Mebucom / News / Distribution / Positive Entwicklung

News: Distribution

Positive Entwicklung

In den letzten Jahren ist es recht still um das Thema Digital Radio geworden. Auf der IFA 2007 in Berlin stand es plötzlich wieder weit oben auf der Tagesordnung. Mit der neuen DAB-Variante DAB+ wollen verschiedene Marktpartner einen neuen Versuch starten, dem Digital Radio doch noch zum Durchbruch zu verhelfen. DAB-Netzbetreiber T-Systems Media&Broadcast hat ein Thesenpapier dazu veröffentlicht. MEDIEN BULLETIN sprach mit Helmut Egenbauer, Vorsitzender der Geschäftsführung, über die neuen Chancen für DAB.

Das Thema Digital Radio wird wieder diskutiert, wenn auch sehr kontrovers. Die einen meinen Digital Radio sei tot, die anderen sehen wieder neue Chancen für eine erfolgreiche Markteinführung. Welche Relevanz hat die neu erwachte Diskussion für Sie?
Dass das Thema wieder intensiv diskutiert wird, ist erfreulich. Es zeigt, dass nach wie vor Interesse am Digital Radio besteht und dass sich letztlich auch die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Markteinführung verbessert haben. So konnte zum Beispiel zeitnah nach der internationalen Wellenkonferenz (RRC`06) eine Übereinstimmung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der privaten Programmveranstalter hinsichtlich der nationalen Frequenzkoordinierung für DAB im Band III erreicht werden. Ebenso sehen zwischenzeitlich alle Beteiligten, Öffentlich-rechtliche, Private, VPRT, APR, Landesmedienanstalten etc., die Notwendigkeit einer eigenen digitalen Plattform im Hörfunkbereich. Dies war vor der Wellenkonferenz noch keineswegs der Fall, also eine positive Entwicklung, welche durchaus als Fortschritt gesehen werden kann.

Das nutzt aber nichts, wenn die Konsumenten nicht vom Digital Radio überzeugt werden können. Ständig neue Kürzel wie DAB, DMB und jetzt DAB+ sorgen für Verwirrung.
In der Tat stehen die Diskussionen um Standards beziehungsweise verbesserte Kodierverfahren innerhalb der Standards zu sehr im Mittelpunkt und sind vor allem für die Endkunden eher kontraproduktiv. Dies gilt besonders für die verbreitete Auffassung, dass hier unterschiedliche Standards gegeneinander ausgewechselt werden, obwohl es sich in Wirklichkeit nur um die Fortentwicklung von Codierverfahren innerhalb derselben DAB-Systemfamilie handelt. Dies ist jedoch meines Erachtens im digitalen Zeitalter kaum zu verhindern, da die Entwicklung innerhalb des Standards immer weiter fortschreitet, allein um den wachsenden Anforderungen von der Contentseite gerecht zu werden. Im Bereich der Computer nimmt daran niemand mehr Anstoß. Die Vorteile alternativer Möglichkeiten überwiegen jedoch, wenn Sie zum Beispiel an den Audio und Videoempfang auf dem Handy denken oder an die Möglichkeit, Bewegtbilder auf dem Digitalen Radio zu empfangen. Außerdem werden künftig Multinormempfänger solche Diskussionen relativieren. Seit der IFA sind die ersten Geräte auf dem Markt, die sowohl DAB (MPEG 1 Layer 2) als auch DAB+ beherrschen. Unter diesen Umständen ist es nur eine Frage der Verfügbarkeit von graphischen Displays am Gerät, um dem auch die DMB Decodierkomponente hinzuzufügen.

Und wie sieht es mit alternativen Plattformen für die künftige Hörfunkverbreitung aus?
Die Digitalisierung erhöht die Verbreitungsmöglichkeiten von Hörfunk und Fernsehen über verschiedene Plattformen und Endgeräte und das ist auch eine positive Entwicklung aus Endkundensicht. Dennoch wird der zukünftige Hauptverbreitungsweg für Radio unserer Meinung nach die DigitalRadio (DAB)-Plattform sein.

Warum?
Weil DAB die einzige verfügbare technische Plattform ist, die eine flächendeckende Versorgung im Band III unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sicherstellen kann. Hinzu kommt die aufgrund der Bandbreite gegebene Flexibilität in der regionalen Skalierbarkeit. Außerdem zeichnet sich DAB zwischenzeitlich als der europäische Standard für Digitales Radio ab. In Frankreich wurde beispielsweise die Technologiefrage durch ein ministerielles Dekret zugunsten von DAB/DMB und DRM festgelegt.

Trotzdem, im Handel finden sich kaum DAB-Empfangsgeräte – und was noch schwerer wiegt: Es fehlen weiterhin attraktive neue Programme und Services für das Digital Radio. Was muss hier geschehen?
Eine schnellere und erfolgreichere Entwicklung von Digital Radio ist nur im Rahmen eines klaren Bekenntnisses aller Beteiligten und entsprechendem Handeln möglich. Weitere wesentliche Voraussetzungen sind ein Gesamtkonzept, sowie eine klare Vorstellung zur Umsetzung eines solchen Konzeptes. Wichtig ist, dass sich ein solches Konzept nur auf der Grundlage wirtschaftlicher Erwägungen schreiben lässt und unter dem Strich ein Business-Case stehen muss, welcher zum Beispiel auch Planungen für Marketingausgaben und den Endgeräteabsatz beinhaltet. Nur dann werden sich auch diejenigen finden, die den Business Case umsetzen werden. Media&Broadcast hat dazu aus Anlass der IFA ein Thesenpapier vorgestellt, welches die wesentlichen Grundvoraussetzungen nennt und begründet. Dies mag zwar banal klingen, es setzt jedoch Einigkeit zwischen den verschiedenen Interessensgruppen voraus und den festen Willen über den eigenen Bereich hinaus im Gesamtinteresse zu denken und zu handeln. Es wäre dann auch wesentlich einfacher, die erforderliche politische Unterstützung zu erreichen.

Wenn man das Thesenpapier von Media&Broadcast liest, geht das weit über die Zuständigkeit und die vermutete Kompetenz eines Netzbetreibers hinaus. Was hat Sie dazu veranlasst mit diesem Papier in die Diskussion einzugreifen?
Das ist eine berechtigte Frage, da wir uns bisher eigentlich immer sehr neutral verhalten haben. Aber auch wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass die Digitalisierung die Welt sehr viel weitergehend verändert als nur den Austausch analoger Signale gegen terrestrische. Viel zu lange sind wir der Aufforderung unserer Kunden, Konzepte vorzulegen, nicht nachgekommen, weil wir Bedenken hatten, eine eingespielte Wertschöpfungskette durcheinander zu bringen. Tatsache ist aber, dass die Wertschöpfungskette sich allein aufgrund der Technologie schon verändert hat.

Einladung zum Gespräch
Wie waren bislang die Reaktionen auf das Thesenpapier?
Durchwegs positiv. Natürlich hören wir auch von einigen, dass unsere Vorschläge nicht unbedingt in deren politische Vorstellungswelt passen. Aber insgesamt ist man sich bewusst, dass wir nur gemeinsam etwas bewegen können. Und das Thesenpapier wird deshalb auch als eine Einladung zum Gespräch gesehen.

Sie schlagen insbesondere vor, einen Plattformbetreiber für einen bundesweiten Multiplex zu lizenzieren. Welche Rolle soll dieser bundesweite Plattformbetreiber spielen?
Neben der unverzichtbaren Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kommt dem bundesweiten Multiplexbetreiber eine ebenso wichtige Aufgabe als Marktöffner zu, da er im eigenen Interesse gezwungen ist, mit neuen Programmen, neuen Ideen etc. schnell eine enorme Reichweite beziehungsweise Endgerätepenetration sicherzustellen. Dies setzt professionelles Vorgehen, ein gezieltes Marketing und vor allem Integrationsfähigkeit voraus. Davon wird auch der öffentlich rechtliche Rundfunk profitieren.

Sieht sich die Media&Broadcast in dieser Rolle?
Nein. Media&Broadcast ist und bleibt in ihrer Hauptrolle Netzbetreiber. Natürlich haben wir auch im technischen Plattformbetrieb sowie bei freien Datendiensten Kompetenz, die wir gerne einbringen möchten. Aber mit Blick auf die audiozentrierten Inhalte werden wir unsere Rolle als neutraler und unabhängiger Dienstleister beibehalten.

Wer käme denn als Plattformbetreiber in Frage?
Das kann ein Zusammenschluss mehrerer Unternehmen sein, zum Beispiel von Programmanbietern und Finanzinvestoren. Sie müssen auf jeden Fall ein starkes Interesse am Plattform-Erfolg haben und sicherstellen können, dass rasch viele neue und interessante Inhalte dort verfügbar sind.

Würde T-Systems dabei gegebenenfalls als Partner zur Verfügung stehen?
Als Minderheitengesellschaften würden wir eventuell schon einsteigen. Die führenden Plattformbetreiber sollten aber eine möglichst hohe Kompetenz im Inhalte-Bereich mitbringen.

Welchen zeitlichen Rahmen verbinden Sie mit einem Relaunch des Digital Radios?
Zunächst einmal müssen die noch offenen Frequenzfragen geklärt und die gesetzlichen Grundlagen für den Plattformbetreiber geschaffen werden. Das kann bis Mitte 2008 geschehen. Der Roll-out von DAB+ kann dann Anfang 2009 beginnen.
Eckhard Eckstein (MB 10/07)



Zurück