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Neue Spielregeln bei der Filmauswertung

Die 60. Internationalen Filmfestspiele in Cannes markierten deutlich die digitale Trendwende, durch welche die Filmbranche von der Produktion bis zur Distribution auf allen Ebenen revolutioniert. Während im Festival über 30 Filme in digitaler 2k-Projektion vorgeführt wurden und die Hersteller auf den Yachten im angrenzenden Hafen ihre neuen digitalen Systeme und Kameras präsentierten, diskutierte die Branche über die Zukunft der Filmauswertung, für die künftig andere Spielregeln gelten.

Bereits in diesem Jahr wurden auf dem Festival du Film in Cannes über 30 Filme in digitaler Projektion präsentiert, darunter der Wettbewerbsbeitrag „Zodiac“ von David Fincher, die Gaunerkomödie „Ocean’s Thirteen“, Michael Moores Dokumentarfilm „Sicko“ über das amerikanische Gesundheitssystem oder der mit neun HD-Kameras aufgenommene Konzertfilm „U2 3D“, in dem Catherine Owens die irische Kultband auf ihrer Südamerika-Tournee nach Mexiko und Buenos Aires begleitet. Dieser erste, digital produzierte 3D-Liveaction-Film befördert die Zuschauer mit seinem pulsierenden 5.1 Surround-Sound virtuell in das Live-Konzert der Musikband. Entstanden ist das Projekt dank des Engagements des ausführenden Produzenten Sandy Climan, der sich mit seiner amerikanischen Produktionsfirma 3ality Digital auf die 3D-Technologie spezialisiert hat.

Als Produzenten von „U2 3D“ fungieren Jon und Peter Shapiro, David und John Modell sowie der ehemalige Technologie-Pionier und Digital Domain-Chef Steve Schklair. Bei der Produktion dieses filmischen 3D-Experiments, das mit Testaufnahmen während des „Vertigo“-Konzerts im März 2005 begann, kamen insgesamt 18 digitale Sony F 950 CineAlta-Kameras zum Einsatz. Während der Konzert-Tour, die im Februar 2006 von Los Angeles bis nach Mexiko führte, wurden insgesamt über 100 Stunden 3D-Material aufgenommen.

Zur Einstimmung auf dieses Film-Event gab U2 in Cannes auf den Stufen des Festivalpalais ein mitternächtliches Live-Konzert, das für Furore sorgte. Für die Kinoauswertung dieses Konzertfilms benötigen die Filmtheater allerdings digitale Projektionssysteme von Real D, das zu den drei unterschiedlichen 3D-Systemen gehört, die derzeit angeboten werden.

Europa-Premiere für Sonys digitale F23
Während im Festival-Palais in Cannes bereits alle großen Kinosäle mit digitalen 2K-Kinoprojektoren von Christie oder Kinoton ausgestattet sind, wurden auf den Yachten im angrenzenden Hafen die nächsten Errungenschaften der Digitaltechnik vorgestellt. Als Europa-Premiere präsentierte Sony die digitale Filmkamera F 23, mit der als erster Kinofilm seit Juni 2007 in Babelsberg die Comic-Adaption „Speed Racer“ von Andy und Larry Wachowski aufgenommen wird. Die Entwicklung dieses neuen CineAlta-Produktes aus der Sony-Familie, das als amphibische Kamera sowohl Film- als auch Videobilder aufnehmen kann, hat rund fünf Jahre in Anspruch genommen. Im Gegensatz zu Sonys digitaler HDW-F900 verfügt die F23 nicht nur über ein neues, ergonomisches Design, das mehr an eine klassische Filmkamera erinnert, sondern kann auch bis zu 60 Frames pro Sekunde in Zeitlupe aufnehmen. Zudem entfällt im S-LOG-Modus der Weißabgleich. Neu für die F23 entwickelt wurde ebenfalls das Aufnahmeteil, das mit einer Aufzeichnungs-Geschwindigkeit von 880 Mb/s die Daten viermal so schnell auf das Band bringt wie eine herkömmliche DigiBeta. Auf eine Kassette passen 40 Minuten Material in 2k-Auflösung mit 1920 × 1080 Pixeln.

„Das Band ist nach wie vor der beste Aufzeichnungsträger, weil es den Produzenten eine Sicherheit gibt“, erklärt Gerhard Baier, Geschäftsführer der Münchener Equipment-Verleihers Band Pro, der bereits zehn Exemplare der F23 geordert hat. „Die Aufzeichnung auf Speichermedien wird bislang noch nicht von den Filmversicherungen akzeptiert.“ Neben der klassischen Bandaufzeichnung bietet die digitale Filmkamera auch die Möglichkeit, das Material im digitalen Datenformat als dpx-Files wiederzugeben. „Es stellt sich immer die Frage, ob die Kamera für Kino, TV, Effekte oder Blue-Screen eingesetzt werden soll“, so Baier. „Davon hängt ab, welcher Aufnahmemodus verwendet wird.“

Komplett digital und überwiegend in High-Definition gedreht worden sind auch die 33 dreiminütigen Kurzfilme von bekannten Regisseuren wie Bille August, Joel & Ethan Coen, Aki Kaurismäki, Gus Van Sant, Wim Wenders oder Wong Kar-wai, die in Cannes als Vorfilme im offiziellen Wettbewerbsprogramm präsentiert wurden.

Sämtliche Abläufe im Kino digitalisieren
Um den Workflow bei der digitalen Filmauswertung im Kino zu optimieren, hat Kodak eine neue Theatre Management Software entwickelt. „Beim digitalen Kino geht es nicht darum, Geld zu sparen“, erklärte Robert J. Mayson, General Manager für den Bereich digitales Kino bei Kodak, „sondern darum, wesentlich flexibler zu sein.“ Nach den ersten zwölf Installationen in Rochester sind inzwischen auch in Australien und Großbritannien die verschiedenen Leinwände in Multiplex-Kinos mit Hilfe dieser Software miteinander vernetzt worden. Über die Theatre Management Software wird sowohl das Ticketing zentral gesteuert als auch die Beleuchtung im Kinosaal, der Einsatz der Werbung und des Hauptfilms bis hin zu den Monitoren im Kinofoyer. „Unser Ziel ist, sämtliche Abläufe im Kino zu digitalisieren“, sagt Mayson. „Ideal wäre, die Klimaanlage mit dem Ticketing-System zu vernetzen, um die Temperaturen im Kinosaal automatisch entsprechend dem Besucheraufkommen zu steuern.“ Der Kodak-Manager hat sich vorgenommen, einen Großteil der 30.000 Leinwände, die in den nächsten drei Jahren digital umgerüstet werden soll, mit dieser Software auszustatten.

Geschäftsmodell mit virtuellem Kinosaal
Auf ein Geschäftsmodell mit einem virtuellen Kinosaal setzt hingegen die amerikanische Firma MoviePol.com, die internationale Independent-Produktionen für die Online-Auswertung akquiriert, die auf dem heimischen Markt keinen Kinoverleih gefunden haben. „Wir sind technisch dazu in der Lage“, versichert die Firmenchefin Mary McGuckian, „bestimmte Territorien zu blockieren, für die wir keine Auswertungsrechte besitzen.“ Im Angebot bei Moviepol.com sind wöchentlich zunächst drei Filme. Bei diesem System kann der virtuelle Kinobesucher das Filmplakat betrachten, sich den Trailer ansehen und per Kreditkarte schließlich ein Online-Ticket erwerben, das ihm Zugang zur virtuellen Vorführung gibt. Das Internet-Streaming, bei dem der Nutzer bei Bedarf jederzeit auf Stopp, Start oder Pause drücken kann, erfolgt in DVD-Qualität.

„Um uns vor illegalen Downloads zu schützen“, so McGuckian, „verwenden wir ein sicheres Digital-Rights-Management-System.“ Entwickelt worden sei dieser neue Online-Service von Filmemachern für Filmemacher, die dabei nach dem gleichen Abrechnungsschlüssel wie im Kino an den Erlösen beteiligt werden. Nach der so genannten US-üblichen „House Nut“ für die Grundkosten, die 300 Zuschauern entspricht, kassieren die Lizenzgeber bei diesem Modell zwischen 60 und 75 Prozent der Einnahmen.

Neue Regeln für Filmdistribution
Neue Auswertungskanäle und Geschäftsmodelle für die Filmdistribution waren auch das Thema bei der Konferenz „Cinema: Towards the Audience of Tomorrow“, zu welcher der Marché du Film (MIF) die Branche am Eröffnungstag des Festivals einlud. Auf der Agenda stand dabei, wie sich die klassischen Rollen von Regisseuren, Produzenten und Verleihern durch die digitale Filmauswertung verändern, während gleichzeitig neue Möglichkeiten für Kreative und das Publikum entstehen. „Die Regeln der Distribution haben sich geändert“, konstatiert die amerikanische Medienforscherin Danah Boyd. Die digitale Revolution beeinflusse die Art und Weise, wie Filme ausgewählt, gesehen und bewertet würden. Da sich neue Auswertungskanäle wie das Web 2.0, VoD, DVD-HD oder mobile Medien spürbar auf das Kino auswirkten, sei es erforderlich, sich schnell mit den verschiedenen Geschäftsmodellen und Filmen auf diese rasante Revolution einzustellen.

Ein Film, der im Kino floppe, könne heutzutage in anderen Kanälen vermarktet werden. Wichtig sei, den Content genau auf die jeweilige Zielgruppe auszurichten. In den USA besuchten viele Jugendlichen immer weniger die entfernt gelegenen Multiplex-Kinos und könnten es sich oftmals auch nicht leisten, per Kreditkarte Filme online zu bestellen. „Deshalb kreieren sie ihren eigenen Content“, weiß Boyd. Erst diese Entwicklung habe zum Erfolg von Internetplattformen wie MySpace oder YouTube geführt. „Das Publikum hat die Branche bereits überholt und eigene Wege eingeschlagen“, betont Thomas Hoegh, Gründer und Vorsitzender der britischen Digital Kino-Ausstattungsfirma Arts Alliance Media. „Auch die Piraterie ist eine Innovation des Publikums.“
Für Adrian Sexton von der amerikanischen Produktionsfirma Participant Productions, auf deren Konto internationale Kinoerfolge wie „Syriana“ oder der Al Gore-Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ über die globale Erderwärmung gehen, stellt sich die zentrale Frage, wie die Produkte der nächsten Filmemacher-Generation nach Quentin Tarantino aussehen werden. „Mit dem Content verändern sich auch die klassischen Strukturen des Marktes“, prophezeit Sexton. Doch trotz der vielfältigen Möglichkeiten, die virtuelle Screenings bieten, möchten sich die Branchenvertreter auch in Zukunft lieber persönlich auf Filmfestivals miteinander austauschen.

Neuer VoD-Service beim Marché du Film
Auch auf dem Marché du Film eröffnen sich durch die Digitalisierung ganz neue Möglichkeiten. Nachdem auf dem Filmmarkt bereits sämtliche Kurzfilme in der „Short Film Corner“ jederzeit digital für die Einkäufer abrufbar sind, bietet der Marché du Film auf seiner digitalen Datenbank Cinando gemeinsam mit der britischen Firma Arts Alliance Media (AAM) seit diesem Frühjahr einen digitalen B2B-Service an, der es den Ein- und Verkäufern ermöglicht, überall in der Welt aktuelle Filme und Projekte zu sichten. Dieser neue Video-on-Demand-Service „Vizumi Pro“ soll künftig den Versand von Screeners ersetzen. „Das ist ein kostengünstiger Weg, der eine sofortige Auslieferung ermöglicht, die Kontrolle über den Zugang der Nutzer gewährt, die Nutzung erfassbar macht, dabei eine große Sicherheit bietet und gleichzeitig die Versandkosten reduziert“, unterstreicht Jérôme Paillard, der Leiter des Marché du Film.

Die Partnerfirma Arts Alliance Media ist bei diesem Geschäftsmodell für die Digitalisierung, Verschlüsselung und sichere Auslieferung der Inhalte wie Spielfilme, Promos und Trailer verantwortlich. Zunächst reagierten die Ein- und Verkäufer in Cannes jedoch zurückhaltend auf dieses neue Service-Angebot. „Viele Verleiher möchten keine Spuren hinterlassen, wenn sie sich einen Trailer anschauen“, weiß Wigbert Moschall vom Weltvertrieb MDC International. Da die Nutzer bei diesem System digital erfasst werden, kann der entsprechende Weltvertrieb genau sehen, welche Kunden sich für seine jeweiligen Produkte interessieren und sie daraufhin gezielt ansprechen. „Die Einkäufer ziehen es vor, erst nach der Sichtung des Flyers, der Broschüre oder des Trailer zu entscheiden, ob sie einen Film überhaupt sehen möchten.“

Da sich die Verleiher in Cannes die Filme ohnehin im Kino anschauen sollen, zielt dieser Service vor allem darauf ab, die Screener zu ersetzen, die den Kunden nach dem Festival auf Anfrage geschickt werden. Vizumi Pro gibt den Einkäufern, die bestimmte Vorführungen verpasst haben, die Möglichkeit, den betreffenden Film nachträglich zu sehen oder ihren Kollegen zu zeigen. „Es dauert, bis dieser Service angenommen wird, weil sich dadurch die herkömmliche Arbeitsweise verändert“, erläutert der MIF-Leiter. „Einige Filmhändler haben Angst vor Piraterie, aber dieser VoD-Service ist viel sicherer als eine DVD, die leicht kopiert werden kann. Beim Streaming und DRM erweist sich das hingegen als schwieriger, weil die Filme nicht heruntergeladen werden können.“
Derzeit befinden sich in der Datenbank Cinando, auf die ausschließlich Branchenmitglieder Zugriff haben, Angaben zu rund 5.000 Projekten sowie 5.000 bereits fertig gestellten Filmen. Um die Recherche nach Titeln zu erleichtern, wurde eine Partnerschaft mit der internationalen Agentur ISAN besiegelt, die vorsieht, jedes neue Projekt in cinando.com mit einer so genannten ISAN-Nummer (International Standard Audiovisual Number) zu registrieren. Ähnlich wie die ISBN-Nummer von Büchern erhalten die Filme dadurch eine internationale Referenznummer, über die in allen Produktionsphasen der Zugriff auf die Projekte erleichtert wird. Da sich die ISAN-Nummer mit den Metadaten verknüpften lässt, seien die Filme dadurch künftig besser auffindbar.

Von neuen Auswertungskanälen, die im Zuge der Digitalisierung entstehen, profitieren inzwischen selbst deutsche Autorenfilmer wie Volker Schlöndorff, Alexander Kluge oder Reinhard Hauff, deren Titel der Weltvertrieb Kinowelt International von der Bioskop Film erworben hat und nun als neue DVD-Kollektionen herausbringt. „Damit befinden sich jetzt die Filme fast aller namhaften Autoren des Neuen Deutschen Films aus der Zeit von 1970 bis zum Jahre 2000 in unserer Bibliothek, die wir weltweit in allen Formaten anbieten können“, sagt der Kinowelt-Vertriebs-Chef Stelios Ziannis.
Über die Herausforderungen, die das neue digitale Zeitalter mit sich bringt, debattierten auch die EU-Kulturminister auf dem Europa-Tag zum Abschluss des Cannes Film Festivals. „Durch das Internet ändern sich die Spielregeln der Filmdistribution rapide“, resümiert Viviane Reding, EU-Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien. „Es ist daher erforderlich, dass wir uns diesen Herausforderungen stellen.“
Birgit Heidsiek (MB 07/07)




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