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Passive und aktive Mediennutzung

Die Nutzung mobiler Endgeräte verändert das Medienverhalten grundlegend. Das Fernsehen der Zukunft wird interaktiver und individueller. Trotzdem werden die klassischen linearen Programmangebote nicht aussterben. So lautete eine zentrale Botschaft des dritten newTV-Kongresses in Hamburg.

Ob klassisches Fernsehen und Internet in der digitalen Welt zusammenwachsen, ob TV-Programme sich auf andere Bewegtbild-Plattformen übertragen lassen oder individuelle Nutzungsgewohnheiten sich durchsetzen werden, bei denen der Konsument zu seinem eigenen Programmdirektor wird, wann immer und wo immer er möchte, über alle diese Fragen tauschten sich rund 150 Teilnehmer des dritten newTV-Kongress aus. Die von Hamburg&Work in diesem Jahr im Kehrwieder Theater in der Hamburger Speicherstadt organisierte Veranstaltung stand unter dem Motto „Anywhere, anytime“. Und darüber waren sich alle Referenten und Podiumsteilnehmer im Grunde einig: Das ‚Fernsehen’ der Zukunft werde persönlicher, interaktiver und vor allem auch mobiler.

Es wurde auch darüber diskutiert, welche Rolle künftig lineare Programmangebote spielen werden. Wurde bei dem Kongress im Vorjahr in erster Linie nach Hybrid-TV-Modellen und der Strategie der Rundfunkanstalten geschaut, neue und vor allem jüngere Zielgruppen im Internet abzuholen, lag der Fokus in diesem Jahr auf der Interaktion von mobilen mit klassischen TV-Endgeräten sowie der Ausspielung von Bildprogrammen über die neuen digitalen Plattformen wie Smartphones, Tablet-PCs oder auch digitale Spielkonsolen.
Hamburg@Work für Medien, IT und Telekommunikation ist eine Initiative der Freien und Hansestadt Hamburg sowie Hamburger Unternehmen aus der digitalen Wirtschaft mit derzeit über 650 Mitgliedsfirmen. Unter dem Dach dieses öffentlich-privaten Netzwerks agiert auch die Fachgruppe newTV: Hamburg mit 250 Mitgliedern.

Der Vorsitzende von Hamburg&Work e.V., Uwe Jens Neumann, sieht gute Voraussetzungen am Standort. Hamburg habe den Sprung ins digitale Medienzeitalter längst vollzogen: „Eine unserer Aufgaben ist, Querschnittsthemen wie Games, newTV und E-Commerce aktiv voran zu treiben. Wir freuen uns, dass auch zahlreiche Hamburger Unternehmen erfolgreich in diesem Markt agieren und möchten mit dem newTV-Kongress für den notwendigen Wissensaustausch sorgen.“ Zentrale Frage des Kongresses war, wie stark der Umgang mit den mobilen Smartphones und Tablet-PCs das Nutzerverhalten und damit den Fernsehkonsum verändern wird.

Für Richard Bullwinkle von der amerikanischen Rovi Corporation, einem der weltweit führenden Technologieunternehmen für digitale Unterhaltung, wird der entscheidende Impuls zur Innovation derzeit durch die mobilen Medien ausgelöst. Während der TV-Konsum nach wie vor statisch und einer vergleichbar geringen Veränderungsdynamik ausgesetzt sei, bieten Mobilgeräte eine individuelle Personalisierung, Interaktivität und ständige Veränderung. Man könne sich geradezu jeden Tag über neue Apps freuen, die auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten seien. Bis ein Satellitenreceiver in einer verbesserten Form auf dem Markt komme, vergingen im Schnitt rund 18 Monate, weiß Bullwinkle. Elektronische Programmführer (EPGs) und Receiver böten noch zu wenig Interaktivität. Smartphones dagegen kennen das Nutzerverhalten ganz genau, erklärte Bullwinkle. „Je mehr mein Smartphone weiß, was ich sehen will, desto besser funktioniert die Interaktivität.“ Daraus zog Bullwinkle den Schluss: „Die Möglichkeit, dass Fernsehen und Mobilgeräte miteinander kommunizieren können, wird die Fernsehunterhaltung dramatisch verbessern.“

Auch der zweite Keynote-Sprecher aus den USA, John Fogarty, von Jesta Digital (Vertrieb und Produktion mobiler Inhalte) sieht völlig neue Möglichkeiten in einem zunehmend konvergierenden digitalen Umfeld, sprach aber auch die Hindernisse an. Der Markt der mobilen Endgeräte und Tablet PCs sei noch viel zu sehr fragmentiert. Benötigt würden also möglichst schnell Standards, die es erlauben, Videoinhalte auf Abruf oder auch live für alle digitalen Geräte am Markt zu bieten. „Content mag King sein, aber die technische Verbreitung ist mindestens ebenso wichtig. Nur wenn sich standardisierte und für den Konsumenten intuitiv zu bedienende EPGs durchsetzen, die ein personalisiertes Nutzerprofil ermöglichen, wird der digitale Bewegtbildmarkt zum Erfolgsmodell.“

Die Diversität bei der Contentverbreitung sei der Zukunftsschlüssel für den digitalen Bewegtbildmarkt, lautete die zentrale Aussage von Fogarty, der in dieser Entwicklung durchaus auch den Platz linearer Fernsehangebote sieht, die bei hochwertigen Inhalten, Events und Sport auch künftig ihren Platz behielten.

Über Erfahrungen die eigenen Fernseh-Programme auf Abruf oder auch live auf die neuen Plattformen wie iPad, iPod oder Spielkonsolen auszuspielen, verfügt der katalanische Rundfunksender CCRTV, der diese neuen Kanäle seit einem Jahr mit den eigenen Programmen beliefert. Antoni Comerma, technischer Direktor des Senders, machte in seinem Vortrag deutlich, dass damit noch kein Geld zu verdienen sei. Für den Sender sei dies ein Pilotprojekt, um Erfahrungen zu sammeln, wie die Zuschauer dieses Angebot nutzen. Überraschenderweise würden überwiegend vor allem die Live-Angebote wie Sport und Events gesehen. Die Nutzung der Programme des Senders auf den neuen Endgeräten wie iPad, iPhone oder Playstation habe seit Start vor einem Jahr von etwa einem Prozent binnen zwölf Monaten bereits auf zehn Prozent zugelegt. Das iPhone liege mit 70 Prozent vorne, gefolgt vom iPad, das rasante Zuwachsraten verzeichne und der Playstation mit zehn Prozent.

Wie diese dynamische Entwicklung den Medienmarkt verändert, dazu wurden in der Diskussionsrunde zur Frage „Linear ist tot, was nun?“ freilich recht unterschiedliche Einschätzungen geäußert. Ingo Reese von der Rovi Corporation ist überzeugt, dass Elektronische Programmführer (EPG) „die zentrale Anlaufstelle für den Zuschauer sein werden, egal ob er lineare oder nicht lineare Inhalte sehen will.“ Christoph Krachten (momento media) meint, „Video on Demand wird in Zukunft die Autobahn sein, auf der Inhalte zum Zuschauer kommen, unabhängig vom Verbreitungsweg, Plattform und Endgerät. Live werden nur noch Events wie der Eurovision Song Contest oder Sportwettbewerbe angesehen. Herkömmliches Fernsehen wird es deshalb in Zukunft so nicht mehr geben.“ Dirk Kleine von MSN. de äußerte wiederum, dass die Mediennutzung zunehmend hybrid wird: „Das heißt der Mediennutzer wechselt je nach Gemütslage zwischen aktiven und passiven Modus oder ist sogar parallel in beiden Modi unterwegs. Um den ersten Platz in der Mediennutzung wird aber in Zukunft stark gekämpft werden.“

Dieser Ansicht ist auch der Medienforscher Professor Uwe Hasebrink, Direktor vom Hans-Bredow Institut. Der Trend zeige eindeutig hin zu Crossmedialität, führte der Wissenschaftler in seinem Referat aus, doch ohne Programmmarken zur Orientierung werde es auch in Zukunft nicht gehen: „Die Konsumenten werden künftig Bewegtbilder nutzen können, wann immer und wo sie wollen. Doch auch in der Mediennutzung brauchen Menschen Routinen und Strukturen, an denen sie sich orientieren und mit Hilfe derer sie ihren Alltag und ihre sozialen Beziehungen organisieren.“

Aus dem Meinungsspektrum der Branche lässt sich folgendes Fazit ziehen. Immer mehr Zuschauer wollen Fernsehinhalte zwar individuell und vor allem auch zeitlich unabhängig anschauen, doch wird diese Mediennutzung des Einzelnen auch in Zukunft stark strukturiert und von Gewohnheiten geprägt sein. Neben populären Programm-Marken der Sender werden vor allem interaktive EPGs und insbesondere für die jüngere Generation die sozialen Netzwerke im Internet eine wichtige Rolle bei der Auswahl der Inhalte übernehmen.

Und wie werden Landesmedienanstalten mit diesem kontinuierlichen Grundrauschen der digitalen Fernsehprogramme und Videos umgehen? Wie werden sie Vielfalt, Qualität und Relevanz der Inhalte und vor allem auch den Jugendschutz künftig regeln? Dazu bezog Thomas Fuchs, Direktor der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalt in Deutschland, Stellung: „Die konvergente Medienwelt braucht eine neue konvergente Medienordnung. Sie muss sicherstellen, dass alle Inhalte über alle Netze verbreitet werden und zu den Nutzern gelangen können und dass gleiche Inhalte regulatorisch auch gleich behandelt werden“. Netzneutralität und Offenheit sei die Voraussetzung für den Wettbewerb. Die Maßnahmen für den Jugendschutz dagegen stoßen schnell an ihre Grenzen in der digitalen Welt, erklärte Fuchs. Daher müssten zukünftig Prävention einen breiteren Raum einnehmen und bereits in den Schulen mit der Unterrichtung von Medienkompetenz begonnen werden.
Bernd Jetschin
(MB 06/11)

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