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Die digitale Mission ist erfüllt

Auf dem 10. eDIT Filmmaker’s Festival tauschten sich rund 2.000 in- und ausländische Film– und Medienschaffende über technische und kreative Innovationen im Film aus. In seinem zehnten Jahr setzt der Frankfurter Fachkongress auf eine Neuorientierung. Nach der Trennung von der Visual Effects Society (VES) wird eine Kooperation mit internationalen Partnern in Bereichen wie Schnitt und Kamera angestrebt.

Beim 10. eDIT Filmmaker's Festival, das vom 30. September bis zum 2. Oktober 2007 im Cinestar Metropolis in Frankfurt am Main stattfand, standen insgesamt über 30 Präsentationen und Panels auf dem Programm. Zu den Schwerpunkt-Themen gehörten visuelle Effekte, animierte Charaktere sowie Innovationen bei der Produktion in Bereichen wie Kamera, Schnitt, Ton oder Set-Design. Weitere Programmblöcke bildeten Making-Ofs von herausragenden Dokumentarfilmen, Produktionen für das Fernsehen, aber auch Themenfelder wie Business und Recht in der Medienbranche.

„Auf der eDIT geht es darum, sich mit kreativen Probleme und Lösungen auseinanderzusetzen“, konstatiert der Festival-Leiter Sebastian Popp. Der viel zu früh verstorbene Fachbeiratssprecher Christian Leonhardt habe immer von der „digitalen Mission“ gesprochen, die inzwischen weitgehend abgeschlossen sei. „Es ist der Branche in den letzten zehn Jahren gelungen, zu zeigen, welche Bilder sich heute mit Hilfe von Bits und Bytes herstellen lassen.“

Spektakuläre Luftschlachten
Zu den spektakulärsten Shows auf der eDIT zählten die „Making-of“-Präsentationen von bekannten Hollywood-Blockbustern wie „Pirates Of The Caribbean – Am Ende der Welt“, „Harry Potter und der Orden des Phoenix“, „Transformers“, aber auch „Sunshine“ von Danny Boyle oder der deutsche Kinofilm „Der Rote Baron“ über den legendären, Jagdflieger Manfred von Richthofen. Näheren Aufschluss über die Produktion dieses im Ersten Weltkrieg angesiedelten Fliegerepos gab der VFX Supervisor Rainer Gombos, der bereits als Digital Artist an Hollywoodfilmen wie Roland Emmerichs Klimakatastrophenfilm „The Day After Tomorrow“, „Sin City“ oder „Harry Potter“ mitgearbeitet hat.

Vor Beginn der Dreharbeiten zu diesem 18 Millionen Dollar teuren Kinofilmdrama, das unter der Regie von Nikki Müllerschön mit Matthias Schweighöfer, Joseph Fiennes und Til Schweiger in den Hauptrollen in Tschechien und Deutschland entstanden ist, hat Gombos zunächst das Drehbuch visualisiert und die Luftschlachten im Computer in Szene gesetzt. Für die spektakulären Flugsequenzen wurden 23 Flugzeuge in Originalgröße nachgebaut. Bei den Filmaufnahmen, die vor einer 40 m langen und 12 m hohen Greenscreen im Studio in Prag erfolgten, wurden die Flieger auf bewegliche Podeste gesetzt und den Darstellern im Cockpit mit Hilfe von Maschinen Wind ins Gesicht geblasen.
Sämtliche Hintergründe der insgesamt rund zwanzigminütigen Flugsequenzen in „Der Rote Baron“ wie Wolken oder das kaiserliche Berlin wurden nachträglich in den Pixomondo Studios in Ludwigsburg im Rechner generiert. Zu diesem Zweck entwickelte das deutsche Postproduktionshaus ein Verfahren, mit dem sich die digitalen Wolkenformationen wesentlich günstiger herstellen lassen als in Hollywood. „Europäische Firmen sind aufgrund der kleineren Budgets oft dazu gezwungen, viel innovativer zu sein“, unterstreicht Popp. Von den 60 Millionen Euro, mit denen der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) die Produktion von Kinofilmen unterstütze, könne in Deutschland mittelfristig auch die Visual-Effects-Bearbeitung profitieren. Denkbar sei, dass die Entwicklung in Deutschland zu aufwändigeren Produktionen gehe. Generell spiegelte sich auf der eDIT der Trend wieder, dass die Dienstleister im Bereich der Bildbearbeitung nach einigen schwachen Jahren jetzt wieder sehr zuversichtlich in die Zukunft schauten.

Neue Maßstäbe
Einen Ausblick in die Zukunft der VFX-Industrie warf Miles Perkins, Marketing Director von Industrial Light and Magic (ILM), der anhand einiger herausragender Arbeiten von ILM aufzeigte, welche Möglichkeiten das digitale Kino inzwischen bietet. Um die fünfzehn Meter großen Roboter in dem diesjährigen Sommer-Blockbuster „Transformers“ auf der Leinwand zum Leben zu erwecken, waren die Zeichner, die „virtuellen Mechaniker“, welche die einzelnen Teile der Roboter herstellten, sowie die Animatoren bei ILM gefordert, aus einer Kombination von mehr als zehntausend, individuell kontrollierbaren Teilen lebende Maschinen zu kreieren. Vom Ölfilter über die Achsen bis hin zu den Kolben musste dabei jedes einzelne Teil separat steuerbar sein. „Die ‚Transformers’ sind wesentlich mehr als nur die Summe ihrer Einzelteile“, bekräftigt Perkins. In der Spezialeffekt-Gemeinde gelte dieser Film als ähnlich bahnbrechend für die technologische Entwicklung wie einst „Jurassic Park“.

„Wir versuchen alle, bessere Filmemacher zu werden“, versichert Tom Atkin, Co-Director eDIT 10. Filmmaker's Festival. „Der Schlüssel dazu ist gegenseitiges Verständnis und die Kenntnis dessen, was möglich ist. Wir müssen voneinander lernen.“ Mit dem Filmmaker’s Festival verfolgten der eDIT-Leiter Sebastian Popp und der Programmchef Rolf Krämer den Ansatz, Kreativen zu helfen, neue Techniken und Tendenzen zu verstehen. Zudem biete die eDIT die Gelegenheit, Filmemacher aus anderen Bereichen zu treffen und deren Arbeit und Fortschritte einzuschätzen. Im Unterschied zu traditionellen Filmfestivals stehe deshalb nicht die Vorführung von Filmen im Vordergrund, sondern deren Machweise und Herstellung.

Suche nach internationalen Partnern
„Durch die Kooperation mit der Visual Effects Society ist es uns gelungen, einen internationalen Anspruch zu formulieren“, unterstreicht Popp. Nach fünf Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit mit der VES ist diese Partnerschaft mit der diesjährigen eDIT nun beendet worden. „Wir werden weiterhin den Slot der großen Hollywoodproduktionen und ihrer visuellen Effekte bedienen“, verspricht der Festival-Leiter, „aber auch auf die Suche nach neuen Partnern aus Bereichen wie Schnitt oder Kamera gehen.“ In Zukunft komme es vor allem darauf an, die kreativen Vernetzungen zwischen den einzelnen Gewerken zu unterstützen, erklärt Rolf Krämer. Aufgrund der komplexeren Produktionsabläufe, welche die digitale Revolution mit sich gebracht habe, müssten alle Bereiche der Produktion und Postproduktion Hand in Hand arbeiten, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. „Die VFX-Experten werden künftig direkt mit Kamera, Schnitt, Art Direction und Regie zusammenarbeiten.“

Beim Filmmaker's Festival erhielten sie die Gelegenheit, ihre kreativen Entscheidungen zu erläutern und sich mit Filmemachern aus anderen Bereichen über Tricks und Geheimnisse, aber auch neue technologische Entwicklungen auszutauschen. „Das Besondere an der eDIT ist“, so Popp, „dass die unterschiedlichen Träger uns wirklich eine kreative Plattform zur Verfügung stellen.“ Im Gegensatz zu internationalen Events wie der „Siggraph“ gehe es in Frankfurt nicht darum, Hard- und Software zu verkaufen. „Die eDIT ist keine Veranstaltung für klassische Produktpräsentationen.“ Den Kern des Frankfurter Fachkongresses bilde nach wie vor der kreative Austausch zwischen den Filmschaffenden aus den verschiedenen Bereichen.
Zu den Schwerpunkten gehört dabei das Thema „Animation“. Der amerikanische Kult-Animator Bill Plympton präsentierte dazu ein Making-Of seines neuen Spielfilms „Idiots and Angels“, während Spencer Cook von Sony Imageworks einen Einblick in die spektakuläre Character Animation von „Spider-Man 3“ gewährte. Aufsehen erregende, interaktive Animationen präsentierten auch die Produzenten des neuen Computerspiels „Crisis“, das der Production Manager Michael Endres in Frankfurt vorstellte.

Im Bereich „Dokumentarfilm“ gab der Oscar-Preisträger Pepe Danquart Aufschluss über die Entstehung der atemberaubenden Aufnahmen in der Dokumentation „Am Limit“, die zwei Brüder bei ihrem Versuch begleitet, den Rekord im Speed-Klettern zu brechen. Im Zentrum der Dokumentation „Hinter der Couch“ steht dagegen das Casting-Prozedere der Hollywood-Agenturen, das der deutsche Filmemacher Veit Helmer darin kritisch unter die Lupe genommen hat.

Kreative Freiheit dank Technik
Unter dem Stichwort „Production“ wurden auf der eDIT die unterschiedlichen Aspekte des Filmemachens beleuchtet, zu denen unter anderem Sound-Design, Set-Design, digitale Bearbeitung sowie Schnitt gehören. Anhand des deutschen Animationsfilms „Lissy und der wilde Kaiser“ von Comedy-Talent Michael „Bully“ Herbig präsentierten die Macher des Sound-Design den pointierten Einsatz von Geräuschen in dieser Heimatkomödie. Als ein weiteres Beispiel für gelungenes Sound-Design hervorgehoben wurde die Oscar-prämierte deutsche Produktion „Das Leben der Anderen“, die auch bezüglich ihres Set-Designs analysiert wurde.
Über „The Art of Editing“, welche die Filmsprache ganz entscheidend prägt, diskutierten Hollwood-Cutter wie der Oscar-Preisträger Tom Rolf („Taxi Driver“), Alan Heim (President of ACE) und Craig McKay („Das Schweigen der Lämmer“). Der nonlineare Schnitt habe den Cuttern unbegrenzte Möglichkeiten der digitalen Bildkreation eröffnet. Der Oscar-gekrönte Cutter Tom Rolf versicherte, dass der Film „Taxi Driver“ weniger blutig geworden wäre, wenn es schon damals digitales Editing gegeben hätte.
„Wir halten auf der eDIT immer nach neuen technologischen Entwicklungen Ausschau, ohne dabei gleich jedem Hype zu folgen“, resümiert Popp. Für die Zukunft plant der Festival-Leiter beispielsweise, die Hersteller der neuen High-End-Digital-Kameras auf einem Podium zusammenzubringen und ihre Visionen für die nächsten zehn Jahre vorzustellen.
Birgit Heidsiek (MB 10/07)


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