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Langsamer als erwartet

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Langsamer als erwartet

Workflow-Effizienz und Content-Monetarisierung waren auf der NAB 2018 wichtige Schlagwörter. Insbesondere IT- und IP-basierte Lösungen sollen helfen, Business-Modelle weiter zu optimieren. Fast alle Hersteller haben ihre Produktstrategien darauf eingestellt und die Bereitschaft von Sendern und Produktionshäusern, die neue Technik zu adaptieren, hat deutlich zugenommen. Dennoch schreitet die Entwicklung nicht so schnell voran, wie ursprünglich erwartet. Woran liegt das?

Der Einsatz IP-basierter Workflows in der Broadcast-Produktion, -Kontribution und -Distribution stieß bei der diesjährigen NAB auf besonderes Besucherinteresse. Das Internet Protokoll (IP) soll künftig als Technologiebasis für mehr Flexibilität, Effizienz und Kreativität in der Broadcast-Wirtschaft dienen. Fast alle Unternehmen hatten zur NAB dazu entsprechende Lösungen parat. Die damit verbundenen Ansätze und Strategien sind jedoch sehr verschieden und bedürfen viel Klärungsbedarf. Diskutiert wurden zur NAB 2018 insbesondere über Kompatibilitätsfragen und den Stand der Standardisierungsbemühungen.

Erste Anlaufstation für alle IP-Workflow-Interessierten war auf der NAB 2018, wie schon im letzten Jahr, der IP Showcase in der Central Hall. Hier zeigten über 60 Hersteller ihre Produkte und Lösungen und deren IP-Interoperabilität. Dazu wurden die Vorteile von IP-Workflows und praktische Übergangsszenarien von SDI zu IP vorgestellt. Basis hierbei waren der SMPTE ST 2110 Standard und die ersten dazu verabschiedeten Bestandteile, AES67- und AMWA NMOS Spezifikationen. Unterstützt wurde der IP Showcase auch von acht der wichtigsten Standardisierungs- und Handelsorganisationen. Präsentiert wurden die Themen Format-Flexibilität und effiziente Verkabelung, Stabilität und Schutz vor Datenverlust, Plug-and-Play-Verbindungsmanagement und interoperables Audio-Equipment. Showcase-Zielsetzung war es, eine Anleitung zum nahtlosen Übergang von SDI zu hybriden IP/SDI-Systemen und schließlich zu All-IP-Lösungen zu geben – das Ganze plangesteuert und unter Einsatz neuer Tools zur automatischen Signalanpassung. Der IP Showcase bot auch zahlreiche Informationen zu IP-Referenz-Projekten. Die Besucher sollten so ein besseres Verständnis zur Machbarkeit ihrer IP-Projekte und -Pläne gewinnen. Ein All-IP-Studio im Rahmen des IP Showcase erlaubte den Interessierten zudem Einblicke in die Live-Produktion und -Distribution auf Basis des SMPTE ST 2110-Standards. Dazu gab es noch ein integriertes IP Showcase Theater, das von der internationalen Broadcast-Handelsorganisation IABM organisiert wurde. Zahlreiche Präsentationen zu allen Themenbereichen der Echtzeit-IP-Produktion und Inhouse-Distribution boten beste Fortbildungsmöglichkeiten.

„Gemeinsam mit den hervorragenden Standardisierungsgruppen und Handelsorganisationen präsentieren wir den IP Showcase als Pflichtveranstaltung der NAB 2018“, erklärte Chris Brown, NAB Executive Vice President of Conventions and Business Operations. „Durch die wachsende Beteiligung der Hersteller ist der diesjährige IP Showcase der ideale Platz für alle Besucher, die aus erster Hand über die Vorteile des Echtzeit-IP-Signal-Workflows informiert werden wollen und wie sie damit nicht nur ihre Inhalte-Erstellung und -Distribution optimieren können, sondern ihr gesamtes Mediengeschäft.“

Beteiligt am IP Showcase zur 2018 NAB Show waren unter anderem die Audio Engineering Society (AES), The Alliance for IP Media Solutions (AIMS), Advanced Media Workflow Association (AMWA), European Broadcasting Union (EBU), IABM, Society of Motion Picture and Television Engineers (SMPTE), Video Services Forum (VSF). Erstmals wurde der IP Showcase zur IBC 2016 organisiert.

 

IP-Treiber AIMS

Die Mitglieder der AIMS-Initiative zählten in Las Vegas wieder zu den wichtigen Treibern der IP-Entwicklung. Sie allein waren auf der NAB 2018 mit 33 Vorträgen zum Thema Media-over-IP-Workflows vertreten. AIMS-Vorsitzender Mike Cronk, Vice President of Core Technology bei Grass Valley, war Teilnehmer der Panel-Diskussion zur wohl eher hypothetisch gemeinten Frage: „Is IP Real?“

Mit zahlreichen IP-Innovationen präsentierte sich AIMS-Gründungsmitglied Lawo auf der NAB. Dazu wurde NEP Australia als besonderer IP-Kunde vorgestellt. Das Unternehmen betreibt seit Anfang des Jahres eine vollständige SMPTE 2110 Infrastruktur für Produktion und Live-Übertragung auf Basis der V_Matrix Plattform von Lawo. Für seinen „mutigen Einsatz“ bei der Umsetzung des Projektes wurde der Technische Direktor von NEP Australia, Marc Seeger, vom Lawo-Vorsitzenden Philipp Lawo als „big wave surfer of the year 2018“ ausgezeichnet.

Zu den neuen IP-Produkten von Lawo zählte auf der NAB mit dem vm_dmv64-4 der weltweit erste unendlich erweiterbare True-IP-Multiviewer. Er bietet eine unbegrenzte Anzahl von Eingängen und Heads sowie vollständige Unterstützung von IP- und SDI-Quellen in 4K/UHD, 3G, HD und SD. Dazu kam die internationale Markteinführung des smartSCOPE Deep Packet Inspection & Network Analyzers – einer medien-agnostischen, 24/7-Hochleistungsanalyseplattform für IP-Flows in Live-Produktions- und Ausspielnetzwerken. IP-Flows werden zunehmend zum Backbone der modernen Audio/Video-Produktion und -Übertragung. Allerdings sind Media-Flows anfällig in Bezug auf Packet Loss, Jitter, Codierungsfehlern und anderen Übertragungsausfällen oder -fehlern. Um diesen Schwierigkeiten zu begegnen, sind laut Lawo Monitoring- und Visualisierungstechnologien zur Identifikation derartiger Beeinträchtigungen für den sicheren und stabilen Betrieb eines Netzwerks unerlässlich. Das smartSCOPE von Lawo decodiert und analysiert Media-Flows über mehrere IP-Schnittstellen zugleich und kann komprimierte Formate (einschließlich MPEG-2 TS, H.264 und HEVC), Produktionsformate (einschließlich ST2022-6 / 7, ST2110-20 / 30/40, ASPEN RDD-37 und PTP), OTT-Formate (einschließlich HLS, HDS, RTMP und DASH) und Audioformate (einschließlich AES67, PCM, MP1-L1, AAC, HE-AAC und A-52) untersuchen.

Vorgestellt wurde von Lawo zudem das neue  Monitoring- und Echtzeit-Telemetry-System smartDASH. Mit dieser herstellerunabhängigen Software-Suite lassen sich sowohl Netzwerke als auch Media-Streams in IP-, SDI- oder hybriden WAN/LAN-Broadcast-Infrastrukturen vollständig zu visualisieren. Darauf ausgerichtet, die Lücke zwischen IT- und Video-Engineering zu schließen, adressiert smartDASH beide Aspekte der Rundfunkproduktion, um einen umfassenden Überblick darüber zu geben, was ein Netzwerk macht und wie sich die Media-Streams innerhalb dieses Netzwerks verhalten.

In einer Weltpremiere präsentierte Lawo auf der NAB 2018 schließlich die dritte Generation seines mc²56 Mischpults. Es wurde für IP-Videoproduktionsumgebungen optimiert und bietet nun umfassenden nativen Support für SMPTE 2110, AES67/RAVENNA und DANTE. Seine Netzwerk-Performance bringt das neue mc²56 durch Funktionen wie IP-Share Gain Compensation und DSCA Dynamic Surface to Core Allocation auf ein neues Level. Das mc²56 ist nicht auf Stand-Alone-Betrieb beschränkt, sondern wurde für die Vernetzung in komplexen Produktionsinfrastrukturen über IP (SMPTE2110, RAVENNA/AES67, DANTE) oder MADI konzipiert. Bei Verwendung gemeinsamer DALLIS-I/Os verhindert die IP-Share Network Gain von Lawo unerwartete Gain-Änderungen für bis zu acht vernetzte Konsolen, wenn einzelne Benutzer ihre Gain-Einstellungen anpassen. Das DALLIS I/O System kommuniziert mit allen vernetzten Konsolen und stellt über sein IP-Share-Algorithmus den optimalen analogen Gain für die Anforderungen mehrerer Clients ein. IP-Share stellt außerdem sicher, dass die entsprechende Gain Compensation auf die digitalen Gain Stages aller Konsolen angewendet wird, wenn der analoge Gain des Preamp eingestellt wird.

 

IP-Innovatoren

Auch viele andere Unternehmen hatten spezielle Lösungen dabei, die den Einsatz von IP-Workflows vereinfachen sollen. AJA präsentierte zum Beispiel KONA IP mit SMPTE 2110-Modus für Desktop I/O zusätzlich zu seinem 2022-6/7 und TR-01 Support für JPEG 2000, um so eine umfassende Kompatibilität für IP-Netzwerke sicher zu stellen. Der neue IPR-10G-HDMI ist zudem der erste in einer Reihe von 10 GigE Mini-Konvertern mit 2110 Unterstützung und bietet 2K/HD HDMI Output überall im Netzwerk an.

Auch bei Riedel Communications hat man die IP-Entwicklung im Blick. Zur NAB 2018 präsentierte man mit dem RSP-1232HL unter anderem ein neues SmartPanel der 1200er Serie. Es verfügt über mehrere Multi-Touch-Farbdisplays, kombiniert mit 32 innovativen Hybrid-Hebeltasten, die Nutzern eine vollkommen neue Flexibilität und Individualität bei der Bedienung einer Sprechstelle ermöglichen sollen. Mit den integrierten AES3- sowie SMPTE 2110-30 (AES67)-Schnittstellen bietet Riedels neues SmartPanel maximale Anschlussoptionen. Zwei Fiber-SFPs und zwei Ethernet-RJ45-Anschlüsse ermöglichen Daisy-Chain- und Redundanz-Optionen für eine einfache und zugleich flexible Verkabelung. „Wir wussten von Anfang an, dass wir mehr tun mussten, als nur Hebeltasten anzubieten", so Johan Wadsten, User Interface and User Experience Product Manager bei Riedel. „Dieses neue SmartPanel ist vollgepackt mit intelligentem Design und Innovationen, die völlig neue Impulse geben und Einsatzmöglichkeiten schaffen, an die womöglich bisher keiner gedacht hat.“

Riedel-Konkurrent Clear-Com feierte zur NAB 50-jähriges Firmenjubiläum und stellte dazu als Technologie-Demonstration den komplett neuen FreeSpeak II IP Transceiver (IPT) vor. Er basiert auf Clear-Coms neuer IP-Plattform-Lösung, ist AES67 kompatibel, verfügt über niedrige Latenz bei der Signaldistribution und bietet leistungsstarkes Audio-Routing mit hohen Audiobandbreiten. Alle Transceiver (Sendeempfänger) sind mit einem AES67 IP-Router und zum Eclipse HX System verbunden, die mit Clear-Coms E-IPA High Density Audio-und-Intercom-over IP System-Karte ausgestattet sind. Jede E-IPA Karte bietet bis zu 64 Ports für IP Verbindungen. „Mit den zusätzlichen neuen IP-Transceivern, FreeSpeak II IP, haben Clear-Com-Nutzer nun noch mehr Möglichkeiten mit ihren Drahtloslösungen als bei allen anderen Systemen auf dem Markt,“ betonte Clear-Com-Vizepräsident Simon Browne. „Heute arbeitet FreeSpeak II auf 1.9Ghz und 2.4GHz Bändern via Glasfaser-Verbindungen. Durch die Möglichkeit, die IP Transceiver über AES IP Netzwerke zu verbinden, haben wir die FreeSpeak II-Flexibilität deutlich erweitert und bieten nun zusätzliche Optionen, um die sich permanent ändernden Kundenwünsche in Sachen Interkom-Anforderungen besser zu adressieren.“ Vorhandene FreeSpeak II Beltpacks konnten durch ein Firmeware-Upgrade einfach IPT-kompatibel gemacht werden.

Mit RTS präsentierte ein weiterer Intercom-Anbieter innovative IP-basierte Technik zur NAB. Das Unternehmen nutzte die Messe in Las Vegas zum weltweiten Start der neuen digitalen Intercom-Matrix ODIN OMNEO, das die ROAMEO DECT-basierten Drahtlos-Systeme und die KP-Series Keypanels unterstützt. Als Single-Rack-Einheit verbindet ODIN IP-Technologie mit analoger Konnektivität.

Mit SCORPION zeigte Evertz auf der NAB eine neue, skalierbare, hoch verdichtete Media Aggregation- und Transport-Plattform für Dark Fiber und gemanagten IP Networks. Eingesetzt werden kann sie sowohl bei sehr großen Multikanal-Lösungen als auch bei kleinen Kontrollräumen oder Ein-Kanal-Applikationen. Mit SCORPION will Evertz der wachsenden Vielfalt an IP-, Digital- und Analog-Signalen im Bereich der Media Aggregation begegnen und die Nutzbarkeit vereinfachen. Wichtiges Feature der SCORPION Smart Media Aggregation Plattform ist eine große Auswahl nutzbarer Mini-Modul-Interfaces zur kundenspezifischen Anpassung der Transport-Plattform für alle Applikationen. Sie unterstützen alle Schnittstellen die in Broadcast-Einrichtungen existieren, einschließlich 12G/3G/HD SDI, ASI, HDMI und Analog- Video. Auch AES und MADI Audio, Intercom, Ethernet und Serial Data werden unterstützt. Mit über 100 Installationen seit 2014 führt Evertz nach eigenen Angaben den Umstieg auf IP-basierte Lösungen mit seinem SDVN (Software Defined Video Networking) an. SCORPION ist laut Evertz eine integrale Komponente dieses Umstiegsszenarios und unterstützte nun auch die neuesten IP-Standards einschließlich SMPTE ST 2110 und ST 2022-6. Dies mache SCORPION zur idealen Transport-Lösung sowohl für IP als auch für Dark-Fiber-Applikationen. „Die SCORPION Plattform mit ihrer umfassenden Auswahl an Mini-Modulen, bedient die Transport-Anforderungen unserer Kunden egal ob sie in IP, Dark Fiber, Baseband oder hybriden Umgebungen arbeiten“, meinte Ning Neal Dong, Product Manager of Transport Products, Evertz.

Auch Ross Video hat sich auf den IP-Zug geschwungen und bringt immer mehr entsprechende Lösungen und Software-basierte Produkte auf den Markt. Highlights auf der NAB 2018 waren dabei OGX und Ultrix IP. Ross-Chef David Ross bezeichnete Ultrix IP in Las Vegas als „perfekte IP-Plattform und Brücke von SDI zu IP und zurück“ und als „Schweizer Messer für alle IP-Einrichtungen“. Ultrix IP ist die Erweiterung der Ultrix FR5 Software basierten Video-Routing-Plattform mit IP-I/Os und soll zur IBC 2018 in Amsterdam auf den Markt kommen. Das multifunktionale System passt in eine kompakte 5-RU-Einheit.

Bei OGX handelt es sich um eine neue leistungsstärkere modulare openGear Signal Processing Plattform, die sowohl IP als auch UHD unterstützt.

AJA-Chef Nick Rashby erklärte in Las Vegas: „Das neue Ross OGx Frame ist eine echt schöne Plattform für künftige AJA-Produkte.“ Bereits fünf neue AJA-Produkte würden sie unterstützen, ebenso wie die Ross DashBoard-Software.

Ross sagte auf der NAB-Pressekonferenz des Unternehmens: „Bei IP machen wir einiges anders als andere Anbieter. Unser Ansatz ist, dass wir einerseits auf IP und SMPTE 2110 setzen, dabei aber weiterhin auch SDI unterstützen. Schließlich wird SDI heute noch zu 90 Prozent von den Broadcastern weltweit genutzt.“

 

Imagine Communications

Sehr engagiert in Sachen IP zeigte sich erneut Imagine Communications, neben Lawo ein weiteres AIMS-Gründungsmitglied, auf der NAB 2018. Mit Power Sessions und Master Classes unter dem Slogan Imagine Live adressierte man die Top-Themen der Broadcast-Branche. Dazu gehörte auch die Präsentation „Using IP Technology to Make Television“ mit ausgewiesenen IP-Experten. Thiago Abreu, IP Projekt Manager von TV Globo, berichtete hier etwa über die erste IP-Infrastruktur-Implementierung in Südamerika, bei TV Globo Recife. Weitere Schwerpunktthemen bei Imagine befassten sich mit Cloud-Lösungen, der Optimierung des Werbegeschäfts, Content Monetarisierung, Automatisierung und Vereinfachung des Ingest-to-Playout-Workflows und Mikroservice basierte Media Applikationen.

Imagine hatte bereits zur IBC 2015 angekündigt: IP is happening now“. Bis heute hat sich das in voller Breite jedoch nicht gezeigt. Mathias Eckert, Senior Vice President APAC&EMEA, räumte auf der NAB 2018 dann auch ein, dass die Standardisierungs-Bemühungen bei IP länger dauern würden als ursprünglich angenommen. Er wies darauf hin, dass nicht nur das gute Zusammenspiel neuer Technik wichtig sei, sondern auch die richtige Implementierung und Umsetzung. Genau hier aber hake es gelegentlich. „Workflows sind immer von zwei Dingen abhängig, einmal von der Technik, die sie darstellt, und zum anderen von der Organisation, die darauf abgebildet ist. Und ich glaube genau da tut sich insgesamt die Industrie schwerer als wir alle gedacht haben. Die Adaption der Technologie, die unbestritten kommen wird, verläuft nicht zuletzt deshalb langsamer als gedacht.“ Um die Entwicklung zu befeuern, würde Imagine bei den IP-Standardisierungsarbeiten hohen Aufwand treiben. „IP Installationen waren oft zeitlich gesehen ehrgeiziger als sie hätten sein müssen. Aber wir sind sehr zuversichtlich, dass wir das gebacken kriegen“, meinte er.

Haben die Hersteller zuviel versprochen? „Auf der Kundenseite gibt es einen Anspruch und der treibt natürlich das Sendungsbewußtsein der Hersteller“, räumte Eckert ein. Mit der Gründung von AIMS sei die IP-Standardisierung zum einen beschleunigt worden, zum anderen seien manche Herausforderungen erst transparent gemacht und Workflows hinterfragt und entwickelt worden, die man vorher so nicht kannte. Eckert: „Neue Fragen sind dabei aufgetaucht: Wie breche ich einen IP-Strom auf? Welche Probleme habe ich mit einer Arista-Schaltung? Welchen Service muß Cisco liefern, um den gewünschten Stream zu schalten? Was für ein PtP Timing muss ich darstellen? Wie tolerant sind diese Ströme und wie synchronisiere ich SDI mit SMPTE 2022? Was für eine Redundanz fahre ich? Was für eine Reaktionszeit habe ich zwischen unterschiedlichen Geräten?“ Solche Lernprozesse mache die Industrie aber immer wieder durch. „Wie lange hat HDTV gebraucht, bis es richtig adaptiert wurde? Wie lange UHD? Entwicklungsszenarien wie bei IP sind kein neues Phänomen. Ich glaube, die Ziele, IP zu implementieren, waren von der Geschwindigkeit her zu ehrgeizig. Dazu kommt, dass viele Marktteilnehmer unterschiedliche Wünsche und Ansprüche haben und wir eine globalisierte Industrie haben. Für die Standardisierungsarbeit bedeutet das einen enormen Aufwand“, betonte Eckert in Las Vegas. Die wichtigste Erkenntnis bei der ganzen IP-Migration sei, dass die Zeit hier nie wieder still stehen würde. Mit einer Dynamisierung Richtung Software und IP sei eine konstante technologische Weiterentwicklung verbunden. Und mit immer mehr Software-basierten Lösungen würde die Komplexität der Installationen zunehmen. Daraus resultiere am Ende auch ein sich änderndes Verhältnis zwischen Anwender/Kunde und Systemhaus. „Bei neuen Installationen wird die ausführliche Kommunikation vorab sehr wichtig. Anwendungsprofile und Workflows muss man viel intensiver vor Ort diskutieren, weil das Abbilden der Workflows so mannigfaltig sein kann und viele Möglichkeiten bietet, die man vorher möglicherweise noch gar nicht überschaut hat“, erklärte Eckert. Dabei würde noch viel zu wenig über die Rolle der Mitarbeiter in den Medienunternehmen geredet. Entscheidend für Innovationen seien schließlich Ausbildung und Skills der Menschen und ihre Bereitschaft für Veränderungen. Um das nötige Wissen zu implementieren seien nicht nur bei den Broadcast-Kunden sondern auch bei Systemhäusern und Herstellern noch viele Trainings nötig. Eckert: „Technisch möglich ist alles, aber der Faktor Mensch ist nicht zu unterschätzen. Der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Hersteller und Anwender wird immer intensiver und auch viel langfristiger als bisher angelegt sein.“ Die Zeiten, wo man sich nach Installation und Übergabe von Technik trennt, seien vorbei. Eine Installation sei künftig vielmehr als kontinuierlicher Prozess zu sehen, bei dem immer weiter optimiert würde. „Die enge Zusammenarbeit, das voneinander Lernen und sich gegenseitig Vertrauen wird immer wichtiger“, betonte Eckert.

Heute gelte es auch, den Kunden beim Übergang von SDI- zu IP-basierten Workflows mit hybriden Technologien zur Seite zu stehen. „Unsere wichtigste Botschaft von der NAB ist, dass wir ganzheitliche Lösungen für IP anbieten, von der Distribution, über Netzwerke bis hin zum Playout. Und alle unsere Produkte sind hybrid SDI/IP-fähig. Das macht in der Art kein anderer Hersteller“, betonte Eckert. „Der Selenio Networking Processor gehört da sicher zu den wichtigsten Produkten, ebenso wie der Magellan SDN Orchestrator, der die ganze Infrastruktur managt, vom Arista Switch bis zum SDI Router. Entsprechende Signale schalten auch zu den Multiviewern. Dann zeigen wir hier die native IP Playout-Plattform Versio, wo wir die nächste Generation der Automation integriert haben, die traditionelles modulares Equipment durch Software-Replikation virtualisieren kann, mit der man hoch komprimiert viele Kanäle distribuieren kann und die Channel-Playout in der Cloud, von privaten Datenzentren oder von Standard-Hardware aus erlaubt.“

Auch mit Themen wie AI befasst man sich bei Imagine. „Wir fokussieren uns aber stärker auf IP-Workflows und -Produkte. Das nimmt eine Menge Ressourcen in Anspruch. Künstliche Intelligenz befindet sich noch in sehr frühem Stadium. Die Industrie tut gut daran, sich auf Herausforderungen von Schlüsseltechnologien wie UHD, Revenue Stream Distribution, Advertising Sale und IP-Migration zu stellen. Da haben wir eine Menge zu tun.“ Und Cloud-basierte Workflows? „Auch das ist für uns ein Riesenthema. Wir haben auch schon Playouts in der Cloud installiert, zuletzt bei Sinclaire Broadcast. Cloud-Playout bietet viele Vorteile. Man kann leicht skalieren und viel einfacher einen neuen Kanal on air schalten. Mit Disney arbeiten wir in dem Bereich schon seit 1,5 Jahren zusammen.“ Mit Blick auf den Broadcast-Markt insgesamt meinte Eckert: „Hier finden sich derzeit Konsolidierer und Innovatoren. Mit zentralen Themen wie Netzwerktechnik, Advertising-, Playout- und Channel-Management gehört Imagine klar zu den Innovatoren.“                                              

Eckhard Eckstein

MB 2/2018

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