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Set-top-Box in der Cloud

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Set-top-Box in der Cloud

Video-on-Demand (VoD) und OTT-TV (Over-the-Top-Television) gehören heute zu den wichtigsten Trends im Medienbusiness. Hier werden hohe Wachstumsraten erwartet – aber auch massive Veränderungen in den Marktstrukturen. Traditionelle Distributionsunternehmen wie Kabelnetzbetreiber und Telkos bekommen die Konkurrenz von OTT-Dienstleistern wie Netflix, Amazon oder Hulu als virtuelle MSOs (Multiple System Operator) verstärkt zu spüren.

„Alles virtuell: Führt OTT zu virtuellen MSOs und virtuellen Set-top-Boxen?“ lautete das Thema, mit der sich ein Panel auf den Medientagen München im vergangenen Oktober befasste. Unter OTT-TV (Over-the-Top-TV) versteht man die Online-Übermittlung von Video- und Audioinhalten (linear oder on Demand) auf Internet fähige Endgeräte wie SmartTVs oder PCs und Tablets. Dabei findet keine Kontrolle beziehungsweise Steuerung der OTT-Inhalte durch einen Internetservice-Provider wie bei IPTV statt. Eine Registrierung, um auf die Inhalte der jeweiligen Plattform zugreifen zu können, ist für den Benutzer meist auch nicht nötig. Da bei OTT die Übertragung unabhängig von der verfügbaren Bandbreite passiert gibt es dabei – im Gegensatz zu IPTV-Angeboten wie etwa „Entertain“ von der Deutschen Telekom – keine Qualitätsgarantie. OTT-TV will das TV- und Interneterlebnis auf einem Empfangsgerät integrieren. Dahinter steht meist ein rein softwarebasierter Ansatz. Um ihre Inhalte empfangbar zu machen, ist es für OTT-Anbieter deshalb bislang nötig, mit Geräteherstellern zu kooperieren, damit diese die dafür nötige Software in die verschiedenen Endgeräte wie Set-top-Boxen, Blu-ray-Player, Spielekonsolen, Smartphones, Tablets oder TV-Geräte implementieren. Mit der fortschreitenden Virtualisierung der OTT-Services soll sich das ändern.

In Deutschland sind auf Grund von urheber- und lizenzrechtlichen Regelungen OTT-Angebote noch nicht sehr verbreitet. Neben kostenlosen Services wie www.myvideo.tv und Pay-Services wie Maxdome sind hier vor allem die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender erfolgreich unterwegs aber auch Angebote wie Sky Go. Das 2012 in Europa gestartete Google TV konnte sich indes noch nicht durchsetzen. Dennoch wurde zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi erneut die große Attraktivität von OTT-Angeboten deutlich. Marktforschungsinstitute prognostizieren hohe Wachstumsraten bei OTT. Kein Wunder, dass auch immer mehr Technologie- und Lösungsanbieter das Thema für sich entdecken. So wollen beispielsweise Vizrt und Vimond Media Solutions bei der Entwicklung technischer Workflows zur Übertragung von OTT-Inhalten enger zusammen arbeiten. Und Harris Broadcast hat Imagine Communications, einen Dienstleister für die effiziente Übertragung von Videosignalen, übernommen, um seine Angebote für OTT- und Multiscreen-Services zu optimieren.

Als Anbieter von OTT-Technologie schon länger im Geschäft sind Unternehmen wie Siemens Convergence Creators (Siemens CVC), Viaccess-Orca, Ooyala, Visual Unity und viele mehr. Siemens CVC, mit Hauptsitz in Wien, war auch der Sponsor der eingangs angesprochenen Münchner Diskussionsrunde. Moderiert wurde sie von Prof. Dr. Klaus Goldhammer, Chef des auf Strategieberatung, im Bereich Film, TV, digitale Medien und Sport-Business spezialisierten Unternehmens Gold Media. Man diskutierte hier darüber, dass OTT die allgemeine Virtualisierung der Videodistribution in einer Cloud-basierten Umgebung vorantreibt, dass OTT-Player wie Netflix und Hulu die virtuellen Kabelnetzbetreiber der Zukunft sind und dass herkömmliche Set-top-Boxen von virtuellen abgelöst werden.

„Ich gehe davon aus, dass die User Experience durch die Virtualisierung deutlich besser sein wird. In Zukunft wird man bei OTT alle Information zur Navigation und Subscription auf seinen mobilen Geräten immer dabei haben“, erklärte Stefan Jenzowsky, Chef des Siemens CVC-Geschäftsbereichs Medien. Damit könne man dann überall und nicht nur zu Hause seine VoD- und OTT-Abos nutzen. „Man hat seine Filmbibliothek quasi immer dabei – auf seinem Smartphone oder Tablet. Und die Filme können jederzeit mit einem Internetanschluss aus der Cloud abgerufen werden. Zu Hause oder auch woanders kann man einfach den Raum wechseln und seinen Film auf einem anderen Fernseher weiter schauen. Man kann sich ganz einfach mit einem TV-Gerät verbinden und auch wieder trennen lassen“, meinte er. Siemens CVC hat im deutsprachigen Raum zwar noch nicht richtig Fuß fassen können, im Ausland gibt es aber einige OTT-Großkunden. Ein Renommierprojekt ist die 2011 geschlossene Kooperation mit dem indische Medienunternehmen Zee Entertainment. Zee TV, eines der führenden TV-Networks in Indien, nutzt seither die OTT-TV-Lösung von Siemens CVC. Unter der Marke „Ditto TV“ werden mehr als 100 Fernsehprogramme und tausende Stunden On-Demand-Videos in HD-Qualität zur Nutzung auf verschiedensten Endgeräten bereitgestellt – und das in allen Märkten, in denen Zee TV international agiert. Dazu gehören unter anderem Großbritannien, die USA und die Arabischen Emirate. Siemens unterstützt Zee Entertainment mit einer technologischen End-to-End-Lösung für die Aufbereitung, Verschlüsselung und Übertragung der Inhalte.  Zusätzliche Hardware entfällt dabei – die Funktion von Set-Top-Boxen übernehmen Browser und Apps. Diese Apps laufen sowohl auf mobilen Endgeräten (Smartphones und Tablets) als auch auf Connected TVs.

Über die innovative Siemens „Swipe“-Technologie (OTT SWIPE) kann der Nutzer das jeweils laufende Programm mit einem Fingerstreich auf ein anderes Endgerät verschieben und dort nahtlos weiter anschauen. Jenzowsky präsentierte dieses interessante Feature auf den Medientagen in München. „Die Benutzeroberfläche wird dabei automatisch dem jeweiligen Endgerät angepasst und ist stets einfach und intuitiv in der Handhabung. Das System unterstützt herstellerunabhängig alle Endgeräte von PCs über Tablets, Smartphones und Mobiltelefonen bis hin zu Connected TVs“, berichtete er. Das OTT TV-Lösungsangebot von Siemens ermöglicht die Übertragung von linearem Live-TV, Video on Demand und zeitversetztem Fernsehen (Timeshift). Zuschauer können Abonnements abschließen oder Inhalte wie Filme via Pay-per-View bestellen. Eine Empfehlungsmaschine stellt dem Nutzer auf Wunsch persönliche Programmvorschläge zusammen. „Wir haben aus Zee TV, einem der weltweit größten TV-Anbieter, einen virtuellen Kabel-Operator gemacht“, betonte Jenzowsky.

Seine OTT TV-Lösungen wird Siemens CVC vom 18. bis 20. März übrigens wieder auf der TV Connect 2014 in der großen Ausstellungshalle der Olympia-Messe in London (Stand: 179) vorstellen. Das Unternehmen will dort unter anderem auch auf die wichtigsten Trends aufmerksam machen, die die positive Entwicklung des OTT-TV- und Online-Video-Marktes beflügeln. Dabei handelt es sich laut Siemens CVC um Funktionen, die dem Nutzer beim schnellen Auffinden der gewünschten Inhalte behilflich sind (Content Discovery). Dazu zählen Empfehlungs- und Personalisierungsfeatures, zusätzliche Metadaten-Generierung für Präferenzen, die Integration von Sozialen Netzwerken und Social-TV-Tools, erweiterte Filter- und Suchfunktionen sowie die Einbindung der Nutzerbewertung. „Content Discovery ist ein Kickstarter für das OTT-Video-Geschäft und wird eines der wichtigsten Erfolgsfaktoren in der Industrie“, betonte Tanja Hüther, Leiterin Produktstrategie OTT bei Siemens CVC.

Und ein weiterer wichtiger Trend für Siemens CVC ist die Virtuelle Set-top-Box als App und als Ersatz für die Hardware basierte Set-top-Box, die heute in den meisten Haushalten zu finden ist. Darüber war man sich auch auf dem Münchner Panel einig: Die Virtuelle Set-top-Box wird kommen und OTT wird an Fahrt aufnehmen. Klar war dabei jedem, dass zuvor aber noch einige Hausaufgaben zu machen sind. So gilt es unter anderem, die Netzinfrastruktur weiter zu verbessern.

Peter Kerckhoff, Head of Content der Deutschen Telekom, erklärte: „Immer mehr Video wird über das Internet verbreitet. Die Deutsche Telekom will deshalb drei Milliarden Euro in den nächsten 18 Monaten und weitere vier Milliarden Euro danach in den Breitbandausbau investieren“. Insgesamt seien bis zu zwölf Milliarden Euro an Investitionen in die Breitbandinfrastruktur geplant. Scott Pranger, Vizepräsident RGB Networks, aus Atlanta, machte klar, dass der Wechsel in eine virtuelle Umgebung oder in eine Cloud basierte Infrastruktur die Verfügbarkeit neuer Umsatz generierender Services wie Ad Insertion für Multiscreen (AIM) und Netzwerk DVR (Digital Video Rekorder) befördere. „Es wird aber wohl noch eine Weile dauern, bis die Set-top-Box ganz in der Cloud verschwinden wird“, meinte er. Zuvor gelte es, die anhaltende Unsicherheit in Sachen Urheberrechtsschutz zu klären. Außerdem könne die Abhängigkeit von einer Cloud-fähigen IP-Netzwerk-Architektur unvorhersehbare Processing-Kosten und Latenzzeiten verursachen – je nach dem wie hoch der Content-Abruf nun sei. Gerade für kleinere Anbieter könne das OTT-Geschäft deshalb auch leicht sehr teuer werden.

Eckhard Eckstein

(MB 1/14)

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