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Herkulesaufgabe

Seit Anfang 2010 gilt in Deutschland HD als Standard in Produktion und täglichem Sendebetrieb. Die Medien Bildungsgesellschaft Babelsberg bietet seit März 2007 in der von ihr konzipierte Veranstaltungsreihe HD AT WORK umfangreiche Informationsveranstaltungen, Seminare und Workshops für die praxisbezogene Fortbildung der Film- und TV-Branche im HD-Bereich. Ende November beendete sie ihr Seminar-Jahr mit dem HD-Forum „Filebasierte Workflows in HD - Fragen & Antworten“. Fünf Experten berichteten hier aus ihrer Praxis.

„Über den filebasierten Workflow wird viel gesprochen, aber was das bedeutet, wissen wir noch nicht“, beschreibt Niklaus Kühne, Programmstrategie und -planung des Schweizer Fernsehens, die aktuelle Situation beim Projekt Media Explorer des SR. Eine Aussage, die als Zwischenfazit der Umstellung ihre absolute Gültigkeit hat, wie die Vorträge des Tages zeigten. Nimmt man aber die Aussage und koppelt sie mit einem Rat von Andy Quested, Head of Technology bei der BBC, wo er für HD und 3D zuständig ist, wird deutlich, welche Herkulesaufgabe sich Sender und Produktionsfirmen mit der Umstellung auf filebasierte Workflows und Speicherung aufgebürdet haben. „Beim filebasierten Workflow sollte man sich unbedingt einen Codec und ein Verpackungsformat auswählen. Man sollte alle notwendigen Parameter definieren, unbedingt an ihnen fest halten und keine anderen Anlieferungsformate akzeptieren“, riet Quested mit Nachdruck und fügte hinzu: „Und das Schöne daran ist: Es funktioniert auch in 3D!“.

Hält man sich nicht eisern an diese Regel, kann es schnell passieren, dass man viel Geld und Zeit ins Konvertieren investieren muss oder das Material gar nicht nutzen kann. „Files werden ständig umgewandelt und wenn man bei diesem Prozess die Regeln nicht peinlichst genau beachtet, kommt da schnell ein ziemlicher Mist raus“, warnte Quested. Und selbst wenn man die Regeln beachtet, kommt es durch jede Umwandlung in ein anderes Format zu Qualitätsverlusten. Kühne berichtete weiter, dass die Umstellung auf den filebasierten Workflow zurzeit noch von zwei Hindernissen geprägt ist. Einerseits behindert die Umstellung auf die filebasierte Arbeitsweise den Arbeitsprozess in den Redaktionen, weil Fragen nach notwendiger Software, dem Aufbau der Infrastruktur oder dem Abschluss der Umstellung nicht wirklich beantwortet werden können. „Andererseits fragen Redakteure nicht nach der Technik. Sie verlangen von ihr, dass sie einsetzbar ist und sie über einen fehlerfrei arbeitenden, voll funktionierenden und effizienten Arbeitsplatz verfügen“, meinte Kühne. Um Redakteure für die neue Technologie zu gewinnen, würden sie in Workshops mit ihren Vorteilen vertraut gemacht.

Doch durch die neue Technik entstehen zugleich erhöhte Anforderungen, denen Rechnung getragen werden muss. Etwa bei der Geschwindigkeit beim Datenzugriff, bei der Möglichkeit ohne Geschwindigkeitsabstriche von mehreren Arbeitsplätzen aus auf dasselbe Material zuzugreifen oder beim ortsunabhängigen Zugriff, der von einem anderen als dem eigenen Arbeitsplatz statt findet, von Unterwegs oder von Zuhause. Verbunden ist die Umstellung überdies mit enormen Investitionen, von denen laut Kühne noch nicht klar ist, ab wann sie sich überhaupt rechnen. Quested hingegen benennt das Einsparpotenzial bezogen auf die komplette Infrastruktur mit 35 Prozent.

ARD will gemeinsames digitales Archiv

Josef Lipp, Betriebsleiter beim NDR-Fernsehen meinte mit Blick auf die HDTV-Entwicklungsgeschichte: „Ich bin froh, dass wir die Umstellung auf 16:9 unabhängig von der Umstellung auf HD vollzogen haben, denn schon hier mussten viele technische Aspekte beachtet werden. Insofern war die 16:9-Umstellung ein Zwischenschritt zu HD.“ Mit HDTV und dem filebasierten Workflow strebt die ARD ein gemeinsames digitales Archiv an. Um dies zu ermöglichen, muss man sich vorerst aber auf eine einheitliche Struktur und Verwendung von Metadaten einigen, die bei der Aufnahme beziehungsweise der Digitalisierung des analogen Bestands verwendet wird, damit Zugriff und weitere Verarbeitung unkompliziert erfolgen können. Für den NDR zumindest gilt ab diesem Jahr der rein filebasierte Workflow, der unter dem Namen VPN (Vernetzte Produktion NDR) läuft. Aufgezeichnet wird aus einer praktischen Erwägung heraus auf Disc-Kameras. „So müssen wir keine Speicherchips überspielen und können schneller arbeiten“, sagte Lipp. Die Discs werden nach der Überspielung in den Ingest-Server entsorgt.

Auf die allgemeine und aktuelle Problemlage des filebasierten Workflows im Bild- und Tonbereich ging Reinhard Knör vom Institut für Rundfunktechnik (IRT) ein. Grundproblem sei die Vielfalt der unterschiedlichsten Kameramodelle, Speichermedien, Audiosteuerungen und Verarbeitungssysteme in den Sendeanstalten, meinte er. Um dieses Problem zu lösen und verlässliche Standards zu etablieren, hat die EBU die Arbeitsgruppe HIPS (EBU Technical project on the Harmonisation and Interoperability for HDTV Production Standards (P/HIPS)) zur Festlegung übergreifender User-Anforderungen, zum Beispiel der Metadaten oder der Kompatibilität des Material Exchange Format (MXF), gegründet. „Es braucht eine betriebliche Regelung, wie die Bild- und Tondaten encodiert, decodiert und ausgetauscht werden“, erklärte Knör. „Zusätzlich brauchen wir eine automatische Qualitätskontrolle, da man nie weiß, wie genau das Material ausgeliefert wurde.“ Dies sei am einfachsten über allgemeingültige Regeln zu bewerkstelligen. Schließlich würde es immer eine Konvertierung von Daten geben und die filebasierte Umgebung eines Senders würde sich immer von der eines Anderen unterscheiden. „Das macht es umso wichtiger, sich über die Qualitätskontrolle der eigenen filebasierten Umgebung Gedanken zu machen“, betonte Knör.

Unkomprimiert und ohne Konvertierung

Der Ansicht war auch Ernst Feiler, Head of Technology von Grundy UFA. Bei der Herstellung ihrer Movies und täglichen Serien arbeitet das Produktionsunternehmen seit Anfang 2010 ausschließlich unkomprimiert und ohne Konvertierung in nur einem Format. „Ab der Qualitätskontrolle wird das Programm noch häufig genug gewandelt“, sagte er. „Und das beste Akquiseformat ist nun mal das Format mit den bestmöglichen Informationen.“ Für Feiler sind HD und der filebasierte Workflow eine enorme Chance für die Produktionswirtschaft, die sich ständig verändernden Geschäftsmodellen gegenüber sieht, denen sie sich stellen muss. „Die Frage lautet nicht, ob man sein Geschäftsmodell verändern will, sondern wie sich diese Modelle verändern und wie ich sie mir zunutze machen kann“, sagte Feiler. Jedoch hänge diese Veränderung im ganz erheblichen Maße auch von der verfügbaren Bandbreite der Datenleitungen ab.

„Nur wenn wir diese zur Verfügung haben, können wir das, was wir in den vergangenen Jahren aufgebaut haben, wirklich nutzen“, sagte er in Richtung Politik. „Große Bandbreiten zu ermöglichen, ist eine Infrastrukturmaßnahme für die die Politik verantwortlich ist. Mit Hochgeschwindigkeitsnetzen ist es wie mit dem Bau der Eisenbahn im 19. Jahrhundert. Wo sie hinkam, siedelten sich auch Menschen an.“ Ein Vergleich, dessen Bedeutung erst in ihrem ganzen Ausmaß deutlich wird, wenn man bedenkt, dass damit Arbeitsplätze auf dem Land geschaffen und der Landflucht vorgebaut werden kann. Dezentrales Arbeiten wird schließlich nur dort möglich sein, wo es eine Breitbandversorgung gibt.

Die Verknüpfung des filebasierten Workflows mit Arris neuer digitaler Kamera Alexa macht für Feiler die Voraussetzungen für die Produktionswirtschaft perfekt. „Beim Fernsehen haben wir immer davon geträumt in 35mm zu drehen. Mit der Alexa ist das nun möglich“, schwärmt er. „Im Heimbereich sind 50-Zoll-Fernseher inzwischen Standard. Auf ihnen kann ich 35mm-Ästhetik wahrnehmen, die ich nun auch im laufenden Programm sehen möchte.“ Dass dieses Szenario nicht nur dem Anspruch eines ausgesprochenen Liebhabers qualitativ und ästhetisch hochwertiger Bilder entspricht, verdeutlichte Feiler mit der Anmerkung, dass es bei einem auf Super16 gedrehten Tatort bereits einen Versicherungsfall gegeben habe, weil das Korn nach dem Einscannen in HD unangenehm auffiel. Die Versicherung übernahm den 'Negativschaden'.

Das Korn wurde digital heraus gerechnet. Doch nicht nur die 35mm-Qualität macht die Alexa zu einer idealen Kamera für Serien und TV-Movies, sie bietet auch einen Direct-to-Edit-Workflow an, wodurch mehr Informationen zur Verfügung stehen als bei RAW-Daten. Bleiben die Kreativen, die die neue Technik anwenden müssen. „Da spare ich mir viele Diskussionen, wenn ich zu ihnen gehe und ihnen die neue Technik dadurch schmackhaft mache, dass ich ihnen die Nutzungsparameter und damit verbundenen Vorteile erläutere“, verrät Feiler.
Thomas Steiger
(MB 02/2011)

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