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Das Filmteam als musikalisches Ensemble

Mit Martin Scorseses mitreißender Musik-Doku „Shine A Light“ über die Rolling Stones als Eröffnungsfilm der 58. Internationalen Filmfestspiele Berlin hat Festival-Direktor Dieter Kosslick genau auf den richtigen Ton gesetzt. Während vor den Berlinale-Kinos Mega-Stars wie Mick Jagger oder Madonna publikumswirksam über den roten Teppich schritten, diskutierte die Branche hinter den Kulissen über Finanzierungsmodelle für das digitale Kino, die Generierung von Erlösen durch neue Auswertungskanäle sowie Strategien der Vernetzung.

Trotz dieses ganzen Glanz and Glamours ist die Berlinale ihrem Ruf als das politischste aller großen A-Festivals treu geblieben, was sich sowohl in der Filmauswahl als auch bei der Preisvergabe widerspiegelte. Der Goldene Bär wurde dem brasilianischen Regisseur José Padilha für seine nahezu dokumentarisch inszenierten Film „Tropa De Elite“ verliehen, in dem er den harten Kampf der Polizei-Einheiten gegen die Drogenbosse der Favelas in Rio de Janeiro erzählt. Mit dem Großen Preis der Jury belohnt wurde der amerikanische Filmemacher Errol Morris für seine erschütternde Dokumentation „Standard Operating Procedure“ über den Gefängnisskandal in Abu Ghraib.

Zum Team der Internationalen Jury, die über die Vergabe der Goldenen und Silbernen Bären entscheidet, gehörte unter anderem der mehrfache Oscar-Preisträger Walter Murch. Der Cutter und Sounddesigner, der mit seinen spektakulären Toneffekten in Francis Ford Coppolas Antikriegsfilm „Apokalypse Now“ Filmgeschichte geschrieben hat, begreift den Einsatz neuer Technologien als Chance für eine größere kreative Freiheit beim Filmemachen. „In Kürze wird ein Software-Programm verfügbar sein“, verrät Murch, „das verschiedenen Team-Mitgliedern die unmittelbare Zusammenarbeit an einem Filmprojekt über das Internet ermöglicht.“ Bisher nimmt der Cutter zum Beispiel erst den kompletten Zusammenschnitt der Bilder vor, bevor er diesen an andere Mitarbeiter weiterleitet, die für die visuellen Effekte, Musik oder Ton verantwortlich zeichnen. „Meine Kollegen müssen auf das Material warten, bis ich es zusammengestellt habe“, erklärt Murch. „Künftig wird meine Bearbeitung live an die anderen Team-Mitglieder über das Netzt vermittelt, so dass sie sich schon um die visuellen Effekte, Musik oder Ton kümmern können, bevor ich die Bildsequenzen fertig gestellt habe.

Ihr Input wiederum wird auch meine Arbeit beeinflussen. Dabei wird das Film-Team zu einem musikalischen Ensemble, in dem jeder ein anderes Instrument spielt.“
Ein weiterer Vorteil dieser vernetzten Arbeitsweise ist, dass die verschiedenen Mitarbeiter sogar quer über den Erdball verstreut sein können. „Ein Kollege aus Hongkong kann exakt meine einzelnen Arbeitsschritte verfolgen und daraufhin eigene Ideen entwickeln. Seine Arbeit kann wiederum die eines Komponisten in Paris beeinflussen. Die Technologie ermöglicht uns eine globale Interaktion, die in anderen Industriezweigen wie der Modebranche schon lange üblich ist.“

Zukunft des Films mit Web 2.0
Mit den Auswirkungen des Internets auf die Filmindustrie beschäftigten sich auch die Berlinale Keynotes, zu denen die Internationalen Filmfestspiele Berlin gemeinsam mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg geladen hatten. „Neben dem klassischen Filmgeschäft gibt die Berlinale auch dem Diskurs über die Innovationen aus den neuen Medienbranchen im Festival Raum“, unterstrich der Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. Im Mittelpunkt stand dabei die Zukunft des Films im Zeitalter von Web 2.0, Wikinomics und Games. „Ein Film bleibt ein Film“, die so die Medienboard-Geschäftsführerin Petra Müller, „aber die Bedingungen für Produktion, Distribution und Rezeption, vielleicht sogar die Genres, werden sich schneller und radikaler verändern, als wir denken.“

Der amerikanische Business-Stratege und Internet-Guru Don Tapscott stellte die These auf, dass durch die fundamentalen Änderungen in den Bereichen Technologie, Demographie, Gesellschaft und Wirtschaft auch für die Filmindustrie ein neues Zeitalter anbreche. Die Zukunft liege im Film 2.0, der eine interaktive Erfahrung biete, indem er den Zuschauer als integralen Bestandteil in den Film mit einbeziehe. Der Zuschauer könne dabei aktiv über das Internet an der Entwicklung der Geschichte und Figuren mitwirken und dabei selbst wahlweise in jede erdenkliche Rolle schlüpfen. Während die klassischen Games oftmals darauf reduziert seien, dass der Spieler die Welt vor Außerirdischen rette, biete der Film 2.0 eine viel größere Fülle von Möglichkeiten, sofern die Filmindustrie aufwache. „Das neue Web ist eine globale Plattform für die Zusammenarbeit“, versichert Tapscott.

Auf kreative und strategische Allianzen zwischen Film, Games und Web 2.0 setzt auch Matt Hanson, Regisseur und Gründer der Visual Intelligence Agency. Sein offenes Filmprojekt „A Swarm Of Angels“ bricht mit den traditionellen Produktionsabläufen und bietet den Mitgliedern der globalen Web-Community zum Preis von 25 Dollar kreative Mitwirkung an seinem Spielfilmprojekt an.

Campus setzt auf Online-Netzwerk
Auf eine Zusammenstellung ihrer Filmcrews über das Internet setzten auch die Teilnehmer des Berlinale Talent Campus bei der Produktion ihrer so genannten „Garage Films“. Die jungen Nachwuchsproduzenten und -Regisseure waren im Vorfeld der Berlinale gefordert, über die Campus-Website die passenden Kameramänner, Kostümbildner, Sounddesigner und Schauspieler für ihr Projekt zu finden. Während des Campus erhielten sie einen Tag Zeit, um mit diesem Filmteam ihren Kurzfilm zu drehen, zu schneiden und als Podcast online zu stellen.

Aus dieser kreativen Talentschmiede, die Festival-Direktor Dieter Kosslick vor fünf Jahren aus der Taufe gehoben hat, sind inzwischen schon zahlreiche renommierte Filmemacher hervorgegangen, wie Cristan Mungiu, der für „Vier Monate, drei Wochen, zwei Tage“ in Cannes 2007 die Goldene Palme gewonnen hat, oder Jasmila Zbanic, Preisträgerin des Goldenen Bären 2006. Im Programm der diesjährigen Berlinale befanden sich über 20 Filme von ehemaligen Campus-Teilnehmern. Zu ihnen gehörte beispielsweise der mexikanische Regisseur Fernando Eimbcke, der für seinen Wettbewerbsbeitrag „Lake Tahoe“ mit dem Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet worden ist. „Die Erfolgstrefferquote von Campus-Teilnehmern ist extrem hoch“, bestätigt Dieter Kosslick.

Als Initiative zur Förderung des Nachwuchses angelegt ist auch das Projekt „Shooting Stars“, mit dem die European Film Promotion (EFP) herausragende Schauspieltalente auf der Berlinale ins Rampenlicht stellt, um ihnen internationale Kontakte zu eröffnen. Auf Networking setzt ebenfalls der Hamburger Filmanwalt Harro von Have, der gemeinsam mit seinen europäischen Anwaltskollegen Asim Singh aus Frankreich, Donatella Mugnano aus Italien und Juan Salmerón aus Spanien das pan-europäische Netzwerk ELAN (European Lawyers Audiovisual Network) gegründet hat. Im Zuge dieser neuen Kooperation wollen sich die Medienanwälte künftig gezielt über ihre jeweiligen Filmprojekte austauschen, um verstärkt Co-Produktionen in Kontinental-Europa anzukurbeln.

Die Definition digitaler Rechte
Gezielt um die Interessen von Regisseuren und Produzenten kümmert sich der Producer’s Rep Robert Nathan, der mit der New Yorker Firma Cinetic Media sowohl die Finanzierung von Filmprojekten als auch den Verkauf fertiger Filme übernimmt. „Wir reden mit den Einkäufern und verhandeln mit ihnen im Interesse der Filmemacher oder Produzenten“, erklärt Nathan. „Bisher haben die digitalen Auswertungsrechte dabei keine Rolle gespielt. Inzwischen ist das aber der Fall, weil jeder davon ausgeht, dass ihre Wertigkeit zunimmt. Das ist ein bisschen wie im Wilden Westen.“ Aus diesem Grunde ist der Anwalt bestrebt, die neuen Rechtearten zunächst zu definieren. Da es in den USA keine gesetzlich definierten Auswertungsfenster gibt, erfolgen sämtliche Regelungen nur auf Vertragsbasis. „Wenn ein Einkäufer Rechte erwirbt, verhandelt er mit dem Rechteinhaber über die Auswertung der Rechte für eine bestimmte Zeit. Welche Rechte das konkret sind, wird im Vertrag definiert.“ Im vergangenen Herbst hat er mit „Purple Violets“ von Edward Burns erstmalig einen Spielfilm exklusiv für die Auswertung bei iTunes verkauft.

Eine Filmauswertung über das Internet erwägt auch Madonna für ihr Regiedebüt „Filth And Wisdom“, das sie auf der Berlinale im Panorama vorstellte. „Ich liebe es, mir Filme im Kino anzuschauen“, betonte die Popdiva, „doch mit meinen eigenen Projekten gehe ich gerne unkonventionelle Wege.“

Millionen gefordert für digitales Kino
Während für die digitale Filmauswertung über das Netz bereits verschiedene Geschäftsmodelle erfolgreich praktiziert werden, ist für die Einführung des digitalen Kinos in Deutschland noch kein Finanzierungskonzept erarbeitet worden, das alle Beteiligten zufrieden stellt. Um die Chancen und Probleme zu erörtern, die für die Independents mit der Einführung des digitalen Kinos verbunden sind, lud die britische Firma Arts Alliance Media (AAM) die Branche im Rahmen der Berlinale zu der Diskussionsveranstaltung „Digitales Kino aus der Perspektive des unabhängigen Verleihers“ ein.

„Wenn Arts Alliance Media die 1.000 bis 1.300 Erstaufführungskinos in Deutschland digital umrüstet“, erklärte Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des Verbandes der Filmverleiher (VdF), „würde das bedeuten, dass die anderen knapp 2.700 Leinwände dabei leer ausgehen.“ Laut VdF gibt es in Deutschland insgesamt etwa 4.800 Kinosäle, von denen rund 3.700 Leinwände kommerziell betrieben werden und eine digitale Projektion benötigen, um auch künftig wettbewerbsfähig zu bleiben. „Es wird 230 Millionen Euro kosten, all diese Kinos umzustellen“, so Klingsporn. „Wir müssen deshalb den Staatsminister für Kultur überzeugen, diese Mittel zur Verfügung zu stellen.“ Die Hälfte dieser Gelder sollen laut diesem Vorschlag, den der VdF in Zusammenarbeit mit Price Waterhouse Cooper (PWC) erarbeitet hat, langfristig wieder an das BKM zurückgeführt werden. „Da die genauen Modalitäten für die Rückzahlung in das FFG eingearbeitet werden müssen, bleibt uns dafür nur ein Zeitfenster von rund zehn Wochen.“ Über diesen Vorschlag zur Finanzierung des digitalen Kinos herrsche Einigkeit zwischen Majors und Independents. Die Frage sei nur, ob der Anteil der Verleiher dabei 50, 60 oder 70 Prozent betragen soll. „Wir müssen eine Lösung finden“, so Klingsporn, „bevor das FFG vom Parlament verabschiedet wird.“

Aus dem Brüsseler MEDIA-Topf werde es keine direkte Unterstützung für die Finanzierung des digitalen Kinos geben, unterstrich John Dick, der bei MEDIA für den Bereich digitales Kino verantwortlich ist. „In den großen Ländern wie Deutschland wird das digitale Kino zuerst eingeführt“, schätzt Dick. Viele europäische Verleiher befürchten jedoch, dass damit höhere Kosten für sie verbunden sein werden. „95 Prozent aller europäischen Filme verfügen über kein digitales Master (DSM)“, weiß der Digitalkino-Experte. Langfristig werden die Verleiher durch die Digitalisierung Geld einsparen“, glaubt der britische Independent Nick Varley von Park Circus. „Zunächst werden die Kosten sich erhöhen, da sowohl weiterhin 35mm-Kopien als auch zusätzlich digitale Kopien hergestellt werden müssen.“

Konzentrationstendenzen
Schon jetzt bringen einige Verleiher ihre Filme sowohl digital als auch als klassische 35mm-Kopie ins Kino. Auch der Berlinale-Eröffnungsfilm „Shine A Light“, für den Martin Scorsese ein Konzert der Rolling Stones gefilmt hat, kommt sowohl analog als auch digital ins Kino. Derweil hat Scorsese bereits seine nächste Musik-Doku angekündigt, die er diesmal der verstorbenen Reggae-Legende Bob Marley widmen will, der im Februar 2010 seinen 65. Geburtstag gefeiert hätte. Auf dem European Film Market (EFM) in Berlin erhielt Fortissimo Films für diese geplante Filmprojekt Angebote aus elf verschiedenen Territorien, darunter auch aus Deutschland.

„Berlin war ein lebendiger Markt, der aber unter dem Autorenstreik und dem drohenden Schauspielerstreik litt“, berichtete der Kinowelt-Gründer Rainer Kölmel. „Einerseits gab es nicht viele Angebote, andererseits wurde auf die fertigen Packages aggressiv geboten.“ Nach dem Verkauf ihres Unternehmens an das französische Studio Canal betreiben Michael und Rainer Kölmel nun eine globalere Einkaufspolitik. Neben den Auswertungsrechten für die deutschsprachigen Gebiete halten sie jetzt außerdem nach potenziellen Multi-Territorrien-Deals Ausschau, um Studio Canals britischen Verleih Optimum Releasing mitbeliefern zu können.
Der Trend auf dem europäischen Kinomarkt geht dahin, dass größere, finanzstarke Unternehmen sich zunehmend an kleineren Firmen beteiligen, um mittelfristig pan-europäische Vertriebsstrukturen aufzubauen. Erstmals als neue Vertriebsgemeinschaft auf dem EFM präsentierten sich Nordisk Film und Trust Film Sales, nachdem der skandinavische Major Nordisk mit 50 Prozent bei der dänischen Produktionsfirma Zentropa eingestiegen ist. Während die beiden dänischen Produzenten Peter Aalbaek Jensen und Lars von Trier jetzt jeweils noch 12, 5 Prozent ihrer Firmenanteile halten, verbleiben die restlichen 25 Prozent bei den Beschäftigten, zu denen auch die Regisseure Susanne Bier und Per Fly gehören. Durch diese Beteiligung baut Nordisk, das bereits über Produktionsfirmen, Verleih- und Vertriebsarme und Kinos in Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland verfügt, seine Marktposition weiter aus.

Eine ähnliche Strategie verfolgt der französische Weltvertrieb Wild Bunch, der Ende 2007 von Senator Film 50 Prozent der Anteile am Central Film Verleih erworben hatte, um nach Ländern wie Frankreich, Italien und Benelux auch auf dem deutschen Kinomarkt Fuß zu fassen. Damit plant Wild Bunch mittelfristig, eine europäisches Distributionsnetzwerk aufzubauen. Ein weiterer strategischer Schritt in diese Richtung ist die auf der Berlinale besiegelte Beteiligung von Senator an der Berliner A Company Consulting & Licensing Aktiengesellschaft, die auf eine mehrheitliche Übernahme der Aktien hinauslaufen soll. Da die A Company sich im ost- und mitteleuropäischen Raum mit über 200 Filmen zu einem wichtigen Lizenzhändler entwickelt hat, soll auf dieser Basis gemeinsam mit Wild Bunch ein osteuropäisches Verleihnetzwerk aufgebaut werden.

Insofern werden die länderübergreifenden Distributionsstrukturen, die im Filmbereich bisher primär den Hollywoodstudios vorbehalten waren, nun auch zunehmend von europäischen Playern adaptiert. Parallel dazu war in Berlin zu beobachten, dass eine immer größere Anzahl von Firmen auf den European Film Market drängt, der räumlich zunehmend an seine Grenzen stößt. Insgesamt verzeichnete der Filmmarkt mehr als 6.000 Teilnehmern aus über 50 Ländern, die sich rund um den Potsdamer Platz im Martin-Gropius-Bau sowie den Hotels und EFM-Business-Suiten präsentierten. „Der Martin-Gropius-Bau bleibt weiterhin unser Flagschiff“, betont die EFM-Leiterin Beki Probst. „Für 2009 suchen wir nach einer zusätzlichen Location am Potsdamer Platz, um möglichst viele Aussteller unter einem Dach zu bündeln.“
Birgit Heidsiek (MB 03/08)


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