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Public Viewing mit dem Second Screen

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Public Viewing mit dem Second Screen

Wenn das ZDF mit der Liveübertragung der Fußball-WM-Spiele dran war, vergaßen die Kommentatoren nicht, die Zuschauer aufzufordern über den Second Screen ins Internet einzusteigen, um unter „My View“ ihre favorisierte Kamera- perspektive zu finden. Mit einer gemeinsamen Strategie der Online- und Fernsehredakteure ist dem ZDF die bislang erfolgreichste Aktion gelungen, ihre Mediathek-App zu popularisieren. Das erklärt Dr. Eckart Gaddum, ZDF Online-Chef und Leiter der ZDF-Hauptredaktion Neue Medien, im MEDIEN BULLETIN-Interview. Gaddum bilanziert Kosten, Nutzen und Technik der Online-Aktivitäten und verrät, wie das ZDF in Zukunft neues „partizipatives Fernsehen“ schaffen will.

Herr Dr. Gaddum, während die ARD zur Fußball-WM extra eine neue „Sportschau WM App“ auf den Markt gebracht hat, haben Sie das spezielle WM-Online-Angebot in die schon bestehende ZDF-Mediathek-App eingebunden. Warum?

Unsere strategische Entscheidung, keine eigene Fußball-WM-App anzubieten, hatte zwei Gründe: Zum einen wollten wir die Fußball-WM auch dafür nutzen, unsere eingeführte Marke, die ZDF-Mediathek-App, noch stärker zu profilieren und mehr Nutzer für ihr breites Angebot zu gewinnen. Zum anderen schien es naheliegend, die 3,1 Millionen Nutzer, die die ZDF Mediathek schon vor der WM herunter geladen hatten, nicht in ein neues Angebot zu schicken, das mit dem Schlusspfiff des Endspiels quasi nutzlos werden würde.

Hat Ihnen Ihre Strategie Erfolg gebracht?

Ja, wir bewerten diese Aktion als eine der erfolgreichsten, die wir bislang im Online-Bereich durchgezogen haben. Über drei Wochen rangierten wir mit der ZDF-Mediathek-App auf den Top-Plätzen der App-Stores und konnten 1,5 Millionen Down-loads hinzu gewinnen. Wir wissen natürlich, dass nicht jeder WM-Fan hinterher zum Stammzuschauer der heute show wird, aber die Chance ist größer denn je. Der Welke ist der Gleiche! Hinzu kommt: Noch nie haben Online- und Fernsehredakteure für ein ZDF-Event so eng zusammen gearbeitet. Das war auch intern ein Qualitätssprung.

Von wem stammen die guten Bewertungen in den App-Stores?

Wir sind mit der ZDF-Mediathek längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das belegt allein die Nutzungs-intensivität. Sie lag bereits vor der WM bei monatlich 40 bis 50 Millionen Sichtungen und stieg anlässlich der WM im Juni auf über 80 Millionen.

Handelt es sich mehr um mobile oder stationäre Nutzung?

Statische Auswertungen zeigen eindeutig, dass die mobile Nutzung der klare Wachstumstreiber ist, der den Online-Markt bewegt und nach vorne bringt, während die stationäre Nutzung eher abnimmt. Was aber nicht heißt, dass die mobile Nutzung heute schon stärker ist. Wir wissen, dass etwa 40 bis 50 Prozent der Nutzung mobil erfolgt.Bei der WM haben wir interessanterweise entgegen diesem Trend wieder eine sehr starke Nutzung von Desktops beobachten können.

Was hat dem ZDF die Fußball-WM-Erweiterung der Mediathek-App gekostet?

Eine konkrete Zahl kann ich Ihnen nicht nennen. Über den Daumen so viel wie zwei Wochen Morgenmagazin. Das erweiterte WM-Angebot der Mediathek-App bestand neben Spielstatistiken, audiovisuellen Zusatzinformationen und Zusammenfassungen insbesondere aus dem Angebot, sich unter der Option „My View“ aus bis zu 20 verschiedenen Kamerablickwinkeln eine spezielle Perspektive auszuwählen.

Dennoch wurden online, wie auch einer ZDF-Pressemitteilung zu entnehmen ist, hauptsächlich die schon obligatorischen Livestreams des normalen TV-Programms genutzt?

Im Vergleich zur Fußball-EM und den Olympischen Spielen hat die Nutzung der Livestreams enorm zugenommen. Sie hat sich ungefähr verdreifacht. Bei den Video-on-Demands lagen die zusammenfassenden Kompakt-Berichte weit vorne. Außerdem wissen wir, dass einzelne Videos auch über Soziale Netzwerke millionenfach genutzt wurden. Erfreulich übrigens ist auch, dass es so gut wie keine größeren Beschwerden über ruckelhafte Streams gab.

Was wurde getan, um die Streams ruckelfrei hin zu kriegen?

Wir haben höhere Kapazität und – gemeinsam mit der ARD – Support bei Akamai eingekauft: ein Terabit pro Sekunde. Bei Spitzenspielen wie Brasilien:Deutschland lag die Auslastung bei bis zu 90 Prozent. Das heißt, wir haben nicht zu viel, sondern optimal eingekauft.

Die Lizenz für das Angebot bis zu 20 verschieden Kameraperspektiven haben Sie aus dem Multimediadienst-Paket der FIFA gekauft?

Wir haben von der FIFA das My-View-Feature mit Bildern aus rund 20 verschiedenen Kameraperspektiven gekauft. Mehr wollten wir nicht. Wir wollten von Anfang an unser eigenes Angebot in Form der Einbettung in die ZDF-Mediathek realisieren und unser Angebot redaktionell und technisch unter Einbeziehung unserer Agenturen selber gestalten.

Wer den ZDF-WM-Kommentatoren Glauben schenkte, musste annehmen, dem ZDF sei das Kunststück geglückt, via Second Screen – ob Smartphone und Tablet – parallel zur regiegeführten Liveübertragung auch noch die höchstpersönlich gewünschte Kameraperspektive unter „My View“ aus dem Internet serviert zu bekommen. Was aber technisch wegen der zeitlichen Asynchronität verschiedener Übertragungssysteme nicht funktioniert. Da hat wohl manch einer, beim Versuch es auszuprobieren, leider nur das Tor auf dem großen Schirm verpasst?

Den Effekt, dass in der Kneipe nebenan früher über ein Tor gejubelt wird, als in der eigenen, kennt ja jeder. Das hat aber nichts mit Second Screen zu tun. Hier ging es vor allem um „Public Viewing“ in einer Netz-Öffentlichkeit. Es geht darum, über eine Sendung zu diskutieren während sie läuft. Das ist das Charakteristikum für Second Screen und das war problemlos möglich. Das haben die Leute intensiv genutzt.

Dann hätten die ZDF-Kommentatoren doch gleich zum Diskutieren auffordern können! Und das Parallel-Angebot „My View“ hat ja so keinen Sinn gemacht?

Doch. Absolut. Die My-View-Funktion war nicht auf zeitgleiche Ausstrahlung angelegt. Sie kam in der Regel ein paar Minuten nach einer spannenden Spielszene ins Angebot.

Subjektiv beobachtet: Auch Jüngere tauschen sich weniger während eines Fußballkrimis via Facebook & Co. aus, sondern eher nur in der Halbzeitpause oder am Ende des Spiels …?

Die Einschätzung teile ich nicht. Wenn Sie die Kommunikationsströme während eines Fußballspiels beobachten, erleben Sie doch, dass es anders ist.

Vielleicht stammen die Kommunikationsströme von all denen, die alleine vor dem Fernseher sitzen?

Das glaube ich nicht. Ich würde Second Screen nicht als letzte Ausfahrt für die Alleingelassenen betrachten. Es ist einfach ein unterhaltsamer, oft amüsanter und auch stellenweisenachrichtlich interessanter Trend – ein modernes Spiel am Lagerfeuer des Fernsehens.

Second Screen war nicht nur ein zusätzliches Feature bei der Fußball-WM, sondern ist beim ZDF integraler Konzept-Baustein des Fernsehmachens geworden?

Der integrale Baustein heißt „Social Media“ – Second Screen ist ja nur eines der Vehikel, über den wir diesen Baustein setzen. Es ist doch uraltes Denken, zu sagen: Wir senden jetzt und setzen den Leuten einfach eine Ware vor, ohne dass sie mitreden können. Partizipatives Fernsehen gehört für mich zum Selbstverständnis eines modernen Senders. Deshalb ist es zum Beispiel ein wichtiges Zeichen, dass das ZDF in diesem Sommer die interaktive Sendung „log in“ auf dem Sendeplatz von Illner im Hauptprogramm anbietet. Darüber hinaus muss man auch realisieren, dass soziale Netzwerke für viele Leute längst mehr als ein Begleitmedium sind. Vielfach sind sie Primärquelle von Nachrichten und Informationen. So müssen wir sie wahrnehmen. So gehen wir mit ihnen um.

Dabei macht das öffentlich-rechtliche ZDF – wie auch alle anderen TV-Sender – tüchtig Werbung für Facebook und Co. ohne die bezahlt zu bekommen, und obwohl, wie auch gegenüber Google, viel berechtigte Kritik gegenüber den sogenannten „sozialen Diensten“ besteht?

Soziale Dienste sind heute ein Stück gesellschaftliche Realität. Beim ZDF hat jeder Zuschauer auch außerhalb der sozialen Netzwerke die Möglichkeit, sich diskutierend in ZDF-Foren einzubringen.

Was wird der nächste Knaller nach der Fußball WM sein, um die ZDF-Mediathek noch attraktiver zu machen und weiter zu verbreiten?

Es wird noch in diesem Jahr eine überarbeitete Version der Mediathek geben. Dabei wird es vor allem um Second Screen gehen, um die Einbindung von kommunikativen Funktionen wie den sozialen Diensten auf Knopfdruck.

Erika Butzek

©ZDF / Carmen Sauerbrei

MB 5/2014

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