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Gut Ding braucht Weile

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Gut Ding braucht Weile

Auf der NAB 2013 standen diesmal die Themen 4K-Produktion und Ultra High Definition TV (UHDTV) ganz oben auf der Tagesordnung. Weitere Top-Themen, die Aussteller und Besucher gleichermaßen bewegte, drehten sich unter anderem um Cloud-Services, hoch integrierte Systeme für den Multiscreen-/Multiplattform-Einsatz und neue Tools zur Optimierung von filebasierten Workflows.

So manchem Rundfunkprofi erscheint es geradezu unwirklich, dass die weltgrößte Broadcastmesse NAB jedes Jahr in der Spielerstadt Las Vegas stattfinden muß. Seriöses Business auf dem Parkett einer glitzernden Traumwelt passt für sie schlecht zusammen. Das kann man aber auch anders sehen. „In Las Vegas ist alles Show. Hier wird gezockt, getäuscht und versucht, andere über den Tisch zu ziehen“, meint salopp ein Besucher aus Deutschland. Im Geschäftsleben sei das doch oft nicht viel anders. Unter diesem Blickwinkel betrachtet gewinnt so manches NAB-Engagement gleich eine andere Dimension. Das betrifft auch die Versuche, die Kongressmesse mit Hype-Themen aufzuladen. In diesem Jahr stand das Kürzel 4K dafür. Es bezeichnet die Video-Auflösung mit 3.840 x 2.160 Bildpunkten. Das sind viermal so viele wie die gegenwärtig genutzte HDTV-Auflösung hat. Der Einsatz von 4K und auch 8K (7.680 × 4.320 Pixel), eine weitere Vervierfachung der Pixel, wird als Ultra High Definition Television (UHDTV). In Japan wird das 8K-Format auch Super Hi-Vision (SHV) genannt. Der japanische Rundfunksender NHK präsentierte in der Nordhalle der Convention Hall von Las Vegas, im Rahmen des NAB Futures Lab, eine in der Tat sehr eindrucksvolle SHV-Live-Übertragung, zusätzlich aufgewertet mit 22.2 Mehrkanalton. Die gezeigten 8K-Aufnahmen entstanden im vergangnen Sommer in Zusammenarbeit mit der BBC und dem Olympic Broadcasting Service bei der Sommerolympiade in London. Die mögliche Einführung von 8K im Digital Cinema oder Fernsehen wird indes noch viele Jahre dauern. Produktion und Ausstrahlung von 4K-Programmen könnte jedoch schon in naher Zukunft geschehen. Der Ansicht waren zumindest viele auf der NAB vertretenen Unternehmen.

Als wichtigster Treiber der 4K-Entwicklung präsentierte sich hier Sony. Auf seiner NAB-Pressekonferenz war der japanische Elektronik-Konzern sehr darum bemüht, seine innovative Kraft stärker in den Vordergrund zu stellen. Beim Thema 4K setzt Sony dabei alles auf eine Karte. Kein anderes Unternehmen pokerte in Las Vegas bei diesem Thema so hoch. Offensichtliches Motto dabei: 3D ist tot, es lebe 4K. Sony machte vor allem klar, dass es als einziges Unternehmen heute in der Lage ist, 4K-Technik in der gesamten Wertschöpfungskette von der Produktion über die Bearbeitung bis hin zur Wiedergabe bereitzustellen und bereits heute funktionierende 4K-Workflows am Start hat. Selbst für die Endverbraucher präsentierte Sony auf der NAB schon zwei 4K-LED-Fernsehgeräte mit 55 und 65 Zoll Bilddiagonale zum Kostenpunkt von 5.000 beziehungsweise 7.000 US-Dollar, sowie ein 4K-Player (FMP-X1) und einen 4K-Beamer. Der Player wird zunächst mit zehn 4K-Filmen ausgeliefert. Im Herbst soll dann ein Abo-Dienst folgen, über den FMP-X1-Besitzer weitere 4K-Filme von Sony und anderen Studios beziehen können.

Herzstück der 4K-Produktionsumgebung von Sony bildet das 4K-Format XAVC. Mit der Entwicklung von XAVC möchte Sony das 4K-Format nicht nur im professionellen HDTV-Markt weiter etablieren, sondern auch den Consumer-Markt verstärkt erschließen. XAVC ist laut Sony als zukunftssicherer Codec konzipiert, der dem raschen Wandel in den Anforderungen der Content-Produktion in 4K und der Benutzung von HighFrameRates gewachsen ist. „Durch das neue XAVC-Format unterstreicht Sony sein Engagement für hochwertigen Content im Consumer-Markt“, sagt Takao Yoshikawa, Corporate Vice President von Sony. „Im 4K-Format aufgezeichnete HDTV-Sendungen sind von atemberaubender Qualität. Auf dieser Grundlage können Sendeanstalten und Produktionsfirmen ab sofort ein zukunftssicheres Angebot an hochwertigem Content aufbauen.“ Das XAVC-Format von Sony nutzt MPEG-4 AVC/H.264 Level 5.2 als Videokomprimierungs-Codec. Dieser auf Industriestandards basierende Codec zeichnet sich durch die zurzeit höchstmögliche Bildauflösung und Bildwechselfrequenz aus. XAVC bietet zudem eine Vielzahl an Möglichkeiten für die Content-Produktion, allen voran die Unterstützung von Proxy- bis 4K-Auflösungen, die Intra-Frame- oder zukünftig auch Long-GOP-Bearbeitung sowie eine 1080/50P/60P-Infrastruktur. XAVC ist ein offenes Format, das laut Sony bereits von 31 weiteren Herstellern unterstützt wird. Als Ergänzung zu XAVC stellte Sony auf der NAB das neue auf den Konsumer-Markt ausgerichtetete XAVC-S Format vor, das MP4 Encoding für 4K- und HD-Video unterstützt.

Aufnahmeseitig war bei Sony die Vorstellung der SRMASTER-Kamera F65 mit 35-mm-8K-CMOS-Sensor in der Version 3 mit Upgrade Kit ein Highlight.

Das Upgrade erlaubt der Kamera die Unterstützung von zwei unabhängigen SDI Outputs und den Einsatz des DVF-EL100 0.7-inch OLED Bildsuchers. Auch gezeigt wurden die PMW-F55 und PMW-F5 CineAlta 4K-Kameras mit neu entwickelten Super-35mm 4K CMOS Bildsensoren und modularem Design, das den Anschluß zahlreicher Peripheriegeräte ermöglicht. Ende April 2013 waren laut Sony bereits über PMW-F55 und PMW-F5 weltweit verkauft.

Kritiker wiesen zur NAB darauf hin, dass Sony bei der Entwicklung der 4K-Kameras sich in den Bereichen Software und Bedienelemente sehr stark an Konkurrenzprodukte von Arri und Red angelehnt habe und im Grunde wenig eigene innovative Komponenten vorweisen könne. Bei Sony selbst sieht man das ganz anders. Hier weist man gerne darauf hin, dass die Investitionsanstrengungen in Forschung und Entwicklung im Broadcast-Geschäftsbereich insgesamt im Verhältnis zu den hier tatsächlich generierten Umsätzen sehr hoch seien. Mit Broadcast mache der Konzern nur rund fünf Prozent Umsatz, heißt es, setzte hier aber 50 Prozent seiner Forschungs- und Entwicklungsgelder ein.

Sony stellte auf der NAB 2013 zudem die Prototypen von zwei 4K-OLED-Monitoren vor: ein 30-Zoll-Monitor (4.096 x 2.160) und ein 56-Zoll-Modell (3.840 x 2.160). Beide Monitore zeichnen sich laut Hersteller durch eine außerordentlich exakte Signalwiedergabe aus und sollen die Produktion von 4K-Inhalten beschleunigen. Sony plant den 30-Zoll-Monitor bereits 2014 auf den Markt zu bringen.

„2012 hat Sony seine Rolle als Innovationstreiber, der heute schon die Rundfunkzukunft möglich macht, zementiert. Wir agieren im Zentrum der revolutionären Umbrüche in der Industrie“, betonte Olivier Bovis, Head of AV Media, Sony Europe, mit Begeisterung. Sonys F-Series-Kameras und der speziell dafür vorgesehene XAVC Codec sorgten heute schon dafür, dass 4K-Inhalte neuen Nutzergruppen weltweit bereitgestellt werden könnten. „Die NAB 2013 ist für uns die perfekte Plattform, um unseren Kunden zu zeigen, wie mit unserer Technologie einem wachsenden Publikum ein immer besseres Seherlebnis geboten werden kann“, meinte er.

Beobachter auf der NAB waren sich jedoch darüber einig, dass Sony hier mächtig übertrieb. Man geht zwar davon aus, dass 4K gute Chancen hat, jedenfalls deutlich bessere als 3D, auf dem TV-Markt zu avancieren. Aber man wies auch gerne auf die vielen offenen Fragen und Probleme hin, die bis dahin noch zu lösen sind. Zunächst einmal fehlt es noch an Video-Decoder-Chips für UltraHDTV. Der Chiphersteller Broadcom wird voraussichtlich erst Mitte 2014 mit dem BCM7445-Chip auf den Markt kommen, der mit vier integrierten Echtzeit-Transcodern, die jeweils 1080p 30 und die Videokompression HEVC (H.265) beziehungsweise MPEG-5 unterstützen, Auflösungen von 4.096 x 2.160 Pixeln bei 60 Bildern pro Sekunde verarbeiten können. Bei H.265 solle ein Videostream bei gleicher Qualität wie bei H.264 nur die halbe Bandbreite benötigen. Noch ist die Standardisierung von HVEC aber nicht abgeschlossen.

Dann sind auf Seiten der Produktionshäuser Investitionen nötig, um 4K-Produktionen realisieren zu können. Auf der Programm-Seite wäre zu klären, welche Inhalte, wie in 4K dargestellt werden können oder sollen. Bei Live-Events sind möglicherweise wieder teuere Parallelproduktionen nötig. Im Bereich der Distribution müssen die Voraussetzungen für die benötigten Bandbreiten geschaffen werden. Es fehlen natürlich auch noch die Geschäftsmodelle für die Vermarktung von 4K-Content und am Ende eine ausreichende Zahl Empfangsgeräte am Markt. Also wird man wohl noch ein paar Jahre warten müssen, bis sich 4K tatsächlich als neues Bilderlebnis in den Haushalten durchsetzen wird. Denkt man sehr positiv, so wie bei Sony, dann müsste man schon einen Volltreffer in Sachen Konsumenten-Adaption landen. Aber das ist so wahrscheinlich wie am Roulett-Tisch in Las Vegas eine bestimmte Zahl zu treffen.

4K-Support

Trotzdem war 4K natürlich an vielen anderen Ständen auf der NAB ein Top-Thema. Immer mehr Unternehmen beeilen sich mit ihren Systemen den 4K-Workflow zu unterstützen. Dazu gehören im Prinzip alle, die Equipment zur Content-Produktion, -Bearbeitung und -Verteilung anbieten. Allerdings sind die Unternehmensstrategien bei 4K sehr unterschiedlich. Wie schon bei 3D warten die meisten erst einmal ab, was passiert, signalisieren aber sicherheitshalber schon jetzt: „Das können wir auch“. Bei fast allen Herstellern zentraler Komponenten wie Kreuzschienen, Bildmischer und Servern ebenso wie bei Herstellern von Encodern/Decodern oder Schnittstellen-Equipment fand man dann auch den deutlichen Hinweis „4K Ready“.

Mathias Eckert, Vizepräsident Vertrieb und Services Europa und Afrika (EA) bei Harris Broadcast, erklärte in dem Zusammenhang: „Wir haben zu allen Zukunftsthemen gute Anworten. Und natürlich zeigen wir hier auf dem Stand auch komplette 4K-Lösungen. Alle unsere Produkte sind mit ‘4K Ready’ gelabelt und können ohne Ummodellierung 4K verarbeiten, egal ob unsere Videoserver, Kreuzschienen oder die Konvergenzplattform Selenio. 4K bedeutet im Grunde nur vier 3Gig-Signale, die parallel laufen. Das ist für uns deshalb mehr ein Workflow-Thema.“ Harris sei sehr daran interessiert, mit den Industriepartnern und Organisationen wie SMPTE oder FIMS einen neuen 4K-Produktionsstandard zu verabschieden. 4K sei sicherlich eine Technologie mit der man umgehen könne. „Sie entwickelt sich deutlich schneller als früher HD oder 3D, auch in Sachen Populariät in der Industrie“, meinte Eckert. Auch für das breite Publikum sei 4K sicherlich attraktiver als 3D. Das Signal sei auch viel einfacher zu produzieren und zu distribuieren. Eckert: „Trotzdem gehe ich davon aus, dass 4K erst in drei bis sechs Jahren eine gewisse Marktrelevanz erfahren wird. Wir wissen, wie das Signal gehandelt werden kann, jetzt muss es erst einmal standardisiert werden. Und dann muss der Standard industrialisiert werden. Das heißt, es müssen Endgeräte gebaut und auf den Markt gebracht werden, die auch jeder bezahlen kann.“

Sehr viel Bewegung in Sachen 4K war auf der NAB 2013 auf dem Markt der digitalen Videokameras auszumachen. Hier wurden zahlreiche neue leistungstarke Aufzeichnungssysteme, unter anderem von Blackmagic, Canon, Red und Panasonic vorgestellt. In der Juni-Ausgabe von MEDIEN BULLETIN wird darauf näher eingegangen. Interessante Anwendungsmöglichkeiten für 4K-Bilder, auch das wurde auf der NAB deutlich, gibt es natürlich auch über den TV-Einsatz hinaus. So bot zum Beispiel Orad an seinem Stand gemeinsam mit Eyevis, einem deutschen Spezialisten für Großdisplays, eine Live-Demonstration von UltraHD-Video und -Grafiken auf Großbildwänden. Mit dem vorgestellten schlüsselfertigen System „PowerWall“ können graphische Darstellungen bis zu 16K-Auflösung vorgeführt werden. Orad setzt zudem auf die Render-Performance von HDV64, um auch auf großen Videobild-Wänden pixelfreie Vorführungen von Livevideos und Graphiken zu garantieren. PowerWall verknüpft Videos mit graphischen Darstellungen und kann auch Graphiken in Bilder integrieren. Insgesamt stehen acht 3G-Kanäle und 16 HDSDI-Kanäle für den Output zur Verfügung. Eyevis bringt dabei das Vorführsystem „OmnisSHAPES“ ein, mit dem sich Großbildvorführungen in den unterschiedlichsten Formen und Größen realisieren lassen. Die modularen Display Tiles lassen sich in unterschiedlichen Varianten ausführen und gruppieren. Auch die Installation der Bildwände ist variabel. Diese lassen sich aufstellen oder an Wänden und Decken anbringen. OmniSHAPES verwendet für die Vorführung einen DLP-Projektor (One Ship) und LED-Displays. Die Bildbausteine (Tiles) können einzeln wie auch gruppiert bespielt werden. Eine automatische Farbkalibrierung sowie ein Trackingsystem sorgen für die nötige Stabilität bei der Farbwiedergabe und Helligkeit, ohne dass während der Vorführung manuell nachreguliert werden muss. Die NAB-Veranstalter zeigten sich übrigens mit dem Verlauf der Kongressmesse hoch zufrieden. Zum Ende der Show meldeten sie, dass die Ausstellungsfläche um zehn Prozent erweitert werden konnte. Rund 1.600 Unternehmen präsentierten sich in den Messehallen. Die Zahl der Besucher wurde mit 92.414 angegeben. Darunter waren knapp 25.000 internationale Besucher aus 154 Ländern.

Wie letztes Jahr wurden zur NAB 2013 auch wieder die besten Stände mit dem ACE Award (Awesome Cool Exhibits) ausgezeichnet. Sieger bei den Ministänden (bis 37 qm) wurde MediaSilo, bei den kleineren Ständen (bis 93 qm) SCISYS, bei den mittelgroßen Ständen (bis 126 qm) Riedel Communications und bei den großen Ständen (über 126 qm) VIZRT. Nominiert waren insgesamt die Messestände von 40 Ausstellern. Bewertet wurde von einer NAB-Jury die Kreativität, Effektivität, Struktur und Gesamteindruck des Standdesigns. So unwirklich wie für manche die Broadcast-Messe in der Spielerstadt wirkt, kam die Auszeichnung bei Riedel an. Die Wuppertaler hatten ihren Stand bereits im siebten Jahr in Las Vegas im Einsatz und dachten schon über einen Neubau nach. „Gut Ding braucht Weile“ könnte man meinen. Das trifft dann wohl auch beim Thema 4K zu.
Eckhard Eckstein
(MB 05/13)

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