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Win-Win-Situation für alle

Am 30. April 2012 wird in Deutschland die analoge TV-Übertragung via Satellit abgeschaltet. Der Switch Off wird das digital Geschäft mit HDTV, 3D- und Hybrid-TV beleben. Das machten die Gemeinschaftsveranstaltung „Deutschland wird digital – Sind wir (um)gerüstet?“ der Deutschen TV-Plattform, der gfu und des hightech presseclubs in Berlin sowie ein MEDIEN BULLETIN-Interview mit Astra Deutschland-Chef Wolfgang Elsäßer klar.

Ausgangslage: Bis zum Sommer letzten Jahres haben immer noch „etwa 2,5 Millionen Haushalte ihre TV-Satellitenprogramme analog empfangen, also etwa 5 bis 6 Prozent“ aller deutschen TV-Satelliten-Haushalte. Das war, wie Dr. Rainer Hecker, gfu-Aufsichtsratsvorsitzender und Aufsichtsratsvorsitzender der Loewe AG, in seiner Keynote referierte, der bislang letzte Zeitpunkt einer präzisen statistischen Erhebung. Mit dieser Masse an zu berücksichtigenden Haushalten stellt sich laut Hecker der analoge Switch Off beim Satellitenfernsehen als eine weit größere Herausforderung dar als der damalige Switch Off des analogen Antennenfernsehens hin zu DVB-T, „der sich in überschaubaren regionalen Inseln vollzog“.

Trotz der bereits gelaufenen Aufklärungskampagnen zur Abschaltung des analogen Signals gebe es im November immer noch schätzungsweise ein bis zwei Millionen Haushalte, die sich nicht darüber bewusst seien, dass sie von der Abschaltung betroffen sind, analysierte Brigitte Busch, Leiterin Kommunikation und Marketing bei ARD Digital, die aktuelle Situation. Der Grund: Es handele sich um eine Zielgruppe, die „nicht technisch-affin“ sei und deshalb schwer zu motivieren, sich um die Technik des TV-Anschlusses zu kümmern, etwa durch Anschaffung eines neuen digitalen Receivers. Der übrigens schon ab 40 Euro zu haben ist.

Man werde seitens der Sender die Aufklärungskampagnen 100 Tage vor der Abschaltung noch intensivieren, teilte Busch mit. Dennoch rechne sie damit, dass bis zu 840.000 Haushalte von der Abschaltung überrascht werden können, sprich: plötzlich kein Fernsehen mehr haben. Eine aktuelle Studie, die von der Deutschen TV-Plattform in Auftrag gegeben worden war, hat dabei noch ein besonders gravierendes Problem für den Switch Off ans Licht gebracht. So laufen etwa ein Drittel der inhabergeführten Hotels in Deutschland Gefahr, ab dem 1. Mai ihren Gästen vorerst kein Fernsehen mehr anbieten zu können. Ebenso betroffen sind Betreiber von Wohnanlagen, die über Gemeinschaftsanlagen Satellitenprogramme empfangen, und auch die Krankenhäuser.
Zwar werde es „schwarze Bildschirme geben, aber dann wollen die Menschen weiter TV gucken“, stellte Wolfgang Elsäßer am Schluss der Veranstaltung fest. Zuvor hatten sich die anwesenden Experten zuversichtlich gezeigt, die anstehenden Probleme zumindest Schritt für Schritt in den Griff zu bekommen. Vertreter der Geräteindustrie und der mit ihnen verbundene Fachhandel sind nach eigenem Bekunden auf anstehende Probleme vorbereitet und freuen sich auf einen Verkaufsschub wie auf eine starke Nachfrage nach Rat und Dienstleistungen zur Umrüstung. Allerdings werde man bei der Befriedigung der Kundenwünsche mit einem Stau rechnen müssen, zumal eben viele Kunden speziell dann zu erwarten sind, wenn der Bildschirm schon schwarz geworden ist.

Ende der teueren Simultanübertragung

Mit Blick auf die Zukunft nach dem Switch Off hatte insbesondere Hecker sich gefreut, dass endlich „die kostspielige Simultanübertragung von analogen und digitalen Programmen für die Sender“ entfalle. Diese Kostenersparnis, so ist er überzeugt, werden die Sender dann in HDTV investieren. Allein ARD/ZDF stellen in Folge des Switch Off zehn weitere Kanäle auf HDTV um. Das sind die dritten Programme BR, NDR, SWR, WDR sowie Phönix, 3sat, KI.KA, ZDFneo, ZDFkultur und ZDFinfo.

Elsäßer nannte konkrete Daten dafür, dass generell immer mehr Sender in der kurzen Zeit von drei Jahren in Deutschland auf HDTV setzen: Gab es 2009 in Deutschland nur vier HDTV-Kanäle, waren es Ende 2011 schon 36 Kanäle und Ende 2012 werde es mindestens 50 HDTV-Kanäle via Satellit geben. Das große HDTV-Angebot wiederum weckt in immer größer werdenden Konsumentenkreisen den Wunsch, auch über entsprechend leistungsfähige Empfangsgeräte für schöne, scharfe Bilder zu verfügen, wovon ganz klar die Unterhaltungselektronik-Hersteller profitieren, die Hecker repräsentiert.

Allein als „Berufsoptimist“, wie sich Elsäßer scherzend im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN nennt, gehe er davon aus, dass der Switch Off relativ reibungslos über die Bühne geht. Er prognostiziert „eine Win-Win-Situation für alle: für Hersteller, Händler, für Sender und dann auch für die Zuschauer, die mehr Vielfalt im Fernsehen und eine bessere Qualität erhalten“. Klar gehört auch Astra zu den Gewinnern, auch wenn Elsäßer das nicht explizit erwähnt.
Der technische Aufwand, der für Astra beim Switch off entsteht, ist gering und wird gerade einmal zwei Stunden dauern. „Das Schöne ist, dass ein Transponder vielseitig nutzbar ist“, sagt Elsäßer und erinnert an die Kostenvorteile für die Sender: Während für die Ausstrahlung eines einzigen analogen TV-Programms die Kapazität eines ganzen Transponders notwendig war, kann man darauf digital zehn Programme in SD-Qualität oder vier HDTV-Programme packen.
Die Kostenreduktion für die Sender im Vergleich zur anlogen Situation betrage entsprechend 90 Prozent für ein digitales SD- und 75 Prozent für ein HDTV-Programm. Auch wenn Astra bislang ein besonders lukratives Geschäft mit den analog genutzten Transpondern gemacht hat, läuft das digitale Geschäft für Astra noch besser, weil die Kostenreduktion zu einer viel größeren Nachfrage geführt hat. So freut sich Elsäßer auch über die durch den Switch off frei werdende Transponderkapazität, die Astra in die Lage versetze, „die erforderliche Bandbreite für HDTV- und neue 3D-Geschäftsmodelle bedienen zu können“.

Wettbewerb mit Kabelnetzbetreibern

Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit floriert das Astra-Satelliten-Geschäft prima. Weshalb SES Astra plant, bis 2014 acht neue Satelliten in den Orbit hoch zu schießen. Aber „das Ziel im deutschen Markt bleibt die Reichweite zu steigern“, betont Elsäßer – und nimmt damit vor allem den Wettbewerb mit den großen Kabelnetzbetreibern ins Visier, die den Switch off als „Zwangsdigitalisierung“ bezeichnen. Deshalb haben sie angekündigt, die digitalen Satellitensignale zu re-analogisieren, um den analogen TV-Empfang in den Kabelhaushalten weiter möglich zu machen. Gleichzeitig streben aber auch sie neue, noch lukrativere Geschäfte mit Triple-Play und digitalen Programmpaketen im Wettbewerb mit Astra und den Telekommunikationsanbietern an.

Aufholpotential in Sachen Digitalfernsehen via Kabelnetz gibt es immer noch genug, da laut aktuellem Digitalisierungsbericht der Medienanstalten Mitte 2011 erst 42,5 Prozent der Kabelhaushalte einen digitalen Anschluss nutzten. Allerdings haben sich in den vergangenen Monaten offensichtlich auch etliche Kabelhaushalte von den Aufklärungskampagnen zur Abschaltung des analogen Satellitensignals ansprechen lassen und sich dann entschlossen, mit einem anderen TV-Anschluss an der schönen neuen digitalen Welt partizipieren zu wollen. Zur Freude von Elsäßer, der Zahlen dazu nennt: „Im ersten Halbjahr 2011 haben sich über 400.000 Fernsehhaushalte für den Satelliten und gegen andere Infrastrukturen entschieden“, vor allem gegen das Kabel.
Ohnehin strebt Astra bekanntlich an, die bisherige Vorherrschaft des Fernsehempfangs über Kabel 2012 endgültig zu brechen und ist dem Ziel schon im vergangenen Jahr sehr nahe gerückt. Laut Satelliten Monitor von SES Astra sind die Kabelhaushalte 2011 in Deutschland um 300.000 auf 17,9 Millionen zurückgegangen, wohingegen die Satellitenverbreitung um 500.000 auf 17,1 Millionen Haushalte angestiegen ist.

HDTV, 3D und Smart-TV

Die hundertprozentige Digitalisierung des Satelliten, so Elsäßer, sei für die Sender von Vorteil, weil sie „für ihre digitalen Geschäfte keine Reichweitenverluste mehr haben“. Der komplett digitale Satellitenempfang garantiere, dass „digitale Geschäftsmodelle jeden Satellitenhaushalt erreichen“. Auf Seiten der Konsumenten sei schon jetzt zu beobachten, dass sie sich, – motiviert durch den Switch off, – nicht nur für einen digitalen Receiver entscheiden, sondern gleich für einen HDTV-fähigen: „Fast 70 Prozent aller Endgeräte, die gekauft werden, sind mittlerweile HDTV-Receiver“, weiß Elsäßer: „Deshalb wachsen die Möglichkeiten für alle digitalen Geschäftsmodelle“.
So erwartet Elsäßer auch „positive Effekte“ der analogen Abschaltung für das von Astra initiierte Geschäftmodell HD+, bei dem die HDTV-Programme der privaten Sender auf einer Satellitenplattform zusammengefasst sind, die auch über Sky und EntertainSat (Deutsche Telekom) vertrieben wird. Für dieses Angebot sollen Konsumenten jährlich 50 Euro zahlen. Zudem hat Astra im November letzten Jahres das neue Internetportal „HD+Smart-TV“ in München gestartet, das eine Erweiterung von HD+ in Richtung hybrides Fernsehen in HbbTV-Norm ist. Die dafür nötigen neuen Receiver, mit denen die HbbTV-Apps empfangen werden können, wurden bereits von Kathrein, Humax, Comag, Inverto, Vantage, Kaon etc. entwickelt. Mit diesem „hybriden Portal“, so Elsäßer, „werden wir die Sender in den Mittelpunkt der hybriden Welt rücken, sie sind unsere wichtigsten Partner“. Das ist ein Gegenentwurf zu dem bisherigen Geschäftsmodell der TV-Gerätehersteller, die auf ihren Bildschirmen zunächst weniger die Apps der Sender, sondern mehr die Apps von verschiedenen Anbietern wie zum Beispiel Google’s YouTube aus der Internet-Welt Platz nehmen ließen. „Prinzipiell gibt es zwei Megatrends auf dem Satelliten. Der eine ist HDTV samt 3D. Der andere ist hybrides Fernsehen, – wir nennen es Smart-TV“, fasst Elsäßer zusammen: „Der Satellit ist für Sender attraktiv, weil er lineares und nicht-lineares Fernsehen zusammenbringt“. Und „der Zuschauer bekommt viele Programme in hoher Qualität ohne monatliche Kosten“, fügt Elsäßer wohl mit Blick auf die digitalen Geschäftmodelle der Kabelnetzbetreiber hinzu.
Erika Butzek
(MB 02/12)

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