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Fernsehen trifft Internet 2.0

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Fernsehen trifft Internet 2.0

HbbTV hat erreicht, woran andere Technologien scheiterten: Die Verknüpfung von Fernsehen und Internet in der Unterhaltungselektronik ist ein Erfolgsmodell. Knapp 15 Millionen HbbTV-fähige Endgeräte wurden in Deutschland bislang verkauft. Die neue HbbTV-Spezifikation 2.0 wird die Möglichkeiten der Technik beträchtlich erweitern.

„Deutschland ist HbbTV-Markt“, verkündete die Deutsche TV-Plattform in einer Pressemitteilung vom 05. März und lieferte Zahlen der GfK Retail and Technology GmbH mit: 60 Prozent aller im Jahr 2014 verkauften TV-Geräte sind demnach smart, können also Inhalte aus dem Internet beziehen. Von diesen 4,8 Millionen internetfähigen TV-Geräten beherrschen 92 Prozent, also 4,2 Millionen, HbbTV. Bis Ende 2014 standen in den Haushalten demnach insgesamt 14,7 Millionen HbbTV-fähige Endgeräte, einschließlich geeigneter Set-Top-Boxen und DVD- oder Blu-ray-Playern.

Doch nicht alle Smart-TVs werden auch mit dem Internet verbunden. Erst der Internetanschluss bestimmt die technische Reichweite, die für Werbetreibende maßgebend ist: ProSiebenSat.1 zählte Ende 2014 rund dreizehn Millionen TV-Geräte, die mit dem Internet verbunden sind. Deutlich zurückhaltender fällt der Digitalisierungsbericht 2014 der Landesmedienanstalten aus, der auf den Daten von TNS Infratest basiert: Danach steht in zehn Prozent aller 38 Millionen TV-Haushalte mindestens ein Smart-TV-Gerät, das an das Internet angeschlossen ist.

Auch international erfreut sich HbbTV zunehmender Beliebtheit. Die Digitalplattformen Freeview und Freesat in Großbritannien, die mit ihren YouView-Web-Angeboten bislang auf Adobe Flash gesetzt hatten, schwenkten auf Druck der Unterhaltungselektronik-Industrie zu der jüngsten HbbTV-Version 2.0. Die Rundfunkindustrie in Italien, die jahrelang die MHP-Verbreitung förderte, erklärte, künftig auf HbbTV 2.0 zu wechseln. Außerhalb Europas startete letztes Jahr Australien den regulären HbbTV-Betrieb, in Afrika und Südostasien stehen weitere Länder vor der Einführung, und China interessiert sich sehr für die Technik. Die ATSC-Organisation in den USA, die einen zu DVB verschiedenen Digital-TV-Standard nutzt, möchte die Web-Anbindung in ihrer ATSC 3.0-Spezifikation an HbbTV anlehnen.

Hinter dem Erfolgsmodell steht die HbbTV-Assoziation – ein Zusammenschluss namhafter Unternehmen aus Broadcast, Telekommunikation und der Unterhaltungselektronik. Die Vereinigung mit Sitz in Genf zählt derzeit rund 75 Mitglieder. 2014 stießen die Rundfunkbetreiber BBC und itv aus Großbritannien hinzu. Seit Mitte 2014 bindet das Open IPTV-Forum seine Aktivitäten in die HbbTV-Assoziation ein.

Eines der Gründungsmitglieder der HbbTV-Assoziation ist das Institut für Rundfunktechnik (IRT). Es war von Beginn federführend an der HbbTV-Entwicklung beteiligt. Klaus Merkel, Fachreferent für HbbTV am IRT, erläutert auf Seminaren des Instituts die neue Spezifikation HbbTV 2.0. Sie wurde am 10. Februar 2015 veröffentlicht und liegt nun der ETSI (European Telecommunications Standards Institute) zur Normierung vor. HbbTV 2.0 wird die Möglichkeiten der Hybrid-Technik deutlich erweitern. Eine der Neuerungen: Künftig lassen sich DVB- und Webinhalte absolut synchron ausspielen.

„Bei dieser Synchronisation gibt es zwei Mechanismen“, erläutert Merkel. „Zum einen lassen sich DVB-Programme und Webinhalte auf dem TV-Gerät synchronisieren.“ Dies sei gerade für zusätzliche Audiospuren interessant, die sich damit lippensynchron per HbbTV übertragen ließen. Gerade in der Terrestrik sei der Platz für zusätzliche Audiospuren begrenzt. Die zweite Möglichkeit, so Merkel, sei eine geräteübergreifende Synchronisation. Diese ermögliche es beispielsweise, zusätzliche Tonkanäle auf einem Smartphone auszuspielen. Eine sinnvolle Anwendung dafür sei etwa eine Audiodeskription für Hörbeeinträchtigungen. Damit könnten etwa schwerhörige Menschen die Audiodeskription auf einem Ohrhörer über das Smartphone verfolgen, während weitere Zuschauer auf dem Sofa dem normalen Fernsehton lauschen.

Darüber hinaus beinhaltet die 2.0-Spezifikation eine sogenannte Companion-Screen-Funktionalität. „Diese Funktion verknüpft Mobilgeräte mit dem TV-Gerät“, erläutert Merkel. Damit ließen sich beispielsweise über den Fernseher Apps auf dem Smartphone starten. Denkbar sei beispielsweise ein Quiz, an dem nicht alle Personen vor dem Fernseher teilnehmen möchten. Zum zweiten ließe sich via Smartphone eine Anwendung auf dem TV-Gerät aufrufen. Mobil- und TV-Geräte-Apps könnten zudem miteinander kommunizieren. Der Zuschauer könne so etwa auf einem Tablet die Mediathek eines Senders durchforsten, um dann einen gewünschten Beitrag auf dem TV-Gerät zu starten. Das sei vergleichbar mit den Möglichkeiten eines Google-Chromecast-Sticks, erläutert Merkel.

Die dahinterliegende Funktionsweise erläutert Volker Blume, Mitinhaber der Firma Global Media@TV: „TV- und Mobilgerät werden dafür über die Cloud, also ein Rechenzentrum im Internet synchronisiert.“ Das eigentliche Pairing, also die Verknüpfung der Geräte, könne beispielsweise mittels eines QR-Codes (Quick Response Code) ausgelöst werden. „Wenn ein Cloud-Service den Code über ein Smart-TV-Gerät ausspielt, und ein Mobilgerät diesen Code einscannt, kann der Cloud-Dienst die beiden Geräte einander zuordnen.“ Eine weitere Neuerung von HbbTV 2.0 ist eine Push-Video-on-Demand-Funktion. Die Push-VoD-Funktion eigne sich, so Merkel, um besonders gefragte Inhalte aus einer Mediathek per DVB-Signal nachts auf eine Geräte-Festplatte zu übertragen und so das Internet zu entlasten. Der Abruf der gespeicherten Sendungen könne dann in einem HbbTV-Menü erfolgen. Eine weitere Anwendungsmöglichkeit bringt Blume ins Spiel: Das Push-VoD sei besonders für Bezahlsender wie Sky Deutschland interessant. Bislang nutzt Sky für sein Anytime-Angebot das DVB-Signal, um Filme nachts auf die Festplatte von Sky+-Receivern zu übermitteln. Mit der HbbTV-Push-Funktion ließe sich dies auch per Internet erledigen.

Passend dazu richtet sich eine andere Erweiterung gezielt an Bezahlanbieter: HbbTV 2.0 kann Entschlüsselungsmodule über eine am Gerät vorhandene CI+ 1.4-Schnittstelle ansprechen. Mit CI+ 1.4 lassen sich nicht nur die Digital-TV-typischen Conditional-Access-Systeme nachrüsten, sondern auch vollständige DRM-Systeme (Digital Rights Management), die beispielsweise VoD-Anbieter wie Netflix, Maxdome oder Watchever nutzen. Die VoD-Betreiber können ihre Videotheken dann auch auf Fernsehern vermarkten, die kein DRM-System integriert haben. Nach Merkels Einschätzung werden webbasierte Bezahlangebote künftig vermehrt nachgefragt. Daher ist die Einbindung der CI+-Schnittstelle in die neue HbbTV-Spezifikation für diese Anbieter interessant. Die Gerätehersteller könnten dadurch die Lizenzgebühren für DRM-Systeme wie Microsofts Play Ready sparen und an die Nutzer von Bezahldiensten weiterreichen, die ihre Geräte mit entsprechenden CI+-Modulen nachrüsten müssen.

HbbTV 2.0 bindet aktuelle Webstandards wie HTML5 und CSS3 in die Hybrid-TV-Technik ein. Dies erleichtert Web-Entwicklern die Arbeit, die mit den neuesten Technologien vertraut sind. Durch seine Fähigkeit, das Design einer Webseite automatisch an den Bildschirm des Ausgabegeräts anzupassen (sogenanntes Responsive-Verhalten), unterstützt HTML5 die Anwendungsentwicklung für TV-Geräte, Smartphones und Tablets. Um Bewegtbild- oder Audioinhalte wiederzugeben, benötigt HTML5 zudem keinen Flash-Player. Auch in puncto Video-Streaming hat HbbTV 2.0 eine Neuheit in petto: Der Videocodec HEVC, der eine etwa doppelt so hohe Effizienz im Vergleich zu H.264/AVC bietet, soll das Streaming von hoch- und ultrahochauflösenden Inhalten erleichtern.

Das HbbTV-Konsortium hat außerdem ein neues Kapitel zum Datenschutz in die Spezifikation aufgenommen, unterstreicht Blume. Medienberichten zufolge hatten einige Sender Nutzungsdaten über den HbbTV-Rückkanal erhoben. Laut Blume schreibe HbbTV 2.0 künftig jedem Gerätehersteller vor, dass der Nutzer das Sammeln von Daten abschalten können muss. Eine Gewissheit habe der Zuschauer jedoch nur, wenn er die HbbTV-Funktion für einzelne Sender deaktivieren könne, so Blume. Dies sei jedoch nicht auf jedem Smart-TV-Gerät möglich.

Doch wann werden erste HbbTV-2.0-Modelle überhaupt erhältlich sein? Merkel rechnet damit, dass erste Geräte mit dem neuen Standard in der zweiten Jahreshälfte 2016 auf den Markt kommen. Das IRT arbeite eng mit den Herstellern zusammen und erhalte voraussichtlich im Lauf dieses Jahres erste Geräte, die einzelne HbbTV-2.0-Funktionen prototypisch eingebaut hätten. „Nur so können wir sehen, ob sich das, was wir aufgeschrieben haben, in der Praxis auch so verhält“, sagt Merkel. Auf Messen werde das IRT wahrscheinlich dieses Jahr erste HbbTV 2.0-Anwendungen zeigen. HbbTV 2.0 ist abwärtskompatibel zu HbbTV 1.5 und 1.0.

Das EU-Projekt TV-Ring

Wie wird das vernetzte und interaktive Fernsehen in der Zukunft einmal aussehen? Das möchte das EU-Projekt TV-Ring ausloten. Teil des Projektes war es, die Anforderungen von Zuschauern und Experten an Connected-TVs zu ermitteln. Drei Pilotprojekte in den Niederlanden, Spanien sowie Deutschland entwickelten auf Basis der Anregungen neuartige HbbTV-Anwendungen, die Second-Screen-Applikationen sowie hochauflösendes Videostreaming umfassten. Das IRT und der rbb arbeiteten gemeinsam am deutschen Pilot, der Jugendserie „Verknallt & Abgedreht“. Sie wurde Ende 2014 erstmals im Kinderkanal Kika gesendet. Der deutsche Pilot hatte sich das Streaming von hochauflösenden Videos per HbbTV zur Aufgabe gemacht.

In einer eigens für „Verknallt & Abgedreht“ produzierten HbbTV-App ließen sich die einzelnen Episoden als Stream abrufen. Dabei wurden mehrere Formate angeboten: Als Video- und Streaming-Technologien standen MP4 oder MPEG-DASH zur Verfügung, die je nach den technischen Möglichkeiten des TV-Gerätes abgerufen werden konnten. Per MPEG-DASH wurde neben einer Full-HD-Auflösung von 1920 x 1080 Bildpunkten mit 10 Mbit/s eine ultrahochaufgelöste Variante mit 3840 x 2160 Bildpunkten und 16 Mbit/s angeboten. Erstmals ließen sich also UHDTV-Sendungen der ARD über das Internet abrufen. Zum Empfang war ein UHDTV-Gerät notwendig, das zugleich die MPEG-DASH-Streaming-Technik beherrscht (in HbbTV 1.5 enthalten).

Sowohl öffentlich-rechtliche wie private TV-Sender bieten zahlreiche HbbTV-Anwendungen. Die Red-Button-Funktion holt nach dem Druck auf den roten Knopf der Fernbedienung zunächst eine Startleiste auf den TV-Schirm, über die sich weitere Anwendungen aufrufen lassen. Dies können beispielsweise ein moderner HbbTV-Text sein, ein elektronischer Programmführer (EPG) und die beliebten Mediatheken.

Von letzteren hat die ARD hat eine Vielzahl in petto: So gibt es neben der ARD Mediathek etwa Arte+7, eine Einsfestival Mediathek, eine Check Eins-Jugendmediathek und weitere Mediatheken der Regionalsender. Zudem liefert die ARD HbbTV-Anwendungen für einzelne Sendungen wie den Tatort. Erfolgreich liefen anlassbezogene Angebote wie die Video-Streams zur Sommerolympiade 2012 und der Winterolympiade 2014. Die genauen Zugriffszahlen möchte die ARD nicht veröffentlichen, doch die Nutzung der ARD-Angebote sei im letzten Jahr überproportional gestiegen, verriet Dennis Grams, Kommunikation und Marketing ARD Digital. HbbTV ermögliche es, sowohl klassische TV-Nutzer an neue Angebote heranzuführen wie Online-Nutzer an den Fernseher zurückzuholen. Die Vielzahl an HbbTV-Angeboten sichere langfristig die Bindung an die ARD-Programme. Auch für Thomas Bodemer, Pressesprecher RTL Interactive, ist es wegen der jungen HbbTV-Technik noch zu früh, über konkrete Reichweiten zu sprechen. RTL würde im Monat jedoch deutlich siebenstellige Videoabrufe über HbbTV erzielen. RTL startete 2010 mit dem digitaltext seine erste HbbTV-Anwendung. Mit Clipfish Music kam 2012 das erste HbbTV-Bewegtbildangebot des Privatsenders. Clipfish umfasst mittlerweile mehrere Sparten: Clipfish Music bietet über 60.000 Musikvideos, beinhaltet nach eigenen Angaben ein breitgefächertes Genre-Repertoire. Clipfish Comedy liefert seit 2013 rund 30 Comedy-Formate, darunter bekannte YouTuber wie Y-Titty und Freshhaltefolie sowie Altmeister wie Mr. Bean. Clipfish Anime wendet sich seit Ende 2013 an die Freunde von Animationsfilmen, Inhalte sind etwa Arcana Famiglia oder Romeo x Juliet. Mit dooloop startet RTL Interactive 2014 einen weiteren Musikkanal. ProSiebenSat.1 lieferte Zahlen zu seiner Reichweite: Je nach Programm Pro7, Sat.1 Kabel Eins oder sixx wären im Monat bis zu zehn Millionen Endgeräte adressierbar, am Tag erreiche beispielsweise Pro7 bis zu 1,3 Millionen Geräte. Die Sendegruppe ist für ihr Engagement im Online-Bereich bekannt und bietet mit Branded Red Button eine neuartige HbbTV-Anwendung für Werbetreibende: In Werbesendungen lassen sich über die Red-Button-Funktion gezielt Sonderangebote, Rabattaktionen oder eine direkte Kaufoption einblenden. Teil des Online-Angebotes von ProSiebenSat.1 ist das MyVideo-Portal, das zugleich als Mediathek, Musikvideo- und Web-TV-Portal fungiert. Insgesamt verzeichnete das Online-Videoangebot der Sendegruppe 5,36 Millionen Abrufe. Per HbbTV bindet ProSiebenSat.1 auch Drittanbieter ein – wie den Musiksender putpat.tv oder Bild.de.

Was unterscheidet Smart-TV und HbbTV?

Die Grenzlinie zwischen Smart-TV und HbbTV verläuft unscharf. Merkel definiert Smart-TV als eine Art Oberbegriff: Der Fernseher hängt am Internet und kann darüber Inhalte abrufen. Doch die Details von Smart-TV seien vom jeweiligen Hersteller abhängig. Demgegenüber ist HbbTV ein klar definierter Standard. TV-Veranstalter können damit ihre linearen Programme mit Applikationen verlinken. Doch auch der umgekehrte Weg ist möglich: Per HbbTV gelangen eigenständige OTT-Angebote (Over The Top) auf den großen Flachbildschirm. „HbbTV umfasst nicht nur Anwendungen, die an Broadcast dranhängen“, erläutert Merkel. „Es bleibt jedoch den Herstellern überlassen, wie sie den Standard in den Portalen verankern.“ Die fünf großen TV-Hersteller Samsung, LG, Philips, Panasonic und Sony betreiben allesamt eigene App-Portale.

Die Hersteller behielten sich vor, über deren Portale zu disponieren, sagt Merkel. Wie etwa Samsung: Der Hersteller habe HbbTV auf allen seinen Smart-TVs implementiert. Doch für das herstelleigene Smart-TV-Portal müssten die Applikationen mit einem eigenen SDK angepasst werden. Dies erfordere einen Vertag mit dem Hersteller, der auch finanzielle Absprachen beinhalte. Daneben gebe es Geräte-Hersteller mit einem eigenen Portal, die daraus zusätzlich auf reine HbbTV-Applikationen verlinken. Kleinere TV-Hersteller würden wiederum ausschließlich HbbTV-Applikationen implementieren und auf eigene Portale verzichten, erläutert Merkel. Der fragmentierte Markt erschwert es Anbietern jedenfalls, ihre Inhalte auf möglichst vielen Smart-TV-Geräten zu verbreiten. Unternehmen mit größeren finanziellen Mitteln sind hier klar im Vorteil. Was es bei der App-Entwicklung zu berücksichtigen gilt, beschreibt der Artikel „Via App auf den TV-Schirm“ auf Seite 48.

Jan Fleischman

MB 3/2015

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