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Nur die Besten

Host Broadcast Services (HBS) hat mit den 15. Asian Games 2006 in Doha erstmals ein Multisport-Event betreut. Dazu wurde zusammen mit dem Produktionsunternehmen TWI das Joint Venture Doha Asian Games Broadcast Services (DAGBS) gegründet. Über die aufwändige Produktion und über künftige Projekte wie die FIFA WM 2010 sprach MEDIEN BULLETIN mit Jörg Sander, HBS-Direktor Venue Operations and Engeneering.

HBS hat mit TWI das 50:50 Joint Venture Doha Asian Games Broadcast Services (DAGBS) gebildet. Wie waren die Zuständigkeiten im Joint Venture geregelt?
TWI war für die TV-Produktion aller Sportarten in allen Sportstätten zuständig und HBS im Prinzip für den ganzen Rest. In unseren Aufgabenbereich fiel unter anderem das Management der technischen Einrichtungen, die Kommunikation zwischen diesen und dem International Broadcast Center (IBC), die Organisation und Betreuung aller technischen Abläufe im IBC selbst, Buchungs-, Finanz- und Informations-Services. Die Verträge mit den in Doha eingesetzten technischen Dienstleistern und Produktionsteams hat die DAGBS nach Spezifikation von TWI geschlossen. Das ganze Vertragsmanagement wiederum wurde von HBS gemacht.

Warum wurde TWI als Partner gewählt?
Wir haben mit TWI schon vorher oft zusammengearbeitet und das Unternehmen als eines der weltweit besten und kompetentesten Produktionsfirmen kennen gelernt.

Und wie lief die Jobverteilung im technischen Management?
David Shields, mein Kollege von TWI, war verantwortlich für die Betreuung der Produktionseinrichtungen. Er hat die Planung und Spezifikationen für das benötigte Equipment, die Fly-Away-Kits und Ü-Wagen gemacht, ich habe mit meiner Ingenieur-Truppe das IBC betreut und gemeinsam mit Gary Shaw, Head of Operation, die technischen Einrichtungen geleitet.

Wer hat die Vorgaben zur Produktion gemacht?
Das fiel in die Zuständigkeit von TWI. Mit unserer gemeinsamen Bewerbung hatten wir allerdings schon einen groben Produktionsplan abgegeben. Daran wurde anschließend aber noch viel verändert. Die Produktionsplanung wurde dann von TWI abgearbeitet.

Welche Produktions-Dienstleister waren involviert?
Die DAGBS hat zahlreiche Dienstleister unter Vertrag genommen, die dann für TWI in der Produktion gearbeitet haben. Produktionseinrichtungen wurden von dem US-amerikanischen Ü-Wagen-Dienstleister NEP Visions gestellt ebenso wie von Gearhouse, Charter, Presteigne, Video Europe, CTV, Danmarks Radio und CCTV aus China. Das waren in der Regel Fly-Away-Kits. Nur CTV aus England war mit zwei Ü-Wagen vor Ort. Damit wurden die Golf-Wettbewerbe produziert. NEP Visons, Gearhouse und Charter haben mit ihren Fly-Away Kits rund drei Viertel des gesamten Produktionsvolumens abgedeckt. Pro Sportart stand im Prinzip immer ein Fly-Away Kit zur Verfügung. Das heißt, wir hatten insgesamt 42 Produktionssysteme vor Ort. Die gesamte Planung des Equipments wurde von DAGBS realisiert.

Wie wurde das Equipment nach Doha gebracht?
Das Material wurde mit drei speziell dafür gecharterten Antonows und mit jeder Menge anderer Transportflieger eingeflogen. Insgesamt wurde über 600 Tonnen Material nach Doha transportiert. Auch für die dafür nötige Logistik zeichnete HBS verantwortlich.

Nach welchen Kriterien fiel die Auswahl der angeheuerten Produktions-Dienstleister?
Die DAGBS hat entsprechend dem Dream-Team-Konzept von HBS nur die Firmen unter Vertrag genommen, die in ihren Tätigkeitsgebieten die Besten sind.

Gab es andere wichtige Partner neben TWI?
EVS Broadcast ist zum Beispiel ein guter Partner von uns. Das Unternehmen hat schon bei der FIFA WM 2002 und bei der FIFA FM 2006 mit uns zusammengearbeitet und alles, was Slomotion und Superslomotion für die Ü-Wagen angeht, geliefert. HBS hat mit EVS zudem die Server-Infrastruktur im IBC aufgebaut. Auch bei den 15. Asien-Spielen in Doha hat uns EVS eine sehr aufwändige Server-Applikation mit umfangreichen Logging- und Browsing-Möglichkeiten geliefert.

War die ähnlich wie zur FIFA WM 2006 im IBC in München-Riem?
Sie war vom Prinzip her anders aufgebaut. Wir brauchten im IBC in München-Riem ja praktisch nur zwei Fußballspiele gleichzeitig mit mehreren Feeds aufzeichnen. Die Logging-Stationen waren da relativ überschaubar. Dafür hatten wir aber 50 User auf der Browsing-Seite. Diese Anforderungen gab es in Doha nicht. Dort gab es nur neun Browsing-Stationen, die der Produktion zur Erstellung der täglichen Highlights etc. zur Verfügung gestellt wurden. Dafür mussten wir jedoch 42 Signale verschiedener Wettkämpfe gleichzeitig aufzeichnen. Wir haben deshalb das EVS-System, das wir in München zur Verfügung hatten, praktisch umgepolt und den Ausgang zum Eingang gemacht und umgekehrt. EVS ist ein gutes Beispiel für funktionierende, langfristige Zusammenarbeit. Das Gleiche gilt auch für andere wie für Gearhouse. Auch dieses Unternehmen hat schon zur FIFA WM 2002 in Japan und Korea Fly-Away Kits geliefert und zur FIFA WM 2006 in Deutschland gute Arbeit bei der Verkabelung der zwölf WM-Stadien geleistet.

Wer war in Doha für die Verkabelung zuständig?
In Doha haben die Produktionsdienstleister die normale Produktionsverkabelung selbst gemacht. Die war dort nicht so aufwändig wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Bei den 15. Asien-Spielen gab es in den Sportstätten durchschnittlich ja auch nur sechs bis acht Kommentatorplätze. Das ist nicht vergleichbar mit der FIFA-WM in Deutschland, wo es über 120 waren. Die Verkabelung haben wir deshalb mit lokalen Mitteln realisiert.

Gemeinsames Produktionszentrum
Welche broadcast-technischen Besonderheiten gab es in Doha?
Um den Produktionsaufwand zu reduzieren, hatten wir dort einen Compound – also ein gemeinsames technisches Produktionszentrum – für den Sportkomplex Aspire Sports Dome und das Kalifa Stadium. Beide Sportstätten liegen rund 1.000 Meter voneinander entfernt. Die gleichen Produktionseinrichtungen wurden für die Turn-Wettbewerbe im Aspire Sports Dome und die Leichtathletik-Wettbewerbe im Kalifa Stadium genutzt. Wir konnten dabei die Regie stehen lassen und immer nur die Kameras umbauen. Da wir größere Übertragungsstrecken überbrücken mussten, haben wir hier Glasfaser-Kabel eingesetzt. Ansonsten wurde überwiegend mit Triaxkabel wie bei ganz traditionellen Außenübertragungen gearbeitet. Die Nutzung eines Compounds für zwei Sportstätten funktionierte gut, weil sich die dort ausgetragenen Wettbewerbe, entsprechend dem olympischen Konzept, traditionell nicht überlappen. Es gibt immer einen Tag Pause zwischen Leichtathletik und Turnen. Beides haben wir auch in High-Definition produziert, außerdem noch die Schwimm- und Turmspring-Wettbewerbe, sowie die Eröffnungs- und Schluss-Zeremonie inklusive Helikopter-Aufnahmen.

Wer hat entschieden, was in HDTV produziert wird?
Die Vorgaben für die HD-Produktionen kamen vom Organisationskomitee Doha Asian Games Organising Committee – DAGOC. Um die reibungslosen Produktionsabläufe sicherzustellen, haben wir nur noch etwas Einfluss genommen auf das Wettbewerbsprogramm. Am Ende passten auch noch Judo und Karate in unsere HDTV-Produktionskapazitäten hinein.

Wer hat denn die HDTV-Signale gesendet?
Das waren TV-Sender aus Japan, Korea und China.

Welche Kameras wurden bei der HDTV-Produktion eingesetzt?
Für die HDTV-Produktion war NEP Visions zuständig. Und die Firma arbeitet hauptsächlich mit Thomson-Kameras.
Wurde das wie bei der FIFA WM 2006 mit Thomson vertraglich vereinbart?
Nein, es wurde kein entsprechender Vertrag geschlossen. NEP Visions hat einfach viele Thomson-Kameras. Andere Unternehmen wie Gearhouse haben wiederum traditionell viel Sony-Equipment. Das heißt, in Doha war der Anteil der Sony- und Thomson-Kameras an der Produktion ungefähr gleich.

Gab es bei den 15. Asien-Spielen im Bereich Kamera-Technik Besonderheiten?
Wir haben dort aufgrund der zahlreichen Sportarten viel mehr Spezialkameras eingesetzt als bei der Fußball-WM, beim Turmspringen zum Beispiel eine PlungeCam, bei Schwimmwettbewerben eine SkyCam über dem Becken und eine Unterwasserkamera, die auf dem Beckengrund die Schwimmer begleitete. All diese Kameras wie auch unsere Helikopter-Kameras waren HD-fähig. Erstmals eingesetzt haben wir zudem die ICE-Kamera – Indoor Camera Envelope. Sie schwebte ferngesteuert an einem Gasballon über den diversen Wettkampfstätten im Aspire Sports Dome. Außerdem wurde bei den Disziplinen Marathon, Gehen, Straßen-Radrennen, Rudern und Segeln viel mit Drahtlos-Kameras gearbeitet. Dafür hatten wir einen gemeinsamen Empfangspunkt und einen Kontrollraum eingerichtet. Ein Großteil der eingesetzten Drahtlos-Systeme stammte von Link Research und Broadcast RF. Beim Einsatz dieser Systeme wurden wir von Helifilms unterstützt. Oft haben wir während eines Wettbewerbs drahtgebundene Kameras einfach mit Funk-Technik für den mobilen Einsatz umgebaut. Dadurch haben wir uns kilometerlange Triax-Verkabelungen erspart. Der Vorteil war zudem, dass wir mit relativ wenigen Kameras eine sehr repräsentative Produktion abwickeln können. Normal hätten wir 40 Kameras an der Marathon-Strecke haben müssen. Tatsächlich haben wir aber nur die Hälfte gebraucht. Das hat gut funktioniert. Feststationierte, verkabelte Kameras gab es da praktisch nur im Bereich der Ziellinie. Vom Produktionskonzept her hat das so bislang noch keiner gemacht. Um die Radrennfahrer mit Kameras zu begleiten, hatten wir drei Motorräder im Einsatz und bei den Segelregatten drei Begleitboote. Ferner konnten wir insgesamt vier Hubschrauber nutzen.

Woher kamen die eingesetzten Produktionsteams?
Rund die Hälfte der Teams kam aus dem asiatischen Raum. China war mit sechs Produktions-Teams vertreten, und Japan hat alle Teams zur Produktion der Turn-Wettbewerbe gestellt. Hier kam wieder unser Dream-Team-Konzept zur Geltung. Eingesetzt wurden bei jeder Sportart nur die besten ihres Fachs, ganz unabhängig von ihrer Nationalität. Hieraus resultiert eine Win-win-Situation für alle. Die Teams können bei den großen Sport-Events für sich selbst wichtige Erfahrungen sammeln, und wir haben die Besten für den jeweiligen Sport.

Wie viel Feeds wurden in Doha produziert?
Es wurde nur ein multilaterales Feed produziert. Im Vergleich zur WM 2006 waren sehr viel weniger Broadcaster vor Ort, aber eine Menge Länder haben das Signal von der ABU – Asian Broadcasting Union – übernommen, die für die Lieferung an ihre Mitglieder verantwortlich war. Der chinesische Sender CCTV hatte jedoch nicht nur für uns als Produzent Tischtennis produziert, sondern hat zusätzlich mit eigenen EB-Teams komplett unabhängig gearbeitet und ein unilaterales Signal für China produziert.

In welchem Bildformat wurde produziert?
Wir haben vor Ort im 16:9-Format produziert. Die SD-Verteilung im IBC wurde dann aber im 4:3- und 16:9-Format abgewickelt. Als drittes Angebot gab es dann noch bei den zuvor erwähnten Sportarten und Events 16:9 HD.
Wie lange wird es für HBS noch das 4:3-Format geben?
Ich würde sagen, spätestens 2010 ist Schluss mit 4:3.

Wie viel Mitarbeiter hatten Sie in Doha?
Das waren rund 2.000 Leute, davon 350 im IBC. Rund 60 Prozent aller Mitarbeiter waren in der Produktion beschäftigt. Wir hatten mindestens 600 Kameraleute am Start. Von der Größenordnung her ist das schon vergleichbar mit Fußball-WM 2006 in Deutschland.

Perfekte Produktionsbedingungen
Wie bewerten Sie denn rückblickend die FIFA WM 2006?
Grundsätzlich haben wir in Deutschland eine ziemlich gute Leistung hingelegt und haben die Voraussetzungen, die uns Deutschland geboten hat, bestens genutzt. Damit meine ich, dass wir im Zentrum Europas auch perfekte Produktionsbedingungen vorgefunden haben. Wir hatten die besten Dienstleister Europas unter Vertrag und konnten eine perfekte Netz-Infrastruktur der Deutschen Telekom AG nutzen. Das hat uns letztlich erlaubt, nicht nur in HD zu produzieren, sondern die HD-Signale auch unkomprimiert und in höchster Qualität in das IBC zu schicken. Das war nie Bestandteil unserer ursprünglichen Überlegungen gewesen. Bei Planungsbeginn war das technisch noch gar nicht möglich. Nur durch die Unterstützung von T-Systems Media+Broadcast konnten wir das am Ende realisieren. Und auch beim technischen Setup im IBC mit dem Master-Controll-Room (MRC), dem Commentary-Production-Center und Media-Servern hatten wir allerbeste Voraussetzungen für unsere Hostbroadcasting-Aktivitäten.

Und wie weit sind die Vorbereitungen für die FIFA WM 2010 in Süd-Afrika gediehen?
Wir fangen eben erst an. Die Voraussetzungen dort sind sicherlich ganz anders als in Deutschland. Es gilt deshalb, sehr genau alle Notwendigkeiten für die TV-Produktion in Süd-Afrika zu prüfen. Damit haben wir durch Besichtigung der Produktionsorte und durch Gespräche mit potenziellen Partnern wie den Telekom-Unternehmen vor Ort begonnen. Auch der Auswahlprozess für das IBC ist im Gange. Wichtig ist für uns zunächst das Setup für das IBC und eine Netz-Infrastruktur, die die Sportstätten damit verbindet. Vieles, was wir an Technik in den Produktionsstätten brauchen, können wir einfliegen. In Doha war das nicht viel anders. Da mache ich mir keine Sorgen. Ein Problem in Süd-Afrika sind nur die enormen Entfernungen zwischen den Stadien, die es zu überbrücken gilt. Zwischen Cape Town und Johannesburg liegen rund 1.500 Kilometer. Man kann nicht einfach mal einen Ü-Wagen über Nacht von hier nach dort schaffen. Daraus ergibt sich eine ähnliche logistische Herausforderung wie bei der FIFA WM 2002 in Japan und Korea. Im Vergleich zur FIFA WM 2006 in Deutschland wird durch die großen Entfernungen jedenfalls einiges schwieriger. Hinsichtlich der Produktionseinrichtungen müssen wir für Südafrika deshalb ein anderes Konzept entwickeln.

Können Sie in Deutschland gemachte Erfahrungen in Süd-Afrika nutzen?
Das ist jetzt vielleicht noch zu früh zu sagen. Wir müssen erst einmal sondieren, was die Broadcaster 2010 von uns erwarten. Viele Entscheidungen müssen jedoch schon bis Ende 2007 fallen. Am 23. November 2007 werden in Durban die Vorrunden-Qualifikationsspiele zur WM ausgelost. Diese Gelegenheit will HBS nutzen, um gemeinsam mit der FIFA das erste Broadcast Information Meeting (BIM) abzuhalten und eine erste Ankündigung zu machen, welche Services wir als Hostbroadcaster der FIFA WM 2010 anbieten werden. Die Konzepte dazu werden im Vorfeld mit der FIFA besprochen und anschließend verfeinert. Auch die Diskussionen mit allen wichtigen Broadcastern weltweit laufen zurzeit. Unser Konzept wird dann Ende 2008 festgezurrt. Aber selbst dann sind natürlich noch Änderungen möglich. Der Confederations Cup ein Jahr vor der Weltmeisterschaft wird ja auch immer als Testlauf angesehen. Hieraus ergibt sich meist noch Änderungsbedarf. Wir testen hier sehr intensiv Arbeitsabläufe und Produktionspläne. Danach haben wir noch ein weiteres volles Jahr zur Feinjustierung.

Welche Projekte betreut HBS sonst noch in diesem Jahr?
Für uns ist 2007 im Vergleich zu 2006 ein eher ruhiges Jahr. Aber wir haben durchaus noch andere FIFA-Projekte in Arbeit. Das sind insbesondere drei Events: die Frauen FIFA-Weltmeisterschaft in China, die U17-FIFA-Weltmeisterschaft in Korea und die U-20-FIFA-Weltmeisterschaft in Kanada. Bei allen drei Events werden wir aber nicht als Hostbroadcaster auftreten, sondern als Dienstleister für Projektmanagement, Consulting, Buchungs-Services etc. Wir arbeiten dabei mit den jeweiligen nationalen Broadcastern zusammen, die dort als Hostbroadcaster auftreten. In Kanada ist das zum Beispiel CBC.
Eckhard Eckstein (MB 03/07)


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