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Zeitenwende in der Content-Strategie

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Zeitenwende in der Content-Strategie

Anlässlich des fünfjährigen Bestehens der ORF-Mediathek „TVthek“ hatte MEDIEN BULLETIN Gelegenheit, einen Blick hinter die ORF-Kulissen zu werfen und mit den Senderverantwortlichen über Multiscreen-Strategie und technische Infrastruktur zu sprechen. Das Geschäftsmodell der Österreicher sieht vor, an gut laufenden Konzepten des linearen Fernsehens festzuhalten und neue Multiscreen-Angebote, je nach Bedarf, hinzuzufügen. Erklärtes Ziel ist es, die Marktführerschaft in TV, Radio und Online in Österreich weiter auszubauen.

Beim ORF ist man stolz auf die TVthek und deren Entwicklung. Der Claim „Fernsehen, wann und wo Sie wollen“ ist damit Realität geworden, betonte man anlässlich des fünfjährigen Jubiläums der Plattform. ORF-Onlinechef Thomas Prantner machte auf der Jubiläums-Pressekonferenz klar, dass mit dem Start der TVthek im Jahr 2009, in einer Zeit, in der es noch keine Tablets gab, die richtige Entscheidung getroffen worden ist. Mit mehr als 200 On-Demand-Inhalten, vielen Livestreams und der Unterbringung aller Spartensender des ORF sei die Entwicklung der TVthek bis heute stark vorangeschritten. Die TVthek verbucht laut ÖWA Plus im Monat mehr als eine Millionen User (zweites Quartal 2014), was einer Reichweite von 16,9 Prozent unter den heimischen Internetnutzern entspricht. 2014 verzeichnete man durchschnittlich 19 Millionen Videoabrufe pro Monat. Angefangen hatte man am 16. November 2009 mit rund 70 VoD-Sendungen und 20 Livestreams. Prantner bezeichnete die TVthek dann auch als „Zeitenwende in der Content-Strategie des ORF“. Die ORF-TVthek sei eine Erfolgsstory und mittlerweile „eine Premium-Marke des ORF“.

Nur der iPlayer der BBC kann laut Dr. Alexander Wrabetz, Generaldirektor des ORF, eine ähnliche Erfolgsgeschichte erzählen wie die TVthek. Den Grund für die hohe Akzeptanz der TVthek sieht er darin, dass das Online-Angebot des Senders schon immer als eigenständige, journalistische Plattform neben dem Fernsehen und Radio gesehen worden ist und nicht nur als Marketing-Instrument.

Doch beim ORF möchte man sich, auch das wurde auf der Pressekonferenz deutlich, keinesfalls auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruhen. Auch in Zukunft möchte der ORF den Marktanforderungen gerecht werden und hofft mit noch mehr Bandbreite das Bewegtbild-Angebot in die Online-Welt ausbauen zu können. Das sei insbesondere wichtig, da sich das Nutzungsverhalten der Zuschauer dahingehend ändert, dass Fernsehen heute und in Zukunft auch mobil konsumiert wird. Schon heute, so Wrabetz, hätten 900.000 Haushalte in Österreich ein Tablet: „Diese Fernsehplattformen muss man auch bedienen!“

Erreichbar ist die TVthek sowohl online, über die wichtigsten Kabelnetzbetreiber in Österreich, über Fernsehgeräte von Samsung und LG, aber auch klassisch über HbbTV. Ein ganz neuer Empfangsweg der TVthek ist seit Dezember 2014 die Xbox One. Auf der TVthek-Jubiläums-Pressekonferenz wurden von Ing. Michael Götzhaber, Technischer Direktor des ORF, die Integration der On-Demand-Plattform auf der Xbox One und eine damit einhergehende Kooperation mit Microsoft angekündigt. Es sei für den ORF wichtig geworden auch diese innovativen Wege zu gehen, gerade wenn es darum ginge, eine jüngere Zielgruppe von den Inhalten der TVthek zu überzeugen. Und Prantner zeigte sich sichtlich stolz, die TVthek jetzt auch mit der Xbox One typischen Gesten- und Sprachsteuerung bedienen zu können. Wie gut das System funktioniert, wurde in Wien direkt präsentiert. „Der Absatz von Spielekonsolen nimmt in Österreich weiter zu. Schon jetzt haben rund 34 Prozent der Haushalte eine Konsole. Deshalb fühlen wir uns hier bestätigt, zusammen mit Microsoft eine Application für die TVThek entwickelt zu haben“, meinte Wrabetz.

TVthek-Workflow

Damit der Ablauf in der TVthek immer reibungslos abläuft und möglichst alle Inhalte zeitnah auf der Plattform abrufbar sind, ist es nötig, dass sich ein Team von rund zehn Mitarbeitern um das Material kümmert. „Von uns werden die Inhalte gesichtet, geschnitten, betextet, und es werden Headlines hinzugefügt. Im letzten Schritt entstehen dann interessante Themenpakete die dann auf die TVthek ausgespielt werden,“ berichtete Prantner. Damit es dabei keinerlei Probleme gibt, wird ein Koordinationsdienst eingesetzt, und jeder Redakteur der TVthek kümmert sich um alle Themenbereiche, die ausgespielt werden. „Das bietet Synergieeffekte und ist vor allem bei den Stichworten „Additional Content und Online First“ sehr wichtig,“ sagte Prantner. Was letztendlich auf der TVthek läuft, wird vor allem durch die Rechtesituation beschränkt.

Hier gelte zum einen das ORF-Recht, zum anderen aber vor allem das allgemeine Lizenzrecht. Um sicher zu gehen, dass die Rechte auch eingehalten werden greift das TVthek-eigene CMS auf den Rechteplan des ORF zu und bestimmt so die Rechtesituation. Die Themenschwerpunkte der TVthek legt, nach geklärter Rechtesituation, die Redaktion fest, wobei laut Prantner gilt: „Umso mehr Content auf der TVthek zu finden ist, umso besser!“

Produktionstechnik des ORF

Auch wenn man beim ORF gerne die Erfolgsgeschichte der TVthek erzählt, so wird dennoch betont, dass das eigentliche Kerngeschäft nach wie vor das lineare Fernsehen ist und auch bleiben soll. Aus diesem Grund wurde 2013 auch die Produktionstechnik in der Wiener Sendezentrale auf den neuesten Stand gebracht. Dabei wurden beispielsweise das Studio und die Regie für den klassischen News-Betrieb rundum erneuert und für den HD-Betrieb fit gemacht.

„Die Kapazität des Regieplatzes liegt bei acht Außenleitungen, 16 Serverzuspielkanälen, fünf Grafik-Kanälen und sechs Kameras. Unter anderem wurden neue Monitore von SonoVTS, Samsung und Ikegami installiert, eine neue Kreuzschiene von Evertz sowie ein neuer Sony MVS-8000X Mischer. In der Regie lassen sich alle Studios des ORF-Zentrums zuschalten,“ berichtete Hannes Kainzinger, Betriebsleiter und Produktionstechnischer Leiter des ORF.

Der Gang durch die Studios des ORF zeigte, dass neueste technische Systeme den Erfolg der Produktionen gewährleisten. Damit im Hauptstudio täglich zwölf bis 15 Nachrichtensendungen aufgezeichnet werden können, lassen sich für die jeweiligen Sendung auf eine moderne Video Wall immer die passenden Hintergründe projizieren. „Das Ganze passiert bei einer fixen Einleuchtung. Das heißt, die Scheinwerfer müssen also nicht bei jeder Sendung neu gesetzt werden. Das spart Zeit und Geld,“ betonte Kainzinger. Zusätzlich kann ein extra, an der Studiodecke befestigtes Lichtband das Geschehen nach Bedarf ausstrahlen. Eingesetzt werden im News-Studio vier Ikegami-Kameras von Typ HDK 790 beziehungsweise HDK 79. Zwei der Kameras sind besetzt – die dritte wird vollautomatisch über die Bildregie ferngesteuert. „Alle unsere Studio-Kameras sind von Ikegami. Wir haben großes Vertrauen in die Ikegami-Systeme und arbeiten damit schon recht lange ohne Probleme,“ berichtete Kainzinger.

Multiscreen-Geschäftsmodell

Der ORF zeigt, dass mit der Entscheidung eine VoD-Plattform zu starten und ein Multiscreen-Geschäftsmodell zu verfolgen, vieles richtig gemacht worden ist. Glaubt man Thomas Prantner war die Entscheidung für die TVthek vor fünf Jahren gar nicht so trivial wie man das heute annehmen könnte. „Vor 2009 gab es noch nicht einmal Tablets. Dass der Konsum von Inhalten auf mobilen Endgeräten so stark zunehmen würde, konnte damals also noch niemand mit Sicherheit sagen. Wir haben uns dennoch getraut in die TVthek zu investieren und werden heute dafür belohnt,“ so der Online-Chef. Ziel der Plattform sei es, in Zukunft noch mehr zu bieten und ständig zu wachsen. „Wir wollen die immer größer werdenden Bandbreiten, die uns zur Verfügung stehen, nutzen, um noch mehr Inhalte anbieten zu können. Und wir wollen die TVthek, ganz im Sinne unserer Nutzer, über alle möglichen Distributionskanäle anbieten.“

In diesem Jahr plant der ORF aber auch abseits der TVthek mit der VoD-Plattform Flimmit Neuerungen im Bewegtbildbereich. Sie soll laut Wrabetz im Kern „ein Mix aus Abo- und Einzelbezahlangeboten“ bieten. Auch mit deutschen Anbietern verhandelt der ORF derzeit noch über mögliche Kooperationen.

Der weitere inhaltliche Ausbau der Videoplattform wird sich laut ORF in den kommenden Monaten und im Jahr 2015 auf die Erweiterung des Videoarchiv-Angebots konzentrieren. Im Rahmen des Projekts „ORF-TVthek goes school“ sind Archive zur Geschichte aller Bundesländer geplant. Den Anfang macht das Videoarchiv zur Geschichte Niederösterreichs, das bereits am 13. November gelauncht wird. Bis Ende 2015 soll dann Wissenswertes und Spannendes aus allen Bundesländern auf der ORF-TVthek speziell für die Nutzung im Unterricht bereitstehen. Im Frühjahr 2015 wird ein neues Archiv zum 60-Jahr-Jubiläum die Geschichte des Staatsvertrags multimedial nachzeichnen, im Herbst steht die Geschichte der Wissenschaft auf dem „ORF-TVthek goes school“-Programm. Auch das allgemeine Archiv-Angebot der ORF-TVthek soll 2015 weiter ausgebaut werden – so ist zum Beispiel zum Song Contest geplant, alle österreichischen Starter bei diesem Bewerb nochmals online in Erinnerung zu rufen. Ebenso sollen die Medienarchive zu Weltreligionen um Buddhismus und Hinduismus erweitert werden.

Niklas Eckstein

MB 1/2015

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