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Enorme Chance für mehr Vielfalt

Bislang sind alle Versuche, die Digitalisierung des Hörfunks in Deutschland auf den Weg zu bringen, erfolglos geblieben. Mit dem Start des ersten bundesweiten Programmpakets auf Basis des neuen Standards DAB+ (Digital Audio Broadcasting Plus) am 1. August soll das nun anders werden. Initiatoren und Programmanbieter zeigten auf einer Pressekonferenz in Hamburg hohe Zuversicht, dass der Digitalradio-Neustart diesmal gelingt. Die Vorzeichen dafür sind nicht schlecht.

Die Vorzüge des Digitalradios sind Fachleuten schon lange bekannt. Dazu gehören unter anderem die bessere Tonqualität und Programm begleitende Zusatzinformationen mit Verkehrsdaten, Wetterkarten, Titel- und Interpreten-Infos, Nachrichtenschlagzeilen, Starfotos oder aktuellen Ergebnissen aus den Sport-Stadien. Den Radiohörer hat das bislang wenig überzeugt. Vielleicht auch weil die Botschaft bei vielen gar nicht angekommen ist. Zur breiten Vermarktung des Digitalradios mangelte es nicht nur an finanziellen Mitteln sondern auch am konzertierten Vorgehen der beteiligten Marktteilnehmer.

Beim bundesweiten Digitalradio-Start zum 1. August scheint die Situation besser. Private und öffentlich-rechtliche Programmveranstalter ziehen nunmehr an einem Strang, um den neuen terrestrischen Verbreitungsweg mit attraktiven Programmen zu beleben. Und anders als bei früheren Neustarts steht heute verstärkt die Politik dahinter. Ende Juni hat zudem die KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten) ein wichtiges Weichensignal gegeben und den Digitalradio-Finanzbedarf für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk anerkannt und die eingefrorenen Projektmittel zur Einführung des digitalen Hörfunks frei gegeben. Und auch die Geräteindustrie verstärkt ihr Engagement.

Das am 1. August gestartete bundesweite Angebot besteht aus 14 Programmen. Die Sendeanstalten der ARD wollen diese in ihren Bundesländern nach und nach durch Aufschaltung von DAB+ Angeboten bzw. durch Umstellung bestehender DAB-Angebote auf DAB+ ergänzen. Über die landesweiten Multiplexe senden auch private Rundfunkanbieter ihre Programme digital. Während der BR in Bayern, der MDR in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie der WDR in NRW pünktlich zum Neustart digitale Hörfunkprogramme anbieten, wollen die anderen Landesrundfunkanstalten der ARD in den kommenden Wochen und Monaten bis Ende des Jahres sukzessive folgen. Darunter sollen bis Ende des Jahres 25 Programme sein, die nicht über das analoge UKW zu bekommen sind. Klar ist, diese über landesweite Multiplexe verbreiteten ARD-Programme sind nur innerhalb der Landesgrenzen eines Bundeslandes empfangbar.

Ein Hörer in Leipzig empfängt seit 1. August zum Beispiel mit seinem Digital-Empfänger 14 bundesweit verbreitete Programme und zusätzlich das Angebot, das der MDR über den landesweiten Multiplex anbietet. In Sachsen-Anhalt empfängt er noch vier private Radio-Programme. Hessen folgt im Herbst mit dem HR-Funk und acht privaten Wellen. In Bayern sendet der BR ab August und will Sendenetz und Programmangebot schrittweise ausbauen. Die Kooperation zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern ist dringend geboten, denn derzeit besteht ja eher das Problem die beiden landesweiten reservierten Frequenzen mit je 15 Programmen zu füllen. (siehe auch Interview mit dem Sprecher des Deutschlandradios, Dietmar Boettcher).

Mit der ersten Ausbaustufe zum landesweiten Empfang des Digitalradio über 27 Sendestandorte können zum Start bereits 38 Mio. Haushalte über Indoor-Empfang erreicht werden (rund 50 Prozent der Bevölkerung) und sind etwa 50 Prozent der bundesdeutschen Fläche für den mobilen Empfang versorgt. Bestehende Lücken beim Empfang auf den Bundesautobahnen wie beispielsweise im nordhessischen Raum (A5/A7) können voraussichtlich im nächsten Jahr geschlossen werden. Hierzu laufen derzeit Gespräche. Netz-Betreiber Media Broadcast will das Sendenetz bis 2015 sukzessive ausbauen. Bis dahin sollen 110 Sendestandorte 90 Prozent der Fläche versorgen. Der Digitalradio-Übertragungsstandard DAB+ bietet gegenüber dem analogen UKW eine größere geografische Reichweite und weniger Frequenzbedarf bei geringerer Sendeleistung. Da die Verbreitungskosten günstiger sind, ist das Digitalradio wirtschaftlicher und umweltfreundlicher als das UKW-Radio. Und es bietet vor allem auch mehr Kapazitäten und vermag so eine deutlich größere Programmvielfalt zu gewährleisten.

Der Hörer selbst wird und soll Gefallen daran finden, dass er nun nicht mehr nach Frequenzen suchen muss, sondern den Sender aus einer Liste auswählen kann. Und mit einem Blick auf sein Display erhält er neben dem Hörangebot nützliche Zusatzinformationen in Form von Texten, Grafiken und Bildern. Doch der entscheidende Impuls für den Verbraucher muss von den Programmen selbst kommen, erklärt der Leiter des nationalen und gemeinsam von den privaten und öffentlich rechtlichen Sendern getragenen Projektbüros Digitalradio Michael Reichert: „Mit Digitalradio gibt es mehr Programme, mehr Angebote und Bilder, Daten, Texte zum laufenden Programm. Und Digitalradio bietet alles, was die Hörer auch jetzt schon kennen. Digitalradio ist also heute plus morgen. Doch ohne die starken Programm-Marken der privaten wie öffentlich-rechtlichen Veranstalter wird sich kein Gerät verkaufen lassen. Der Zugang über den Markt funktioniert nur über die Programme. Denn Digitalradio ist an sich kein Wert. Das ist einer der entscheidenden Unterschiede zu früheren Aktionen.“

Dass DAB+ die Konkurrenz durch das Internet befürchten muss, glaubt Reichert weniger: „Wir haben es hier – was die Verbreitungssituation angeht – mit keiner Konkurrenzsituation, sondern mit einander ergänzenden Vertriebswegen zu tun“, sagt er. „Digitalradio via Internet ist dort gut, wo es eine stabile IP-Verbindung gibt. Doch Digitalradio über Terrestrik ist unentbehrlich. Wer auf der Autobahn unterwegs ist von Frankfurt nach Berlin oder nach München kennt das Problem, ein Programm durchgehend stabil zu empfangen. Das Radio der Zukunft meint eben Inhalte, der Verbreitungsweg ist nur Mittel zum Zweck und so soll es auch sein.“

Programmveranstalter wie auch Vertreter des Handels signalisierten in Hamburg, dass sie vom Digitalradio einiges erwarten. Dietmar Boettcher, der Pressesprecher vom Deutschlandradio, das im bundesweiten Programmbouquet mit den drei Programmen Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und Deutschlandradio Wissen vertreten ist, verspricht sich noch mal eine deutliche Steigerung in der Verbreitung dieser Programme. „Ziel ist es, immer bei den Hörern zu sein. Als Deutschlandradio gegründet wurde, hatten wir 33 UKW-Frequenzen, womit wir etwa 60 Prozent der Bevölkerung erreicht haben. Wir wissen alle, die analoge UKW-Übertragung ist ziemlich ausgereizt. Wir bieten unsere Programme auch über Lang- und Mittelwelle an, weil wir noch mehr Menschen erreichen wollen. Aber à la longue ist die Verbreitung über Digitalradio billiger als über den UKW-Empfang, über den eine bundesweite Abdeckung ohnehin nicht möglich ist.“ Im Schulterschluss mit den öffentlich-rechtlichen Programmanbietern suchen die privaten Sendeveranstalter natürlich ihre Chance über das neue Digitalradio eine bundesweite terrestrische Verbreitung zu erzielen.

Florian Fritsche, Geschäftsführer von Regiocast Digital und dem Sender 90elf nennt das Digitalradio eine „Spielwiese für Innovation“. Sein Ziel ist: „Wir wollen landesweit mit unseren Programmen vorankommen und in Deutschland nationale Programm-Marken etablieren, was bislang mit der regional ausgerichteten Rundfunkordnung so nicht ohne weiteres möglich war.“ Sein Fußballradio 90elf dürfte eine der Zugnummern im neuen bundesweiten Angebotpaket sein. Das Programm könne nun auch terrestrisch bundesweit alle Fußballfans erreichen, die es nicht am Computer oder mit dem Handy hören wollen. 90elf besitzt die Übertragungsrechte der Fußball-Bundesliga und bietet alle Spiele der Ersten und Zweiten Bundesliga in Live-Übertragung sowie in Konferenzschaltung. Über das DAB-Multiplex ließen sich noch mehr Spiele parallel übertragen als über UKW. „Und wir können viele Themen und Zusatzdienste drum herum stricken.“

Martin Liss, Mitglied der Geschäftsführung von Energy Deutschland ist ebenfalls auf „Reichweite aus, um noch mehr Hörer zu erreichen. Denn es gibt immer noch mehr Stellen auf der Landkarte in Deutschland, wo es Energy nicht zu hören gibt.“ Wichtig für den Erfolg des Digitalradios sei es, dort die etablierten Marken wiederzufinden, meint er: „Das Neue verleitet nicht zum Kauf eines Digitalradio-Gerätes. Der Hörer will auch das hören, was er kennt. Beides – Neues und Bekanntes – machen den Mehrwert für Digitalradio aus.“ Und Florian Novak, Geschäftsführer von Lounge FM (Wien) will mit entspannenden Lounge-Musikangeboten die Grenze überschreiten „Digitalradio bietet eine enorme Chance für mehr Vielfalt und einzigartige Programme, die es in Deutschland über UKW bislang noch nicht gegeben hat.“

Die Geräte, die der Handel ab August auf den Markt bringt, können Zusatzinfos wie Texte, Bilder von Spielern oder auch Ergebnisse darstellen – ab nächstem Jahr auch mit Farbdisplays. Mit den neuen Radios lassen sich auch die alten DAB-Programme und UKW-Sendungen empfangen. Vielfach sollen diese Digitalradios auch in Kombination mit CD-Player und Internetanschlüssen (USB/WLAN) angeboten werden.

Bei allem Optimismus der Anbieterseite und Initiatoren, das terrestrisch verbreitete Digitalradio wird es nicht einfach haben. Die bundesweit an den Start gehenden Spartenprogramme müssen ihre Zugkraft erst noch beweisen. Viele Programme im DAB+ kann man noch lange in UKW hören. Im Augenblick ist nicht klar, wann der analoge UKW-Empfang abgeschaltet wird. Und gravierend ist die Konkurrenz durch das Internet. Die Privatsender streamen ihre Programme parallel zu den anderen Verbreitungsformen ins Netz. Dadurch fehlt der für alle Anbieter nicht unwichtigen Zielgruppe der Online-Generation der Kaufanreiz. „Mehr Radio. Ohne zusätzliche Kosten“ – dieses Verkaufsargument muss sich möglichst bald herum sprechen.
Bernd Jetschin
(MB 09/11)

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