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Transparenter und schneller

Weltweit erstmals installiert und in Betrieb genommen wurde das neue Tonmischpult mc2 90 von Lawo bei NOB (heute nobeo) in Hürth. Guido Amann, seit 1994 leitender Ton-Ingenieur des Unternehmens, zeichnete für Auswahl des neuen Pults und Neugestaltung der nobeo-Tonregie maßgeblich verantwortlich. MEDIEN BULLETIN sprach mit ihm über die Vorzüge der neuen Arbeitsumgebung.

Worin liegt der Unterschied in der Bedienung eines Lawo-Tonpults vom Typ mc2 66 und vom Typ mc2 90?
Der Unterschied ist vor allem in der Bedienfreundlichkeit zu sehen. Die Haptik ist besser. Man ist schneller da, wo man hin will. Das mc2 90 bietet einfach mehr Möglichkeiten, Vorhaben effizient zu realisieren. Ich habe nicht nur einen Kontrollbildschirm in der Mitte, sondern gleich zwei, auf denen ich mir alle wichtigen Informationen anzeigen lassen kann. Da habe ich dann mehr Rückmeldungen vom System und einen deutlich besseren Überblick. Die Funktionen, die sonst im tieferen Menü versteckt sind, werden jetzt eine Stufe nach oben geholt.

Setzt das mc2 90 bei den Bedienern spezielle Kenntnisse voraus? Wird durch die Vielfalt der Möglichkeiten die Bedienung nicht komplizierter?
Nein, ganz im Gegenteil. Das 90er ist eher einfacher, weil es mehr darstellen kann. Alles ist viel transparenter. Beim 66er muss man unter Umständen im Menü eine Weile suchen bis man den Punkt gefunden hat, wo man hin will.

Wie sind die Reaktionszeiten bei Fehlermeldung?
Ich kann beim 90er schneller den Fehler lokalisieren. Die Schritte dahin sind kürzer. Statt fünf muss ich vielleicht nur noch zwei Tasten drücken. Die Arbeit wird damit einfacher und schneller.

Das gilt auch für Produktionsvorbereitungen?
Auf jeden Fall. Vorteil dabei ist auch, dass man produktionsspezifische Konfigurationen per USB-Stick einfach einspielen kann. Dabei kann man auch Einstellungen vom 66er auf das 90er Pult übernehmen und umgekehrt. Die Bauweise der Systeme mit einem Core, der Kreuzschiene und den DSPs ist ähnlich. Der Unterschied liegt nur in der Größe der Pults, die ja lediglich eine Art Fernbedienung der Cores darstellen. Deshalb funktioniert auch der Datenaustausch zwischen den Pulten der mc2-Serie ganz problemlos.
Man kann also Produktionen auf anderen mc2-Pulten vorbereiten und die Daten dann einfach auf das mc2 90 übertragen. Das ist für die Toningenieure sehr hilfreich, zumal fast alle der 22 Ü-Wagen in der UBF Media Group, zu der ja auch nobeo gehört, das mc2 66 von Lawo installiert haben. Sie können auf allen Wagen, Vorbereitungen für andere Projekte treffen.


Das ist nicht ganz richtig. Ich habe mir die letzten zwei Jahre lang auch schon sehr genau andere Pulte angeschaut. Pulte in dieser Preisklasse liegen alle auf dem gleich hohen technischen Niveau, aber einige Sachen haben mich dann vom mc2 90 überzeugt. Einer der Knackpunkte war für mich die Umschaltung der DSP-Konfiguration im Livebetrieb. Das heißt, ich muss mit dem mc²90 nicht zwingend von vornherein mein set-up zusammenbasteln und planen. Wenn ich während der Produktion feststelle, ich brauche noch z. B. einen weiteren Aux-Weg, muss ich mir das komplette set-up nicht neu anlegen. Beim mc2 90 kann ich hingehen und einfach ausgedrückt noch ein paar Kanäle dazu laden. Und das Pult verteilt mir das, was ich an DSPs mehr brauche, sehr intelligent im System. Dadurch spare ich enorm viel Zeit.

Und wie sieht es in Sachen Redundanz aus?
Auch da hat mich das mc2 90 überzeugt. Alles ist hier doppelt ausgelegt, vom Steuerrechner über den HD-Core bis hin zu den Netzteilen. Die Verbindung zum HD-Core geht sowohl über zwei separate Madi-Karten, als auch über zwei separate Madi-Glasfaserleitungen. Da ist es egal, ob jetzt eine Leitung oder eine Karte ausfällt. Das bekomme ich dann direkt auf einem meiner beiden Steuermonitore angezeigt. Alle Dallis-Frames, also die Stage-Boxen, sind ebenfalls mit doppelter Madi-Eingangskarte angebunden. Der Mainframe ist auch redundant ausgelegt. Wenn eine Hauptrechnerkarte ausfällt, übernimmt die andere sofort.

Wie sieht dann das Havariekonzept bei Ihnen aus?
Als damals die digitalen Pulte im Broadcastbereich auf den Markt kamen, hätte ich da noch sofort mitgemacht und gesagt, ein Havariepult muss sein. Heute bin ich da anderer Ansicht. Bei einem Pult auf diesem hohen Niveau und mit einem so hochwertigen Redundanzkonzept verzichte ich gerne auf einen zusätzlichen Havarie-Mischer. Zugegeben: Ich bin auch noch nie in die Verlegenheit geraten, auf ein Havarie-Pult zurückgreifen zu müssen. Das ist vielleicht sehr gutgläubig, aber mit diesen neuen Pulten fühle ich mich absolut sicher.
Außerdem: Mittlerweile sind die Tonanforderungen inklusive Kommandotechnik immens. Wenn da bei einer großen Show das Mischpult „flöten“ geht, nutzt mir das Havariepult relativ wenig, wenn dessen Konfiguration nicht immer mitgepflegt wird.

Und was ist, wenn ein Kontroll-Monitor ausfällt?
Alle sog. Bays laufen über eigene Rechner. Im Prinzip haben wir hier in der Tonregie neun Rechner im Einsatz. Die sind alle miteinander vernetzt. Wenn einer ausfällt, übernimmt, einfach ausgedrückt, halt der nächste.
Und das ist beim HD-Core genauso. Da habe ich fünf DSP-Karten mit je 48 DSP-Kanälen, also 240 DSP-Kanäle. Das ist eine immens hohe Anzahl, die wir sicher bei den kommenden Produktionen nicht benötigen werden. Deshalb ist das System so konfiguriert, dass die fünfte Karte immer als Havarie mitläuft. Wenn eine Karte ausfällt, übernimmt die sofort. Das ist auch so ein Punkt, wo andere Pulte nicht mithalten können.

Sie haben vor zwei Jahren angefangen, über eine Neuanschaffung beim Ton-Pult nachzudenken. Warum?
Wir haben sehr viel Formel 1 als Sternpunkt für RTL gemacht und bei diesen Produktionen war unser altes Analogpult AMEK Recall immer voll belegt und damit sind wir dann auch an die Grenzen gestoßen. Das Pult hatte „nur“ 56 Kanäle, aber es hat immer einen hervorragenden Dienst geleistet und ist nie ausgestiegen. Zehn Jahre lang habe ich daran gearbeitet.
Bei der Formel 1 wurden immer hohe Ansprüche an die Kommunikation gestellt. Ich hatte hier bis zu 64 externe Kommandowege aufliegen. Produktionen in Deutschland sind regelrecht kommandoverseucht. Jeder muss immer mit jedem sprechen können.
Aber nicht nur beim Tonpult waren wir an unsere Grenzen gestoßen, sondern auch im Bereich der Bildregie.
Allerdings muss man sagen: Man kann auch mit einfacher Technik viel erreichen. Letztlich machen 80 Prozent einer Produktion die Menschen aus, die die Technik bedienen. Wir haben es jedenfalls immer geschafft, die Nutzung des verfügbaren Materials bis an die Grenzen auszureizen.
Ausschlaggebend für die Neugestaltung der Regie 6 war letztlich natürlich auch die HD- und Surround-Sound-Entwicklung auf dem Markt.
Im August 2006 haben wir uns dann erstmals mit Sono und Mirus zusammen gesetzt und geplant. Danach folgten die Finanzierungsgespräche mit der Geschäftsleitung.

Warum Sono und Mirus?
Wichtig für uns war eine Zusammenarbeit mit Partnern, die viel Erfahrung bei Konzeption und Bau komplexer digitaler Systeme und Lösungen haben. Weder im Bild- noch im Ton-Bereich ist so einfach, mal eben von einer analogen auf eine komplett digitale Infrastruktur umzusteigen. Da muss ich Partner haben, die mir konkrete Vorschläge machen können, wie spezifische Produktionen realisiert werden können. Sono lieferte sehr viel innovativen Input und eine ausgezeichnete Unterstützung bei der Grundkonfiguration. Die gute Qualität in der Beratung hat sich bezahlt gemacht.

Welche Punkte waren für nobeo wichtig? Was waren die zentralen Anforderungen?
Wir wollten eine höchstmögliche Redundanz in allen Systemen. Außerdem wollten wir mindestens mal 120 Kanäle haben. Standardmäßig brauchen wir natürlich nicht ein so großes Pult. Wenn aber mal im Studio 8 eine große Show läuft und dort eine Liveband spielt, dann kann ich das alles von der neuen Tonregie aus regeln. Am gleichen Pult hier kann ich die normale Sendung mischen und ein Kollege neben mir gleichzeitig die Band. Der kann hier komplett isoliert neben mir arbeiten und mir seine Musik dann übergeben. Früher musste ich immer noch eine zweite Ton-Regie dafür anbinden. Das bedeutete mehr Arbeit und Zeitaufwand. Von der neuen Tonregie aus können wir nun alles zentral machen – von der kleinen bis zur ganz großen Produktion.

Die Kapazitäten sind großzügig bemessen. Wie lange werden die reichen?
Mindestens die nächsten zehn Jahre.

Wie verfährt nobeo bei Software-Aktualisierung des Lawo-Tonpults?
Alles, was mit Software zu tun hat, kann bis zu einem gewissen Grad entweder von mir selbst geändert werden oder aber von Lawo. An der Software wird immer weiter entwickelt. Ich habe auch eine Remote-Verbindung zu Lawo. Die können sich also hier einwählen und Fehler, die ich mache, korrigieren oder meine Konfigurationswünsche direkt umsetzen.
Gut finde ich bei Lawo, dass man sogar das root-Password für den Steuerrechner bekommt. Das ist so etwas wie das Administratorenrecht. Wir bekommen damit einen sehr tiefen Einblick in die Software. Es existiert jedenfalls eine gesunde Vertrauensbasis zwischen Hersteller und Anwender. Beide Seiten profitieren von der engen Zusammenarbeit. Andere Hersteller lassen sich da nicht so tief in die Karten schauen.

Als Toningenieur braucht man heute also Programmier-Kenntnisse?
Mittlerweile ja. Man muss auch Netzwerke begreifen und damit umgehen können. Der Toningenieur-Job ist jedoch immer noch recht verkannt. Es wird nicht gesehen, dass die Anzahl der von uns zu verwaltenden Signale bei einer Produktion mindestens doppelt, meist aber vier bis fünfmal so hoch ist, wie bei den Bildkollegen. Proben gibt es nur im Bild- und Licht-Sektor. Beim Ton muss alles so funktionieren. Obwohl die Anforderungen an Tonleute heute sehr hoch sind, ist das Ansehen der Tonabteilung gering. Auf der Wertigkeitsliste von vielen Verantwortlichen steht bei einer Produktionen meist natürlich Bild, Licht und ganz am Schluss dann der Ton.

Macht die nobeo-Tonabteilung mit dem neuen Pult auf der Werteliste jetzt einen Sprung nach vorne?
Natürlich finden alle das neue Pult klasse. Aber ich glaube nicht, dass der Respekt gegenüber den Tonleuten deshalb wächst. Der Ton muss eben einfach immer nur funktionieren.

Eckhard Eckstein (MB 05/07)


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