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Filmauswertung ohne Grenzen

Mit der glanzvollen Präsentation von Hollywoodschauspielern, europäischen Stars und den EU-Kulturministern auf dem roten Teppich hat Festival-Direktor Dieter Kosslick bei den 57. Internationalen Filmfestspielen Berlin symbolisch ein Zeichen gesetzt, um Starrummel, Business und Politik unter einen Hut zu bringen. Nachdem die digitale Projektion auf der Berlinale bereits ihren Einzug in die Festivalkinos gefeiert hat, diskutiert die Branche jetzt über Geschäftsmodelle, neue Auswertungsstrukturen und Nutzungsrechte für die digitale Content-Verwertung.

Der Festival-Direktor Dieter Kosslick verbuchte mit der 57. Berlinale einen neuen Rekord. Seine Bilanz: 19.000 akkreditierte Gäste aus 127 Ländern, 43.000 Kinozuschauer, 373 Festivalfilme, 200.000 verkaufte Tickets und ein größeres Staraufgebot als jemals zuvor. Zu den Hollywood-Ikonen, die er am Potsdamer Platz begrüßen konnte, gehörten Robert de Niro, Sharon Stone, Clint Eastwood, Jennifer Lopez, Arthur Penn oder Richard Gere.

Während sich Richard Gere bei der Benefiz-Gala „Cinema for Peace“ engagierte, erhielt Jennifer Lopez für ihre erste politische Rolle in „Bordertown“ Unterstützung von Amnesty International. Die von Regisseur und Drehbuchautor Gregory Nava erzählte erschütternde Geschichte einer Mordserie an mexikanischen Fließbandarbeiterinnen, welche eine ehrgeizige Journalistin im Film aufzuklären versucht, basiert auf wahren Begebenheiten.

Der Wettbewerb der 57. Berlinale bot thematisch extrem unterschiedliche Produktionen. „Viele dieser Filme haben gemeinsam, dass der Mensch wieder in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt ist“, konstatiert Dieter Kosslick. Dazu gehört zum Beispiel der Goldene Bären-Gewinnerfilm „Tuyas Ehe“ vom chinesischen Regisseur Wang Quan’an, in dem sich eine Hirtin in der Mongolei von ihrem kranken Ehemann scheiden lässt, um für sie beide einen neuen Versorger zu finden. Während sich Clint Eastwood in „Letters From Iwo Jima“ gezielt mit einem Kriegsschauplatz auseinandersetzt, ist in dem israelischen Film „Beaufort“ eine fliegende Bombe aus der Perspektive der jungen israelischen Soldaten zu sehen, die mit dem Irrsinn einer Kriegsmaschinerie zurechtkommen müssen. In „Goodbye Bafana“ wird hingegen die Rassendiskriminierung anhand des Schicksals von Nelson Mandela erzählt. „Das Individuum ist der Prototyp, der für ganze Bewegungen steht“, unterstreicht der Festival-Direktor. Das werde auch in „The Good German“ von Steven Soderbergh sowie in „Der gute Hirte“ von Robert De Niro sichtbar, der mit einen Silbernen Bären für das Schauspieler-Ensemble dekoriert wurde.

Um verborgene Sehnsüchte und menschliche Abgründe geht es in dem britischen Psychodrama „Notes On A Scandal“, zu dessen Weltpremiere der Berlinale-Chef die beiden Oscar-nominierten Schauspielerinnen Cate Blanchett und Judi Dench auf dem roten Teppich begrüßte. Bei dieser Galavorstellung, die im Rahmen des Europa-Tages auf der Berlinale stattfand, überreichte Kosslick den Shooting Stars 2007 in Anwesenheit der EU-Kulturminister einen Studio Hamburg Shooting Star Award.
Auf Einladung des deutschen Staatsministers für Kultur und Medien, Bernd Neumann, hatten sich die EU-Kultur und -Medienminister zu einem zweitägigen informellen Treffen in Berlin getroffen. „Die Kulturminister in Europa sind aufgerufen, sich über die deutsche Präsidentschaft hinaus auf eine gemeinsame Strategie zur Entwicklung der Kulturwirtschaft zu einigen, die einen wesentlichen Wachstumsmotor in Europa darstellt“, betonte Neumann. „Schon jetzt arbeiten mehr Menschen in der Kulturwirtschaft als in der Autoindustrie, die Kulturwirtschaft wächst doppelt so schnell wie die übrige Wirtschaft.“

Millionen für europäische Filme
Grünes Licht aus Brüssel gab es für das audiovisuelle Förderungsprogramm MEDIA 2007, das für den Zeitraum von 2007 bis 2013 mit einem Gesamtetat von 755 Millionen Euro ausgestattet wird. Zu den Kernpunkten gehört dabei, die Entwicklung, den Vertrieb, die Promotion, aber auch Trainingsinitiativen und Pilotprojekte zu unterstützen, die europäischen Filmen zugute kommen. Das Jahresbudget von MEDIA 2007, das mit 75 Millionen Euro startet, soll bis zum Jahr 2013 kumulativ auf eine Gesamtsumme von insgesamt 107 Millionen Euro aufgestockt werden. Der Löwenanteil der Fördergelder in Höhe von 55 Prozent entfällt dabei auf den Bereich Distribution sowie weitere 20 Prozent auf das Development. Für die Promotion stehen neun Prozent des Gesamtbudgets zur Verfügung sowie sieben Prozent für Trainingsinitiativen. Weitere neun Prozent des Gesamtetats sollen darauf verwendet werden, die Präsenz europäischer Filme auf digitalen Plattformen sowie den Einsatz digitaler Technologien in den Bereichen Entwicklung, Produktion und Vertrieb zu fördern.

Die digitale Filmdistribution war auch ein zentrales Thema bei den Berlinale Keynotes, zu denen die Internationalen Filmfestspiele Berlin gemeinsam mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg eingeladen hatten. „Die Berlinale versteht sich auch als Plattform für die Diskussion neuer Herausforderungen und Strategien der Filmindustrie und -kultur. Neben dem European Film Market, dem Co-Production Market und dem Talent Campus ergänzen die Berlinale Keynotes ideal das Angebot für alle Branchenprofis“, so Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. „Weltweit stehen Film- und Medienschaffende vor der Frage, was der technologische Paradigmenwechsel für sie bedeutet und was sie tun müssen, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein“, ergänzte die Medienboard-Geschäftsführerin Petra Müller.

Neue Modelle für Online-Distribution
Bereits 2006 verfügten weltweit 250 Millionen Haushalte über einen Breitbandanschluss. Prognosen zufolge wird die Anzahl der Anschlüsse 2010 auf mehr als 400 Millionen ansteigen. Schon heute sei online bereits soviel Content verfügbar, dass es über 40.000 Jahre dauern würde, das gesamte Material zu sichten. „Die digitale Revolution ist angebrochen“, konstatierte Warren N. Lieberfarb, der Erfinder der DVD. Da die größte Veränderung bei den Verbrauchern zu verzeichnen sei, müssten Businessmodelle für die Online-Distribution entwickelt werden. In den USA testen derzeit mehrere Studios in Denver parallel zur DVD-Auswertung von Spielfilmen einen Video-On-Demand-Service, der von Comcast gegen eine Gebühr von vier Dollar für 24 Stunden angeboten wird. „Wir müssen legale Wege finden, um Geld zu verdienen“, erklärte Lieberfarb in Hinblick auf die boomende Piraterie von Kinofilmen. Langfristig würden jedoch die Grenzen zwischen Verleih und Verkauf verschmelzen, da die Distribution der technologischen Infrastruktur folge und in Zukunft jede Art von Content auf einem i-Pod verfügbar sein werde.

Der technologische Fortschritt könne und solle nicht aufgehalten werden, meinte der Staatsminister Bernd Neumann. Aber es sei Aufgabe der Politik, seine Auswirkungen zu verfolgen und dort steuernd einzugreifen, wo Fehlentwicklungen absehbar seien. „Die Digitalisierung bedeutet nicht nur Herausforderung und Handlungsbedarf für die klassische Filmindustrie, sondern auch für diejenigen, die auf politischer Ebene dafür Verantwortung tragen.“
Für die Kinos sei es inzwischen nicht mehr die Frage, ob die digitale Distribution komme, sondern nur noch, wann und wie. Die Filmförderungsanstalt lasse derzeit in zwei Gutachten prüfen, wie die technischen Standards dafür aussehen müssten und unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen sich gerade für die kleinen und mittleren Kinos die technische Umrüstung überhaupt rentiere. Aus der Sicht des Kultur- und Medienpolitikers dürfe die digitale Distribution nicht dazu führen, dass die Vielfalt in den Kinoprogrammen verloren gehe und nur noch amerikanische Blockbuster im Kino liefen. „Hier spielt das so genannte Key-Management, die Verschlüsselung, eine wichtige Rolle und die Frage, wer letztlich Herr im Kino ist: der Betreiber oder der Verleih.“
Über ein entsprechendes Businessmodell für das digitale Kino tauschten sich internationale Experten bei einer Diskussionsrunde der britischen Firma Arts Alliance Media aus, die den Firmen auf dem European Film Market die Digitalisierung von Filmen, Trailern oder Promo-Reels für ihren Screening-on-Demand-Service anbot. Während der XDC-Vertreter John B. Birchell sich überzeugt zeigte, dass sich mit Hilfe des digitalen Kinos auch neue Zuschauer generieren lassen, sofern das Businessmodell dem lokalen Markt angepasst wird, hielt Julian Levine, Digitalkino-Experte bei der 20th Century Fox, nur im 3D-Bereich ein echtes Wachstum des Marktes für möglich. „Die Verleiher, Kinos und Werbefirmen brauchen ein faires Modell“, betonte Chris Koppelmeier, Projektmanager der German Digital Cinema Group. „Wir benötigen ein finanzielles Konzept, das jedem Kino die Chance gibt, mitzumachen.“ In Deutschland werde erwogen, den Investitionsbedarf der Kinos bei der nächsten Novellierung des Filmförderungsgesetzes zu berücksichtigen, das ab 2009 in Kraft treten soll.

Streit um Nutzungsarten
Für Zündstoff bei einer filmpolitischen Debatte der CSU-Filmkommission auf der Berlinale sorgte die im Urheberecht geregelte Wahrnehmung unbekannter Nutzungsarten. Im Filmbereich ist dabei bisher ein Widerruf ausgeschlossen, da stets viele Urheber an einem Werk beteiligt sind. „Ein Produzent benötigt Planungssicherheit“, so der Staatsminister für Kultur und Medien, „die bei einem Widerrufsrecht jedoch nicht mehr gegeben ist.“ Ein Vertrag, in dem die Rechteübertragung zwischen Urhebern und Produzenten geregelt werde, sei daher ein geeigneter Kompromiss. Sowohl der Bundesverband Regie als auch die Arbeitsgemeinschaft sehen dadurch jedoch die Rechte der Urheber beschnitten. „Die Online-Auswertung galt bis 1995 als eine unbekannte Nutzungsart“, erklärte Thomas Frickel, 1. Vorsitzender der AG DOK. „Wenn die Rechte der letzten 30 Jahre rückwirkend abgetreten werden, wäre das ein Milliarden-Geschenk an die Verwerter.“ Eine Alternative dazu sei, die Rechte den Verwertungsgesellschaften zu übertragen, sofern die Rechteinhaber nicht auffindbar seien. „„Letztendlich ist das ein Streit, bei dem es nur ums Geld geht“, resümierte der Münchener Medienanwalt Johannes Kreile. Die Urheber könnten jedoch nur eine Beteiligung erhalten, sofern bei den Produzenten zunächst entsprechende Erlöse eingingen.
Auch die Lizenzfirmen suchen stets nach neuen Vertriebswegen und Auswertungsformen, um zusätzliche Erlöse zu generieren. Auf der Berlinale besiegelten das Kölner Lizenzunternehmen Splendid Film, Concorde Home Entertainment, Universum Film, WVG Medien und Polyband Deals mit 2movies, um künftig Content für diesen Online-Download-Service zu liefern. Die Plattform 2movies, die Warner Bros. Entertainment gemeinsam mit der Bertelsmann-Tochter Arvato Anfang 2006 in Deutschland gestartet hat, soll durch die frisch geschlossene Partnerschaft mit Yahoo!Deutschland zu einem Online-Film-Store ausgebaut werden.

Run auf European Film Market
Während gerade die älteren Produkte für die neuen Auswertungskanäle dringend benötigt werden, ist aufgrund der Vielzahl der Neuproduktionen der Lebenszyklus eines Films auf den Filmmärkten in den letzten ein, zwei Jahren verkürzt worden. „Früher haben wir Filme in Berlin, auf dem AFM, Cannes und der Mifed vorgestellt“, berichtete Thorsten Schaumann, Verkaufs-Chef von Bavaria Film International (BIF). „Inzwischen haben es Produktionen, die noch einmal präsentiert werden, erheblich schwerer.“ Um die Kunden gezielt auf die Produkte aufmerksam zu machen, sei eine intensive Vorbereitung erforderlich, um den Filmen ein eigenes Profil zu verleihen und mit Zusatzinformationen auf die Trailer hinzuweisen. „Der EFM ist für uns der wichtigste Markt“, betonte Schaumann. Als größter Verkaufsschlager erwies sich für BIF der tschechische Wettbewerbsbeitrag „Ich habe den englischen König bedient“ von Jiri Menzel, der in nahezu alle südamerikanischen Territorien veräußert wurde sowie nach Griechenland, Zypern und Taiwan. Auch in Deutschland und Großbritannien haben bereits einige Verleiher ihr Interesse daran angemeldet. Auf Anhieb verkauft wurde ebenfalls das israelische Antikriegsdrama „Beaufort“ von Joseph Cedar, das in Berlin den Silbernen Bären für die beste Regie gewonnen hat.

Eine beachtliche Reihe von Abschlüssen verzeichnete der deutsche Weltvertrieb Beta Cinema mit dem deutschen Wettbewerbsbeitrag „Die Fälscher“, der nach Frankreich, Skandinavien, Benelux, Polen, der Tschechischen Republik, Ungarn und Korea ging. Den zweiten deutschen Wettbewerbsfilm „Yella“ von Christian Petzold, der Nina Hoss einen Silbernen Bären als beste Darstellerin einbrachte, verkaufte The Match Factory an den Schweizer Verleih Frenetic.
„Der EFM ist die ideale Plattform, um europäische Filme weltweit zu exportieren“, versichert Adriana Chiesa, Chefin des italienischen Weltvertriebs Adriana Chiesa Enterprises. In diesem Jahr sei die Anzahl der Einkäufer zwar gestiegen, der Markt generell allerdings schwächer gewesen. „ Eine denkbare Ursache ist, dass durch die Verteilung der Stände auf die verschiedenen Hotels und Business Offices eine geringere Konzentration von Einkäufern vorhanden war“, so Chiesa. „Es ist schwierig, dafür eine Lösung zu finden, denn das ist die Konsequenz des wachsenden Marktes.“
Auf dem European Film Market waren 259 Firmen an 115 Ständen präsent, die den 878 Einkäufern in 31 Kinos insgesamt 702 Filme präsentierten. Doch selbst der dreistöckige Martin-Gropius-Bau reicht längst nicht mehr aus, um die wachsende Nachfrage der Aussteller nach Standflächen bedienen zu können. Rund 40 Firmen quartierten sich in den Business Offices am Potsdamer Platz ein, andere Unternehmen mieteten Suiten im Hyatt, Ritz-Carlton oder Marriott. Um weitere Ausstellerflächen im Martin-Gropius-Bau zu erhalten, wurde das Restaurant dort in ein Spiegelzelt ausgelagert. „Für ein Business-Lunch war das Spiegelzelt optimal“, freut sich die EFM-Leiterin Beki Probst. „Viele Firmen haben dort mittags einen Tisch reserviert.“ Insgesamt war sie mit dem EFM sehr zufrieden. „Der Markt wird immer größer und wir müssen mit den Konsequenzen dieses Wachstums leben.“
Birgit Heidsiek (MB 03/07)


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