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Co-Viewing-Plattform für das Fernsehen

Am 6. und 7. September 2010 fand parallel zur IFA der Kongress der Medienwoche Berlin statt. Neben interessanten Ansätzen des BBC-Sparkonzepts „Less is more“ diskutierten Experten unter anderem Erlösmöglichkeiten aus der Vernetzung von TV und Social Web. Google-CEO Eric Schmidt erklärte, warum das Smartphone-Betriebssystem Android für den Konzern von zentraler Bedeutung ist.

„Die BBC hat ihre Fixkosten bereits halbiert“, konstatierte BBC-COO Caroline Thomson in ihrer Keynote zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Rahmen der Eröffnung des Internationalen Medienkongresses Medienwoche Berlin. Der fand parallel zur Internationalen Funkausstellung (IFA) am 6. und 7. September in Berlin statt. Die BBC hat unter dem selbst gewählten Motto „Less is more“ eine erhebliche Reduzierung der Kosten und Angebote sowie eine Fokussierung auf hochwertige Programme eingeleitet. Thomson, die per Skype aus London zugeschaltet war, erläuterte, dass die hohe Akzeptanz der BBC in Großbritannien aber gleichwohl aus deren umfassender Finanzierung, Unabhängigkeit und Innovationskraft resultiere.

Im kommenden Jahr sollen noch ein Fünftel der Topmanager abgebaut und bis 2013 90 Prozent aller Einnahmen aus Gebühren in Qualitätsprogramme investiert werden. Dabei werde sich der öffentlich-rechtliche Anbieter auf Formate in den Bereichen hochwertiger Journalismus, Wissensvermittlung, Kultur, Musik, britische Fiction- und Comedy-Angebote, Kinderprogramme und große Events konzentrieren. Darüber hinaus wolle die BBC verstärkt auf Partnerschaften setzen, das gelte für die Privaten, etwa bei der Schaffung von technischen Standards, ebenso wie für Träger kultureller Einrichtungen.

In der Eröffnungsrunde diskutierten rbb-Intendantin Dagmar Reim, Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer Public Affairs der Axel Springer AG, der Journalist Stefan Aust, Marc Jan Eumann, Staatssekretär für Medien in NRW, Autor und Werbetexter Sascha Lobo und Tobias Schmid, Leiter Medienpolitik der Mediengruppe RTL. Konsens bestand bei den Unzulänglichkeiten des Drei-Stufen-Tests und in Sachen Redefinition des öffentlich-rechtlichen Auftrags. Darüber hinaus wurde klar, dass Verleger sowie private und öffentlich-rechtliche TV-Anbieter im Zuge der Digitalisierung von vielen Themen gleichermaßen betroffen sein würden und künftig enger als bisher kooperieren müssten.

In einer weiteren medienpolitischen Veranstaltung, einem Panel der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft, forderte Torsten Rossmann, Vorsitzender der Geschäftsführung von N24 und MAZ&MORE TV, dass es durch Neuentwicklungen, namentlich dem Hybrid-Fernsehen, mit dem Fernseh- und Internetinhalte auf dem Fernseh-Bildschirm zeitgleich dargestellt werden können, keine Benachteiligung der Fernsehveranstalter geben dürfe: „Es muss sichergestellt sein, dass im Wettbewerb zweier ungleicher Medienformen ein gleichberechtigter Wettbewerb geführt werden kann.“ Terry von Bibra, Geschäftsführer von Yahoo! Deutschland, wies insbesondere auf die Schwierigkeit hin, dass nationale Regularien im Internet durch die Internationalität des Netzes umgangen werden können. Einig waren sich die Diskutanten darin, dass es aber ohne Regularien für das Internet nicht gehe.

Kinodigitalisierung weiter ungeklärt

Nach drei Jahren Erörterung von Bund, Ländern und der Filmbranche ist die Finanzierung der Digitalisierung für etwa 1.000 Kinos, darunter viele Arthouse-Kinos, noch immer nicht geklärt. So lautete das Fazit des filmpolitischen Panels zur Kinodigitalisierung. Die Fakten: 15 Prozent der deutschen Kinoleinwände sind bisher digitalisiert, vor allem in den Multiplexkinos. Weniger als zehn Prozent verfügen über 3D-Projektoren. Die Digitalisierung erhöhe aber die Flexibilität der Kinos und senke die Verleiherkosten, gab Martin Hagemann von zero fiction film zu bedenken.

Angelika Krüger-Leißner, MdB, Filmpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, erklärte, dass der Bund mit vier Millionen Euro jährlich vor allem die kleineren Kinos fördern wolle, um eine Kino-Grundversorgung auch in ländlichen Gebieten zu garantieren. Krüger-Leißner forderte den Haushaltsausschuss des Bundestages auf, diese Mittel für 2010 freizugeben, auch wenn sich noch nicht alle Länder an der Finanzierung beteiligten, damit noch heuer die Umrüstung in großem Umfang beginnen könne.

Die Filmförderungsanstalt (FFA) stelle 15 Millionen Euro für die Digitalisierung von Kinos zur Verfügung, die mindestens einen Umsatz von 40.000 Euro oder 8.000 Besucher pro Jahr erreichten, informierte Peter Dinges von der FFA. Das seien insgesamt 1.500 Kinos. Das reiche aber nicht für die komplette Finanzierung. Die Frage, woher das Geld für die restliche Finanzierung bei Kinos kommen solle, die dazu nicht aus eigenen Kräften in der Lage seien, ließ aber auch Johannes Klingsporn vom Verband der Filmverleiher unbeantwortet. Zwar würden sich die Filmverleiher mit einem Gesamtvolumen von etwa 20 Millionen Euro beteiligen, aber kein Kino werde den gleichen Betrag erhalten und nicht jedes Kino werde auf einen Verleiherzuschuss hoffen können, da das ursprüngliche Modell einer pauschalen Unterstützung aus wettbewerbsrechtlicher Sicht nicht realisierbar sei. Die finanzielle Beteiligung erfolge in Abhängigkeit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Kinos.

Medienvernetzung mit dem Social Web

Neben Präsentationen von innovativen Angeboten im Bereich der TV-Plattformen sowie neuen 3D- und 360°-Formaten bot die Diskussion von Erlösmodellen durch die Vernetzung klassischer Medienangebote mit dem Social Web vielfältige Anregungen. Einen spannenden Ansatz verfolgt das Unternehmen Starling mit Social-Media-TV, bei dem es sich um eine so genannte Co-Viewing-Plattform für das Fernsehen auf Basis sozialer Netzwerke handeln wird. Declan Caulfield, Mitgründer und CEO von Starling, Stockholm/New York, führte aus, dass in USA knapp 60 Prozent der Zuschauer beim Fernsehen online sind und dabei auch Social Communities zum Austausch über das laufende Programm nutzen. In UK benutzen ferner 90 Prozent der Zuschauer ein Telefon während sie fernsehen.

Diese Ebenen wolle Starling miteinander verknüpfen und darüber hinaus mit dem Spiel-Mechanismus verbinden, der Leute bei Check-in-Diensten wie Foursquare über Rankings motiviert, aktiv zu sein. Dadurch soll ein kollektives Fernseherlebnis geschaffen werden. Das eingeblendete Lachen, wie es in zahlreichen amerikanischen Serien üblich ist, werde damit durch authentische Zuschauerreaktionen ersetzt. Caulfield: „Die Konzentration der Menschen verläuft in Wellenbewegungen. Es ist eine Komponente des Storytelling, dass Leute den Hauptschauplatz während der ‚Lach-Pausen‘ verlassen und zum Nebenschauplatz im Netz gehen, um nach Informationen zu suchen, um zu kommentieren, und um danach ‚enriched‘ zum Hauptschauplatz zurückzukehren.“

Starling entwickelt die Plattform unter Berücksichtigung der Wünsche von Produzenten, Werbekunden, Zuschauern und TV-Anbietern und will so neue Wertschöpfungsmöglichkeiten generieren. Starling wurde 2010 von den Unternehmen Fremantle (Bertelsmann), MTV und dem Social-Games-Entwickler Area/Code gegründet. Derzeit sucht das Unternehmen nach Partnern in Deutschland, um im kommenden Jahr hierzulande starten zu können.
Der Musik-TV-Anbieter MTV bestätigte den starken Trend zur parallelen Nutzung von TV und Social Media. Laut Jürgen Hopfgartner, Senior Vice President Strategy, Interactive & Operations bei MTV Networks, gehen von den Communities Impulse für eine gesteigerte Fernsehnutzung aus. Besonders attraktiv seien Social Networks in Bezug auf Games und Live-Streaming großer Events. Formatabhängig kooperiert MTV in den einzelnen Märkten auch mit großen nationalen Social-Media-Anbietern, in Deutschland zum Beispiel mit SchülerVZ oder StudiVZ. Eine weitere Bedeutungszunahme von Social Media für MTV erwartet sich das Unternehmen von der Nutzung über mobile Endgeräte. Hopfgartner bemerkte eingangs außerdem, dass es sich nicht um eine Social-Media-Dominanz handele, sondern um eine Facebook-Dominanz, die Google wahrscheinlich an Reichweite in 2011/2012 übertrumpfe.

Stefanie Waehlert, Geschäftsführerin von Lokalisten.de, schilderte die Refinanzierungsansätze des Sozialen-Netzwerk-Anbieters: Passend zur jungen Zielgruppe, die sich für Flirten, Daten, Ausgehen und Gaming interessiere, würden Werbe-Partner in die Plattform integriert, indem diese zum Beispiel mit Events, Produkttests und anderen kreativen Ideen wie Happy Hour-Terminen für Lokalisten erfolgreich in die Realität verlängert würden.

„Augmented Reality“-Zeitalter

Google-CEO Eric Schmidt befand in seiner Abschluss-Keynote, dass dies das Zeitalter der „Augmented Reality“ – der erweiterten Wirklichkeit – sei. Smartphones seien heute die effektivsten und effizientesten Computer, denn sie müssten nur mit minimaler Technologie ausgestattet sein, wenn sie über ein Netzwerk mit einem Superrechner verbunden seien. Für Google sei daher das Betriebssystem Android von zentraler, strategischer Bedeutung. „Für mich bedeutet Zukunft, dass den Menschen die Möglichkeit gegeben wird, sich auf das zu konzentrieren, was ihnen wirklich wichtig ist“, sagte Schmidt. Es ginge darum, schnell an Informationen zu kommen, um für anderes Zeit zu haben. Google stellte daher neue, so genannte „Voice Action“-Applikationen der Android-Smartphones vor, die bereits in USA auf dem Markt sind. Außer der Such-Funktion mittels Spracheingabe kann das Smartphone gesprochene Mitteilungen in geschriebene E-Mails umwandeln und versenden sowie Telefonanrufe beispielsweise im Restaurant durch verbale Eingabe des Restaurantnamens aufbauen.
Derzeit realisiert werde ferner ein Dolmetscherprogramm mittels Spracheingabe. Google-TV, das Suche, YouTube sowie Free- und Paid-TV-Dienste auf dem Fernsehbildschirm verbindet, soll ab Herbst in den USA und hierzulande Anfang 2011 auf den Markt kommen.

Mehr als 2.000 Fachbesucher nahmen in diesem Jahr am Internationalen Kongress der Medienwoche teil, der im Internationalen Congress Centrum (ICC) Berlin stattfand. Er wird veranstaltet vom Medienboard Berlin-Brandenburg in Zusammenarbeit mit der gfu im Auftrag der Länder Berlin und Brandenburg und gefördert von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg. Zahlreich kamen die Besucher zur 50. IFA: 235.000 Besucher (+5 Prozent), darunter 125.000 Fachbesucher (+8 Prozent) machten die IFA zwischen dem 3. und 8. September 2010 erneut zur weltweit größten und wichtigsten Messe für Consumer Electronics und Elektro-Hausgeräte. Das Ordervolumen des Handels liegt mit 3,5 Milliarden Euro (+9 Prozent) über dem Vorjahresergebnis. Zahlreiche hochkarätige Events wie medianight, Producers' Cocktail oder IFA Gala boten darüber hinaus glanzvolle Treffpunkte für Austausch und Networking. Krönender Abschluss der medienwoche@IFA war die Verleihung des M100 Medienpreises an den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard. Die Laudatio hielt Joachim Gauck, ehemaliger Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes.
Datum der medienwoche@IFA 2011 ist der 2. bis 7. September 2011.
Sandra Eschenbach
(MB 10/10)

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