybridbox an, mit der klassische lineare Fernsehsender via Satellit und Zusatzangebote per Internet auf den Bildschirm kommen, etwa Nischenprogramme oder Abrufdienste. M7, damals noch als KabelKiosk bekannt, setzte frühzeitig auf HD-Programme und will auch jetzt bei Ultra HD vorne dabei sein. 

„Wir wollen Ultra HD anbieten und suchen derzeit geeignete Inhalte“, sagte Heinkele. „Das ist eines unser Top-Themen für 2017.“ Interessiert sei M7 an linearen UHD-Sendern, die einen Mehrwert bieten und in deutscher Sprache verfügbar seien. 

Auf die unterschiedliche Akzeptanz von Fernsehen über klassische Verbreitungswege und OTT verweist Bernd Meinl, Head of Broadcast Satellite Services bei MEDIA BROADCAST Satellite, dem Teil von MEDIA BROADCAST, der 2016 nicht von Freenet gekauft wurde. 

Ein gutes Beispiel sei die Handball-WM 2017 der Männer im Januar 2017 gewesen, die als erstes großes Event in Deutschland ausschließlich per IP-Streaming übertragen wurde, sagte Meinl. Die Live-Übertragungen der Spiele durch den Handball-Sponsor DKB bei YouTube erreichten lediglich 20 Prozent der Zuschauerzahlen, die die Handball-EM 2016 erzielte, die ARD und ZDF klassisch im Fernsehen ausstrahlten. An der Attraktivität der Inhalte kann's nicht gelegen haben, denn die deutsche Mannschaft ging als Europameister und einer der Favoriten für den WM-Titel ins Turnier. Auch die YouTube-Plattform hielt dem Ansturm mit zeitweise über einer Million gleichzeitig ausgelieferter Streams stand. Wer rein auf OTT setzt, sollte einkalkulieren, dass er damit eine geringere Wahrnehmbarkeit erzielt, gibt Meinl zu bedenken. OTT lege zwar zu, aber auf geringem Niveau, und werde auf Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, die klassischen Verbreitungswege nicht ersetzen, sondern ergänzen. 

Jörn Krieger

MB 1/2017

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