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Gigabit-Ausbau statt Brückentechnologie

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Gigabit-Ausbau statt Brückentechnologie

Zum 3. Mal luden die TK-Verbände ANGA, BREKO, BUGLAS und VATM sowie der FTTH Council Europe zum Symposium Breitbandpolitik am Rande der IFA nach Berlin ein. Mit dem Titel der Veranstaltung – „Der Weg in die Gigabit-Gesellschaft“ – machten die Veranstalter unmissverständlich klar, dass der Ausbau auf mindestens 50 MBit pro Anschluss jetzt schon antiquiert ist. Sie sind längst mehrere Schritte weiter und fordern von der Politik, stattdessen den Ausbau der Gigabit-Gesellschaft zu fördern.

„Die Unterversorgung des ländlichen Raums wird auch mit 50 Mbit eine Unterversorgung bleiben“, brachte es Martin Witt, VATM-Präsident und CEO der 1&1 Telecommunication SE auf den Punkt. „Davon abgesehen, geht es nicht nur darum, auch Gewerbegebiete sind oft genug nicht gut angebunden.“ Daher sei es jetzt wichtig, Netze zu bauen, die die Anforderungen der nächsten Jahrzehnte erfüllen würden.

„Politik und Wirtschaft müssen dafür eine kluge Breitband-Strategie aufsetzen“, fordert Witt. Das setzt voraus, dass eine zukünftige Breitbandförderung klar auf Gigabit-Technologie setzen müsse und nicht auf Brückentechnologie, wie sie aktuell von der Telekom verbaut wird, die ihre Kupferkabel mit Hilfe des Vektoring schneller macht. Diese sei allerdings keine Technologie, die Gigabit-Verbindungen erlaube, wie sie eine moderne digitale Gesellschaft benötige. Um den Gigabit-Ausbau richtig in Gang zu setzen und zu beschleunigen, sind, laut Witt, gleichermaßen Wettbewerb und Regulierung notwendig. Quasi-Monopolisten wie die Telekom, die im Anschlussbereich mit 80 Prozent noch marktbeherrschend ist, sollen nach wie vor reguliert werden, um so zu verhindern, dass sie sich die kommerziell attraktiven Gebiete für eine Aufrüstung sichern während die anderen dadurch abgehängt werden. „Nur durch Wettbewerb wird die Telekom gezwungen in schnelle Netze zu investieren“, stellt Witt aufgrund von Erfahrungswerten an Orten fest, wo es tatsächlich Wettbewerb gibt. 

Da die Telekom in erster Linie auf nicht-gigabit-fähiges Vektoring setzt, sind es die Wettbewerber, die bislang über 80 Prozent der Glasfaser-Anschlussnetze (Fibre-to-the-Building/FTTB und Fibre-to-the-Home/FTTH) errichtet haben. Auch die HFC-Netzbetreiber (das sind die Kabelanbieter) haben begonnen ihre Netze mit dem Gigabit-Standard DOCSIS 3.1 aufzurüsten. Aber auch hier muss man sich bewusst sein, dass es 100 Prozent Glasfaser nur bei Fibre-to-the-Desk (FTTD) gibt, wenn also der gesamte Weg bis ins Endgerät aus Glas besteht und nicht nur bis zum Verteilerkasten auf der Straße (Fibre-to-the-Curb/FTTC), aufs Grundstück (FTTB) oder bis zur Anschlussbuchse in der Wohnung (FTTH). Das jeweils mehr oder weniger lange Kupferkabel dazwischen kann sich schnell als der entscheidende Bottleneck heraus stellen. Die zukünftige Mobilfunktechnologie 5G soll nach Ansicht der Beteiligten nicht als Ersatz für Breitbandkabel genutzt werden beziehungsweise, um die Lücke zum Giganetz zu schließen, sondern ausschließlich als eigenes Netz zusätzlich zu einem lückenlosen terrestrischen Ausbau.

Die das Breitband-Symposium tragenden TK-Verbände ANGA, BREKO, BUGLAS, VATM sowie das FTTH Council Europe sehen ein hohes Nachfragepotenzial für Breitbandanschlüsse bis 2025. 12,2 Mio. Haushalte und 300.000 Unternehmen würden sich demnach einen Anschluss mit einem Gigabit oder mehr als Downstream zulegen. Das wären 29,7 Prozent von 41,144 Mio. deutschen Haushalten. Rund 18,4 Mio. Haushalte, bzw. 44,8 Prozent würden auf ein Downstream zwischen 500 und 1.000 Mbit/s zurück greifen.

 

Enorm steigender Bandbreitenbedarf

Der Bedarf an schnellen Anschlüssen im Privatbereich läge im steigenden Online-Konsum von Streamingangeboten und Onlinegames begründet, wie Klaus Goldhammer, GF der Agentur Goldmedia, ausführte – und dann kommt noch Virtual Reality hinzu, das umso mehr Daten braucht, je realistischer es sein soll, was übrigens auch für das Online- beziehungsweise Cloud-Gaming gilt, bei dem die Grafiken noch längst nicht fotorealistisch, also ausbaubar, sind. Kommt es zu einer parallelen Nutzung von Online-Diensten steigt der Bedarf schon jetzt schnell auf bis zu 150 Mbit/s Download hat Goldmedia errechnet. Bis 2025 steigt der Bedarf entsprechend an. 

Dass der Bedarf tatsächlich da ist, erkennt man daran, dass die Zahl der Anschlüsse von 100 Mbit/s und mehr jährlich um 50 Prozent steigt. Ebenfalls berücksichtigt werden muss bei der Berechnung des zukünftigen Mehrbedarfs, dass manche Anwendungen nur richtig nutzbar sind, wenn unterwegs keine Informationen verloren gehen (packet loss) und es keine Latenzzeit gibt. Das betrifft nicht nur VoD und Gaming, sondern auch Videokonferenzen, e-Health und Home Office. Klaus Goldhammer machte eine Beispielrechnung mit einem Unternehmen auf, das 100 mit Internet ausgerüstete Arbeitsplätze sowie zehn Mitarbeiter mit Home Office hat. Dafür wären 2015 in der Spitze 1,3 Gbit/s Kapazität notwendig. Und damit es keine Probleme gibt, muss sich der Ausbau an der Spitze orientieren, sonst macht es kaum Sinn. 

„Es sind innovative Unternehmen, Start-Ups und Early Adopters, die ganz besonders auf schnelles, ausfallfreies Internet angewiesen sind“, betont Goldhammer. Doch damit endet es nicht. Noch ist nicht klar, welche Bandbreiten eigentlich die Emerging Technologies brauchen, also Künstliche Intelligenz (KI), selbstfahrende Autos, Industrie 4.0, Cloudanwendungen, et cetera. Werden die Bandbreiten nicht flächendeckend zur Verfügung gestellt, kommt es in den abgehängten Gebieten einerseits zu einem Investitionsstau, womöglich sogar zu Abwanderungen. 

„Für eine flächendeckende Glasfaserinfrastruktur im Gigabit-Bereich in der kompletten Europäischen Union sind Investionen von rund 137 Billionen Euro notwendig“, erklärte Erzsébet Fitori, Director General des FTTH Council Europe. „Natürlich gibt es Regionen, in denen das Ziel ohne Subventionen nicht erreicht werden kann“, fährt sie fort. „Doch in den Fällen muss sichergestellt sein, dass Subventionen nicht Privatinvestitionen verdrängen und Monopole schaffen.“ Gleichzeitig fordert sie, dass die subventionierten Netze ‚Open Access‘-Netze sein müssen. In Richtung Deutschland sagte sie: „Um die anhaltende globale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie zu sichern, sollte eine zukunftssichere Breitbandinfrastruktur, die die Industrie 4.0 ermöglicht, oberste Priorität haben.“

Bei solch gigantischen Investitionsvolumen stellt sich die Frage der Refinanzierung. Einer der Gründe, warum der Ausbau bisher so schleppend verlief, da die hohen Vorleistungen eher abschreckend wirken. Jochen Homann, der Präsident der Bundesnetzagentur, rief die Beteiligten allerdings dazu auf, nicht auf die Nachfrage zu warten, sondern in Hinblick darauf zu bauen. Andererseits haben die Ausführungen von Klaus Goldhammer gezeigt, dass es eine Nachfrage gibt, die auch stetig steigt. Auch Andreas Mundt, der Präsident des Bundeskartellamts, sieht die Notwendigkeit eines Ausbaus auch wenn die Refinanzierung eventuell etwas länger dauern wird: „Natürlich brauchen wird das schnelle Internet“, sagt er. „Selbst wenn der Verbraucher es nicht für sich zuhause will, er will es für 

e-health-Anwendungen und eine wettbewerbsfähige Industrie – das zu diskutieren, ist kaum anders, als übers Wetter zu reden. Wir befinden uns in einem Transformationsprozess. Die einen brauchen dringend schnelles Internet, was nicht unbedingt finanzierbar ist und man weiß auch nicht wann die Nachfrage der Privatnutzer durch Streamingdienste und ähnliches anspringt.“ Das beste wäre daher die Finanzierung auf mehrere Schultern zu verteilen – auch unter Beteiligung der Telekom. „Wir sind offen für solche Kooperationen, wenn sie konkret an uns heran getragen werden und wir sie konkret prüfen können – dann stehen wir auch beratend zur Seite“, rollte Mundt den Firmen den roten Teppich aus und ergänzte: „Der Wettbewerb ist der einzige Innovationstreiber – auch für Monopolisten, weil sie befürchten müssen, von Newcomern vom Platz gedrängt zu werden.“

Reinald Krüger, Abteilungsleiter bei der Europäischen Kommission, erklärte: „Wir wollen den Infrastrukturwettbewerb. Dafür werden wir die SMP-Regularien (SMP = significant market power) überarbeiten sowie den Connecting Europe Broadband Fund öffnen, um gezielt Instrumente zur Förderung anbieten zu können.“ Konkret bedeutet dies, dass auch Leitungen jenseits der 300 Mbit/s beihilfefähig sein werden. Der mit der European Investment Bank (EIB) aufgelegte Fonds sollte bereits Mitte des Jahres seine Arbeit aufnehmen.      

Thomas Steiger

MB 4/2017

© VTTH Council Europe

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