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Die Kunden sollen selbst entscheiden

Kurz nach dem Mobile World Congress in Barcelona konnte man auch auf der CeBIT 2008 wieder interessante Entwicklungen zum Thema Mobile-TV entdecken. Für besonderen Diskussionsstoff sorgte hier die Ankündigung des Mobilfunkbetreibers Vodafone zur Fußball-Europameisterschaft im Juni 2008 DVB-T-Handys für Free-TV-Empfang auf den Markt zu bringen. Darunter könnte das Geschäftsmodell des DVB-H Plattformbetreibers Mobile 3.0 leiden. Vodafone bietet sich deshalb gleich auch als Kooperationspartner zur DVB-H-Vermarktung an.

Wie ein Lauffeuer sprach es sich auf der CeBIT 2008 herum: Vodafone will rechtzeitig zur Fußball-Europameisterschaft Euro 2008 im Juni Handys mit DVB-T-Empfangsteil (Digital-Video-Broadcasting-Terrestrial) auf den Markt bringen. Das Unternehmen präsentierte in seiner Halle auf dem Hannoveraner Messegelände dazu ein Showcase mit DVB-T-Handys von LG (HB620-T) und GSmart (t600). Die gezeigten Modelle waren dann auch für alle Broadcast-interessierten CeBIT-Besucher besonderer Anziehungspunkt. Schließlich birgt die DVB-T-Handy-Einführung eine gewisse Brisanz.
Vodafone gehörte schließlich zu den Mobilfunkanbietern, die sich vergeblich um die bundesweite Lizenz als Plattformbetreiber für DVB-H (Digital-Video-Broadcasting-Handheld) beworben hatten. Diese Lizenz wurde von den Landesmedienanstalten an Mobile 3.0 vergeben, einem Joint Venture von MFD Mobiles Fernsehen Deutschland GmbH (Naspers) und NEVA Media GmbH (Hubert Burda Media und Georg von Holtzbrinck). Ursprünglich wollte Mobile 3.0 zur Euro 2008 das mobile Fernsehen via DVB-H starten. Ob das klappt, ist eher fraglich, weil zunächst noch die nötigen Sendenetze dafür aufgebaut werden müssen. Das soll der von TDF übernommene, ehemalige T-Systems-Unternehmensbereich MEDIA BROADCAST erledigen. Doch die Verhandlungen über den Ausbau ziehen sich hin (siehe MEDIEN BULLETIN 03/2008). Und der Endgerätevertrieb muss auch erst noch anlaufen. Insider halten deshalb einen Start im Juni längst nicht mehr für realistisch.
Die Finanzierung des DVB-H-Angebots von Mobile 3.0 soll über eine entsprechende Nutzungsgebühr geschehen. Sie soll monatlich zwischen fünf und zehn Euro betragen. Vodafone hingegen hatte bei seiner Bewerbung von Beginn an einen reinen Free-TV-Ansatz präferiert. Der soll nun auch beim Handy-Fernsehen via DVB-T gelten. Das dürfte das Mobile 3.0-Geschäftsmodell etwas ins Wanken bringen.
Zudem sind DVB-T-Programmangebote bundesweit schon länger On-Air. In einigen Regionen sind gar bis zu 30 Free-TV-Programme empfangbar. Das heißt, bei DVB-T wird zunächst mehr geboten als bei DVB-H. Über letzteren Standard sollen anfangs nur 14 TV- sowie drei Radioprogramme und interaktive Dienste empfangbar sein. Fest steht derzeit, dass Das Erste, ZDF, RTL, VOX, ProSieben und Sat.1 sowie die Nachrichtensender N24 und n-tv dabei sein werden.

Ausreichende Akku-Laufzeit
Bisher galt der DVB-T-Standard als wenig geeignet für Handy-TV. Wichtigstes Argument dagegen war der hohe Stromverbrauch der DVB-T-Chips. Doch aktuelle Akku-Generationen werden damit fertig. Die neuen DVB-T-Handys sollen im TV-Modus eine Akku-Laufzeit von zwei bis drei Stunden erlauben. Das bestätigte auch Ram Levinson, Vizepräsident Sales und Business Developement von Siano Mobile Silicon, einem Chiphersteller aus Israel, am DVB-T-Stand in der Vodafone-Halle. Chips von Siano (SMS1130) sind in den GSmart-Handys verbaut. Sie zeichnen sich durch extrem niedrigen Stromverbrauch aus.
Ein weiterer Punkt, der gegen DVB-T als Handy-TV-Standard spricht, ist, dass hier im Gegensatz zu DVB-H kein integrierter Rückkanal existiert. „Den kann man aber auch leicht über das Mobilfunknetz realisieren“, meinte Hartmut Kremling, Technikgeschäftsführer von Vodafone in Deutschland, anlässlich einer Presseveranstaltung auf der CeBIT. Er selbst zeigte sich überrascht von den heute möglichen Akku-Laufzeiten bei DVB-T-Handys. „Vor einem dreiviertel Jahr war das noch nicht möglich“, meinte er.
Kremling machte in Hannover deutlich, dass Vodafone jederzeit mit Mobile 3.0 bei DVB-H zusammenarbeiten würde. „Wir sind Kooperationen gegenüber völlig offen und grundsätzlich bereit, auch DVB-H zu vermarkten, wenn Mobile 3.0 das wünscht“, betonte er. Sein Unternehmen sei zunächst aber bestrebt DVB-T-Handys zum Start der Fußball-Europameisterschaft Euro 2008 auf den Markt zu bringen.
Kremling: „Vodafone ist für ein anderes Geschäftsmodell eingetreten und meint auch heute noch, dass Free-TV auf dem Handy eher für die breite Masse geeignet ist. Pay-Angebote taugen eher für einen Nischenmarkt. Der Kunde soll selbst entscheiden, was er besser findet.“
Man wird aber wohl nicht allein auf Vodafone angewiesen sein, wenn man ein solches Handy sein eigen nennen will. LG Electronics kündigte mittlerweile nämlich an, das Handy mit seinem nur zwei Zoll großen Display schon Ende Mai über den Telekommunikationsanbieter The Phone House auf den Markt zu bringen. Ralf-Peter Simon, Vorsitzender der Geschäftsführung von The Phone House, sieht darin für sein Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil. „Es gehört zu unserer Strategie, Produktneuheiten frühzeitig zu präsentieren und damit eine Vorreiterrolle im Markt zu besetzen. Als unabhängiger Komplettanbieter für Kommunikation und Entertainment sind wir für Endgerätehersteller und Netzbetreiber ein idealer Partner, um Kunden Trends näher zu bringen. Wir sind stolz darauf, jetzt zusammen mit einem renommierten Hersteller wie LG das Trendthema Handy-TV vermarkten zu können“, erklärte er.
Zum Marktstart wird das Endgerät mit und ohne Vertrag über sämtliche Vertriebskanäle von The Phone House angeboten. Dazu gehören die eigenen Stores, teilnehmende Fachhändler und die Vermarktung über das Internet.
Neben dem KB620-T von LG werden schon bald auch andere DVB-T-taugliche mobile Endgeräte auf den Markt kommen. Der taiwanesische Hersteller Gigabyte zeigte auf der CeBit 2008 unter anderem das PDA Gigabyte q60 mit UMTS und DVB-T-Empfang sowie das auch am Vodafone DVB-T-Stand unter der Markenbezeichnung GSmart laufende Handy-Modell t600. Dieses Quadband-Handy ist in einigen Ländern schon verfügbar. Die Markteinführung hierzulande ist noch offen. Das t600 erlaubt übrigens nicht nur DVB-T, sondern auch DVB-H, T-DMB, ISDB-T sowie das digitale Radio DAB zu empfangen. Eine ausziehbare Antenne sorgt für guten Empfang auch in topographisch ungünstigen Lagen. Außerdem verfügt das t600 über zahlreiche weitere Features wie MP3-Player, einen 2,6 Zoll großen Touchscreen mit 480x640 Pixel Auflösung, eine integrierte Kamera mit 2,1 Megapixel, Autofokus, Makrofunktion, digitalem Zoom und einer Aufnahmefunktion für Videos, Bluetooth 2.0, Mini USB 2.0, WLAN-Kompatibilität (Standard 802.11 b/g) und GPRS-Fähigkeit. Das Handy arbeitet mit dem mobilen Betriebssystem Windows Mobile 6 und beinhaltet den Windows Media Player, PowerPoint Mobile, Excel Mobile und Word Mobile.
Ein weiteres Mobile-TV-Handy, das sowohl DVB-T-, DVB-H-, T-DMB- und DigitalRadio DAB-Angebote empfangen kann, ist das ebenfalls auf der CeBIT 2008 gezeigte Glofiish V900 des taiwanische Mobiltelefon-Herstellers E-Ten. Das Schiebehandy mit TV-Empfang, Teleskopantenne, VGA-Display, Bluetooth, GPS und Windows Mobile 6 Betriebssystem soll ab August 2008 in Deutschland zu haben sein.
In Hannover wurde wieder einmal deutlich: Egal ob DVB-T oder DVB-H, die Mobilfunkanbieter werden bei der Einführung des Handy-TVs eine gewichtige Rolle spielen. Letztlich sind sie es, die die Vermarktung der nötigen Endgeräte, am besten steuern können.

Inhaltliche Unterschiede
Auf Seiten von Mobile.3 versucht man derweil die Bedeutung der DVB-T-Präsentation auf der CeBIT runter zu spielen. Ein Sprecher erklärte auf Nachfrage: „Mobile 3.0 sieht die Entwicklung von mobilen DVB-T-Empfängern aus mehreren Gründen nicht als Gefahr für den Erfolg von DVB-H an. Zunächst sind technische Gründe zu nennen: DVB-H wurde speziell für die Erfordernisse des mobilen TV-Empfangs entwickelt und optimiert. Zum einen ermöglicht DVB-H einen störungsfreien Empfang auch bei Bewegung des Empfängers. Zum anderen garantiert der Standard einen Strom sparenden und damit langen TV-Empfang. Des Weiteren schließt der DVB-H-Standard die Integration eines Rückkanals ein und ermöglicht damit die Realisation interaktiver Dienste. Alle diese Vorteile sind bei DVB-T-Empfängern nicht gegeben.“
Daneben wird auch auf inhaltliche Unterschiede hingewiesen. Die DVB-H-Lizenzen seien schließlich mit dem Ziel vergeben worden, neben den bekannten TV-Angeboten für stationäres Fernsehen auch neue und eigens für den mobilen Empfang zugeschnittene Inhalte verfügbar zu machen. Hierzu würden neuartige Fernseh- und Radioformate entwickelt, die ausschließlich über DVB-H ausgestrahlt werden sollen. Zudem halte Mobile 3.0 das heutige Programmangebot auf DVB-T (in manchen Bundesländern zum Beispiel ohne die Marktführer und andere großen Privat-TV-Sender) nicht für eine Gefahr für DVB-H. Der Mobile 3.0-Sprecher betonte: „Wirklich alle großen, vom Publikum nachgefragten Sender in Top-Qualität mit Rückkanal und zusätzlich viele neue Programm-Angebote wird es auf absehbare Zeit nur über DVB-H geben können. Insgesamt sehen wir damit DVB-T nicht als direkte Konkurrenz zu DVB-H im Bereich der mobilen Anwendungen an und sind fest davon überzeugt, dass sich DVB-H als wichtigster Standard für den mobilen TV- und Radioempfang durchsetzen wird.“
Mobile 3.0 halte weiter am „Wunschtermin Euro 2008“ für den DVB-H-Start in Deutschland fest. Man sei sich jedoch auch bewusst, dass dieser nur schwer realisierbar sei.
Eckhard Eckstein (04/08)

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