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Impulse aus London

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Impulse aus London

Die Megathemen 4k, Cloud-Infrastruktur und OTT standen auch bei der Kongressmesse TV connect 2015 in London im Vordergrund. Die Hersteller zeigten hier nicht nur Technik- sondern auch Infrastruktur-Lösungen, um das Geschäftsmodell im Free-TV nachhaltig zu verändern. Siemens Convergence Creators präsentierte eine Video-Plattform, die als Basis für das neue, kostenpflichtige VoD-Angebot kividoo von Super RTL dient und den Sender als „Netflix for Kids“ positionieren soll.

Die Zukunft des Fernsehens liegt in den Händen von jungen, global denkenden Top-Managern wie Ming Chow, die den digitalen Wandel als größte Chance seit Erfindung der Fernbedienung begreifen. „Change TV, change the future” lautet denn auch der ambitionierte Leitsatz des Hongkong-Chinesen, der kürzlich beim Messekongress TV connect 2015 in London die rasante Entwicklung des Fernsehgeschäfts Revue passieren ließ. „IP-Video hat die gesamte Industrie revolutioniert“, betonte der Marketingchef, der beim fernöstlichen Telko-Giganten Huawei für den Geschäftsbereich Digital Home zuständig ist. „Ich wage sogar zu sagen: Die TV-Branche wird auf den Kopf gestellt.“

Wohl wahr: Weltweit wirbelt die Digitalisierung das Geschäft mit der Herstellung, Bearbeitung und Verbreitung von Video und TV-Bildern kräftig durcheinander. Vor allem kostenpflichtige Streaming-Dienste „Over The Top“ (OTT) im Internet treffen den Sehnerv der Nutzer. Der US-Vorreiter Netflix etwa bedient inzwischen 62 Millionen Abonnenten rund um den Globus und attackiert das lineare TV und dessen starres Programmschema. Auch in Deutschland treibt Netflix die Entwicklung voran: Die Analysten von Digital TV Research schätzen, dass der Online-Anbieter bis zum Jahr 2020 über elf Millionen deutsche Streaming-Abonnenten erreichen wird, etwa 30 Prozent aller TV-Haushalte. Bereits bis 2018 wird sich laut Prognose der Strategieberatung Goldmedia der Umsatz mit Video-on-Demand (VoD) in Deutschland auf fast eine halbe Milliarde Euro verdreifachen.

Hinter diesem Marktwandel steht ein gewaltiger Innovationsprozess, der die Gefahr von Fehleinschätzungen und Investitionsgräbern birgt. Innovative technische Lösungen für das Geschäft mit IP-Bewegtbild stehen daher seit Jahren auf den globalen Broadcasting-Leitmessen IBC in Amsterdam und NAB in Las Vegas im Mittelpunkt. Auch die Londoner TV connect-Veranstaltungsreihe hat es in die Terminkalender der Broadcasting-Professionals geschafft: Mehr als 8.000 Besucher aus 83 Ländern weltweit zählte die 11. Show Ende April, die 2015 erstmals im Veranstaltungszentrum ExCel stattfand und vier Prozent mehr Teilnehmer als im Vorjahr zählte.

„Premium-TV bleibt auch weiterhin der Eckpfeiler der Multiplay-Konzepte, aber die Bundles werden sich weiter entwickeln”, fasst etwa Adam Thomas, Lead Analyst, Global TV Markets bei der Beratungsfirma Ovum, seine Eindrücke von der Messe zusammen. „OTT-Angebote etwa werden zunehmend mit stationären und mobilen Empfangsmöglichkeiten gebündelt.” Das traditionelle Werbefernsehen, so der Experte, bleibe das dominante Kommunikationsinstrument im Marketingmix, zunehmend erweitert durch personalisierte Werbemöglichkeiten im Addressable TV. Zugleich beobachtet Adam Thomas, dass traditionelle Fernsehunternehmen ihre digitale Diversifizierung im stationären und mobilen Internet ausbauen. „Subscription Video on Demand (SVoD) entwickelt sich nicht für TV zur Konkurrenz, sondern für den Absatz von Discs im Bereich Home Entertainment“, betont Adam Thomas.

Im Rahmen der TV connect 2015 präsentierte beispielsweise der Wiener Systemanbieter Siemens Convergence Creators seine Video-Plattform OTT SWIPE. Medien- und Telekommunikationsunternehmen nutzen diese Software, um Video- und Fernsehen über das Internet auf Endgeräte wie Smartphones, Tablet PCs, Connected TVs oder Set-top-Boxen zu verbreiten – inklusive Video- und Rechtemanagement, Payment und Abonnentenverwaltung. „Technologie ist aktuell der wesentliche Treiber von Innovationen im TV-Markt“, beobachtet Daniel Rui Felicion, CEO der Siemens-Tochter. Und manchmal auch der Schlüssel zu neuen Geschäftsmodellen: Die Plattform OTT SWIPE dient beispielsweise als Basis für kividoo, das neue, kostenpflichtige VoD-Angebot Super RTL, das seit Anfang Mai für 5,99 Euro monatlich abonniert werden kann.

Der Kölner Kindersender ergänzt mit diesem Schritt nicht nur die Werbefinanzierung des Programms, sondern schlägt gleichzeitig Brücken zur Konkurrenz: Als „Netflix for Kids“ verfügt das Portal bereits zum Start über mehr als 3.500 Serienepisoden, die von einer Vielzahl von Partnern stammen. Neben den Highlights des Super RTL-Programms stehen unter anderem TV-Serien von DreamWorks Animation oder Bewegtbild-Inhalte von Studio Hamburg („Sesamstraße Classics“), ZDF Enterprises („Dschungelbuch“) oder dem Tessloff Verlag („Was ist Was TV“) auf Abruf zur Verfügung. „Unser Ziel ist es, Kindern ihr Lieblingsprogramm jederzeit und überall auf dem einfachsten Weg zugänglich zu machen“, erläutert Claude Schmit, Geschäftsführer von Super RTL.

Multiscreen-Video, jederzeit und überall abrufbar – diese Television haben in Deutschland bereits einige Unternehmen im Programm. Sky Deutschland etwa bietet bereits diverse Services über das Internet an und auch Kabel- und Telekommunikationsanbieter wie Vodafone/KDG, Unity Media oder die Deutsche Telekom entwickeln OTT-Angebote. Flexible Programme, die sich leichter in den Tagesablauf integrieren lassen, stoßen denn auch bei 46 Prozent der Deutschen auf Interesse, so die aktuelle Studie „Screen Wars“ des Marktforschungsunternehmens Nielsen. Allerdings sei der Wunsch nach Freiheit und Flexibilität hierzulande nicht so stark verbreitet wie im europäischen Durchschnitt, schränken die Nielsen-Forscher ein. Und: Immerhin 53 Prozent der Deutschen bevorzugen demnach weiterhin das vorgegebene Programm. Entsprechend verhalten sind daher auch die Perspektiven für den heimischen OTT-Markt. Aus Sicht der britischen Forscher von MTM London etwa hinken die deutschen TV-Macher dem Siegeszug des IP-Videos in anderen europäischen Kernmärkten hinterher (siehe Chart). „Relativ langsam“, so die Markforscher in der Studie „Prospects for Premium OTT in Western Europe“, hätten sich hierzulande die bisher gestarteten Angebote entwickelt. Der Markt werde zwar künftig stärker wachsen, aber nach wie vor von zwei massiven Hürden gebremst: dem attraktiven Angebot im Free TV sowie einer generellen Abneigung der Deutschen gegen Bezahlinhalte. Siemens-Manager Daniel Rui Felicion bleibt dennoch optimistisch: „Eine sehr dynamische Entwicklung beobachten wir im Segment Sport“, berichtet der Systemausrüster. „News und Nischenangebote für Unterhaltung und Lifestyle werden sicher folgen.“

TV everywhere at anytime – dies ist auch die Philosophie von Humax, weltweit einer der größten Hersteller von Set-top-Boxen. Auf der TV connect zeigte der koreanische Konzern seine STB-Lösungen, die zuletzt beispielsweise im Rahmen des neuen, britischen Freesat Digital TV Service und beim Freeview HD-Angebot eingesetzt wurden. In London präsentierte Humax außerdem die technischen Möglichkeiten, die sich dem Unternehmen durch die Lizenzierung von Frog ergeben. Diese Middleware-Lösung der Softwareschmiede Wyplay basiert auf Open Source und wird inzwischen von mehr als 80 Firmen weltweit lizenziert. Die modulare Architektur ist speziell auf die Bedürfnisse des Pay TV zugeschnitten und umfasst etwa die Funktionen Personal Video Recorder (PVR), Timeshifting und Catchup. Canal+, SFR oder Belgacom gehören zu den Broadcastern, die mit Wyplay eine bevorzugte Technikpartnerschaft pflegen. “Unsere Gesprächspartner auf der TV connect wollen vor allem ihre TV-Angebote und die Distributionsinfrastruktur ausbauen, um das Erlebnis für die Zuschauer und Nutzer zu verbessern”, berichtet Roland Mestric, IP Video Marketing Director bei Alcatel-Lucent. Im Rahmen der Messe stellte das Unternehmen zum Beispiel das neue Content Delivery Network (CDN) Velocix vor. Mestric betont vor allem die Skalierbarkeit der Lösungen von Alcatel-Lucent, die zuletzt Wind in Italien und Windstream in den USA als Kunden gewinnen konnte. Im Geschäftsbereich CDN und bei den Produkten für Cloud-DVR, verrät der Marketing Director, werde es demnächst auch weitere Abschlüsse geben. Bereits mit einem großen Auftrag im Gepäck reiste das Team von Skyline Communications nach London: Al Jazeera setzt beim Aufbau des neuen Global Media Cloud (GMC) Netzwerks auf DataMiner des belgischen Unternehmens. Die Software dient zum Management des gesamten Workflows und integriert weltweit über 80 Standorte mit dem Hauptquartier des Nachrichtensenders in Doha. Insgesamt investiert Al Jazeera in die moderne Infrastruktur mehr als 130 Millionen US-Dollar. An dem Auftrag beteiligt sind Unternehmen wie Net Insight, Cisco, Harris oder Riverbed. „DataMiner ist Bestandteil von 4.000 Geräten von mehr als 500 Herstellern”, berichtete Glenn D´Haene, Business Development Manager bei Skyline Communications, am Messestand.

Auf das Megathema 4k konzentrierte sich NeuLion in London. Das US-amerikanische Unternehmen zeigte eine neue Streaming-Lösung für Live-Inhalte und Video on Demand für Ultra HD mit HEVC und MPEG-DASH. Die NeuLion Digital Platform ermöglicht die Ausstrahlung auf verschiedenste Endgeräte und wird etwa von der NBA oder Sky TV eingesetzt. 2014 streamte NeuLion mehr als 50.000 Live-Events über das Internet. Und erst kürzlich übernahmen die Amerikaner mit DivX.com einen der wichtigsten Video-Codecs zur Komprimierung von Filmen. Die 4k-Migration war auch bei Elemental das zentrale Thema auf der TV connect: Erst kürzlich bekam das Unternehmen den Zuschlag, bei MSNBC die Plattform Elemental zu integrieren. Ein besonderer Vorzug der Architektur, so der Hersteller, sei die Verarbeitung von Videos mit 10-bit 4k p60 in Echtzeit in einem einzigen Rack. Bereits bei der NAB 2015 hatte Elemental diese Lösung zusammen mit Akamai und Red Bull Media House gezeigt.

Ebenfalls direkt von Las Vegas nach London war das Team von Thomson Video Networks gereist. „Seit wir unseren neuen Ansatz Behind Every Screen im vergangenen Jahr vorgestellt haben, bekamen wir großen Zuspruch. Viele unserer Kunden implementieren jetzt Komponenten der Architektur”, sagte Product Manager Ludovic Pertuisel und kündigte einen baldigen 4k-Live-Einsatz bei einem großen Tennis-Turnier an. „Ein weiteres wichtiges Thema für die Kunden in London war der Aufbau von Cloud-Infrastrukturen für konvergente Multiplattformen“. Als Produktneuheit zeigte er am Messestand die Encoding-Lösung ViBE 4k, die zur Komprimierung von UHD auf HEVC setzt. Bis zu 60 Bilder pro Sekunde und 10-bit-Farbe seien damit möglich, so der Hersteller.

Ein durchaus spannendes Nischensegment peilt schließlich Piksel an. Bei der TV connect wurde Piksel Voyage vorgestellt, ein neues Unterhaltungssystem für Reisende. Der Clou: Über das herkömmliche Entertainment-Angebot auf Unternehmensbildschirmen hinaus können die Verkehrsunternehmen Videoinhalte nun auch auf die jeweiligen Empfangsgeräte der Passagiere streamen. Die Auswahl der Inhalte erfolgt dabei ab Ticketkauf, die Nutzung der Videos endet mit der Ankunft am Reiseziel. Piksel Voyage kann auf allen Transportmitteln wie Bus, Bahn, Fähre oder Flugzeug eingesetzt werden. „Die Reisebranche weltweit setzt seit Jahren auf Hardware-Angebote mit On-board und In-flight screens“, kommentierte Neil Berry, Executive Vice President of Commercial, EMEA, in London. „Aber in der modernen, vernetzten Welt ergibt dieses kostenträchtige und in der Praxis durch Limitationen eingeschränkte Modell keinen Sinn mehr“, sagte Berry.

Michael Stadik

MB 4/2015

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