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Explosion der Videoinhalte im Web

Über 200 Delegierte aus der ganzen Welt besuchten auch dieses Jahr wieder den DVB World-Kongress, darunter nicht nur Mitglieder des Veranstalters, DVB Project. In dieser Organisation haben sich rund 270 Rundfunksender, Gerätehersteller, Netzwerkbetreiber, Software-Entwickler und Regulierungsbehörden aus über 35 Ländern zusammengeschlossen. Ihr Ziel ist es, kompatible, offene Standards zur weltweiten Verbreitung digitaler Medien-Dienste zu entwickeln. Auf den jährlich stattfindenden DVB World Kongressen werden die neuesten Ergebnisse der Standardisierungsarbeit präsentiert und alle damit zusammen hängenden Fragen erörtert.
DVB-Interessierte, die nicht an der Konferenz teilnehmen konnten, hatten erstmals auch Gelegenheit, via Internet mitzudiskutieren. Dazu wurde als virtueller Diskussionsplatz „David’s DVB World Blog“ eingeführt. Moderiert wurde der Live-Blog von David Wood, dem stellvertretenden technischen Direktor der EBU (European Broadcast Union).
Da die Konferenzräumlichkeiten wie gewohnt wieder mit drahtlosem Internetzuzgang ausgerüstet waren, konnten auch die Kongressteilnehmer selbst sich an dem Blog beteiligen, hier Rede und Antwort stehen und die Vorträge mit eigenen Kommentaren begleiten.
Wie üblich wurde der Kongress wieder von einer kleinen Ausstellung begleitet. Ihre Produkte und Lösungen zeigten hier die Unternehmen LS Telcom, Net Insight, Eiden Co., DekTec, IZT, NXP Semiconductors gemeinsam mit Microsoft, Sisvel und Enensys Technologies.
Zu den Kongress-Redner zählten in diesem Jahr unter anderem Richard Green, Präsident und CEO von CableLabs, Myra Moore, Präsidentin und Chief Analyst von Digital Tech Consulting, Njål Borch, Senior Researcher vom Northern Research Institute (Norut), Peter MacAvock, Programm Direktor in der technischen Abteilung der European Broadcasting Union (EBU), Muriel Deschanel von Microsoft (Vorsitzender der DVB TM-IPI Gruppe), Ted Shapiro, Senior Vice President, General Counsel und Deputy Managing Director von MPA, Christoph Schaaf von Kabel Deutschland (Vorsitzender der DVB-TM-C2 Gruppe), Dirk Jäger von der Technische Universität Braunschweig und Vorsitzender von ReDeSign, Ivan Verbesselt, Senior VP Marketing von Nagravision, Graham Plumb, Leiter Distributionstechnologie der BBC, Jean-Pierre Lacotte vom frannzösischen HD-Forum, Laurent Roul von ENENSYS Technologies sowie Stefan Krüger von Media Broadcast, Philip Laven, Chairman des DVB Project und Prof. Ulrich Reimers, Leiter des Instituts für Nachrichtentechnik der Technischen Universität Braunschweig und Vorsitzender des technischen DVB-Moduls.

Internet verändert TV-Nutzerverhalten
Gordon Graylish, Vizepräsident Vertrieb und Marketing und Deputy General Manager EMEA der Intel Corporation hielt die Keynote zum Thema „Consumer Electronics 3.0“. Er berichtete hier, wie das Internet das TV-Nutzerverhalten grundlegend verändert. Graylish wies auf eine Studie der Diffusion Group hin, die davon ausgeht, dass 2011 bereits 160 Millionen Menschen weltweit Internet Video auf ihren TV-Geräten sehen werden. „Der Erfolg des Fernsehens wird in Zukunft von der einfachen Nutzbarkeit über alle Plattformen hinweg abhängen“, betonte er. Interaktionsmöglichkeiten (Informative TV), Personalisierung von Inhalten (Personalised TV) und die Kommunikation unter den TV-Zuschauern (Social TV) würden dabei eine wichtige Rolle spielen.

Der Intel-Manager prognostizierte eine regelrechte Explosion der Online-Video-Inhalte. Im Jahr 2015 sollen demnach 500 Milliarden Stunden Video-Content im Web zur Verfügung stehen. Intel unterstütze Distribution und Nutzung dieser Inhalte durch die Bereitstellung immer leistungsfähigere Chips.

DVB Project-Vorsitzender Philip Laven skizzierte die Erfolgsgeschichte des DVB Projects. „Die DVB Basisstandards für Satellit, Kabel und terrestrische TV-Übertragung (DVB-S, DVB-C und DVB-T) haben sich seit ihrer Entwicklung Mitte der 90er Jahre sehr erfolgreich durchgesetzt“, erklärte er. Auch die zweite Generation der DVB-Standards sei auf der Erfolgsspur unterwegs. DVB-S2 wurde 2004 eingeführt und bietet 30 Prozent Leistungszuwachs (effizentere Bandausnutzung) gegenüber DVB-S und das 2008 eingeführte DVB-T2 gar 50 Prozent gegenüber DVB-T. Die Arbeiten am DVB-C2 Standard standen im März 2009 kurz vor Abschluss. Auch hier ist Leistungssteigerung von über 30 Prozent zu erwarten.
Prof. Ulrich Reimers wies in seinem Vortrag darauf hin, dass sein in den 90er Jahren erstmals aufgelegtes „DVB-Kochbuch“ („Digital-Video-Broadcasting (DVB); A guideline for the use of DVB specifications and standards“) letztmals 1997 neu aufgelegt worden sei. Er begründete dies mit den Worten: „Ich musste aufgeben. Die Zahl der DVB-Lösungen war einfach zu groß geworden, um sie in einem Gesamtdokument noch beschreiben zu können.“ Insgesamt existierten mittlerweile 83 DVB-Spezifikationen (darunter allein 19 Übertragungsspezifikationen inklusive IPTV) und 36 DVB-Guidelines. Alle sind internationale Standards geworden.
Reimers bezeichnete das DVB Project als einer der Pioniere der IPTV-Entwicklung. Bereits 2003 habe man mit entsprechenden Standardisierungsbemühungen begonnen und im Januar 2004 schließlich DVB-IPTV Stufe 1.1 verabschiedet, zwei Jahre später dann Stufe 1.2 und den Broadband Content Guide (BCG), im Februar 2007 DVB-IPTV Stufe 1.3, im Februar 2008 das Remote-Management und Firmware Update System (RMS/FUS) und im Februar 2009 schließlich DVB-IPTV Stufe 1.4. Alle DVB-IPTV Spezifikationen der Stufe 1 basieren auf DVB/MPEG Transport-Streams als Transport-Layer.
Im IPTV-Bereich ist laut Reimers trotzdem noch viel Standardisierungsarbeit zu leisten. Das DVB Project befasse sich in nächster Zeit zudem auch verstärkt mit Spezifikationen zu DVB-RCS (Return Channel via Satellit), dem Common Metadata Toolkit (CMT) und DVB-NGH (Next Generation Handheld).
Myra Moore von Digital Tech Consulting belegte mit einigen Zahlen, dass DVB-Standards sich weltweit insbesondere beim digitalen terrestrischen Fernsehen durchsetzen und die Zahl der DVB-T-Receiver im Vergleich zu Receivern der Konkurrenz-Standards ATSC (USA) und ISDB-T (Japan) oder T-DMB (Korea) überproportional wächst. 44 Prozent der in diesem Jahr ausgelieferten digitalen terrestrischen Receiver sollen demnach DVB-kompatibel sein. Der DVB-Marktanteil bei DTT-Receivern (Digital Terrestrial Television) soll im Jahr 2011 weltweit bei 42 Prozent liegen.
Moore prognostizierte ein starkes Wachstum an MPEG-4 AVC Receivern auf dem weltweiten Markt zur Nutzung von High-Definition und anderen High-end-Features. Insbesondere die Satellitenübertragung würde davon profitieren. 2011 soll rund 85 Millionen MPEG-4 AVC Receivern auf dem Markt sein, rund die Hälfte davon sind Satelliten-Receiver.

Digitale Dividende
Das Thema „Nutzung der Digitale Dividende“ präsentierte Lis Grete Moeller, Senior Consultant von Danish Radio (DR). „Finger weg von unseren Frequenzen“, erklärte sie selbstbewusst in Richtung Mobilfunkbetreiber, welche Teile des durch die Umstellung von analogem auf digitales terrestrisches Fernsehen frei werdenden UHF-Spektrums zur mobilen Breitbandversorgung ländlicher Räume nutzen wollen.
Møller: „Rundfunksender benötigen das frei werdende Spektrum selbst. Mobilfunkanbieter können auf andere, bislang noch nicht genutzte Frequenzen zugreifen.“ Das UHF-Band sei für die Fernsehsender von grundsätzlicher Bedeutung für die Entwicklung neuer Services wie HDTV, Mobile-TV und zusätzlicher Programmangebote. Die Telkos hingegen hätten nur die Reduktion ihrer Netzwerkkosten (3G, Wimax, LTE, etc.) im Auge.
Digitales Fernsehen sendet in Band III (174-230 MHz) und in den Bänder IV/V (470 –862 MHz). In der Debatte um die Nutzung der Digitalen Dividende geht es hauptsächlich um die Bänder IV/V. Auf der World Radiocommunication Conference 2007 (WRC-07) in Genf war der Bereich 790-862 MHz auch zur Nutzung durch Mobilfunkbetreiber in Aussicht gestellt worden. Die meisten europäischen Länder haben sieben bis acht Layer in den Bändern IV/V zur Verfügung gestellt bekommen.

Laut Moeller belegt die Studie von Oliver & Ohlbaumand DotEcon „The mobile myth“, dass die Nutzung des UHF Bandes durch Mobilfunkbetreiber in Europa wirtschaftlich keinen Sinn macht und dass ihnen auch andere Frequenzspektren zur Nutzung offen stünden. Mobiles Breitband via UHF mit maximal 2 Mbit/s Bandbreite sei für den ländlichen Raum keine befriedigende Lösung, zumal bei vielen gleichzeitigen Nutzern in einer Funkzelle die verfügbaren Bandbreiten deutlich reduziert würden.
In Deutschland hat die Bundesregierung bereits signalisiert, frei werdenden terrestrische TV-Frequenzen den Mobilfunkanbietern für schnelles Internet und Breitbandanwendungen in ländlichen Regionen zu überlassen. Die vier Mobilfunkbetreiber E-Plus, O2, T-Mobile und Vodafone hatten bereits im September 2008 in einem gemeinsamen Positionspapier zur großräumigen flächendeckenden Versorgung des ländlichen Raumes einen Spektrumsbedarf von 160 MHz im UHF-Band angemeldet. Kritiker gehen davon aus, dass die vier Netzbetreiber sich je zwei 20-MHz-Kanäle zum Up- und Downlink für die Systeme der nächsten Generation LTE (Long-Term-Evolution) sichern wollen. Die Armortisierung dieses Netzaufbaus würde jedoch mit Sicherheit nicht auf dem flachen Land gelingen.
Auf dem DVB World Kongress 2009 wurde auch wieder deutlich gemacht, dass bei der parallelen Nutzung eines UHF-Frequenzbereichs mit Rundfunk- und Mobilfunk-Anwendungen Störungen möglich sind.
Auch eine gemeinsame Untersuchung des Instituts für Rundfunktechnik (IRT) und des Verbandes Deutscher Kabelnetzbetreiber ANGA kommt zu diesem Schluss. „Die durchgeführten Labor- und Feldtests haben unmissverständlich ergeben, dass eine Gleichkanalbelegung von Rundfunkdiensten im Kabel und mobilem Internet im Frequenzbereich 790 – 862 MHz zu massiven Störungen des Fernsehempfangs beim Endkunden führt. Ursache ist weniger die Übertragung der Daten vom Sendemast zum Endkunden, sondern vielmehr die Rücksendung der Daten vom mobilen Endgerät in der Wohnung des Nutzers“, erklärte Carsten Engelke, technischer Leiter der ANGA.

Broadband-TV
Mit dem Thema „Broadband-TV“ befasste sich eine weitere Session des DVB World Kongresses 2009. Hier ging es vor allem um IPTV-Standards für DVB, um den Schutz von via Internet verbreiteten Inhalten sowie um die Zukunft der TV-Sender vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung von Web-TV und IPTV.
Der 19-jährige Sebastian Sewczyk präsentierte hier das Kommunikations- und Mediennutzungsverhalten junger Menschen. Alles spielt sich hierbei mehr oder weniger im Internet und auf dem PC/Laptop ab (Video, Musik, TV, Social Foren, Communities, Internet-Surfen, Games etc.). Manchen der DVB World-Besucher war das nicht so bewusst.
„Ich habe hier auf dem DVB World Congress einiges über die Internetgeneration gelernt und dass junge Menschen ein komplett anderes Medienkonsum-Verhalten als ältere haben“, bekannte zum Beispiel Willibald Striegl, Vice President Sales & Marketing der Dimetis GmbH in Dietzenbach. „Sie nutzen kaum mehr das Fernsehen, sondern nur noch den PC oder den Laptop, um damit gleichzeitig zu kommunizieren und Informations- und Unterhaltungsangebote aller Art on-Demand und interaktiv zu konsumieren“, meinte er. Das Medienkonsum-Verhalten der Älteren hingegen sei weiterhin noch stark von der klassischen TV-Nutzung geprägt. Striegl: „Unternehmen wie Dimetis, die Broadcast-Technologien entwickeln, müssen beide Nutzungswege im Auge behalten.“

DVB-T
Auch dem Thema „Terrestrisches Fernsehen“ war eine eigene Session gewidmet. Hier gab es unter anderem Vorträge zur Einführung von DVB-T2 in Großbritannien, zur terrestrischen HDTV-Verbreitung in Großbritannien und in Frankreich, zu Single Frequency Networks, Mobil TV-Optionen auf Basis von DVB und zum DVB-H-Modell in Österreich.
„Ich bin mir relativ sicher, dass wir im Zeitraum von drei bis fünf Jahren hier in Deutschland die gleiche Entwicklung sehen werden, wie in England. HD Free-to-Air ist meiner Meinung nach in absehbarer Zeit auch hierzulande ein Muss, um mit England und Frankreich mithalten zu können. Beim digitalen terrestrischen Fernsehen werden deshalb auch in Deutschland einen Technologiewandel in Richtung DVB-T2 MPEG 4 erleben“, meinte Dimetis-Manager Striegl. Er erinnerte auch daran, dass die Briten bei der DVB-T-Einführung bereits einen Vorsprung von fünf Jahren gegenüber Deutschland haben.
Dimetis ist von der DVB-T-Entwicklung in Deutschland besonders betroffen, da das Unternehmen einen sehr großen Anteil der DVB-T Multiplex-Centern hierzulande mit seiner Technik bedient. „Wir decken zirka 80 Prozent des deutschen öffentlich-rechtlichen Marktes ab sowie den gesamten österreichischen DVB-T-Markt und Teile Südtirols. Das heißt, DVB-T ist für uns ist ein wichtiger Geschäftsbereich, in dem wir auch weiterhin erfolgreich sein wollen“, betonte Striegl.

Das DVB-T auf Basis von MPEG 2 in Deutschland ist nicht in Stein gemeißelt ist, belegt ein Pilotversuch mit MPEG 4 im Großraum Stuttgart. Ab dem dritten Quartal 2009 will dort die RTL Group die beiden Pay-TV-Programme RTL Crime und RTL Passion zwölf Monate lang kostenlos über DVB-T MPEG 4 anbieten (danach für 2,90 Euro monatlich). Am Start sind hier ferner Vox, Super RTL and RTL 2. Wer die Programme sehen will, braucht natürlich einen neuen DVB-T MPEG 4-Receiver, der wegen der beiden Pay-TV-Kanäle mit einer Conax Smartcard ausgerüstet sein muss. Abo- und Smartcard-Management erledigt für RTL die Eutelsat Visavision GmbH.
Die RTL Gruppe fährt in Sachen DVB-T jedoch zweigleisig. Sie hat auch schon ihre Distributionsverträge mit Media Broadcast in den MPEG 2 DVB-T-Regionen der Republik bis 2014 verlängert.

Kabelfernsehen und Consumer-Electronics
Eine weitere Sitzungsreihe befasste sich mit dem Thema „Kabelfernsehen“. Es gab Vorträge zur DVB-C2-Spezifikation und zur Implementierung von DVB-C2. Diskutiert wurden ferner alle Zukunftsfragen, die Kabelnetzbetreiber betreffen. Interessant war hier unter anderem ein Vortrag von Christoph Schaaf von Kabel Deutschland, der sehr detaillierte Einblicke in die DVB-C2-Entwicklung und das damit für die Kabelnetzbetreiber verbundene Umstiegsszenario gab. DVB-C2 biete mindstens 30 Prozent mehr Kapazität im digitalen Kabel, berichtete er. Möglich sei aber auch eine Effizienzsteigerung des Spektrums um bis zu 63 Prozent. DVB-C2 sei störungsunempfindlicher und offen für die Nutzung verschiedenster Signale. „Der Standard bietet damit vielfältige Möglichkeiten für neue Applikationen und Massnahmen für den künftigen Netzausbau“, erklärte er. Es sei zudem einfach, gemeinsame Chipsets für DVB-T2 und DVB-C2 zu entwickeln.

Das Panel „Consumer Electronics Session“ des DVB World Kongresses befasste sich mit der Situation der Hersteller und Händler von Unterhaltungselektronik-Geräten vor dem Hintergrund der anstehenden Abschaltung analoger Übertragungsverfahren und der Einführung der zweiten Generation digitaler Standards.
„Die klassischen Medien neigen dazu, alles bestimmen und regeln zu wollen, und beschränken damit den Nutzwert ihrer Inhalte“, meinte der norwegische Forscher Dr. Njål Borch vom Northern Research Institut (norut) auf dem DVB World Kongress. Er warnte die Rundfunksender davor, Inhalte-Zugang und -Nutzung schwieriger als im Internet zu gestalten. Sonst würden auch noch die ältere Zielgruppe ins Web abwandern.
Eckhard Eckstein (MB 05/09)

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