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Es kann nur aufwärts gehen

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Es kann nur aufwärts gehen

Zum fünften Mal veranstaltete der Verband für Film- und Fernsehdramaturgie (VeDRA) am 9. November in Berlin das Event „FilmStoffEntwicklung – Tag der Dramaturgie“. Dramaturgen, Autoren und andere Film- und Fernsehschaffende diskutierten hier über Drehbucharbeit und die Entwicklung von Fernsehstoffen. Panelquotenkönig wurde die ARD als sie sich Fragen zur Entwicklung von Tatort und Degeto stellte.

Aber auch das Thema „Was Kinder wirklich wollen – Kinderkino auf dem Prüfstand“, bei dem vier Kinder und Jugendliche, die in den Jurys der Reihen der Generation-Sektion der Berlinale Kplus und 14plus saßen, Auskunft gaben, schaffte es den Saal zu füllen. Offenbar eine Frage, der man sich als Erwachsener zu wenig stellt, glaubt man doch zu wissen was Kinder wollen – nämlich das, was man für sie als geeignet empfindet. „In meiner Erfahrung gibt es viele Projektionen traumatisierter Erwachsener auf Kinder und Jugendlicher in Bezug darauf, was sie für geeignet halten“, berichtet Maryanne Redpath, Leiterin von Generation. In der Tat halten Kinder und Jugendliche mehr aus, als man ihnen zutraut, auch wenn Gewalt bei ihnen – genauso wie bei Erwachsenen – aus persönlichen Gründen auf Ablehnung stoßen kann. Zoe Louna Noack hielt fest: „Filme für Kinder brauchen kein Happy End, das ist kein Zeichen für einen guten Film.“ Für sie ist es vielmehr wichtig über verstörende Momente des Films reden zu können: „Schockiert aus einem Film zu kommen und es ist Niemand da mit dem man darüber reden kann, geht gar nicht.“

Fion Mutert stimmt zu, ergänzt jedoch, dass das Prinzip Hoffnung auch bei fehlendem Happy End nicht aufgegeben werden darf. Kritisiert wurde das Fehlen von Filmen für ältere Kinder und Jugendliche. „'Türkisch für Anfänger' ist kein Jugendfilm“, erklärte Judith Rinklebe. „In dem Film geht es um Leute, die Mitte 20 sind.“ Gewünscht sind Filme, die in Welten spielen, die die Kinder und Jugendlichen selber betreten können mit Identifikationsfiguren im gleichen Alter. Solange die Geschichten Andockpunkte bieten, können sie überall spielen, darüber hinaus müssen sie emphatisch sein, überraschend und zwischenmenschlich.

Sein Publikum ernst zu nehmen, bestimmt die Qualität des Produkts. Das ist bei Stoffen für die nachwachsende Generation nicht anders, als beim „Tatort“. „Der Zuschauer gibt die Regeln für den ‘Tatort’ aus“, erklärte Gisela Weidemann, Dramaturgin beim BR beim Panel „Tatort: Stoffentwicklung für das ‚letzte Lagerfeuer der Nation’“. „Er möchte den ‘Tatort’ entspannt gucken ohne überfordert zu werden und sich ein Bier holen können ohne was zu verpassen.“ Weidemann berichtete von dem Chat mit Dominik Graf zu dessen „Tatort“ mit dem Titel „Aus der Tiefe der Zeit“: „Während des Chats wurde klar, dass eine große Wut in der Luft liegt und viele den Film nicht mögen wollen.“ Während der Ausstrahlung schalteten circa eine Million um oder ab. Sabine Tettenborn, Geschäftsführerin der Maran Film, einer Tochter des SWR und der Bavaria, die die meisten Tatorte für den Sender herstellt, erklärte: „Der ‘Tatort’ ist ein Unterhaltungsformat, in dem es eine Leiche geben muss sowie Spannung und Humor und es werden verschiedene gesellschaftliche Themen aufgegriffen.“ Der „Tatort“ ist darüber hinaus ein Prestigeobjekt für die „gastgebende“ Gemeinde oder Region. Die Franken, die ihren eigenen „Tatort“ bekommen, haben sogar Jahre lang versucht, über den bayerischen Landtag Einfluss zu nehmen, so Weidemann.

Genauso großes Interesse wie am „Tatort“ hatten die Autoren und Dramaturgen an der Neuausrichtung der Degeto, die immerhin 81 Prozent der (ko-)produzierten TV- und Kinofilme der ARD beisteuert. Christine Strobl, Geschäftsführerin der Degeto, erklärte in einem sehr ausführlichen, offenen Vortrag die Umbaupläne. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Freitagabend.

„Wir werden nicht alles neu machen“, sagte Strobl. „Aber wir werden inhaltlich viel verändern.“ In Zukunft gilt: Die Filme werden realistischer, glaubwürdiger und bewegender. Es werden keine Themen mehr ausgeklammert. Kitsch gehört der Vergangenheit an. Die Geschichten werden stimmig und realistisch sein, unvorhersehbare Wendungen haben und ihre Erfordernisse werden ihre Ausgestaltung bestimmen.

Und die bisherigen Zuschauer? „Ein Film muss nicht blöde sein, um einen Wohlfühlfaktor zu haben. Das geht auch mit guten, intelligenten Dialogen“, so Strobl. „Diesbezüglich unterschätzen wir den Zuschauer oft genug.“ Es kann also nur aufwärts gehen mit der deutschen Fernsehunterhaltung – und das ist auch gut so!

Thomas Steiger
(MB 12/13_01/14)

© Christine Kisorsy

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