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Auf dem Weg zum HDTV-Regelbetrieb

ARD/ZDF haben bei der letzten Funkausstellung eine HDTV-Roadmap – von Showcases bis zum HDTV-Regelbetrieb ab Februar 2009 – vorgestellt. Mittlerweile haben wir eine Wirtschaftskrise, und auch der Markt für Unterhaltungselektronik dreht laut Meldung von Bitkom ins Minus. Bleibt dennoch alles beim Plan?
Was die HDTV-Roadmap der öffentlich-rechtlichen Sender angeht – zumindest kann ich das für das ZDF bestätigen – bleibt alles beim Plan, genau wie zur letzten IFA vorgestellt.
Sie haben im letzten Jahr auch bereits dezidiert begründet, warum Sie mit 720p – progressive – und nicht mit 1080i – interlaced – HDTV in den Regelbetrieb bringen wollen. Ebenso plädierte Dietrich Westerkamp, Thomson, als Leiter der HDTV-Arbeitsgruppe der TV-Plattform dafür mit der Vision, dann irgendwann zu einem noch besseren Standard, nämlich 1080p, zu wechseln.

Neuerdings flammt aber wieder eine Diskussion auf, ob nicht doch 1080i besser wäre...?
Unter Fachleuten ist unstrittig, dass 720p50 gegenüber 1080i25 das bessere Format ist, sowohl in der Produktion, als auch bei der Ausstrahlung. Es gibt aber einige Unternehmen, insbesondere Produktionsfirmen, die sich bereits vor mehreren Jahren mit HDTV-Equipment eingedeckt haben, als die 720p50-Technik noch nicht durchgängig verfügbar war. Die haben natürlich Interesse daran, weiterhin ihr 1080i25-Equipment einzusetzen und nicht schon wieder in neue Technik zu investieren.

Die Produktionsunternehmen, die in 1080i-Equipment investiert haben, sind jetzt für das ZDF aus dem Rennen?
Nein, so kann man das nicht sagen. Den externen Produktionshäusern ist ja bekannt, dass das ZDF auf 720p50 setzt und sie können sich entsprechend vorbereiten. Wir arbeiten intern gerade an einer HD-Produktionsrichtlinie für unser Haus und es wird einen Übergangszeitraum von einigen Jahren geben, wo auch noch interlaced Material angeliefert werden kann. Mittel- und langfristig werden wir aber auch bei der Produktion auf ein progressives Format umsteigen, da dies klare Qualitätsvorteile mit sich bringt.

Ist das ein Format, das ARD/ ZDF auch mit den Privaten abgestimmt haben? Die sitzen ja auch mit in der TV-Plattform.
Das ist richtig. Aber wir haben uns unabhängig von den Privaten auf die HDTV-Einführung vorbereitet, um alle Optionen ohne störende Abhängigkeiten und eventuelle fremde Interessenslagen für uns bewerten zu können. Als das Thema HDTV vor zirka vier Jahren wieder aufkam, haben wir uns zusammen mit der ARD – und auch mit Hilfe der EBU – intensiv mit der Frage nach dem optimalen Format auseinandergesetzt. Dazu wurden entsprechende Tests durchgeführt, um die Systeme miteinander zu vergleichen. Wir sind nach intensiven Untersuchungen zum selben Ergebnis wie die EBU gekommen. Bestätigt wurde das Ergebnis durch die Entscheidungen weitere Rundfunkanstalten im letzten Jahr in Europa, wie der Schweiz, Österreich, Belgien, Polen und einigen Broadcastern in Skandinavien. Diese Rundfunkanstalten haben sich ebenfalls für das 720p50 HDTV-Format entschieden.
Nur die Niederlande beispielsweise nicht? Die haben sich kürzlich wieder für 1080i umentschieden...

Es gibt mehrere Rundfunkanstalten, die nach wie vor auf 1080i setzen. Das ist jedem Sender selbst überlassen, wie er sich da entscheidet. Fakt ist nur, dass – wie Sie es angesprochen haben – in mittlerer Zukunft auf jeden Fall ein progressives Signal wie 1080p auch für die Fernsehwelt gelten wird, so wie es in der Computerwelt schon seit Jahrzehnten üblich ist. Das wurde nicht ohne Grund so gewählt: Das Zeilensprungverfahren – oder interlaced, wie es unter Fachleuten genannt wird – wofür das i bei 1080i steht – ist ein Relikt aus der analogen Fernsehwelt, das seinen Ursprung in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts hat. Damals sicher eine geniale Idee der „Datenreduktion“, aber mit den heutigen Mitteln der Digitaltechnik stehen uns weitaus bessere und effektivere Werkzeuge der Datenkompression zur Verfügung. Deshalb ist es sinnvoll, schon heute den Schritt von interlaced nach progressive zu machen, denn die Zukunft des Fernsehens ist auf jeden Fall progressiv. Spätestens mit dem Standard 1080p wird die Fernsehwelt grundsätzlich progressiv werden.

Zumal das Fernsehen beziehungsweise Bewegtbilder im Internet zu boomen beginnen, wo der progressive Standard sowieso Usus ist?
Richtig. Gut, dass Sie es ansprechen. Denn immer mehr Rundfunkanstalten sind auch im Internet präsent. Das Internet ist wie die gesamte PC-Welt grundsätzlich ein progressives System. Nur darüber kann man die Bewegtbildinhalte im Internet darstellen. Und deshalb ist dies ein weiterer Grund, weshalb man sich heute zukunftssicher nur für den progressiven Standard entscheiden kann.

Manche befürchten, dass 720p zwar super für Sportübertragungen ist, aber auf der anderen Seite nicht für im Fernsehen ausgestrahlte Kinofilme. Was sagen Sie dazu?
Der einzige Fall, in dem aktuell ein Signal im Format 1080i25 noch einen Vorteil gegenüber 720p50 hätte, wäre ein Standbild. Im Fernsehen übertragen wir allerdings bekanntlich Bewegtbilder. Und 720p hat immer Vorteile, wenn Bewegung im Spiel ist. Das ist beim Fernsehen zu 99,9 Prozent der Fall. Dennoch möchte ich den Kritikern in Bezug auf 720p für Kinofilme in einem Punkt zustimmen. Wenn man eine Filmproduktion mit einem 24p beziehungsweise 25p-Signal als Quelle hat, wäre theoretisch eine Verbesserung der Bildqualität bei 1080i25 möglich, da hier in beiden Halbbildern bei der Wandlung in eine Interlaced-Darstellung derselbe Inhalt dargestellt wird und somit keine Bewegungsartefakte auftreten können. In der Praxis würde diese erhöhte spatiale Auflösung allerdings erst bei Bildschirmdiagonalen über 50 Zoll greifen. Wenn die Mehrheit der deutschen Fernsehzuschauer in ihren Wohnzimmern Bildschirme mit 50 Zoll und darüber zur Verfügung hätten, dann könnte es vielleicht sinnvoll sein, in einem so genannten „Film-Mode“ in 1080i auszustrahlen. Vor dem Hintergrund der aktuellen technischen Ausstattung der Fernsehhaushalte, die im Mittel bei einer
Diagonale von 32 Zoll liegt, würde eine Ausstrahlungstechnik in zwei unterschiedlichen Modi nur sehr hohen Aufwand und mögliche Fehlerquellen bei der Ausstrahlung bedeuten, aber für den Zuschauer keine sichtbare Verbesserung mit sich bringen. Wenn es einmal so weit kommen sollte, dass die Mehrheit der Fernsehhaushalte mit Bildschirmen von mindestens 50 Zoll ausgestattet wäre, dann müsste man eventuell darüber nachdenken. Aber dann sind wir vermutlich schon längst bei dem Standard 1080p angekommen, und die Frage wäre damit obsolet.

Themenwechsel. Kommen wir zu den konkreten drei HDTV-Showcases, die für dieses Jahr geplant sind. Sie fangen an mit der Leichtathletik-WM...
Die Leichtathletik-WM findet vom 15. bis zum 23 August in Berlin statt. In diesem Zeit­raum werden wir nicht nur die Live-Sendungen von der Leichtathletik-WM zusätzlich zu dem SD-Signal in HDTV übertragen, sondern auch das gesamte ZDF-Programm wird in diesem Zeitraum in HDTV verfügbar sein.

Über welche Verbreitungswege sind die HDTV-Programme zu sehen?
Die HD-Ausstrahlungen des ZDF werden zunächst ausschließlich über Satellit – ASTRA 19.2° Ost, 11.362 GHz horizontal, DVB-S2 – erfolgen und in einigen Kabelnetzen, genau gesagt in den Netzen von Unity Media und Kabel BW, wird ZDF HD während der Showcases auch empfangbar sein. Was letztendlich mit dem Eintritt in den HD-Regelbetrieb in den Kabelnetzen passiert, ob dort unser ZDF HD dann eingespeist wird oder nicht, ist noch völlig offen. Wir bieten im Rahmen der bestehenden Verträge mit den Kabelnetzbetreibern über die Weiterverbreitung unserer Programme in deren Netzen den Netzbetreibern auch unser HD-Programm zur Einspeisung an.
Verkabelung, Test und Schulungen

Sind die Vorbereitungen dafür schon abgeschlossen?
Die entsprechende Modifikationen und Umbauten bei uns, um das HDTV-Signal auf den Satelliten bringen zu können, wurden gemeinsam mit der ARD durchgeführt. Die zusätzliche Produktionstechnik, die dafür im ZDF-Sendezentrum in Mainz und vor Ort in Berlin notwendig ist, wurde bereits angeschafft. Die Geräte werden zurzeit integriert und verkabelt. Wir werden dann Tests durchführen, und die Kolleginnen und Kollegen müssen dann noch geschult werden. Wir gehen davon aus, dass pünktlich zum Start am 15. August alles funktionieren wird.

Noch mal konkret: Im HDTV-Showcase ab dem 15. August wird neben der Live-Übertragung der Leichtathletik-WM das gesamte ZDF-Programm in echtem HDTV ausgestrahlt?
Die Leichtathletik-WM wird in „nativem“ HD gezeigt, denn diese Signale werden auch in HD aufgenommen. Weitere Programmteile, die bereits in HD produziert worden sind, werden auch in HD ausgestrahlt, und der Rest des Programms, der noch nicht nativ in HD vorliegt, der wird über einen Up-Konverter hoch konvertiert, so dass aus dem SD- ein HD-Signal erzeugt wird. Diese Signale werden dann zwar nicht ganz so gut wie die nativen HD-Signale sein, aber schon deutlich besser als ein herkömmliches SD-Signal.

Wobei ja bereits heute die SD-Bilder durch die Erhöhung der Datenrate bei der Übertragung eine sehr gute Qualität auch auf größeren Bildschirmen haben...?
Da haben Sie vollkommen Recht. Wir, das ZDF, aber auch die ARD, haben die Datenrate für SD-Signale erhöht. Das ZDF hat die Datenrate im Mittel auf zirka 6 Mbit/s bei der Satellitenübertragung und auch im Kabel erhöht. Insofern wird es unter Umständen schwierig, die Qualität zwischen einem SD-Signal mit hoher Datenrate und einem HD-Signal mit niedriger Datenrate zu unterscheiden...

Aber Sie werden die HD-Signale mit einer hohen Datenrate übertragen, dass der Qualitätsunterschied zu SD wahrnehmbar ist?
Wir werden auf jeden Fall HD mit adäquater Datenrate übertragen, so dass der Zuschauer einen eindeutigen Qualitätsgewinn hat. Im anderen Fall würden die Showcases und der Wechsel auf HD im Regelbetrieb ja überhaupt keinen Sinn machen!

Wie genau wird das ZDF seine Funktion als Host-Broadcaster bei der Leichtathletik-WM organisieren. Werden Sie zum Beispiel Dienstleister für die Produktion und Übertragung haben oder macht das ZDF alles selbst, zum Beispiel auch mit eigenen HDTV-Ü-Wagen?
Große Sportevents wie die Leichtathletik-WM organisieren ARD und ZDF in der Regel gemeinsam. Die federführende Anstalt wird im Vorfeld festgelegt.In diesem Fall hat das ZDF die Federführung. Wir werden bei der Leichtathletik WM in diesem Jahr die Produktion komplett gemeinsam mit den ARD-Kollegen covern.

Sind dann die zwei ZDF-eigenen HDTV-Ü-Wagen schon am Start?
Bis zur Leichtathletik-WM wird einer der beiden HD-Ü-Wagen fertig sein und dort auch zum Einsatz kommen.

Was passiert beim HDTV-Showcase zur IFA?
Die IFA findet in diesem Jahr vom 4. bis zum 9. September in Berlin statt, und in diesem Zeitraum werden wir nach dem gleichen Prinzip wie bei der Leichtathletik-WM verfahren. Wir werden Programme, die bereits nativ in HD verfügbar sind, auch so ausstrahlen und das restliche Programm auf HD hochkonvertieren.

Und das gleiche passiert dann noch einmal zu Weihnachten, damit die Zuschauer mit möglicherweise neu gekauften Fernsehgeräten dann auch echtes HDTV empfangen können?
Auch dann ist geplant, über mehrere Tage unser Hauptprogramm parallel zusätzlich in HD auszustrahlen, sozusagen als Vorgeschmack für die Zuschauer auf den HDTV-Regelbetrieb, den wir dann ab Februar 2010 starten.

Wie hoch sind die Investitionen, die Sie tätigen mussten und müssen, um HDTV von der Leichtathletik-WM bis zum Regelbetrieb auf die Schiene zu setzen?
Die Investitionen bis hin zum Showcase anlässlich der Leichtathletik WM sind – abgesehen von der Investition in einen neuen HD-Ü-Wagen – relativ überschaubar. Aber natürlich kostet der Umstieg auf HDTV das ZDF insgesamt viel Geld. Deshalb haben wir von Anfang an gesagt, dass es aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich sein wird, den Sendebetrieb von heute auf morgen komplett von SD auf HD umzustellen. Die Umstellung wird mehrere Jahre in Anspruch nehmen und ist überhaupt nur im Rahmen von Ersatzinvestitionen möglich. Das heißt: Ein Studio oder eine Regie wird immer dann auf Basis von HD re-investiert, wenn die vorhandene Technik bereits in die Jahre gekommen ist und sowieso ersetzt werden müsste. Noch relativ neue und voll funktionsfähige SD-Produktionsbereiche werden wir nicht auf HD umbauen können, weil das weder finanziell machbar ist, noch in Bezug auf die HDTV-Empfangssituation tragbar wäre. Es wird schätzungsweise noch viele Jahre dauern, bis beim ZDF im Sendezentrum und in allen Außenstudios alles komplett – sozusagen bis zur letzten Schraube – auf HD umgestellt sein wird.

Einschließlich der Nachrichten?
Ja, insbesondere bei den Nachrichten werden wir noch viele Jahre auf SD-Material zurück greifen müssen, was uns aus aller Welt angeliefert wird. Aber auch der Umstieg von der analogen zur digitalen Technik hat sehr lange gedauert, sogar deutlich länger als zehn Jahre.

Manche halten HDTV für einen „Digitalisierungstreiber“, insofern als die tollen HDTV-Bilder Konsumenten verstärkt zum Umstieg von der analogen zur digitalen Welt bewegen könnten. Wie beurteilen Sie das?
Ich würde HDTV und Digitalisierung nicht unbedingt miteinander koppeln wollen. Der Satellit ist klar ein Digitalisierungstreiber. Und für uns als Sender ist es kein Problem, mit HDTV auf den Satelliten zu gehen, weil der digitale Programmempfang via Satellit in Deutschland bereits weit verbreitet ist. Im Gegensatz dazu empfangen aber nur etwas über 20 Prozent der Kabelhaushalte digitales Fernsehen, etwa 80 Prozent der Kabelhaushalte schauen nach wie vor analog. Aus diesem Grund kann man die anlogen Signale in Kabelhaushalten nicht einfach
abschalten. Deshalb gibt es in den Kabelnetzen, die nicht auf 862 MHz-Techniken ausgebaut sind, nach wie vor Kapazitätsprobleme, um HDTV-Programme zusätzlich einzuspeisen. Da die Kabelzuschauer bislang kaum Interesse zeigen, sich eine digitale Set-Top-Box anzuschaffen, sind die Kabelnetzbetreiber an dieser Stelle gefordert, den Digitalisierungsgrad in ihren Netzen durch attraktive und vor allem an den Interessen ihrer Kunden ausgerichtete Angebote zu steigern. Mit Ausnahme von KabelBW, die unter den Kabelnetzbetreibern den höchsten Digitalisierungsgrad von zirka 30 bis 35 Prozent haben, werden im Kabelnetz Fernsehprogramme verschlüsselt ausgestrahlt. Das heißt: Der Zuschauer muss die durch den Kabelnetzprovider vorgegebenen proprietären Set-Top-Boxen nutzen. Selbst die standardisierte CI-Schnittstelle wird durch die Kabelnetzbetreiber leider nicht unterstützt. Deshalb kann in der Regel selbst ein integriertes DVB-C Empfangsteil in schicken und qualitativ hochwertigen neuen Flachbildfernsehern nicht genutzt werden. Außerdem ist der Empfang digitaler Programme im Kabelnetz mit Zusatzkosten verbunden, sei es durch die Kosten für eine zweite Smartcard, für den Zweitempfänger in Schlaf- oder Kinderzimmer oder auch durch höhere Kosten für den digitalen Kabelanschluss. Alle anlogen Programme sind hingegen ohne Zusatzkosten frei zu empfangen. Wo bitte schön ist da der Anreiz für den Kabelzuschauer, von analog auf digital zu wechseln? Solange Kabelnetzbetreiber ihre Geschäftsmodelle nicht den Markterfordernissen anpassen, wird auch die Einführung von HDTV die Digitalisierung im Kabelnetz nicht wesentlich beschleunigen.

Während die Digitalisierung des Kabelnetzes immer noch nicht vorankommt, wollen ARD und ZDF die analoge Übertragung via Satellit so schnell wie möglich abschalten, so dass die nicht unerheblichen Kosten dafür eingespart werden können. Bleibt aber nicht die analoge Satellitenübertragung notwendig, um die Kabelnetze weiterhin mit den analogen Signalen versorgen zu können?
Das trifft eigentlich nur für Netze mit dezentralen Programmeinspeisestrukturen zu. Netzbetreiber, die ihre Netze zentral mit einem Backbone versorgen, müssen die Signale, sollten sie nur noch digital angeboten werden, nur einmal digital/anlog wandeln, eben am zentralen Einspeisepunkt. Wichtig ist, mit allen betroffenen Marktteilnehmern einen geeigneten Abschalttermin der analogen Satellitenausstrahlung festzulegen.

Es gibt auch Kapazitätsprobleme, HDTV über DVB-T auszustrahlen. Denn die Kapazitätsgewinnung durch die Abschaltung der analogen terrestrischen Frequenzen – die „Digitale Dividende“ – soll ja nicht für HDTV, sondern für Mobilfunkanwendungen genutzt werden. Wird es dennoch in Zukunft HDTV auch über DVB-T geben? Oder wird man darauf verzichten, zumal DVB-T ja im Vergleich zum Satelliten und Kabel in Bezug auf die Reichweite vernachlässigt werden könnte?
Zwar spielt DVB-T vergleichsweise nicht die große Rolle für Fernsehhaushalte in Deutschland wie das Kabel oder der Satellit. Dennoch ist DVB-T aufgrund der gemeinsamen Strategie der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender vor allem in den Ballungsräumen ein großer Erfolg geworden. Mittlerweile wurden über 16 Millionen DVB-T-Empfänger in Deutschland verkauft. Damit ist auch der Marktanteil der Terrestrik in den letzten zwei Jahren wieder deutlich angestiegen: Immerhin elf Prozent der Fernsehhaushalte in Deutschland empfangen Fernsehen über DVB-T, man kann also überhaupt nicht mehr von einer vernachlässigbaren Reichweite sprechen. Um DVB-T als eine feste Größe und konkurrenzfähigen Übertragungsweg am Markt zu etablieren und zu stabilisieren, werden wir hier aber vorerst nichts an der Ausstrahlung im SD-Standard ändern. Denn die Zuschauer haben ja bereits in den letzten Jahren erst neue Receiver gekauft, um weiterhin oder zusätzlich Fernsehen terrestrisch empfangen zu können. Deshalb werden wir an dem jetzigen Standard erst einmal nicht rütteln...

DVB-T und HDTV noch kein Thema Also kein HDTV über DVB-T?
Zumindest kurzfristig ist aus den genannten Gründen HDTV über DVB-T bei uns kein Thema. Was mittel- und langfristig passiert, steht auf einem anderen Blatt. Hier spielen sicherlich auch die Entwicklungen in den europäischen Nachbarländern zum Thema „HDTV in der Terrestrik“ eine Rolle. Aber hierzu gibt es noch keinerlei Entscheidungen – weder bei ARD/ZDF noch bei den Privaten, soweit mir bekannt ist. Allerdings gibt es bereits Codierungs- und Ausstrahlungstechnologien wie MPEG 4 und DVB-T 2, die perspektivisch die Ausstrahlung von HDTV über DVB-T ermöglichen werden. Aber in den nächsten vier bis fünf Jahren wird das sicher kein Thema in Deutschland. Da müssen noch viele Versuche und Tests durchgeführt werden, um zu sehen, ob es überhaupt Sinn macht, irgendwann auf HD auch in der Terrestrik umzusteigen. Hier ist also für die Zukunft noch alles völlig offen.

Und wie sieht es mit HDTV im Internet aus?
Grundsätzlich muss zunächst einmal unterschieden werden zwischen IPTV über geschlossene Netze, wo die Provider wie zum Beispiel HanseNet auch einen „Quality of Service (QoS) garantieren, und der Übertragung über das freie Internet, die immer nur nach dem „Best Effort“-Prinzip angeboten werden kann. Zudem ist es ein großer Unterschied in Bezug auf die notwendige Bandbreite, ob HD-Programme live gestreamt – oder im „on-Demand“-Service angeboten werden werden sollen. Für „on-Demand“-Services, die nicht unbedingt in Echtzeit verfügbar sein müssen, können durchaus schon heute Programmteile in HD bereitgestellt werden. Dagegen ist Livestreaming in HD in guter Qualität heute nur in den seltensten Fällen möglich.

Wie viel Datenrate braucht man nach Ihrer Einschätzung, um echtes HDTV im Internet realisieren zu können?
Um ein vernünftiges HD-Signal zu übertragen, sollte man nach den von uns durchgeführten Tests mit aktuell am Markt verfügbaren MPEG-4 Encodern mindestens 12 Mb/s an Bild-Datenrate pro Programm ansetzen. Alles, was darunter liegt, führt zu einer minderen Bildqualität für den Zuschauer, so dass er den Qualitätsgewinn gegenüber SD nicht mehr wahrnehmen könnte – oder im Extremfall SD aufgrund der geringeren Kompression und dadurch schwächeren Kodierungsartefakte sogar besser aussieht als HD. Heute ist ein DSL-Anschluss mit einer Datenrate von 16.000 Mbit/s, ein so genannter ADSL 2+ Anschluss fast noch
Luxus, also noch lange nicht überall verfügbar. Um aber in den Genuss von wirklich qualitativ hochwertigen Live-Bildern in HD-Qualität über das Internet zu kommen, ist mindestens ein solcher ADSL 2+ Anschluss erforderlich. Das offene Internet bietet aber grundsätzlich kein QoS, hier gilt lediglich das „Best Effort“ Prinzip.
Das heißt: Wenn viel Traffic auf dem Netz herrscht, wird es zwangsläufig zu Problemen beim HD-Livestreaming kommen. Anders sieht es bei Material aus, das über mehrere Durchgänge entsprechend vorkodiert wurde und „on-Demand“ angeboten wird. Hier kann auch ein 6000er DSL-Zugang durchaus auch für HD schon zu vernünftigen Ergebnissen führen. Auch bei den IPTV-Providern reicht ein ADSL 2+ Anschluss kaum aus, um lineare HD-Prgramme in guter Qualität anzubieten. Schaut man sich auf dem TV einen HD-Beitrag, der mit 12 Mbit/s übertragen wird, an, allerdings in diesem Fall dann mit QoS, so bliebe dann nur noch wenig Bandbreite übrig, um zusätzlich – neben dem Empfang eines einzigen HDTV-Programms – ein bisschen zu telefonieren und im Internet zu surfen. Dies entspricht nicht dem heute
üblichen Komfortstandard beim Fernsehschauen in einem Haushalt, wo ja zum Beispiel parallel im Wohnzimmer und im Kinderzimmer unterschiedliche Fernsehprogramme geschaut werden. Deshalb braucht man für IPTV-Angebote mit einem QoS in HDTV eigentlich auch einen VDSL-Anschluss, der aber in Deutschland noch weit davon entfernt ist, flächendeckend zur Verfügung zu stehen. Deshalb gehen wir davon aus, dass HDTV-Livebilder, sowohl bei IPTV und erst recht im Internet erst in einigen Jahren im größeren Umfang zum Zuge kommen werden.

Ist eigentlich die Einführung von HDTV im ZDF die größte Baustelle – oder gibt es noch ganz andere Pläne?
Das Thema HDTV wird bis zum Start des Regelbetriebs im Februar nächsten Jahres sicher die größte Baustelle im ZDF sein. Hier gibt es zurzeit die größten Anstrengungen, um das HD-Signal gesichert auf den Satelliten zu bringen und da – wo die Kabelnetzbetreiber von unserem Angebot Gebrauch machen – auch ins Kabel. Es gibt aber auch noch weitere Schwerpunktthemen wie IPTV, wo wir mit mehreren Providern, wie T-Home, HanseNet und Arcor zusammenarbeiten und auch im Zusammenhang mit Programmdistribution über das offene Internet, bekannt unter dem Begriff „Web-TV“, sind wir aktiv. Weitere Themen sind hybride Endgeräte und deren Standardisierung, mobiles Fernsehen und auch das Thema „Digitale Dividende“.
Erika Butzek (MB 06/09)

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