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Alles sortiert sich neu

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Alles sortiert sich neu

International brummt der Markt mit audiovisuellen Inhalten. Doch an Deutschland geht der Boom (weitgehend) vorbei. Diesen Eindruck konnte man leicht auf der diesjährigen TV-Programmfachmesse MIPCOM in Cannes gewinnen.

Jetzt, da der Europäische Rettungsschirm fest institutionalisiert sei, könnten die südeuropäischen Kunden von BetaFilm ganz beruhigt sein: „Jeden Euro, den Sie an uns zahlen, kommt schon bald in Ihre Länder zurück“, sagte Beta-Ikone Jan Mojto in seiner traditionell launigen Ansprache zu Beginn des traditionellen BetaBrunch am Rande der internationalen TV-Programmfachmesse MIPCOM in Cannes. Das kann allerdings nicht wirklich der Grund sein, dass der Markt in diesem Jahr so positiv gestimmt war wie lange nicht mehr. „Es ist unglaublich! Das wird die beste MIPCOM, die wir jemals hatten“, war das informelle Statement von Mike Williams, dem Kommunikationschef des Messeveranstalters Reed Midem schon am Vortag des Eröffnung.
Freilich die auf Kinder spezialisierte Vormesse, MIPCOM Junior, lief schon auf vollen Touren und hier zeigte sich schon das was die große Messe in den folgenden Tagen weiter bestätigen würde: Sie war rappelvoll und sehr lebhaft, ganz anders als in den letzten Jahren, wo die subjektive Wahrnehmung immer wieder Anlass gab, die offiziellen Zahlen des Veranstalters anzuzweifeln. Ganz anders dieses Mal, wo man den Eindruck bekam, dass jeder zufrieden war. Dabei zeichneten sich schnell ganz klare Trends ab. War auf der MIPCOM Junior noch vor wenigen Jahren das Thema Animation der ganz entschiedene Fokus, so wurde der jetzt komplett abgelöst. „Apps“ ist das neue Zauberwort! Jeder hat sie im Angebot und jeder versucht, damit seinen Content entschieden besser zu positionieren.

Das andere was auffällt: Auch der US Markt öffnet sich zu nehmend für ausländisches Programm, etwas, was noch vor ganz wenigen Jahren, völlig ausgeschlossen schien. Disney etwa bringt Formate aus dem Ausland und adaptiert sie für den heimischen Markt. „Das wird für uns immer wichtiger“, sagt Ben Pyne, President Disney Worldwide Television Distribution. Bislang kannte die Disney Strategie eigentlich nur eine Richtung. Erfolgreiche US Produktionen wurden – und werden – für andere Märkte lokalisiert, also mit heimischen Schauspielern und an lokale Begebenheiten angepasst, produziert. Durch die Cable Networks, vor allem aber durch die neuen Video on Demand Plattformen Netflix oder Hulu kommt zusätzliche Dynamik in diesen Bereich. Bereits vor einem Jahr hat die ProSieben Tochter Red Arrow International die norwegische Serie „Lillyhammer“ an Netflix verkauft, wo die erste Staffel mit großem Erfolg lief. Hulu arbeitet recht eng mit der englischen BBC zusammen. Britische Serien gehören inzwischen zu den Kultformaten auf der amerikanischen Plattform, die in den vergangenen Jahren ein geradezu unbeschreibliches Wachstum vorzuweisen hat, mit inzwischen monatlich über 1,8 Milliarden Abrufen. „Die BBC ist für uns ein immer wichtigerer Partner“, sagt Hulu-CEO Jason Kilar. Jens Richter, Red Arrow International, kennt den Grund für diesen Trend. „Die Märkte werden international offener, nicht zuletzt, weil auch immer mehr kleinere Sender zu Premierensendern werden, auch in den USA.“ Auf gut deutsch, der Bedarf nach Programmen wächst international und kann nur durch eine Öffnung bislang geschlossener Märkte befriedigt werden.


Davon profitieren freilich vor allem die USA mit ihrer ungebrochen dominanten Marktposition, wie Bruce Rosenblum, Präsident der Warner Brother Television Group, unumwunden zugibt. „Das Geschäft ist für uns im Moment praktisch ohne Risiko!“ Dabei ist ganz klar, dass im Moment diese Märkte neu verteilt werden und trotz allem auch andere Player außerhalb der USA davon massiv profitieren. Fast jedes Land versucht mit sogenannten Tax Incentives zu punkten, internationale Produktionen in das eigene Land zu bringen. Deutschland hinkt in diesem Wettlauf bislang deutlich hinterher. Zwar sind mit BetaFilm und der zur ProSieben Gruppe gehörenden Red Arrow International zwei ganz große Vertriebe und Koproduzenten am Markt. Was aber auffällt: Dort internationalisiert sich das Programm im Katalog immer mehr und deutsche Produktionen werden immer weiter zurück gedrängt. Auch bei internationalen Koproduktionen spielen deutsche Produzenten eine immer kleinere Rolle, während die Produzenten in anderen Ländern, besonders in England, wo die Verwertungsrechte in der Regel beim Produzenten bleiben, immer mehr an Einfluss gewinnen. Durch die Rechte schaffen diese Produzenten Sicherheiten, die die Kapitalbeschaffung am Finanzmarkt ermöglicht und damit auch international ein unabhängiges Agieren am Produktionsmarkt.

„In Deutschland fehlt es uns an Lobbyarbeit, da die großen Produzenten inzwischen alle zu Sendergruppen gehören, die gar kein Interesse daran haben, dass sich die Situation ändert. Von daher ist das Total Buyout in Deutschland noch die Regel und vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender bunkern die Rechte“, beschwert sich ein Produzent. Zudem müsste der Deutsche Film- und Fernsehfonds auch für TV Produktionen geöffnet werden, fordert er. Tatsächlich ist das in anderen Ländern, wie jetzt auch in Belgien, der Fall. Das fiel auch schon bei den Präsentationen auf der MIPCOM Junior auf. Bei der Vorstellung von aktuellen Projekten war klar erkennbar, dass Tax Incentives inzwischen ein zentraler Bestandteil der Finanzierung sind. Vor allem im Animationsbereich sei Deutschland inzwischen stark zurückgefallen, betont der Produktionsberater und Kinderbuchautor Christoph Erbes: „Bei den 150 Animationsproduktionen im Jahr, die etwa für’s Kino ja sogar recht erfolgreich sind, ist keine einzige internationale Koproduktion dabei“, bedauert er.

Eine Ausnahme gäbe es freilich: „Mia and Me“ wurde ganz ohne Senderbeteiligung, also auf volles Risiko der Produzenten gemacht. Das muss man sich einmal vorstellen.“ Als Folge der Tax Incentives in Deutschland benachbarten Ländern sieht er die Gefahr, dass gute Talente dorthin abwandern, weil sie dort viel bessere Bedingungen eingeräumt bekommen. „Von daher, wir brauchen diese Tax Incentives auch für TV und vor allem für Animation auch in Deutschland“, so sein Fazit. Doch das zentrale Problem für die deutschen Produzenten seien nach wie vor die „Total Buy Outs“ durch die Sender, sagt Michael Heiks, Geschäftsführer der Hannoveraner TV Plus GmbH. Eine Lösung sei, so eine in Cannes auf dieser MIPCOM oft gehörte Meinung, nur auf dem Umweg über eine Rechtsangleichung in Europa zu erwarten. „Nur bis die kommt sind wir alle aufgekauft oder gestorben“, so Heiks bitteres Fazit.
Dieter Brockmeyer
(MB 11/12)

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