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Weniger weißen Flecken auf der HDTV-Landkarte

Alle 31 UEFA Euro2008-Spiele wurden weltweit „live“ in High-Definition übertragen. Die dazu von der UEFA gegründete Host Broadcast Operation UMET (UEFA Media Technologies) produzierte dazu in allen acht Stadien in Österreich und der Schweiz ein 1080i/50 Signal mit 5.1 Dolby Surround-Sound, das im Internationalen Broadcast Center (IBC) im Wiener Messegelände auch in 16:9 / 4:3 SD mit Stereoton zur Verfügung gestellt wurde.

Die UEFA Broadcast Partner (UBP) übertrugen die Spiele in 180 Länder. Allein in Europa lieferten 21 Sender die Spiele in High-Definition an ihr Publikum.
Fünf international erfahrene TV Match-Direktoren (Francois-Charles Bideaux, Knut Fleischmann, Francois Lanaud, Jamie Oakford und John Watts) waren mit ihren Teams auf vier HD-Ü-Wagen von VCF (Basel / Genf), Telegenic (Bern / Zürich), O21 Television (Innsbruck / Klagenfurt) und Studio Berlin Adlershof (Salzburg / Wien) für die Herstellung des Weltbildes verantwortlich. Alle acht Stadien waren vorverkabelt, und alle Spiele wurden mit 30 Kameras aufgenommen – unter anderem war über jedem Spielfeld eine „fliegende“ Kamera unterwegs, in den Toren waren Netzkameras installiert und über den Stadien flog eine Kamera im Hubschrauber und lieferte die jeweiligen „Beauty Shots“.

Zusätzlich zu sieben Super-Zeitlupen-Signalen (neben den HDC-3300 von Sony waren zum ersten Mal LDK-8300 von Thomson in Salzburg und Wien im Einsatz), wurde auch von jedem Spiel ein Signal von einer High-Speed-HD-Kamera (die Antelope der Firma LMC) mit bis zu 500 Bildern pro Sekunde angeboten. Ebenfalls Premiere feierte ein aus 16 Stereo-Kameras bestehendes Tracking-System, das statistische Daten lieferte wie zum Beispiel die Geschwindigkeit des Balls beim Freistoß oder die Laufleistung jedes Spielers. Für die Abmischung des 5.1 Surround-Sounds lieferten 30 Mikrofone (unter anderem zwölf am Spielfeldrand, um die Ballgeräusche aufzunehmen) ihre Signale in das IBC in Wien, wo auf zwei Lawo mc² 66-Pulten das Sendesignal erstellt wurde.

Aus all diesen Bildern, Tönen und Informationen erstellte UMET sechs Feeds: Erstens den Basic Match Feed (BMF), zweitens den Live Stadium Feed (LSF), der zusätzlich zum BMF die Ankunft der Teams im Stadion, das Aufwärmen der Spieler im Stadion und Interviews nach dem Spiel zeigte, drittens einen Clips-Channel, der die Bilder der Super-Motion-Kameras anbot, viertens einen Tactical-Feed mit Bildern vom gesamten Spielfeld, um den Spielfluss zu dokumentieren, fünftens einen Team A- und einen Team B-Feed, der die Aktionen der jeweiligen Trainer zeigte, und sechstens verschiedene Beauty-Shots. Alle diese Signale wurden den UBPs über den Master Control Room im IBC in Wien zur Verfügung gestellt. Daraus und aus von den UBPs selbst erstellten Klammerbeiträgen und Live-Signalen aus ihren Euro2008 Sonderstudios, erstellten die Rechteinhaber dann ihr nationales Sendesignal.

Damit diese Sendesignale auch bei einem eventuellen Stromausfall an den Spielorten nicht zusammenbrechen konnten, wurde der Strom für die Stadien und Ü-Wagen unabhängig von den örtlichen Stromversorgern durch Aggreko Diesel-Power Aggregate sichergestellt. Nur in Wien im IBC hatte man sich auf den örtlichen Stromversorger verlassen und dann auch während des Gewitters beim ersten Halbfinal-Spiel den Zusammenbruch der Stromversorgung und damit den Verlust des internationalen Sendesignals nicht verhindern können. Es war zwar auch im IBC ein Notstromaggregat installiert – das lief aber nicht im Parallelbetrieb zur örtlichen Stromversorgung, sondern wurde erst nach der dritten Stromunterbrechung hochgefahren und konnte deshalb die Stromversorgung des Master-Control-Rooms nicht sicherstellen.

Das LIVEX-Projekt
Um den UBPs die individuelle Zusammenstellung ihrer Programme zu ermöglichen, wurden alle sechs Feeds pro Spiel und bis zu sechs weitere ISO-Kameras (einschließlich der HD-HighSpeed-Kamera) auf dem EVS LIVEX-Server aufgezeichnet. Die 12x XT[2] mit einer Speicherkapazität von 54 TB boten Platz für fast 2.000 Stunden HiRes- und LoRes-Material. Das Material auf dem Server wurde vom Euro-Exchange-Manager und seinem Team „gelogged“ und „verschlagwortet“ – dadurch hatten die 34 UBPs im IBC nicht nur während der Spiele einen schnellen Zugriff auf andere Kameraperspektiven, sondern auch nach den Spielen stand der gesamte Inhalt und weitere umfangreiche grafische Auswertungen der statistischen Daten für die Nachbearbeitung der Spiele zur Verfügung – in HD und in SD.

Zum ersten Mal machte die UEFA die auf dem Server gespeicherten Inhalte auch den UBPs zugänglich, die nicht im IBC mit eigenen Installationen vertreten waren. Die UBPs konnten über das Internet den Inhalt des LIVEX in LoRes sichten. Die ausgewählten Sequenzen wurden dann in HiRes mit der Smartjog-Software über das Internet jedem UBP zugespielt. Dieser LIVEX Off-Site-Service erhöhte den Wert der Übertragungsrechte, da alle Rechteinhaber auf zusätzlich zum Live-Signal angebotenes Material zugreifen konnten. Dieses zusätzliche Material wurde von 16 UMET-Produktionsteams von den acht Austragungsorten geliefert und betraf neben den verschiedenen Pressekonferenzen der Teams auch Berichte über kulturelle Highlights rund um die Euro2008. Die 34 im IBC vertretenen UBPs wiederum hatten die Möglichkeit, auch das unilateral generierte Material untereinander über den Euro Exchange Server auszutauschen.
Aufgrund der LIVEX-Installation waren im IBC bei UMET und den UBPs fast keine VTRs/MAZen mehr zu finden. Das von den UBPs auf dem LIVEX ausgewählte Material wurde „bandlos“ und in „Real Time“ auf die EVS-Server der UBPs überspielt. Diese Server waren mit Avid-Schnittsystemen verkoppelt, auf denen dann der non-lineare Schnitt der Videosequenzen erfolgte. Insgesamt hatte EVS im IBC und bei den UBPs 80x XT[2] Server, 55x IP Director und 20x XFile[2] Manger im Einsatz.

Bandlose Produktion in High-Definition
Auch in jedem der 4 HD Ü-Wagen waren je 11x XT[2] 6ch Server mit zweimal IP-Director und zweimal XFile[2]-Manger für die Aufzeichnung der Kamerasignale zuständig. Damit hat sich die bandlose Aufzeichnung in High-Definition bei großen internationalen Live Events etabliert, denn auch bei den Olympischen Spielen in Peking wird von EVS eine ähnliche, allerdings wesentlich größere Installation in 1080i/50 realisiert (ein ausführlicher Bericht dazu erscheint in der September Ausgabe von MEDIEN BULLETIN). Nach dem Ende der UEFA Euro2008 wurde der gesamte Inhalt des LIVEX auf 500GB Harddisks gesichert und der UEFA zur Archivierung übergeben.

ORF rechtzeitig HD auf Sendung
21 europäische Sender übernahmen im IBC das von UMET produzierte 1080i/50 High-Definition-Signal und lieferten ihren Zuschauern die Spiele hoch aufgelöst und mit 5.1 Dolby Surround-Sound auf die exponentiell wachsende Anzahl von High-Definition-Flachbildschirmen in den europäischen Wohnzimmern. Auch beim ORF erfolgte mit der Übertragung der UEFA Euro2008 der Startschuss für die HDTV-Ausstrahlung über einen eigenen Satellitentransponder auf Astra. Erst im September 2007 wurde beim ORF die Entscheidung für den Aufbau einer High-Definition-Infrastuktur getroffen.

Im Oktober 2007 erteilte der ORF einen Planungsauftrag zur Erstellung einer HD-Sendeabwicklung für das „Studio für Sportabwicklung“ und für ein HD-Playout. Nach Ausschreibung und Auftragserteilung erfolgte im Januar der Einbau der Geräte (Sony MVS-8000 Video Mischer, Lawo mc² 90 Audio-Konsole, Evertz EQX-Kreuzschiene, BFE KSC-Commander, Ikegami-Monitore mit Zandar-Splitter, Thomson K2 Playout-Server) durch das Systemhaus BFE. Mitte April war die Installation abgeschlossen, und ein sechswöchiger Testbetrieb begann. Pünktlich vor der Euro2008 am 1. Juni ging der ORF mit der Übertragung des Internationalen Mehrkampfmeetings aus Götzis auf Sendung. Vorausschauend hatte der ORF bereits vor zwei Jahren ebenfalls mit der BFE zwei SD Ü-Wagen „HD ready“ gebaut (FÜ30 & FÜ31). Diese zwei Ü-Wagen wurden im März und April auf 1080i HD hochgerüstet – teilweise durch den einfachen Austausch von Softwarekeys an den Produktionsgeräten oder den Austausch der Ikegami-Kameraköpfe. Und so konnte der ORF mit seinen eigenen HD-Ü-Wagen die Übertragungen aus seinem Euro2008 HD-Studio am Rathausplatz in Wien abwickeln und das nationale Signal zu den Spielen aus Salzburg und Wien in High-Definition erstellen.

International in 1080i/50 produziert
Seit nunmehr acht Jahren werden immer mehr der großen internationalen Sport-, Kultur- und Show-Events in 1080i produziert und von amerikanischen, japanischen und europäischen Sendern in 1080i über Satellit oder Kabel verbreitet. Die Fußball-WM06 in Deutschland wurde von HBS (Host-Broadcast-Services der FIFA) komplett in 1080i produziert wie auch jetzt die UEFA Euro2008 durch die UMET oder die Olympischen Sommerspiele im August in Peking durch die BOB (Broadcast Operations Beijing) ebenso wie die Olympischen Winterspiele im Februar 2010 in Vancouver. Aber auch Wimbledon, Roland Garros, die Tour de France oder die Rugby WM und Cricket WM, die Bundesliga und die englische, italienische oder französische Premier League werden für die Zuschauer in 1080i produziert, damit sie weltweit verkauft werden können. Dazu haben allein in Europa 93 Ü-Wagen Firmen 182 HD Ü-Wagen gebaut, um die ständig wachsende Nachfrage nach 1080i HD-Produktionen bedienen zu können – und auch die 2009 in Berlin stattfindende Leichtathletik WM wird von den Host Broadcastern ARD & ZDF in 1080i produziert.

Nichtsdestotrotz empfiehlt die EBU die Ausstrahlung für das detailreich produzierte 1080i-Signal in 720p – das dann auf den mehr und mehr in den Wohnzimmern stehenden 1080p Flachdisplays wieder hochgerechnet werden muss. Das IRT hat dazu im Juni ein Positionspapier veröffentlicht (siehe www.mbdaily.de), indem die Entscheidung von ARD, Arte, ORF, SRG und ZDF (und im weiteren Europa von DR, NRK, SVT und VRT) für eine Ausstrahlung in 720p mit dem Argument der besseren Bewegungsauflösung bei der Produktion gerechtfertigt wird. Dieser objektive Vorteil bei einer Aufnahme im 720p-Format ist jedoch rein theoretisch, da – siehe oben – alle großen internationalen Sport-, Kultur- und Show-Events in 1080i produziert werden. Diese in 1080i produzierten High-Definition-Signale mit einer hohen Detailauflösung und einer minimal schlechteren Bewegungsauflösung, werden deshalb bei ARD & ZDF spätestens, bevor sie auf den Satellit gehen oder in das Kabelnetz eingespeist werden, wieder auf 720p gewandelt. Dabei geht die hohe Detailauflösung des 1080i-Signals verloren, ohne dass dabei die bessere Bewegungsauflösung zurückgewonnen wird (denn das was bei der Aufnahme nicht vorhanden ist, kann auch durch eine elektronische Wandlung nicht wiedergewonnen werden).

Aber auch im täglichen Produktionsbetrieb, abseits der großen internationalen Produktionen ist die Produktion im 720p Standard problematisch. Der NDR hat dazu die Auflösungseigenschaften von Multinorm-CamCordern untersucht und die Ergebnisse auf der FKTG Jahrestagung im Mai in München vorgestellt. Lediglich der AJ-HPX2100 von Panasonic unterstützt bei der Aufnahme 50x 720 Zeilen. Wer sich das Material auf einem 1080p Display anschaut, genießt das bessere Bewegungsverhalten in schnellen Bewegungen, sieht aber auch das Pixel-Defizit im Vergleich zu den 1080i Aufnahmen der CamCorder von Sony (PDW-700) und Thomson (DMC-1000).
Aber zurück zu den internationalen Events – hier sind High-Definition-Studio-Kameras von Hitachi, Ikegami, Sony und Thomson im Einsatz, die an erster Stelle eine Auflösung von 1080 × 1920 beherrschen und auch so in mehr als 90 Prozent der Produktionen zum Einsatz kommen. 19 europäische Länder haben das 1080i-Signal von der UEFA Euro2008 live übertragen, der ORF und die SRG haben das Signal gewandelt und in 720p ausgestrahlt. Und bei ARD & ZDF waren die Spiele und der Sieg von Spanien nur in Standard-Definition zu empfangen – und das wird auch leider bei der Übertragung der Olympischen Spiele aus Peking in Deutschland so sein, dafür ist aber die Versorgung der deutschen Urlauber mit High-Definition Signalen in fast allen europäischen Urlaubszielen gewährleistet.
Reinhard Penzel (MB 07/08)



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